Stolpersteine für jüdische Freimaurer

Von: Friedrich Ludwig Schröder


Berlin. In Berlin sind vor zehn Jahren die ersten 47 Stolpersteine zum Gedenken von Opfern des Nationalsozialismus in das Pflasterwerk eingelassen worden. Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig und die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) hatten die Steine mit den beschrifteten Messingplatten vor Wohnhäusern verlegt, deren Bewohner während des Nazi-Regimes deportiert und ermordet wurden. Die weitaus größte Opfergruppe sind Juden. Inzwischen gibt es in Berlin fast 1.400 Stolpersteine. Bundesweit wurden über 9.000 Messingplatten vor dem letzten selbst gewählten Wohnort der Opfer eingelassen.


Bijou der Loge Friedrich Ludwig Schröder

Wolfgang Knoll (70) ist Koordinator des Projekts Stolpersteine für den Berliner Stadtbezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Da er seit 1967 Freimaurer ist, ließ ihn zugleich die Frage nicht ruhen, welches der Opfer dem Freimaurerbund angehört hat. Auch für die Loge Friedrich Ludwig Schröder (FLS) , deren Mitglied er ist, stellte Bruder Knoll aus verschiedenen Quellen mit Fleiß und Ausdauer Daten zusammen, um die letzten Lebensstationen jüdischer Brüder bis zu ihrem furchtbaren Tod aufzuklären. In die 10 x 10 cm große Messingoberfläche des Stolpersteins sind Name, Geburtsjahr, Deportationsjahr und –ort, und, wenn bekannt, der Todestag eingraviert.

 

Diese Steine sind ein dezentrales Monument, das den Initiatoren zufolge belaufen werden und somit blank bleiben soll. Es hat den Sinn, die Erinnerung an die Ermordeten an den Ort zurückbringen, an dem sie zuletzt lebten. Kürzlich hatten zahlreiche Schröder-Brüder jene in verschiedenen Stadtteilen Berlins eingesetzten Stolpersteine aufgesucht, die dort zum Gedenken ihrer ermordeten oder durch Freitod ums Leben gekommenen Mitbrüder verlegt wurden. Die im Stadtzentrum begonnene Fahrt endete an einem Stolperstein in Friedrichshagen, der für den Bruder Rudolf Bertheim in das Pflasterwerk eingelassen worden war. Die FLS-Brüder hatten einstimmig beschlossen, den Betrag für die Stolpersteine zu spenden.

 

Bruder Knoll kam beim Aufspüren jüdischer Freimaurer-Schicksale zugute, dass sich nach der Wende die Tore zahlreicher Archive öffneten. Freimaurerische Unterlagen aus dem Staatsarchiv der ehemaligen DDR in Merseburg brachten oft entscheidende Hinweise. Die Gedenkbücher des Bundesarchivs und Berlins, die Akten des Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg im Brandenburgischen Landeshauptarchiv, alte Logen-Mitgliederverzeichnisse, Deportationslisten, Ergänzungskarten zur Volkszählung 1939 vom Bundesarchiv oder alte Berliner Adressbücher vermittelten wie noch viele andere Archiv-Unterlagen wichtige Erkenntnisse. Für die FLS-Loge konnte Bruder Knoll die Daten von fünf jüdischen Mitgliedern, zwei Ehefrauen und zwei Söhnen ermitteln; zwei der Opfer schieden freiwillig aus dem Leben, die übrigen sieben wurden in Theresienstadt oder Auschwitz ermordet.

 

Für folgende jüdische Schröder-Brr. wurden vor ihrem letzten freiwillig gewählten Berliner Wohnort Stolpersteine verlegt:

 

Tile-Wardenberg-Straße 26

 

Rechtsanwalt und Notar Dr. Erich Wohl, geb. 04.03.1893 in Berlin, wurde am 30. 5. 1922 in die Loge FLS aufgenommen. Er gehörte dort dem Ehrenrat sowie der Kommission für freudige und traurige Angelegenheitern an. Als Jude durfte Br. Wohl seit April 1933 seinen Beruf als Rechtsanwalt und Notar in Deutschland nicht mehr ausüben.
Br. Wohl verließ Nazi-Deutschland, um in Frankreich Jura zu studieren und sich eine neue Existenz aufzubauen. Seine Frau Erna und seine Söhne Frank und Ernst waren zunächst bei Verwandten in Oberschlesien untergekommen. Br. Wohl holte 1934 seine Familie nach Paris, wo er sich als Rechtsanwalt etabliert hatte. Nach der Besetzung Frankreichs wurde die Familie von der Gestapo in das Sammellager Pithiviers gebracht. Von dort wurde Br. Wohl nach Auschwitz deportiert und am 16. August 1942 dort ermordet. Ihm folgten mit weiteren Transporten seine Frau mit dem Sohn Frank, dann als Letzter der Familie der knapp 12 Jahre alte Sohn Ernst. Die Todesdaten der drei sind nicht bekannt.

 

Windscheidstraße 37

 

Ingenieur Max Friedlaender, geb. 23.04.1878 in Lötzen/Ostpreußen, wurde am 26. 11.1929 in die FLS-Loge aufgenommen. Seine Ausbildung absolvierte er am Thüringischen Technikum in Ilmenau. Br. Friedlaender wurde nach dem Aufenthalt in einem Sammellager am 17.3.1943 nach Theresienstadt deportiert, von dort Mitte Mai 1944 nach Auschwitz gebracht und dann ermordet. Zuvor war bereits seine Frau Sabine nach Auschwitz deportiert und im April 1943 ermordet worden.

 

Scharnweberstraße 105 (Friedrichshagen)

 

Grubendirektor Rudolf Emil Bertheim, geb.20.11.1877 in Berlin, ist am 21.2.1901 in die FLS-Loge aufgenommen worden. Er war 2. Aufseher und Vorsitzender der Kommission für freudige und traurige Angelegenheiten. Nach der Scheidung von seiner nichtjüdischen Ehefrau Clara geb. Grau hatte Br. Bertheim den Schutz durch die „Mischehe“ verloren. Im April 1942 gelang es ihm, sich einer Deportation durch Untertauchen zu entziehen. Ob er dann an die Gestapo verraten wurde, ist nicht aktenkundig. Br. Bertheim wurde am 17.3.1943 nach Theresienstadt deportiert und ist dort am 26. August 1943 umgekommen. Im selben Transport war auch Br. Max Friedlaender. Vielleicht waren sich beide Brr. noch einmal begegnet.

 

Stormstraße 10 (Charlottenburg)

 

Dr. med. vet. Ludwig Beermann, geb. 20.01.1864 in Schermeisel/Kreis Oststernberg. Er wurde am 14. 11. 1910 in die FLS-Loge aufgenommen. Eine Zeitlang war er stellvertretendes Mitglied des Ehrenrates. Br. Beermann hatte drei jüdische und einen nichtjüdischen Großelternteil. Seine Ehefrau war nicht jüdisch. Er schied am 30.7.1941 freiwillig aus dem Leben.

 

Joachim-Friedrich-Straße 43

 

Rechtsanwalt und Notar Dr. Hans Michaelis, geb.11.12.1875 in Berlin, wurde am 12.3.1912 in die FLS-Loge aufgenommen. Er hatte in Berlin und Heidelberg Jura studiert. Sein Referendar- und Assessor-Examen legte er in Berlin ab, wo er vermutlich auch promovierte. Er schied am 12.8.1942 freiwillig aus dem Leben, um der Deportation zu entgehen. (Drei Tage später war ein Transport mit etwa 1000 Berliner Juden nach Riga abgefahren. Alle wurden dort nach der Ankunft im Wald von Bikernieki erschossen.)








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