Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

Begegnungen mit der Arbeitstafel

Begegnungen mit der Arbeitstafel

Von Alexander Walter

In der Ausgabe 2/2022 der „Humanität“ berichteten wir auf Seite 24 über die Entwicklung eines „greifbaren Arbeitsteppichs für blinde Brüder“. Der Künstler Br. Jens Rusch und Frank von Wartensee haben eine Arbeitstafel als Relief im A3-Format entwickelt, die den Logen für Brüder mit Sehbehinderung als ein Instrument zum vertiefenden Verständnis der Freimaurer-Symbolik zur Verfügung gestellt werden können.

Nun ist dieses bemerkenswerte Inklusionsprojekt abgeschlossen, so Br. Jens Rusch. Insgesamt wurden zehn Aluminiumtafeln produziert. Br. Alexander Walter hat als Betroffener den Entstehungsweg begleitet und gibt seine Eindrücke und Empfindungen dazu im folgenden Text wieder.
Die Freimaurerei ist durch und durch eine Sache von Begegnungen. In ihr begegnen sich Menschen. In ihr begegnen Menschen Ritualen, Symbolen, Werten, Sitten, Bräuchen und Traditionen. Und Begegnungen haben Kraft, sind wirkmächtig, bedingen etwas, haben Effekte. In ihrer Bedeutung unterschätzen wir die Begegnung. Wir erzählen und berichten zu selten davon.

Alle Begegnungen sind einzigartig in ihrem Wesen und in ihren Wirkungen. Immer sind sie wertvoll, insofern wir sie selbst werthaltig gestalten. Über eine sehr besondere Begegnung möchte ich hier berichten. Um meine Freude darüber zu teilen. Um aufzuklären über etwas Besonderes. Um anzuregen. Um zu inspirieren.

Ich war von Bruder Jens Rusch vorgewarnt gewesen. Die durch eine gemeinsame Initiative mit Bruder Frank von Wartensee und ihm künstlerisch entwickelte und gestaltete Arbeitstafel würde symbolisch und tatsächlich Gewicht haben. Der Bote, der sie mir an meiner Wohnungstür überreichte, verwies ebenfalls auf die Schwere des Paketes. 5 Kilogramm Aluminium. Allerdings geformtes Aluminium.

Es stellte sich eine Freude ein, wie ich sie in Qualität und Quantität nur sehr selten erlebe. Die unbändige Freude eines Kleinkindes, das sich begeistert mit einem neuen Spielzeug vertraut macht. Durch das Ergreifen war ich wahrhaft ergriffen. Da hatte ich etwas vor mir, unter den Fingern, das mich wirklich weiterbringen würde. Das war sofort und unmittelbar klar.

Wie sehr man sich über Medien freut, die einem Inhalte begreiflich machen, kann man vielleicht nur schwer nachvollziehen, wenn man barrierefrei leben kann. Ich aber kann mich jeden Tag über Dateien, Hörbücher, Internetseiten, kurzum Quellen freuen, die mir zugänglich sind. Die Möglichkeit zur Rezeption ist von unschätzbarem Wert. Und sie erzeugt Freude, wenn man sie nicht als gegeben annimmt.

Freimaurerei geht in die Tiefe

Wenn nun ein vollkommen neues Medium auftaucht, dann ergibt sich ein Moment des Glücks, wie man ihn sehr selten erlebt. Sich miteinander befassend, sich berührend Zusammenkommen, so sollten schwesterliche und brüderliche Begegnungen aussehen. Freimaurerei geht in die Tiefe. Und in diese kommt man nur, wenn man zunächst mit der Oberfläche Kontakt aufgenommen hat. Das kann nur die Berührung leisten. Das vermögen die Augen nicht. Sehen ist flüchtig. Tasten beständig. Ich begegne in der Freimaurerei fortwährend Schwestern und Brüdern, die mich teilhaben lassen.

Teilhaben an ihren Wahrnehmungen, Gefühlen und Gedanken. Als blinder Mensch hat die Teilhabe an den Wahrnehmungen einen ganz besonderen Wert.
Es gibt verschiedene Methoden, andere an den eigenen Wahrnehmungen teilhaben zu lassen. Geläufig und gebräuchlich ist die Variante, das Gesehene via verbum zu beschreiben. Allerdings, meine Erfahrung und viele Studien belegen es eindeutig, so sehr sich der Beschreibende auch um eine neutrale, objektive Darstellung bemüht, kann eine Schilderung nicht vollends wertfrei abbildend sein. Das liegt an dem ihr zugrundeliegenden subjektiv-konstruktiven Akt der Wahrnehmung selber.

Wahrnehmung ist in sich, in ihrer Genese schon Interpretation. Und sie kann es nicht nicht sein. Wenn ich mir Bilder, das Äußere, ein Antlitz, den sichtbaren Teil des Habitus, Perspektiven oder Oberflächen beschreiben lasse, dann berücksichtige ich immer, wer sie mir beschreibt. Man sollte nicht nur die Betrachtung betrachten, sondern auch den Betrachter, nicht nur die Beobachtung beobachten, sondern auch den Beobachter. Das ist bei der Wahrnehmung so, das ist in der Physik so.

Die Wahrnehmung zu schulen ist anstrengend und langwierig

Und eben weil das so ist, ist es etwas ganz Besonderes, in die Lage versetzt zu werden, eine Wahrnehmung, Betrachtung oder Beobachtung selbst machen zu können. Dadurch, dass ein geeignetes Medium zur Verfügung gestellt wird. Einfach großartig, reines Glück, pure Freude. Selbstverständlich bedeutet das nicht, dass nicht auch die Wahrnehmungen der vielen hilfsbereiten Schwestern und Brüder für mich eine Freude und ein Glück wären. Aber selber, eigenständig wahrnehmen zu können, ganz bei sich, das ist nicht nur wundervoll, weil es schön ist, sondern auch deshalb, weil es diejenigen Wunder für einen bereithält, die einem nur die eigene Wahrnehmung bescheren kann.

Wenn man blind wird, dann hat das weitreichende Effekte. Viele davon betreffen die Wahrnehmung. Man kann nicht schlagartig besser hören, riechen, schmecken oder fühlen. Auch geburtsblinde Menschen können dies zunächst nicht. Aber die menschliche Wahrnehmung unterliegt den allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der Menschlichkeit und des Menschseins.

So funktioniert auch die Freimaurerei. Man lernt sie, indem man sie betreibt. Und so ist es mit den nonvisuellen Sinnen blinder Menschen. Sie werden verstärkt genutzt und damit beübt. Ganz einfach. Durchaus in einer ungewohnten Weise anstrengend. Die Herausforderung beim Erlernen der Punktschrift besteht nicht primär darin, die sich aus Punkten ergebenden Zeichen in ihrer Bedeutung zu verstehen. Sie besteht vielmehr darin, den Tastsinn und die sogenannte 2-Punkt-Diskriminierung, also die Auflösung, mit der man tasten kann, zu verbessern. Durch Übung, Übung und noch einmal Übung.
Die Wahrnehmung zu schulen, ist wesentlich anstrengender und langwieriger, als irgendeine Theorie kognitiv zu bearbeiten. Genau dem trägt übrigens auch unsere geliebte Königliche Kunst Rechnung.

Das Ritual ist ein Ereignis voller besonderer Wahrnehmungen, die Gelegenheit, die Wirklichkeit in Symbolen, seltenen Zeichen aufzufassen. Indem wir es immer wieder aufführen, immer wieder daran teilnehmen, üben wir unsere Wahrnehmung des Rituals. Einfach, weil wir es machen. Ob wir es wollen oder nicht. Wir begegnen dem Ritual durch Wahrnehmung und dadurch erlernen wir es.

„Ich berühre die Arbeitstafel und die Arbeitstafel berührt mich.“

Ich bin nun in der Lage, der Arbeitstafel in einer Weise zu begegnen, in der ich ihr vorher noch nicht habe begegnen können. Und da die Begegnung immer die Möglichkeit des Lernens, der Entwicklung in sich trägt, bin ich so beglückt. Denn mit jeder neuen Lernmethode ergeben sich auch immer neue Lerninhalte, insofern diese Methode Bereiche erschließen kann, die bei Nutzung der alten Methoden verschlossen geblieben sind.

So liegt die Tafel nun als längliches Viereck auf meinen Oberschenkeln vor mir. Im Sitzen nehmen meine Hände den Kontakt mit ihr auf, begegnen ihr, begegnen dem Tempel, den sie darstellt. In den Tempelmauern finde ich drei Tore. Eines im Westen, das sich an meinen Hüftgelenken findet, eines im Osten, das sich an meinen Kniegelenken findet und eines im Süden, das auf meinem rechten Oberschenkel ruht. Ich berühre die Arbeitstafel und die Arbeitstafel berührt mich. Die Himmelsrichtungen sind als Buchstaben abgekürzt eingekerbt fühlbar. Ein W, ein O und ein S. Sodann erfasse ich unten, westwärts, die kunstvoll gerundeten Säulen. Eine unter der linken Hand, eine unter der rechten. Gefühlte Polarität, deren Wechselwirkung mich direkt und unmittelbar durchströmt und die ich auch im musivischen Pflaster zwischen ihnen als sich rechteckig abwechselnde Felder, die erhaben und eingesenkt sind, erspüren kann.

Sie erinnern mich an das tastbare Schachbrett, das ich mir in längst vergangenen Tagen mit meinem leider bereits verstorbenen Freund und Betreuer Sepp selber gebaut habe. Wunderschön. Und zweckdienlich. Zwischen den Säulen gleiten meine Hände überdies über drei Stufen sowie leicht oberhalb von diesen links und rechts davon über die Werkzeuge, mit denen raue und glatte Steine ver- und bearbeitet werden können. Links, nordwärts der Spitzhammer. Rechts, südwärts die Kelle. Sie erscheint ganz anders, als ich sie mir vorgestellt habe. Fast könnte man sie Spitzkelle nennen. Ob sich damit genug Bruderliebe als Mörtel zwischen uns Steine in den Tempel der Humanität einbringen lässt? Schließlich müssen auch menschliche Polaritäten gut verbunden werden.

Wie man Licht fühlen kann …

Auf der halben Strecke von West nach Ost taste ich von links nach rechts das Senkblei, Winkelmaß mit Zirkel vereint und die Winkelwaage. Hervorragend! Im wahrsten Sinn des Wortes und im übertragenen Sinn. Die Aufhängung des Lots, die greifbare Linierung des Winkelmaßes, das Scharnier des Zirkels oder die horizontale Einstellung der Winkelwaage, einfach toll.

Wäre ich mit diesen Werkzeugen an mir, in den Bemühungen um eine winkelrechte Lebensführung, doch nur so erfolgreich wie diejenigen, die mich mit dieser Betrachtungsmöglichkeit so künstlerisch beschenkt haben. Das wäre was. Würden sich die Polaritäten in mir doch immer so zusammenfügen, wie Winkelmaß und Zirkel in der Maurerei. Das wäre was.

Darüber, quer liegend, begegnen meine Finger dem 24-zölligen Maßstab. Während ich mich in seiner Schönheit ergehe, fällt mir ein, dass ich meine Zeit weiser einteilen und ob ihrer Endlichkeit besser nutzen sollte. Für blinde Freimaurer muss das in besonderer Weise gelten. Man kann zwar fast alles in der Maurerei auch blind, aber man braucht dazu mehr Zeit als diejenigen, die sehen können. Daher sollte ich ihn besser handhaben lernen.

Oben, ostwärts, stoßen meine Hände wieder auf Polarität, auf die Sonne südseitig und den von ihr beschienen Mond nordseitig. Zwischen beiden finde ich drei zu einer Pyramide angeordnete Sterne. Und unterhalb von diesen ein großes, mächtiges Symbol, das ist spürbar, ein fünfzackiger Stern, aus dem fünf Flammen hervortreten.

Links und rechts davon, finden sich, wie oben auch, jeweils drei Sterne, die pyramidenförmig mit je zwei Sternen als Basis und einem als Spitze, angeordnet sind. Mit Ring- und Zeigefinger der rechten und linken Hand kann ich gleichzeitig die Basis dieser kleinen Lichtpyramiden berühren, derweil meine Mittelfinger deren Spitzen kontaktieren. Und mein inneres Auge sagt mir währenddessen, dass ich aus diesen drei kleinen Lichtpyramiden aus Sternen auch eine große Lichtpyramide konstruieren könnte. Mit den drei Sternen links und den drei Sternen rechts als Basis und den drei Sternen oben als Spitze. Dreimal drei eben. Da sag noch mal einer, man könnte Licht nicht fühlen.

„Sehen kann man mit allen Sinnen.“

Um das Licht, es rahmend, knapp oberhalb der beiden Säulen beginnend, fühle ich die Knotenschnur, das uns einigende Band mit drei vollen Lemniskaten, eine im Norden, eine im Osten und eine im Süden. Es ist schön, die Unendlichkeit der Weltbruderkette zu sehen. Es ist schön, Symbole der Verbrüderung zu spüren. Es ist schön, die Ordnung und den Halt, der sich mit Polaritäten ergeben kann, tatsächlich in Sinnbildern vor sich zu haben.

Den symbolischen Bauplan unseres Lebens, den Arbeitsteppich, einmal so erfahren zu können, ihm so begegnen zu dürfen, hat meine Erwartungen daran noch um Längen übertroffen. Ich werde ihn noch oft studieren können und immer wird er mir Weiteres, Neues sagen und offenbaren. Für diese Möglichkeit der Begegnung mit ihm gilt mein herzlicher Dank an all diejenigen, die zur Realisierung des Projektes beigetragen haben.

Auch in einer vom Krieg verdunkelten Welt gibt es noch Licht und Liebe. Man muss sie nur sehen können. Und sehen kann man mit allen Sinnen. Dabei, es zu lernen, können wir einander helfen. Davon bin ich überzeugt. Und wir sollten einander dabei helfen. Denn nur ein Leben im Licht und mit Liebe wird ein zufriedenes und glückliches Leben sein. Wer wünscht sich das nicht? Dazu braucht es Begegnungen. Und von einer solchen wollte ich hier berichten.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 3-2022 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.