Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

Annäherung an die Frage: “Was ist Gerechtigkeit?”

Annäherung an die Frage: “Was ist Gerechtigkeit?”

Die Welt ist ungerecht. Diese Diagnose ist weit verbreitet und wird von einem beachtlichen Teil der Gesellschaft geteilt, wenngleich auch in verschiedensten Ausprägungen und aus unterschiedlichsten Perspektiven. Und überall werden Debatten hierüber in unterschiedlichsten Qualitäten geführt – auch in der Wissenschaft, insbesondere in der Philosophie. Überwiegend handelt es sich bei solchen Diskursen um normative Aussagen oder Theorien. Es wird dabei meist argumentiert, dass ein bestimmtes Verhalten oder eine bestimmte Gesellschaftsstruktur erstrebenswert und besser als der Status quo sei.

Gelesen von Hasso Henke

Foto: © spaxlax / Adobe Stock

… Wir warnen Sie! Nicht auszudenken, was Ihnen zuteil würde, ginge‘s mit rechten Dingen zu …

Hans Magnus Enzensberger „Warnung vor der Gerechtigkeit“ Tweet

Wayne C. Booth, amerikanischer Literaturwissenschaftler, schrieb in seinem Buch The Company We Need. An Ethics for Fiction: „Whenever any human practice refuses to die, in spite of centuries of assault from theory, there must be something wrong with the theory.“ („Wann immer sich eine menschliche Praxis trotz jahrhundertelanger Angriffe durch die Theorie weigert zu sterben, muss etwas an der Theorie falsch sein.“)

Der überwiegende Teil der Gerechtigkeitstheoretiker scheint nicht nur die Prämisse, sondern auch die Schlussfolgerung für wahr zu halten: Um sich unerwünschter menschlicher Praktiken zu entledigen, müsste man lediglich die richtige Theorie finden. Es erstaunt doch sehr, da es alles andere als klar ist, ob tatsächlich auch die Konklusion des Arguments wahr ist, der Schluss also Gültigkeit beanspruchen kann.

Alle bekannten Theorien beruhen mehr oder weniger auf dem cartesianischen Erkenntnismodell. Für Descartes bestand die Welt aus zwei Bereichen, die er Res cogitans, den geistigen Bereich, und Res extensa, den materiellen Bereich, nannte.
Die materielle Welt ist, wie sie ist. Und zwar so, wie sie von einem außenstehenden Schöpfer kreiert wurde. Sie ist statisch und unveränderlich. Wechselbeziehungen der einzelnen Objekte sind mechanischen Gesetzen unterworfen. Ursache und Wirkung sind geradlinig miteinander verknüpft.

Die geistige Welt steht der materiellen Welt als Beobachter gegenüber. Der Geist hat im Prinzip keinen Einfluss auf die beobachtbaren materiellen Prozesse. Erkenntnis kann daher nur ein Abbild der Wirklichkeit sein. Und mit den Worten von Fritz B. Simon, dem in Deutschland führenden Vertreter der systemischen Therapie, ausgedrückt: „Das Erkenntnisideal ist ‚Objektivität‘, d.h. unterschiedliche Beobachter, die dasselbe Objekt untersuchen, sollten zu denselben Ergebnissen kommen, weil ihre Aussagen von den Eigenschaften des Objektes und nicht von der Prozedur der Beobachtung oder den Eigenarten des Beobachters bestimmt werden. […] Mit der Trennung von Res cogitans und Res extensa hat Descartes Beobachter und beobachtetes Objekt voneinander getrennt.“

Hat die Gerechtigkeit immer Recht?

Es kann daher noch viel grundsätzlicher gefragt werden: Kann oder sollte man von normativen Gerechtigkeitstheorien, die auf einem reduktionistischen Weltbild gründen, vernünftigerweise erwarten können, dass sie zur Ungerechtigkeitsminderung beitragen?
Dies erklärt dann auch meinen Zusatz zum Vortragstitel „Annäherung an die Frage: Was ist Gerechtigkeit?“ mit dem ich andeuten möchte, dass ich lediglich einige Gedanken hierzu mit Euch teilen möchte.

Entsprechend freimaurerischer Sitte gliedert sich mein Vortrag in drei Teile: Im ersten Teil möchte ich aufzeigen, dass es mit der immer noch dominierenden Moralgrammatik nicht möglich ist, die Eingangsfrage „Was ist Gerechtigkeit?“ zu beantworten. Im zweiten Teil werde ich aufzeigen, was passiert, wenn man es trotzdem versucht. Und zu guter Letzt will ich einen Weg vorschlagen, wie eine Antwort doch noch möglich ist und was Freimaurer dabei für eine Rolle spielen.

Warum tun wir uns mit einer Antwort auf die Frage „Was ist Gerechtigkeit?“ so schwer?

In einem seiner Dialoge lässt Platon Sokrates über die Frage diskutieren, was Tapferkeit ist. Laches, Sokrates‘ Dialogpartner, ist sich sicher, dies zu wissen: „Dieses, o Sokrates, ist beim Zeus nicht schwer zu sagen. Denn wenn jemand pflegt in Reihe und Glied standhaltend die Feinde abzuwehren und nicht zu fliehen, so wisse, dass ein solcher tapfer ist.“

Sokrates stimmt zu, dass ein solches Verhalten zu Recht als tapfer benannt werden kann, aber er beharrt gleichwohl darauf, dass damit die Frage nicht beantwortet ist, was Tapferkeit ist. Laches hat lediglich eines von vielen Beispielen für tapferes Verhalten gegeben. Solange man sich aber mit Beispielen aufhält, hat man noch nicht begriffen, was Tapferkeit als das Gemeinsame in allen diesen Beispielen ist. Nicht anders verhält es sich bei der Frage, was Gerechtigkeit ist. Die spontane Reaktion auf diese Frage besteht darin, dass man sein eigenes Gerechtigkeitsempfinden bemüht. Und es spricht einiges dafür, dass wir Menschen ein gutes Gespür dafür haben, was gerecht oder ungerecht ist.

Was dabei aber gerne übersehen wird, ist die Tatsache, dass die Frage „Was ist Gerechtigkeit?“ nach etwas anderem fragt als die Frage „Wann beurteilen wir etwas als gerecht?“ Letztere bezieht sich auf die Kriterien, nach denen wir etwas als gerecht bewerten. Die Frage „Was ist Gerechtigkeit?“ bezieht sich demgegenüber auf etwas Grundlegenderes.

Uns geht es wahrscheinlich wie dem Oberlausitzer Richter: „Am Abend berichtet der Oberlausitzer Dorfrichter vom Tag und dem ortsbekannten Streit am Gartenzaun: Ein Ast wächst über den Zaun. Geerntet hat der, welcher den Ast erreicht. Geklagt der, auf dessen Grund der Baum seht. Die Frau des Richters fragt: ‚Was hast du dem gesagt, der gepflückt hat?‘ – ‚Du hast recht.‘ – ‚Ja, und was hast du dem gesagt, dem der Baum gehört?‘ – ‚Du hast recht.‘ – ‚Aber‘, so die Entrüstete. ‚Du kannst doch nicht beiden sagen, du hast recht.‘ – ‚Ja‘, sagt der Richter. ‚Frau, du hast auch recht.‘“ (Quelle: www.diakoneo.de)

Ist Moralisieren moralisch?

Bereits 1993 warnte uns der Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann in seinem Aufsatz „Die Moral des Risikos und das Risiko der Moral“ vor Moralisten. Angesichts der wachsenden Gefahren und Risiken unserer Gesellschaft, z. B. in Bezug auf den Klimawandel oder noch akuter die Corona-Pandemie, verwundert es nicht, dass immer mehr Stimmen immer lauter ihre moralischen Erwartungen formulieren.

Der Moralpegel der öffentlichen Kommunikation, wie Luhmann dieses Phänomen nennt, steigt. Und mit dem steigenden Interesse an moralischen Fragen steigt auch die Anzahl ethischer Begründungskonzepte. Luhmann erkannte recht schnell das Problem all dieser Begründungskonzepte und schreibt in „Die Moral der Gesellschaft“: „Jede Wissenschaft, die Themen der Moral behandelt,“ so Luhmann, „steht heute vor der Frage, ob sie selbst sich moralischen Normen zu unterwerfen habe; ob sie im Chor der Stimmen, die das Gute gutheißen und das Schlechte verurteilen, mitsingen solle, sei es mit führender Stimme, sei es im Kontrapunkt, oder ob sie sich als moralfreie Erkenntnisleistung begreifen solle, für die Moral ein Gegenstand ist wie jeder andere.“

Folgen wir weiter Luhmanns Spuren in der Schrift „Ökologische Kommunikation“: „Unter Moral soll die Codierung der Kommunikation durch das binäre Schema von gut und schlecht (oder, wenn subjektiviert, von gut und böse) verstanden werden. Dieser Code ist immer dann anwendbar, wenn das Verhalten, über das kommuniziert wird, mit Erweis oder Entzug von Achtung bzw. Mißachtung sanktioniert wird. Man kann daher auch sagen, daß die Moral in einer Konditionierung von Achtungs- oder Mißachtungszuteilungen besteht. […]“

Codes sind besondere Formen von eingespielten Unterscheidungen, deren zwei Werte derart aufeinander bezogen sind, dass eine Negation des einen Werts genau den Gegenwert ergibt. So führt eine Negation von Recht zu Unrecht, die Negation der Unwahrheit zur Wahrheit, die Negation von Gerechtigkeit zu Ungerechtigkeit.

In „Die Moral der Gesellschaft“ schreibt Luhmann dazu: „Jeder binäre Code, auch der der Moral, führt bei einer Anwendung auf sich selbst zu Paradoxien. Man kann nicht entscheiden, ob die Unterscheidung von gut und schlecht ihrerseits gut oder nicht vielmehr schlecht ist.“

Diese Moralparadoxie wurde neutralisiert und in ein Begründungsproblem verwandelt. Bedenkliche Realfolgen des Moralisierens wurden dadurch nicht der Moral selbst zugeschrieben — ein aus meiner Sicht großer Fehler. So versteht sich damit auch die Forderung von Luhmann, die Warnung vor der Moral als vordringlichste Aufgabe der Ethik zu sehen.

Kann die Gerechtigkeit nicht auch ungerecht sein?

Alle uns bekannten und beherrschenden Moraltheorien sind durch diesen binären Code geprägt. Alle im binären Code verfassten Moralbegriffe haben jedoch eine dogmatische Struktur. Sie können ihren für selbstverständlich gesetzten Gedanken nicht mehr auf sich selbst anwenden. Es entstehen Paradoxien. Was würde wohl passieren, wenn wir herausfänden, dass die Gerechtigkeit selbst auch ungerecht sein könnte? Oder wenn die Unterscheidung zwischen gut und böse gut ist? Wie gut ist das Böse? Oder wie böse ist das Gute?
Alle uns bekannten und gängigen Moraltheorien blenden die Anwendung „gut/böse“ auf sich selbst aus und verwickeln uns stattdessen in einen Begründungsdiskurs. Es stellt sich also z.B. nicht die Frage, ob Kants Vernunftethik gut oder schlecht ist, sondern nur, warum sie gut ist. Das cartesianische Erkenntnismodell entzog sich diesen Paradoxien ganz geschickt, indem es Subjekt und Objekt strikt trennte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand in der Wissenschaft ein gänzlich neuartiges Paradigma: Kausalität wurde neu konzeptualisiert, an Stelle geradlinig-kausaler Erklärungen traten plötzlich zirkuläre Erklärungen. Systemtheorie, Kybernetik und auch Synergetik sind Beispiele dieser Theorien, die bei vielerlei Unterschieden doch die Neukonzeptualisierung der Kausalität als gemeinsamen Nenner eint. Objekte wurden nun nicht mehr isoliert betrachtet, sondern es wurden die Relationen zwischen ihnen fokussiert.
Im dritten Teil meines Vortrages werde ich darauf noch genauer zu sprechen kommen.

Was passiert, wenn man mit der binären Logik versucht zu erklären, was Gerechtigkeit ist? Otfried Höffe beispielsweise gibt in seinem Buch „Gerechtigkeit. Eine philosophische Einführung“ keine direkte Antwort auf die Frage, was denn Gerechtigkeit sei, was durchaus im Gegensatz zu den Erwartungshaltungen einiger Leser stehen kann. Vielmehr stellt er verschiedene Arten und Weisen vor, wie man Gerechtigkeit auffassen kann. Viele dieser Auffassungen haben zugegebenermaßen auch heute noch Gültigkeit.

Gerechtigkeit als Ordnung des Gemeinwesens

In seiner Politeia präsentiert Platon verschiedene Ansätze von Gerechtigkeit: Gerechtigkeit als soziale Kooperation, also Versprechen, Verträge und Gesetze einzuhalten (iustitia regulativa) und als Forderung, „dass man einem jeden erstattet, was ihm gebührt“ (iustitia distributiva). Platon zufolge ist Gerechtigkeit Zweck an sich, sie ist in sich schön und gut, und zugleich das Mittel zum Glück. Gerechtigkeit gehört laut Platon demnach untrennbar zu den Strukturen des Gemeinwesens und bedeutet, dass „jeder das Eigene und Seinige hat und tut“, also jeder seinen Platz in der naturgegebenen Ordnung des Gemeinwesens einnimmt.

Dieser Platz kommt ihm über die ihm eigenen natürlichen Fähigkeiten zu. Ein jeder sollte das tun, was er am besten kann. Ein so strukturiertes Gemeinwesen ist nach Platon gerecht und nützlich für alle. Was für das Gemeinwesen am besten ist, ist es auch für jedes Individuum, das in ihm lebt. Bei Platons Gerechtigkeit geht es demnach nicht um die Beurteilung von Handlungen oder Zuständen als „gerecht“ oder „ungerecht“. Gerechtigkeit ist vielmehr ein Zustand innerer Ordnung, einer Art Harmonie im Gemeinwesen und mit sich selbst. Oder anders ausgedrückt: Nicht dadurch entsteht ein gerechtes Gemeinwesen, dass es aus gerechten Individuen besteht. Auch schafft es ein gerechtes Gemeinwesen nicht, gerechte Individuen auszubilden. Ausschlaggebend für Gerechtigkeit ist die Vernunft. So wie ein gerechter Mensch jener ist, in dem die Vernunft herrscht, so ist ein gerechtes Gemeinwesen nur möglich, wenn es vernünftige Herrscher hat. Das konnten nach Platon natürlich nur Philosophen sein.

Gerechtigkeit als eine Tugend

Aristoteles führt in seiner Nikomachischen Ethik für den Gerechtigkeitsbegriff zwei Unterscheidungen auf: die umfassende Gerechtigkeit (iustitia generalis) als Inbegriff aller Formen richtigen Handels und Verhaltens und die partikulare Gerechtigkeit (iustitia particularis) als personaler Habitus für jemanden, der zu einer angemessenen Güterverteilung befähigt ist.

Für Aristoteles war die umfassende Gerechtigkeit, die Gerechtigkeit als die Gesamtheit der Tugend noch „glanzvoller als der Abend- und Morgenstern“, wie Höffe schreibt. Ein gelingendes Leben ist für ihn das höchste und vollkommenste zu erreichende Gut (eudaimonia). Es ist das Endziel allen Handelns. Dieses Gut erstrebt man in aller Regel um seiner selbst willen. Woran erkenne ich, dass ich mein rechtes Maß gefunden habe? Aristoteles meint, wir werden es spüren, also sinnlich erfahren. Dabei müssen wir uns das rechte Maß als einen elastischen Punkt vorstellen, der immer wieder Gefahr läuft, sich in die falsche Richtung zu verschieben, und der häufig genug auch bewusst von uns verschoben werden muss. Das gelingende Leben entfaltet sich so als ein permanenter Prozess der Suche nach diesem richtigen Maß. Nach Aristoteles dürfen wir unser Leben gelingend nennen, wenn wir diesem Prozess ein Leben lang unsere Aufmerksamkeit schenken. Gelingendes Leben heißt tugendhaftes Leben. Aristoteles erkannte in der Klugheit das Bindeglied zwischen Verstandes- und Charaktertugenden. Durch permanentes Üben wird aus der moralischen Mittelwahl ein tugendhafter Habitus. Für Aristoteles ist Gerechtigkeit eine der Tugenden, die das Gesetz vorschreibt. Von den anderen Tugenden unterscheidet sie sich darin, dass man sie nicht nur gegen sich selbst, sondern vor allem gegenüber anderen anwendet. Aristoteles formuliert es folgendermaßen: „Gerecht [wird] derjenige sein, der die Gesetze beachtet […] und eine Einstellung der Gleichheit […] hat.“ Aristoteles verstand die Gerechtigkeit als eine Tugend.

Gerechtigkeit als Fairness

In John Rawls’ „Theorie der Gerechtigkeit“ wird Fairness als Teilaspekt der Gerechtigkeit angesehen. Eine gerechte gesellschaftliche Grundstruktur kann nur durch einen fairen Prozess gestaltet werden. Gerechtigkeit ist für Rawls eine Eigenschaft von Institutionen, Fairness zeigt sich durch unparteiliche Prozesse ihrer Gestaltung. Ein Schleier des Nichtwissens, also die Entscheider wissen nicht, welche Rolle und Funktion sie selbst in der zu beschreibenden Gesellschaft einnehmen bzw. übernehmen werden, sorgt im Urzustand, also dem Zustand, in dem die Gerechtigkeitsgrundsätze beschlossen werden, dafür, dass ungerechtfertigte Bevorzugungen und Benachteiligungen vermieden werden. Auf diese Weise entstehen nach Rawls zwei Grundsätze:
„Jedermann hat gleiches Recht auf das umfangreichste Gesamtsystem gleicher Grundfreiheiten, das für alle möglich ist.

Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten müssen so beschaffen sein, daß sie (a) unter der Einschränkung des gerechten Spargrundsatzes den am wenigsten Begünstigten den größtmöglichen Vorteil bringen und (b) mit Positionen und Ämtern verbunden sind, die allen gemäß fairer Chancengleichheit offenstehen.“  Beide Grundsätze zusammen rechtfertigen nach Rawls einen liberalen und sozialen Rechtsstaat.

Gerechtigkeit als Gleichheit

Der heutige Mainstream politischer Philosophie sieht in der Gleichheit den Inbegriff von Gerechtigkeit. Woran erkennt man aber Gleichheit? Worin besteht Gleichheit? Heißt Gleichheit gleiches Einkommen, gleiche Freiheit, gleiches Wohlbefinden? Jede dieser Antworten schließt automatisch andere aus. Da Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben, wären auch die Handlungsmöglichkeiten bei gleichem Einkommen unterschiedlich. Und selbst wenn man gleiche Handlungsmöglichkeiten unterstellt, so führen diese nicht automatisch zu gleichem Wohlbefinden für alle. „Gleichheit schlechthin“ ist somit keine sinnvolle Forderung.

An diesem Punkt angelangt, wäre es nun doch möglich, aus dem binären Code auszusteigen. Aber was passiert? Es wird ausgewichen. Man beseitigt den Störenfried und beschränkt sich dann auf die Reduktion „Gleichheit vor dem Gesetz“. Aber auch das greift wiederum zu kurz.

Der deutsche Rechtsphilosoph Gustav Radbruch veröffentlichte 1946 in der „Süddeutschen Juristenzeitung“ folgende These, die seither als sog. Radbruch’sche Formel bekannt ist: „Der Konflikt zwischen der Gerechtigkeit und der Rechtssicherheit dürfte dahin zu lösen sein, daß das positive, durch Satzung und Macht gesicherte Recht auch dann den Vorrang hat, wenn es inhaltlich ungerecht und unzweckmäßig ist, es sei denn, daß der Widerspruch des positiven Gesetzes zur Gerechtigkeit ein so unerträgliches Maß erreicht, daß das Gesetz als ‚unrichtiges Recht‘ der Gerechtigkeit zu weichen hat. Es ist unmöglich, eine schärfere Linie zu ziehen zwischen den Fällen des gesetzlichen Unrechts und den trotz unrichtigen Inhalts dennoch geltenden Gesetzen; eine andere Grenzziehung aber kann mit aller Schärfe vorgenommen werden: wo Gerechtigkeit nicht einmal erstrebt wird, wo die Gleichheit, die den Kern der Gerechtigkeit ausmacht, bei der Setzung positiven Rechts bewußt verleugnet wurde, da ist das Gesetz nicht etwa nur ‚unrichtiges‘ Recht, vielmehr entbehrt es überhaupt der Rechtsnatur. Denn man kann Recht, auch positives Recht, gar nicht anders definieren als eine Ordnung und Satzung, die ihrem Sinne nach bestimmt ist, der Gerechtigkeit zu dienen.“

Ich könnte die verschiedenen Facetten der Gerechtigkeit noch erweitern und natürlich noch vertiefen. Um letzten Endes der Paradoxie, die durch Selbstreflexion binärer Codes der Moral entsteht, zu entgehen (nicht sie aufzulösen), stößt man wieder auf die klassische platonische Ontologie, dass „jeder das Eigene und Seinige hat und tut“.

Mit binären Codes werden Freiheit und Offenheit zerstört. Diese Ontologie der Gerechtigkeit, die in unserem Abendland bis heute vorherrscht, fragt nicht, wie gerecht die Gerechtigkeit ist, sondern tut so, als ob wir wüssten, was „die Gerechtigkeit“ sei und uns damit selbst die Frage nach der Gerechtigkeit der Gerechtigkeit verbieten. Es führt in ein entweder — oder. Wenn man nicht gerecht ist, dann ist man ungerecht.

Alle Versuche, innerhalb eines geschlossenen Systems, wie es der binäre Code „gut/böse“ nun mal unterstellt, eine allgemein gültige Definition von Gerechtigkeit zu finden, scheitern. Diese Codierung sorgt bei einer Festlegung immer dafür, dass etwas anderes damit ausgegrenzt bzw. ausgeschlossen wird (tertium non datur).

Verbleibt man im ontologischen, binären Code, dann steht die Bedeutung von Gerechtigkeit immer schon fest. Sie wurde unveränderbar für alles und alle vorab festgelegt. Somit kann Gerechtigkeit nur gerecht sein – wer es genauer wissen will, muss nur nach der Wahrheit der Gerechtigkeit suchen.

Wie kann Freimaurerei bei der Beantwortung der Frage „Was ist Gerechtigkeit?“ hilfreich sein?

Beim Eintritt in die Freimaurerei habe ich mich schon sehr früh gefragt, wie man wohl an einem Tempel der Humanität bauen kann, wenn man kein klares, eindeutiges Bild von ihm vor Augen hat? Schließlich fangen ja auch Handwerker nicht an, ein Haus zu bauen, von dem sie keine Ahnung haben, wie es am Ende aussehen soll. Wie sehr ich mit dieser Einstellung doch in einer alten Weltsicht, wahrscheinlich der cartesianischen, verharrte, wurde mir erst nach und nach bewusst. Natürlich hat das cartesianische Erkenntnismodell seine Vorzüge, das lässt sich nicht leugnen. Unternehmen stellen allerdings zunehmend fest, dass altbekannte Regeln und Managementmethoden nicht mehr funktionieren. Banken schauen ohnmächtig auf Fintechs, die ihnen zeigen, wie es nicht nur anders, sondern besser geht. Diese neue Sicht- und Denkweise nennen wir heute Agilität. Und wenn wir ein Produkt entwickeln, starten wir mit einer vagen Vorstellung davon, was am Ende rauskommen soll — im Wissen, dass es anders kommen kann und wahrscheinlich auch wird.

Im Gegensatz zum cartesianischen Erkenntnismodell gelingt es Freimaurern, das Paradoxieproblem zu überwinden, anstatt ihm aus dem Wege zu gehen. Und damit wird es uns ermöglicht zu fragen: Wie gerecht ist die Gerechtigkeit? Wie gerecht ist es, in gerecht und ungerecht zu unterscheiden? Wir heben das Paradoxie-Problem der Selbstbezüglichkeit auf. Elena Esposito schreibt in ihrem Aufsatz „Paradoxien als Unterscheidungen von Unterscheidungen“: „Es gilt also, die Alternative als Alternative in den Blick zu bringen und eine Außen-Position zu beziehen, aus der sie gleichsam ‚gegen‘ das beständige Oszillieren zwischen den zwei Werten sichtbar bleibt. Ein solcher Bezug von außen ist freilich unweigerlich ein ‚Drittes‘, das eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber den beiden Polen bewahrt. Jenes ‚Dritte‘ ist gerade deshalb wichtig, weil es von der Alternative, die das Paradoxon produziert, ausgeschlossen wird.“

Dieser Wechsel von binärer in dreiwertige Logik geht auf den Mathematiker Spencer-Brown zurück, der nachgewiesen hat, dass sich alle logischen Strukturen aus einem einfachen Operationsprinzip ableiten lassen, der Bildung von Unterscheidungen. Angewendet auf die Gerechtigkeit bedeutet dies, es muss nicht in allen Fällen im Vorhinein entschieden sein, was unter Gerechtigkeit zu verstehen ist. Und was noch nicht entschieden ist, entscheiden wir selbst und übernehmen für unsere Entscheidung auch die Verantwortung. Es findet damit nichts Geringeres statt als der Abgesang auf das alte cartesianische Erkenntnismodell. Man könnte auch sagen, wir verlassen die analoge Denkwelt und erreichen die digitale Denkwelt. Anstatt einen Sachverhalt als (für immer) festgelegt gerecht zu beurteilen, könnte man auch formulieren: Es ist möglich, dass dieser Sachverhalt gerecht ist. Gleiches gilt natürlich auch für sog. ungerechte Sachverhalte.

Geht es in einer „gerechten“ Loge auch gerecht zu?

Freimaurer arbeiten beispielsweise in einer „gerechten“ Loge. Dabei ist mit „gerecht“ nur vordergründig gemeint, dass sie dem Recht, welches eine Großloge irgendwann einmal zu Papier gebracht hat, entspricht. Man könnte eine gerechte Loge auch anders deuten: Eine gerechte Loge ist die, die im Sinne einer von der Geometrie abgeleiteten Art und Weise aufzeigt, wie man sich sicher im Raum orientieren kann – angewendet auf die Frage, wie man sich in dem höchst unsicheren gesellschaftlichen Raum bewegen kann. Und dieser letztgenannte Raum ist nicht durch eindeutige Wege vorgegeben. Wir schaffen die Wege durch Trampelpfade, bei denen jeder mitwirkt und mitwirken kann. Dadurch entstehen Wege, die auch für andere gangbar sind. Die gerechte Loge ist eine, in der nicht Einer oder ein feststehendes System dem Menschen vorschreibt, was die einzige Art des „Gerecht sein“ ist, sondern es ist eine, die sich durch ihre eigene Form eine Erwartung bildet von dem, was wir mit Gerechtigkeit meinen können.

Mit jedem Suchenden, den wir in unseren Bund aufnehmen, führen wir einen Unterschied, ein neues Element, in die Freimaurerei ein, welches das Ganze wiederum verändert. Und damit dem Sich-gleich-Bleiben einen Impuls zur Veränderung gibt. Es handelt sich bei dem neu aufgenommenen Bruder um jemanden, der wiederum ganz anders ist und, indem er unsere Formen mitmacht, wird die Form einer Einheitlichkeit erzeugt, deren Bedeutung aber ständig im Wandel begriffen ist, weil wir nicht durch Definition festgelegt haben, was es bedeutet. Durch unser Tun entsteht ein Begriff von Gerechtigkeit – nicht durch eine vorgegebene Definition. Gerechtigkeit heißt dann, das Neue und die Unterscheidung als einen Bestandteil der Veränderung anzuerkennen.

Ist jemand beispielsweise fremdenfeindlich, dann will er einen Unterschied nicht machen. Es kommt zur Forderung: Wir brauchen eine Mauer — und, und, und. Im Umkehrschluss heißt es aber nun nicht, dass es automatisch gerecht wäre, diese Unterscheidung zuzulassen. Wir erkennen aber sehr gut, wie jemand auf eine Unterscheidung reagiert. In dem von mir geschilderten Fall z. B. durch Abwehr, Ausgrenzung. Heinz von Foerster hat einmal die Maxime aufgestellt: Handle stets so, dass Du die Wahlmöglichkeiten nicht verkleinerst, sondern vergrößerst.

Zum Schluss ein Lobgesang

Freimaurer beschreiben sich selbst als einen ethischen Männerbund. Das bedeutet nach meinem Verständnis allerdings nicht, dass sich Freimaurer als Experten auf diesem Gebiet begreifen dürfen, noch darf der Eindruck entstehen, es gäbe spezifische freimaurerische Werte. Wenn also Freimaurer, und davon gibt es nicht wenige, von freimaurerischen Werten reden, so kann damit prinzipiell nur von Werten die Rede sein, die für Freimaurer eine besondere Bedeutung haben. Dennoch gibt es den begründeten Verdacht, dass in Bezug auf Ethik und Moral Freimaurerei vielleicht doch etwas bietet, was es außerhalb der Freimaurerei (noch) nicht gibt.

Der Wechsel von binärer Codierung zu dreiwertiger Logik eröffnet neue Sichtweisen und führt uns aus dem Dilemma der Selbstbezüglichkeit. Freimaurerei bietet genau den Übungsraum, digitales Denken in den geschützten Räumen der Loge zu erproben und anschließend außerhalb dieser Räume auch einem Bewährungstest zu unterwerfen. Gerechtigkeit bedeutet nun eine Verhinderung des Ausschlusses des Fremden und steht somit für eine offene Gesellschaft, so wie Popper sich das immer gewünscht hatte. Und so, wie sich Freimaurer den Tempel der Humanität vorstellen, ohne ein genaues Bild von ihm vor Augen zu haben. Und das aus gutem Grunde.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 4-2020 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

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