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75 Jahre AFuAMvD: Festansprache

Der Tradition verbunden – der Zukunft verpflichtet

– Festrede (Auszüge) des Großredners Br. Wolfgang Böhm
zur Tempelarbeit am 15. Juni 2024 im Logenhaus Finkenhof, Frankfurt

Jubiläen wie dieses sind Anlass zur Rückschau, sie sind aber auch mit der Frage nach der Zukunft verbunden.

Im Juni 1949 wurde in der Frankfurter Paulskirche die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland unter der Leitung von Theodor Vogel gegründet. Es war ein Jahr des Neubeginns, denn im selben Jahr wurde das Grundgesetzt beschlossen, eine Zeit des Aufbruchs und des unbedingten Willens, ein anderes Deutschland zu schaffen: eine Ordnung der Freiheit, der Liberalität und der Humanität. Auf Werten begründet, die auch unserem Bund zugrunde liegen.

Für die Brüder dieser Zeit war es ein Aufatmen nach der dunklen Zeit, nach Diffamierung und Verbot, aber auch Grund zur Neubesinnung, nach einer Zeit innerer Zerrissenheit der Bruderschaft. Denn es gab nicht wenige Brüder, die 1933 den neuen Machthabern huldigten, und die durchaus den völkisch-nationalen Geist der NS-Zeit teilten. Die Erwartung, durch Anpassung an das Regime den Fortbestand des Logenlebens sichern zu können, wurde allerdings enttäuscht. Die humanitären Großlogen des „Deutschen Großlogenbundes“ dagegen zogen die Selbstauflösung der Anpassung an das Regime vor und bewahrten sich ihre Haltung.

Mit der Gründung der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer vor 75 Jahren wurde eine neue Basis für freimaurerisches Leben in Deutschland geschaffen. Die Logen der AFAM verstehen sich ausdrücklich als Vertreter einer humanitären Freimaurerei. Die Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland sieht sich in der Tradition der Aufklärung und des Humanismus. Das ist Erbe und Verpflichtung zugleich.

Zukunftsdenken erfordert Offenheit für Neues. Das bedeutet auch, das noch nicht Mögliche zu denken, aber auch, die Bereitschaft loszulassen was nicht mehr trägt. Im Loslassen liegt Freiheit.

Heutige Freimaurerei ist vom Geist der Aufklärung geprägt. Allerdings ist die Aufklärung nicht abgeschlossen. Die erste Aufklärung mit der Befreiung von äußeren Zwängen, zielte auf die äußere Freiheit ab. Die zweite Aufklärung erst – als reflexive Aufklärung –  kann die innere Freiheit ermöglichen. Das bedeutet für uns, die eigene Haltung zu reflektieren, auch bisher für selbstverständlich gehaltenes zu hinterfragen, und sich aus möglicher Verblendung und äußerer Beeinflussung zu lösen.

Wenn wir den Blick nach außen wenden, dann stellt sich die Frage, welchen Herausforderungen wir in Zukunft begegnen werden. Gerade in unseren Tagen plagt viele die Sorge um den Frieden. Wir sehen, wie fragil der Frieden geworden ist, und wie gefährdet die Freiheit. Und wir wissen, dass es ohne Freiheit keinen dauerhaften Frieden geben kann. Unser Bund wirkt nicht als politische Kraft auf die Gesellschaft, sondern der einzelne Freimaurer ist es, der mit seiner Haltung und seinem Tun in der Gesellschaft wirkt.  Freimaurerei kann jedoch ein ethisches Fundament für gesellschaftliche Diskurse liefern, kann Orientierung geben, und wertvolle Fähigkeiten für den reflektierten, emanzipierten Bürger vermitteln, ohne den eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft nicht gelingen kann. Und damit hat sie natürlich gesellschaftliche Relevanz.

Die Freimaurerei vermittelt eine tradierte Weisheitslehre, einen universellen Wertekanon, eine praxistaugliche Tugendlehre und einen säkularen spirituellen Bezug, ohne religiöse Festlegung. Aber Freimaurerei ist keine theoretische Angelegenheit. Sie findet ganz konkret in der Lebenspraxis statt. Sie kann Halt geben, in einer haltlosen Zeit. Eine bessere Welt ist möglich, schrieb Ernst Bloch, aber noch nicht und nicht hier. Danach zu streben allerdings, ist Auftrag und Aufgabe für uns. Wissend, dass das Werk unvollendet bleibt. Wir sprechen metaphorisch vom Bau am Tempel der Humanität.

Der italienische Philosoph und Bruder Giuliano di Bernardo sieht in der Freimaurerei, mit ihrem Streben nach Humanität, Toleranz und Völkerverständigung, die Utopie des dritten Jahrtausends, die den Weg zu friedlicher Koexistenz weisen könne. Humanismus als konkrete Utopie. Diese Utopie trägt uns, denn ohne die Idee, den Glauben an den Menschen und das Streben nach Menschlichkeit, müssten wir schließlich verzweifeln. Das Streben nach dem Besseren zeichnet die feine Trennlinie zwischen zivilisatorischem Fortschritt und drohendem Rückfall in die Barbarei.

In diesem Sinne bleiben wir unserer Tradition verbunden, und der Zukunft verpflichtet.

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