Preisbegründung des Großmeisters

Unsere freimaurerischen Vorväter haben vor fast 300 Jahren die so genannten "Alten Pflichten" verfasst, mit denen sie die Brüder Freimaurer auf ein nicht näher definiertes "Sittengesetz" verpflichteten. Sie sagten: "das Sittengesetz", so, als meinten sie eine Ethik für eine Welt.

 

Das war natürlich eine Idealvorstellung. Geträumt aus abendländischem Kulturverständnis, ausgesprochen vor dem Hintergrund der "Aufklärung", gedacht als Konjunktiv: Es müsste eigentlich ein Konsens gefunden werden, über alle Kulturen, Religionen und Nationen hinweg. Man müsste sich auf gemeinsame Werte verständigen können, etwa auf ein gemeinsames ethisches Fundament.

 

Das "Sittengesetz" unserer Vorväter konnte weder auf eine Ethik zurückgreifen,
noch sich auf eine Welt beziehen. Es gab nur das, was die unterschiedlichen Religionen der Welt an Unterschiedlichem zum Sittlichen sagten, was die jeweiligen Behörden zum Sittlichen regelten und das, was freie Geister grenzüberschreitend zu denken wagten. Und heute?

 

Die UN-Charta der Menschrechte, global formuliert aus den alten freimaurerischen Ausrufungszeichen "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" sagt immerhin, worum es geht: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollten einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen."

 

Sie tun es nicht, wie die Konflikte unserer Weltwirklichkeit auf so schreckliche Weise belegen. Zu den Ausrufungszeichen kommen also Fragezeichen, denn was die Menschenrechte sagen, lässt sich frei, kühn und idealistisch denken, aber lässt es sich auch machen?

 

Ich begrüße den freien, kühnen Denker und Theologen Hans Küng, den wir heute ehren, weil er dem Buchstaben solcher Texte "Geist" gibt, weil er damit starre Ideologien und Hierarchien herausfordert, weil er so mutig ist, gegen die vielfältigen staatlichen und religiösen Egoismen mit dem "Weltethos" ein verbindendes Ideal zu stellen und das Machbare diese Ideals immer wieder einzufordern

 

Es gibt noch immer diese elementare Notwendigkeit des besseren Miteinanders für eine bessere Welt, die Lessing seufzen ließ: "Aber wie? Aber wie?"

 

Hans Küng belegt mit seiner unbeugsamen Haltung und seinem unentmutigten Festhalten am Ideal, dass man gegen derart resignierende Seufzer auch Visionen setzen kann, dass man unbeirrt eine Welt der Möglichkeiten denken und querdenken kann, wie man sie menschlich gestaltet, auch, wenn Ideale immer einen schweren Stand gegen die Weltwirklichkeit haben.

 

Die Vision des Alles-Verbindenden ohne soziale, religiöse oder politische Wertungen, steckt im freimaurerischen Symbol der Winkelwaage, der gleichen Ebene aller, auf der wir uns begegnen. Ein Ideal. Vielleicht sogar eine Utopie. Möglicherweise auch trügerischer Anachronismus angesichts der Weltwirklichkeit.

 

Wir sollten uns diesen Anachronismus leisten, so, wie Sie, sehr verehrter Herr Professor Küng, es tun. Ihre Haltung belegt eindrucksvoll unerschütterliche Standfestigkeit und unbeschränkte Dialogfähigkeit. Mit Ihrer Geisteshaltung und Ihrem tatkräftigen Engagement für das Gute, für das Menschen- und Kulturen-Verbindende, sprechen Sie uns aus unserer maurerischen Seele. Sie sind Vordenker einer Ökumene, die im Wortsinn meint: "Die ganze bewohnte Welt". Bei uns heißt das: "Alle Menschen werden Brüder". Wir hoffen sehr, dass Ihr Beitrag zur Versöhnung und zum Dialog weiterhin ansteckend und anstiftend wirkt. Wir möchten Ihnen für diesen Beitrag als "Geschwister im Geiste" sehr herzlich danken.

 

Ich verlese den Text der Urkunde:

 

"In Würdigung seiner besonderen Verdienste und seines herausragenden humanitären Einsatzes verleiht die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland den Kulturpreis Deutscher Freimaurer 2007 an Prof. Dr. Hans Küng.

Als Initiator und Präsident der Stiftung Weltethos setzt sich Prof.Dr.Hans Küng unermüdlich für den Dialog der Kulturen sowie einer Anerkennung der moralischen Werte der Menschheit ein.

Mit seinem Anliegen, über die Grenzen von Nationen, Religionen und Systemen hinaus zu wirken, teilt Prof. Dr. Hans Küng das freimaurerische Bestreben, jeglichen Feindbildern entgegenzuwirken und für Offenheit und Toleranz einzutreten."Köln, am 18.Mai 2007.

 

Es ist mir eine große Freude und Ehre, Ihnen, lieber Herr Professor Küng, die Urkunde zum Kulturpreis Deutscher Freimaurer 2007 zu überreichen. Ich gratuliere Ihnen sehr herzlich und wünsche Ihnen Glück.

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