FREIMAURERLOGE "AUGUSTA ZUM GOLDENEN ZIRKEL"
Entstehung der ersten Freimaurerloge in Göttingen

Die Entwicklung Göttingens nach dem 30-jährigen Krieg
Zu Anfang des 16. Jahrhunderts war Göttingen im niedersächsischen Raum zu einer der größten Grundherrschaften emporgewachsen, besaß eine beherrschende Stellung im Süden des wel­fischen Herzogtums und galt sogar lange als freie Reichsstadt.
Ein Beispiel dafür sind die Kontributionen und Einquartierungs­gelder in Höhe von 413.000 Talern, die während des 30-jährigen Krieges bis zum Jahr 1632 gezahlt werden mußten.

Das Kriegsgeschehen und Seuchen führten im Zuge dieses Krie­ges jedoch durch Tod und Abwanderung zu hohen Bevölkerungsverlusten; denn bei einer Gesamtzahl von knapp über 1.000 Wohn­gebäuden waren über 40 % zerstört oder verlassen. Der Handel, der Göttingen früher reich gemacht hatte, war in den letzten Kriegs­­jahren völlig vernichtet, das Leben der Zünfte durch das nieder­liegende Handwerk verkümmert, die Bevölkerung verarmt, der Stadthaushalt gründlich zerrüttet und die wirtschaftliche Lage der Stadt zerbrochen.

Diese Kriegsbeeinträchtigungen wirkten so nachhaltig, daß die Stadt noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts stark unter diesen Auswirkungen zu leiden hatte.

Als politische Kräfte der damaligen Zeit in Göttingen wirkten der Rat, der Geheime Rat in Hannover und die Göttinger Gilden. Die Position des Rates wurde häufig durch Angriffe von seiten der Gilden geschwächt, die ihrerseits Einfluß auf die Stadtverwaltung zu gewinnen suchten. Als zusätzliche politische Gegenkräfte traten zum einen die vom Ratsherrenamt ausgeschlossenen nicht­rats­fähige Bürgerschaft und zum anderen der Landesherr in Er­scheinung. Zu diesen ständigen Kontroversen zwischen den politischen Kräften machte sich zusätzlich ein technisches Versagen der Honoratioren-Verwaltung des Rates bemerkbar, denn das jährliche Umsetzen des Rates hatte eine mangelnde Stetigkeit in der Führung des Gemeinwesens zur Folge, weil diese in den seltensten Fällen über ausreichende Sachkompetenz und entsprechendes Fachwissen verfügten.

Aufgrund dieses weiterhin bestehenden politischen und wirt­schaft­lichen Niederganges griff der Landesherr Herzog Ernst August in die Verfassung der Stadt Göttingen durch Erlaß eines Rezesses vom 13.01.1690 ein, um so eine Wende zum Besseren zu erzielen. Der Rezeß kam einer Neudefinition der Stadt­ge­mein­de gleich und bestimmte die rechtlichen Beziehungen zwischen dem Landesherren und dem Göttinger Rat und blieb bis 1807 - der Eingliederung Göttingens in das Königreich Westfalen - und dann wieder ab 1814 bis zur Einführung der Stadtverfassung 1831 in Kraft. Der Erlaß des Rezesses setzte der Autonomie des Göttinger Rates gegenüber dem Landesherren ein Ende, be­stim­mte die Funktion des Rates und war zugleich ein erheblicher Machtgewinn für den Landesherren, denn der Rat wurde nun nicht mehr unmittelbar aus der Bürgerschaft gewählt, sondern die Ratsherren wurden auf Vorschlag aus der Stadt von der Regierung in Hannover bestimmt. Alle Beschlüsse des Rates mußten von nun an vom Landesherren genehmigt werden, wodurch sich die Funktion des Rates letztlich darin erschöpfte, die Beschlüsse aus Hannover auszuführen. Damit waren seitens der Regierung die Voraussetzungen geschaffen, das Göttinger Stadtwesen im Sinne des absolutistisch-merkantilistischen Staates neu zu organisieren. Hinzu kamen weitere Maßnahmen, wie die Ansiedlung von Manufakturen und die Bauordnung von 1702, aufgrund deren in den nun folgenden Jahren eine relativ um­fangreiche Bautätigkeit einsetzte.

Gründung der Universität
Ein Beispiel für das nun übliche regierungsseitige Eingreifen in die Göttinger Verwaltung war die verwaltungstechnische Abwick­lung der Universitätsgründung und die dazu erforderlichen Begleit­maß­nahmen.

Das herausragende Ereignis des 18. Jahrhunderts für die Stadt Göttingen war die Stiftung der Universität durch den englischen König und hannoverschen Kurfürsten Georg II. August im Jahre 1734. Als 45. Hochschulgründung im deutschsprachigen Raum wurde Göttingen im Januar 1733 mit dem Kaiserlichen Privileg ausgestattet, das in seinem Inhalt dem der 1694 gegründeten Universität Halle entsprach. Diese Gemeinsamkeiten waren keineswegs zufällig., denn die Hallenser Universität sollte nach den Vorstellungen Münchhausens zum Vorbild der Georgia Augusta werden.

Seitens der Stadt Göttingen war man zunächst von der beabsichtigten Neugründung nicht sehr angetan, bedeutete dieses doch wiederum neue finanzielle Belastungen und sonstige Aufwendun­gen für das sich nur langsam erholende Gemeinwesen.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten jedoch wuchs die Universität, und die Stadt Göttingen verfügte im Jahr 1740 bei 5.562 Ein­wohnern über 313 Studenten.

Zum einen nämlich bot die neue Universität den Studierenden Vorteile, die an anderen Universitäten nicht gegeben waren, wie zum Beispiel, daß es im Kurfürstentum Hannover seit 1731 ver­boten war, Werbung für preußische Regimenter zu machen oder groß gewachsene Bürgerliche für den Militärdienst anzuwerben, daß kein Adeliger zwangsweise in das Kadettenkorps gesteckt werden durfte, um Offizier zu werden. Dies hatte zur Folge, daß, wer sich dem Militärdienst entziehen und studieren wollte, dieses an einer nichtpreußischen Universität tun mußte und so nach Göttingen ging. Zum anderen zeichnete sich Göttingen gegen­über den benachbarten Universitäten Jena, Erfurt, Helmstedt und Mar­burg dadurch aus, daß ein erhebliches Arbeitspensum verlangt wurde, denn Diplome und akademische Grade sollten hier nicht verschenkt, sondern hart verdient werden.

Bald hatte sich die der Aufklärung verpflichtete Georgia Augusta, in der die Philosophische Fakultät erstmals eine Vorrangstellung gegenüber der Theologischen Fakultät einnahm, mit ihrer Aus­stattung, Dotierung und Verfassung an die Spitze der deutschen Universitäten gestellt und die Aufmerksamkeit der vornehmen akademischen Jugend auf sich gelenkt.

Göttingen wurde jedoch nicht nur zum Anziehungspunkt wohlhabender adeliger und bürgerlicher Studenten des Kurfürstentums, sondern auch für solche, die aus anderen deutschen Staaten und dem Ausland kamen. Gegenüber den beiden protestantischen Universitäten Halle und Leipzig galt Göttingen gerade für Stu­denten der östlichen Staaten lange Zeit als neutraler Boden, auf dem man Kontakte zu den Kommilitonen der angelsächsischen Welt finden konnte.

All dieses führte dazu, daß die Zahl der Studenten bis 1789 ständig wuchs, in der Stadt selber neue Erwerbsquellen durch die Universität entstanden und so eine stetige Zunahme des Wohlstandes zu verzeichnen war.


Gründung der Loge „Friedrich”
Die Anregung, in Göttingen eine Freimaurerloge zu gründen, ging von zwei Studenten aus, die an der dortigen Universität
studierten und Mitglieder der Hallenser Loge „Zu den drei Schlüs­seln” waren. Diese beiden Studenten - Philipp-Carl Freiherr von Knigge und Balthasar Friedrich von Mithof, ersterer Vater des bekannten Schriftstellers Adolf Freiherr von Knigge - ließen sich in Göttin­gen immatrikulieren und konnten noch neun weitere Mitstu­den­ten ausfindig machen, die schon Freimaurer geworden waren. Man beschloß daher, eine Deputationsloge der Hallenser Mutter­loge in Göttingen zu gründen. Kaum war jedoch das Patent zur Gründung aus Halle eingetroffen, gab man es wieder zurück, da von Knigge und von Mithof inzwischen nach Hannover übergesiedelt und dort in die Loge „Friedrich” eingetreten waren, wo von Knigge sogar recht bald zum Meister vom Stuhl gewählt wurde. In dieser Eigenschaft stellte von Knigge den Göttinger Brüdern ein neues Patent aus, das auf den 21. September 1747 datiert war und durch das die Göttinger Loge den Namen „Friedrich” erhielt und als vollkommene und gerechte Deputationsloge in der Großloge „Zu den drei Weltkugeln” unter Matrikelnummer 15 an­erkannt wurde. Als erster Meister vom Stuhl wurde der Hofrat und Professor der Jurisprudenz Georg Ludwig Böhmer gewählt.


Das Bijou der Loge „Friedrich” in Hannover soll eine Dreiecksform gehabt haben, in dessen innerem roten Feld ein weißes sprin­gendes Pferd abgebildet war. Dieses Abzeichen war doppelseitig, während das Bijou der Göttinger Deputationsloge „Friedrich” nur einseitig war. Die Beamten der Loge „Friedrich” in Hannover trugen ihre Tätigkeitsabzeichen an einem breiten weiß gewässerten, rotkantigen Band. Dieses weiß-rote Band wird heute noch zur Erin­nerung an die erste Logengründung in Göttingen von den Beam­ten der heutigen Freimaurerloge „Augusta zum goldenen Zirkel” Nr. 22 getragen.

Eine der ersten Aufnahmen der neuen Loge in Göttingen war die des Tuchfabrikanten Graetzel und des berühmten Professors der Rechtswissenschaften Stephan Pütter.

Trotz dieser glänzenden Namen hatte die Loge „Friedrich” mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Zum einen war die Mitgliederzahl der Neuaufgenommenen ohne Zustimmung der Mutterloge in Hannover durch das Konstitutionspatent auf 12 be­schränkt, zum anderen schaffte ihr die angebliche Bevorzugung der studierenden Adeligen - was allerdings auf die damalige Struktur der Georgia Augusta zurückzuführen war - zusätzlich wenig Freunde. Erschwerend für die Existenz der Loge mit überwiegend studentischen Mitgliedern war auch das Verhältnis an­derer studentischer Vereinigungen - Landsmannschaften und Orden - zur „Obrigkeit”. Während des gesamten 18. Jahr­hun­derts führten die Behörden an den meisten deutschen Universi­täten einen zähen Kampf gegen die studentischen Landsmann­schaften und deren Nationalismus sowie die in deren Gefolge aufgrund der Parteilichkeiten auftretenden Auswüchse wie Schlägereien und Duelle.

Eine besondere Bedeutung für Göttingen erlangte dabei der sogenannte „Mopsorden”, der über 55 Mitglieder verfügte und bald nach seiner Entdeckung am 8. Februar 1748 von Hannover verboten wurde. Der Göttinger Mops-Orden - oder anders ge­nannt „Loge Luisa des Mops-Orden” - war eine Verbindung zur Pflege studentischer Geselligkeit. Nach dem Ritual, das unter mancherlei Abwandlungen freimaurerische Formen enthielt, war der Mops, ein damals in England aufkommender Modehund, das Symbol der Treue. Hinsichtlich des Namen „Luisa” liegt die Ver­mutung nahe, daß man entsprechend der Loge „Friedrich”, die den englisch-hannoverschen Kronprinzen Friedrich Ludwig von Wales zum Namenspatron hatte, dessen Schwester Luisa, verheiratete Königin von Dänemark, als Namenspatronin wählte.

Durch diesen Orden wurde das Verhältnis zu den sogenannten „geheimen Gesellschaften”, zu denen man auch die Loge „Friedrich” zählte, noch mehr belastet, denn Regierung und Universität sahen es nicht gerne, daß sich junge Studenten in größerer Anzahl in einer Freimaurerloge sammelten und auf diese Weise die strengen Gesetze gegen alle studentischen Vereinigungen umgingen und daß ihnen dabei die Herren Pro­-fes­soren - selber Logenmitglied - noch Vorschub leisteten. Es ist daher nicht verwunderlich, daß alle Logenarbeiten gegenüber den Universitäts- und Stadtbehörden mehr als bisher verborgen wurden. Man mied deshalb öffentliche Lokale als Versamm­lungs­ort und traf sich statt dessen in der Gotmarstraße/Ecke Pauliner Straße (s. Übersicht „Logenhäuser”) in dem Privathaus von Graetzel. So endet auch - letztlich durch die behördlichen Schwie­rig­keiten - das Wachstum der ersten Göttinger Freimaurerloge, und schließlich werden 1751 zunächst die Arbeiten eingestellt, ehe dann Br. Böhmer am 22.08.1753 die Ornate, Bücher, Chronik, Mitgliederverzeichnis und Briefe zur Aufbewahrung an die Mutter­loge in Hannover schickt. So schließt eine vorwiegend aristo­kratische Loge, wie viele andere, in der ersten Gründungszeit.

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