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Das Gewicht der Welt

Von Br. (Prof. Dr.) Tillmann Wagner

…auch zum Hören als Podcastfolge

Es war Frühjahr 2019. Ich war gerade erst vor ein paar Stunden in Singapur gelandet, um an einer Konferenz teilzunehmen. Nun stehe ich mit einem Glas Sekt in der Hand etwas verloren allein auf dem Eröffnungsempfang. Aus den Augenwinkeln sehe ich meinen Bekannten Werner K. auf mich zugehen und bin erleichtert: Endlich jemand, den ich kenne! Werner und ich treffen uns dann und wann auf Veranstaltungen wie diesen und verstehen uns gut. Nach mittlerweile mehr als sechs Jahren ist mir diese Begegnung dann allerdings ganz besonders im Gedächtnis geblieben. Ich erinnere mich vor allem an Werners erste Worte nach dem Händeschütteln. Er begrüßte mich mit der Feststellung:

Du siehst aus, als würdest Du das Gewicht der Welt auf Deinen Schultern tragen.

Innerlich war ich irritiert. Das ist ja nun nicht besonders nett zu sagen. Das ist eigentlich richtig unverschämt! Werners Worte hatten mich gekrängt. Dabei gab es nur ein Problem: Er hatte recht – und ich wusste es. Die gefühlte Last der Welt war in Herz und Verstand mehr und mehr zu meiner eigenen Realität geworden. Was war passiert? In meinen Lebensumständen? Und in meinem Inneren? Vor allem jedoch: ich war doch in den sogenannten besten Jahren – sollte es so nun bis zu dem Ende meiner Tage weitergehen? Als Freimaurer war ich aufgefordert, an mir arbeiten zu wollen. Wie ernst war es mir damit denn nun eigentlich? Es war die rechte Zeit, mit der Arbeit zu beginnen.

Die einzelnen Bestandteile des gegebenen Titels „das Gewicht der Welt“ geben uns bereits etwas Orientierung zu Beginn: Zunächst einmal bezieht sich die erwähnte „Welt“ auf die jeweilige physische und gesellschaftliche Welt des Einzelnen. Die „Realität“, wenn man so will – auch wenn ich diesen Begriff eigentlich nicht so gerne verwende. Gemeint sind hiermit jedenfalls insbesondere die gegebenen Lebensumstände, eigene körperliche Verfassung, Gesellschaft inkl. der Medien sowie all die Beziehungen und Begegnungen, die man so hat. Symbolisch wird diese materielle Ebene durch die Elemente –Feuer, Wasser, Erde & Luft– abgebildet sowie vor allem auch durch die Zahlensymbolik deren Anzahl, der Vier.

Weiterhin lassen sich aus dem Begriff „Gewicht“ drei Eigenschaften ableiten: Erstens impliziert dieses Wort eine Trennung in der einen oder anderen Form: Das Gewicht wirkt ein auf etwas, was sich dezidiert abgrenzen lässt. Dies kann z.B. ein weiteres Objekt oder eine separate Substanz sein. Daher erweitern wir unsere Perspektive um einen Aspekt: Zu den vier materiellen Elementen schließen wir zusätzlich den menschlichen Geist mit ein. Dieser verkörpert die gedankliche und die immaterielle Ebene des Menschen. In der Symbolik der Zahlen gehen wir mit diesem Schritt von der Vier zur Fünf. Darauf gehen wir gleich noch ein.

Zweitens impliziert das Wort „Gewicht“ die Auswirkung einer Kraft. Etwas hat eine Wirkung auf etwas anderes. Drittens und letztens entfaltet sich diese Kraft durch ein gegebenes Schwerefeld. Sie wirkt sich als Schwerkraft von oben nach unten aus, d.h. in einer vertikalen Richtung. Daher wird uns gleich auch die vertikale Ausrichtung einer geometrischen Figur als ordnendes Prinzip interessieren.

Insgesamt zielt unser Thema des Gewichts der Welt natürlich vor allem auf eine bestimmte Art von Lebenserfahrung ab: eine schwierige und belastende Situation oder Lebensphase, ein Sinn von Verzweiflung vielleicht sogar oder eine mehr oder weniger nachhaltige Lebenskrise – was immer die Ursprünge von all dem auch sein mögen. Ich denke, folgendes Zitat hilft uns, dies weiter einzuordnen:

Ich hatte zuvor in meinem Leben Probleme nie kennengelernt. Es ging ständig bergauf und es gab wenig Widerstand. Deshalb trifft dich ein Schicksalsschlag dann ganz besonders, weil ich nicht gelernt hatte, mit Problemen umzugehen.

— Franz Beckenbauer

Hier auf der materiellen Ebene mag das Gewicht der Welt ein zu erwartender oder gar wichtiger Bestandteil der menschlichen Erfahrung sein oder auch nicht. Das liegt nicht an mir zu beurteilen. Als Freimaurer möchte ich jedoch eine geeignete Symbolik durchdringen, die mich bei meiner Arbeit unterstützen kann. Dabei weiß ich sicherlich auch nicht mehr als alle anderen. Oft weniger. Daher kann ich niemandem außer mir selbst eine Antwort auf das Gewicht der Welt bieten. Diese muss letztendlich jeder für sich selbst finden. Was bleibt, ist allein mein eigener Bezug zu der kraftvollen Symbolik, die wir im Folgenden betrachten und die in meinem eigenen Leben eine wahre Bedeutung hat.

Vielleicht bzw. vermutlich ist das Gewicht der Welt auch Teil Ihrer Lebenserfahrung, lieber Leser. Vielleicht zurzeit. Vielleicht war es mal so. Vielleicht war es nie anders. Niemand kann in den anderen hineinsehen. Oft scheinen Dinge von außen ganz anders, als sie im Inneren sind. Was für den Einzelnen belastend ist und zu welchem Ausmaß – das ist allein im Inneren behaftet und das lässt sich auch schwer mit den Umständen anderer vergleichen. Hier trifft die Redewendung „Jeder hat sein Kreuz zu tragen“ nicht bloß in diesem Sinne zu. Sie erinnert uns außerdem nochmals an die Symbolik der Zahl Vier durch die Anzahl der Arme des Kreuzes. Unsere Lebensumstände sind die unseren, ob wir das nun innerlich begrüßen, ablehnen oder überhaupt wahrhaben wollen. Einige Umstände lassen sich ändern. Andere vermeiden oder herbeiführen. Viele andere nicht. Oftmals haben wir keine Wahl. Dies versinnbildlicht die materielle Vier als das menschliche Schicksal. Doch aus nachfolgenden Gründen ergibt sich hieraus fast im gleichen Zuge auch die symbolische Fünf durch Einbezug des menschlichen Geistes, des Gedanklichen.

Symbolisch ist der Vier die Fünf –sowohl implizit als auch explizit– inhärent: Einmal lässt sich die Fünf implizit als die Mitte eines geometrischen Vierecks (der symbolisierten Elemente der Materie) verstehen. Zweitens kommen wir nochmals kurz auf das erwähnte Kreuz der Materie zurück: hier ist die Fünf nun explizit durch den Schnittpunkt der beiden Linien bzw. Balken des Kreuzes abgebildet.

Psychologisch betrachtet, stelle ich zunächst nebenbei einmal fest, dass es mit der Wahrnehmung der sogenannten objektiven Realität auch so eine Sache ist: Um uns herum sehen wir Dinge in verschiedenen Farben. Dabei werden Sie vermutlich wissen, dass unser physikalisches Umfeld tatsächlich überhaupt keinerlei Farben aufweist. Farbe ist keine äußere physische Realität. Farbe ist eine rein innere menschliche Empfindung, wobei diese bei verschiedenen Menschen oft unterschiedlich oder auch gar nicht stattfindet.

Mein zentraler Punkt aus psychologischer Sicht ist jedoch ein anderer, nämlich die Grundeigenschaften des Gedanklichen an sich: konkret zunächst einmal dessen Automatismus. Was ich sagen möchte ist: in unserer persönlichen Lebensrealität ist unsere Wahrnehmung der Welt untrennbar mit aufkommenden gedanklichen Bewertungen, Erinnerungen und Empfindungen verbunden. Zudem hat allein unsere Spezies die Fähigkeit zur gedanklichen Reflexion und Kontemplation. Insgesamt ist das menschliche Erfahren der Welt auf fundamentale Art und Weise subjektiver Natur. Vor diesem Hintergrund betrachten wir die materielle und gesellschaftliche Welt nachfolgend in Relation zu dem menschlichen Geist. D.h. die gegebene Symbolik umfasst vier Elemente der Materie und einen menschlichen Geist, dargestellt durch die Zahl Fünf.

Geometrisch findet die Fünfzahl ihren Ausdruck in der Figur des regelmäßigen Sterns mit fünf Zacken. Als Symbol ist der Fünfstern vor allem in der Form des Pentagramms bekannt. Dieses besteht aus den Diagonalen des regelmäßigen Fünfecks, welche die Figur umschließen und im Inneren ein weiteres Fünfeck bilden. Das Pentagramm kann und sollte in einem Zug ohne Absetzen gezeichnet werden, und es weist die mathematischen Eigenschaften des Goldenen Schnitts auf. Die Figur ist eines der ältesten und bekanntesten Symbole überhaupt, und wird auch oft in der Popkultur in Filmen, Musikvideos und Mode verwendet.

In der Freimaurerei wird das Pentagramm im Sinne einer Lichtsymbolik als Flammender Stern abgebildet und veranschaulicht den erwachten und reifenden Geist. Der Flammende Stern ist in mehrerer Hinsicht eine erweiterte Symbolik, wodurch eine Abgrenzung gegenüber ritualmagischen Ursprüngen erfolgt. Da sich der Flammende Stern bzw. das Pentagramm auf den Mikrokosmos bezieht, entspricht es der gegebenen Perspektive auf die Lebensrealität des einzelnen Menschen: Vier Sternzacken verkörpern die materielle und gesellschaftliche Welt des Einzelnen, der fünfte Zacken ist der menschliche Geist. Um einen Bezug zur Wissenschaft herzustellen, biete ich außerdem an, unter diesem Mikrokosmos auch die analytische Mikro-Ebene zu verstehen, konkret in diesem Falle: die Sicht der Psychologie. Daher sind uns auch Erkenntnisse der psychologischen Forschung in diesem Zusammenhang nützlich.

Nun ist das Pentagramm ein sehr bekanntes und kraftvolles Symbol. Es wird allerdings auch oft missverstanden und mit falschen Dingen in Verbindung gebracht. Dabei wird in der öffentlichen Wahrnehmung meist die unterschiedliche vertikale Ausrichtung übersehen. Konkret ist das regulär stehende Pentagramm mit einer Spitze nach oben ausgerichtet. So ist dies in der Freimaurerei und in der positiv-orientierten westlichen Esoterik der Fall. Im Gegensatz dazu wird im schwarzmagischen Okkultismus das auf der Spitze stehende, „umgekehrte“ Pentagramm verwendet. Hier zeigt die Spitze nach unten und zwei Zacken bilden das obere Ende der Figur.

Die beiden alternativen vertikalen Ausrichtungen unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich ihrer Symbolik. Tatsächlich entsprechen das reguläre und das umgekehrte Pentagramm auch gegensätzlichen psychologischen Konstellationen in der Art und Weise, wie der Mensch der Welt grundsätzlich begegnen kann. Die Menschen im Allgemeinen –auch Sie, lieber Leser und ich– praktizieren beide dieser unterschiedlichen Weisen. Doch hierauf haben wir auch Einfluss. Mehr dazu im weiteren Verlauf.

Weite Teile der modernen Sozialpsychologie sowie die Verhaltensökonomie belegen zahlreiche Verhaltensmuster, die dem umgekehrten Pentagramm entsprechen: Der Mensch reagiert automatisch –und meist unbewusst– auf bestimmte Aspekte seiner Umwelt, man kann auch sagen: auf die Elemente der Materie. „Activated Actor“ nennt sich das. Diese reaktive Art des Verhaltens entspricht im Kern einer passiven Orientierung gegenüber der Welt. Menschliches Handeln erfolgt reflexartig auf Signale des Umfelds, nicht proaktiv und schon gar nicht selbstbestimmt. Da solche Reaktionsmuster automatisch durch die Umwelt ausgelöst werden und außerdem nicht individualistisch, sondern personenübergreifend zu verstehen sind, ist der menschliche Geist hier der Materie untergeordnet. Wie eine Marionette, die durch Fäden von oben bewegt oder stillgehalten wird. Und alle Marionetten hängen an den gleichen Fäden. Sie hopsen, drehen und wenden sich gemeinsam nach den Impulsen der Materie von oben.

In diesem Sinne verkörpert das Symbol des umgekehrten Pentagramms auch Vorrang der Materie vor dem Geist. Der menschliche Geist ist der materiellen Welt und den Begierden des physischen Körpers hierarchisch untergeordnet. Anders ausgedrückt: Die Vier Elemente der Materie wirken von oben herab auf den Geist ein. Sie diktieren ihn und sie lasten auf ihm. Dies entspricht dem hier diskutierten „Gewicht der Welt“, wobei das umgekehrte Pentagramm mit der Spitze nach unten zeigt. Die Vier Elemente der Materie stehen hierarchisch über dem Geist. Sie steuern ihn von oben. Aber wovon wird diese Wirkung denn getrieben? Was ist hier das –im wahrsten Sinne des Wortes– übergeordnete Prinzip, das die Figur bis ganz in den Geist hinab durchdringt? Die zwei Sternzacken am oberen Sternenende haben eine symbolische Bedeutung, die sich auch wiederum in der psychologischen Forschung wiederfinden lässt.

Symbolisch verkörpern die zwei oberen Zacken des umgekehrten Pentagramms das Spannungsfeld der Dualität. Dies bedeutet eine Einordnung der Welt in Gegensatzpaare, die sich unversöhnlich gegenüberstehen und die sich in keiner harmonischen Einheit zusammenfassen lassen. Dualität bedeutet das Prinzip „Entweder-Oder“. Dualität bedeutet eine Wertung der Welt auf dem Spektrum „gut“ bis „schlecht“. „Gut“ bedeutet hier –wohlgemerkt– gut für mich bzw. eigentlich „ich mag es“ oder „ich will es“ im Gegensatz zu „ich mag es oder will es nicht“. Wie können wir die Dualität praktisch verstehen? Mich selbst verblüffen manchmal Kommentare des Alltags wie „am Samstag gibt es wieder gutes Wetter“. Wie kann denn Wetter „gut“ oder „schlecht“ sein? Dies geschieht allein, wenn der Welt die eigenen Präferenzen übergestülpt werden. Dabei ist Wetter weder „gut“ noch „schlecht“ an sich. Das Wetter ist. Die Materie ist. Dualität spaltet die Wirklichkeit.

In der Psychologie manifestiert sich das Prinzip der Dualität in der sogenannten Affektheuristik. Die Anwendung einer Heuristik bedeutet im Allgemeinen, Entscheidungs- oder Bewertungsprozesse auf eine vereinfachte Daumenregel zu reduzieren. Sonstige Merkmale werden weniger stark gewichtet oder ganz außer Acht gelassen. Bei der Affektheuristik basiert eine Bewertung oder Entscheidung allein auf dem Ausmaß spontan empfundener Zuneigung versus Abneigung gegenüber einer Option. D.h. inwieweit sich etwas sofort „gut“ oder „schlecht“ anfühlt. Dies kann sowohl unbewusst als auch bewusst geschehen. Vor allem im evolutionären Kontext war die Affektheuristik eine wirksame kognitive Strategie des Jägers-und-Sammlers zum Überleben in einem unsicheren Umfeld voller Gefahren.

Heutzutage sind wir uns mehr bewusst, dass nicht alles, was sich für uns im Augenblick gut anfühlt, auch gut für uns sein muss – so wie allein eine ganze Pizza nach Mitternacht zu verdrücken. Oft ist es genau andersherum: Dinge sind zunächst unangenehm und erfordern Überwindung, sie sind aber letztendlich förderlich bzw. notwendig – so wie eine ärztliche Untersuchung zur Darmkrebsvorsorge oder endlich den Keller auszumisten. Zudem sind anspruchsvolle Vorhaben, wie etwas Komplexes zu erlernen, einen guten Text zu schreiben oder einen neuen Job, Kunden oder romantischen Partner für sich gewinnen zu können, meist nicht nur angenehm in der Anfangsphase. Gefühlte Erfüllung ergibt sich hier oft erst später. Man muss sich diese durch die eigene Überwindung erst erarbeiten. Ich weiß: das klingt anstrengend! Und das ist es auch. Alternativ dazu kann man es sich auch in der Komfortzone gemütlich machen: Hier ist es warm und sicher. Anstrengung, Ablehnung und Scheitern existieren hier nicht. Die Entscheidung liegt bei einem selbst.

Vor allem jedoch ist die Dualität des umgekehrten Pentagramms eine bestimmte Art durchs Leben zu gehen. Zwar ist sie den Menschen gewissermaßen natürlich, doch sie muss Herz und Verstand nicht ganz für sich vereinnahmen. Durch die Dualität nehmen wir unsere Mitmenschen und Lebensumstände auf eine bestimmte Art und Weise wahr. Allein erst das immerwährende „gut“ versus „schlecht“ bzw. „ich mag es“ versus „ich mag es nicht“, „ich will es“ versus „ich will es nicht“ der Dualität lassen unsere materiellen Umstände zu unseren subjektiven, gefühlten Problemen werden und erschaffen somit das Gewicht der Welt.

Kommen wir nun zu dem regulären Pentagramm. Wir erinnern uns an die Sternspitze, die hier nach oben zeigt. Damit wird versinnbildlicht, dass der Geist entgegengesetzt der Materie, auf das Höhere ausgerichtet ist. Man sagt hier auch, die Materie wurde vergeistigt. Vergeistigung kann in zweierlei Hinsicht verstanden werden: zum einen einmal als gehobener mentaler Zugang zur materiellen Welt, d.h. wie Dinge wahrgenommen und gedanklich verarbeitet werden. Die eingenommene mentale Ebene ist hier eine höhere und auch abstraktere Sichtweise – jenseits impulsiver Bewertungen der Umwelt. Und jenseits letztendlich zielloser gedanklicher Endlosschleifen über all das, was man in seinem Leben, an der Welt, den Menschen und bestimmten Politikern denn so nicht mag und wie anders das alles denn eigentlich sein sollte – ausgenommen natürlich, man selbst!

Eine solche Vergeistigung kann auch Bewusstheit über das eigene Denken und Empfinden bedeuten. In der Psychologie werden solche Prozesse als „Metakognition“ bezeichnet. Sie ermöglichen bewusstes und bedachtes Handeln auf hohem Niveau. Die gehobene mentale Ebene umfasst außerdem die Kontemplation. Und sie ermöglicht menschliche Erkenntnis im philosophischen Sinne.

Das zweite Verständnis von Vergeistigung ist die spirituelle Perspektive. Das Leben, die Welt, die Menschen und vor allem man selbst und sein eigenes Handeln werden in einem spirituellen Sinne verstanden. Das Irdische ist die Manifestation einer höheren Wirklichkeit. Dies geht meist einher mit Glauben an übernatürliche Entitäten wie eine höhere Macht und Glauben an die unsterbliche Seele des Menschen – so wie das bei mir der Fall ist. Dem mag eine bestimmte Glaubensrichtung zugrunde liegen oder auch nicht. In diesem Sinne bedeutet Vergeistigung auch, sein eigenes Denken und Handeln im gelebten Alltag auf das Höhere auszurichten, was immer dies für den Einzelnen auch bedeuten mag. Vor allem jedoch sind die beiden Sichtweisen auf das Prinzip der Vergeistigung nicht dualistisch zu verstehen. Es gilt kein „Entweder-Oder“. Ganz im Gegenteil: Vergeistigung als gehobene mentale Sichtweise und Vergeistigung als spirituelles Verständnis haben beide ihren Platz in der Freimaurerei, und jeder Bruder kann es so gewichten, wie er es mag.

In dem aufrechten Pentagramm ist der Geist zudem hierarchisch über den physischen Elementen platziert. Symbolisch bedeutet dies Überwindung der Materie. Das Pentagramm ist hier ein Zeichen geistiger Selbstherrschaft. Die innere Welt und das eigene Handeln werden nicht eins zu eins von den äußeren Umständen, Signalen der Umwelt und Begierden des physischen Körpers bestimmt. Die kausale Beziehung kann sogar umgekehrt verlaufen. Der Geist bestimmt dann das materielle Umfeld, zumindest in gewisser Weise.

Auch diese Perspektive lässt sich in der psychologischen Forschung wiederfinden: Denn neben dem fremdgesteuerten Verhalten des „Activated Actors“ sucht sich der Mensch sein Umfeld auch maßgeblich aus bzw. vermeidet bestimmte Umgebungen und Informationsquellen proaktiv. „Selective Exposure“ nennt sich das. Wer eine Mediathek erst gar nicht aufruft, unterliegt auch nicht dem Einfluss deren Inhalte und Rhetorik. Das wäre ein Beispiel dafür. Zudem distanzieren sich einige Forscher explizit von der Vorstellung des Menschen als ein primär reaktives Wesen. Dazu gehören die Autoren der bekannten Selbstbestimmungs-Theorie sowie Forscher der Verhaltensgenetik um den Psychologen und Genetiker Robert Plomin. Hier wird ein proaktiv-orientiertes Menschenbild zugrunde gelegt. Die Menschen suchen, modifizieren und erschaffen sich zentrale Aspekte ihrer eigenen Umwelt. Aus sich selbst herausgetrieben. Sie studieren Kunstgeschichte, werden Rechtsanwältin, sammeln Briefmarken, sprechen die hübsche Frau im Fitnessstudio an oder ziehen raus aufs Land – in Abstimmung ihrer psychologischen Grundbedürfnisse. Diese Bedürfnisse beziehen sich auf angestrebte Autonomie im Handeln, Selbstwirksamkeit bzw. Kompetenz und soziale Verbundenheit. Individuelle Veranlagungen der Persönlichkeit beeinflussen das gesuchte Umfeld dazu noch maßgeblich.

Zusammengefasst ergibt sich das Gewicht der Welt aus dem umgekehrten Pentagramm. In der Form schwieriger Lebensumstände lastet die Materie auf dem Geist und vereinnahmt ihn dabei. Anders gesagt: der Geist verliert sich in der Bewertung der Umstände nach dem dualistischen Prinzip. Dies empfindet jeder auf seine eigene Art und Weise. So kann sich das Gewicht der Welt z.B. als nachhaltige Entmutigung manifestieren. Dieses Gefühl ist ganz im Sinne des umgekehrten Pentagramms. Der entmutigte Geist hat sich der Materie ergeben. Seine Grundhaltung der Welt gegenüber ist nun passiver Natur. Die eigenbestimmte Motivation zum Handeln ist verkümmert. Hallo „Activated Actor“. Ein solcher Gefühlszustand formt außerdem nachgelagerte gedankliche Prozesse. Konkret kann das Gewicht der Welt zu einer Tendenz der Risikoaversion führen. Der untergeordnete Geist geht kein Wagnis mehr ein. Sein Umfeld herrscht mehr über ihn, als dass er es mutig nach seinen Vorstellungen gestalten kann. Willkommen in der Komfortzone.

Wie kann sich der Einzelne nun in Anbetracht des Gewichts der Welt innerlich aufstellen? Zwar kann ich hier niemandem außer mir selbst eine Antwort bieten, doch es erschließen sich mir zwei Ebenen. Plakativ gesagt, bedeutet das Gewicht der Welt vor allem auch, belastende Probleme zu haben. Daher denke ich zuerst an das entsprechende Handeln an sich, d.h. weltliche Probleme versuchen zu lösen oder zu vermeiden. Freimaurerei bedeutet nicht Abkehr von der Materie. Ganz im Gegenteil: der Einzelne wird bewusst mit den physischen Elementen konfrontiert. Diese Begegnung ist nicht immer nur angenehm. Allerdings lassen sich gewisse Dinge nur durch solche Herausforderungen und –ja– wohl auch durch erfahrene Rückschläge erkennen und lernen. Das stellte auch Franz Beckenbauer letztendlich fest. Ich selbst sehe dies zudem im Sinne der hermetischen Kabbala: die materielle Ebene ist Teil der spirituellen Welt insgesamt und erfordert daher unser volles Handeln mit Leib und Seele. Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan. Auch für mich. Aber es bedeutet, sich seinem Leben und seinen Problemen durch sein Verhalten zu stellen. So gut es einem möglich ist. Und mit der Kraft, die man aufbringen kann. Manchmal geht nicht mehr, als geht. Das ist auch bei mir so.

Obwohl dem Einzelnen oft tatsächlich weitaus mehr im Leben möglich ist, als dieser es vermuten mag, ist der eigene Einfluss auf die Welt am Ende des Tages begrenzt. Einige Probleme werden bestehen bleiben. Die Konsequenz hieraus und somit die zweite Ebene meiner Schlussbetrachtung leite ich aus den Worten Viktor Frankls ab. Der verstorbene Autor und Psychiater hinterlässt uns folgende Einsicht:

Wenn wir nicht mehr in der Lage sind, eine Situation zu ändern, sind wir gefordert, uns selbst zu ändern.

Übersetzt in unsere Symbolik, meint dies die vertikale Umkehrung des Pentagramms, damit die Sternspitze wieder nach oben zeigt. Dies bedeutet: innerer Abstand zu den eigenen impulsiven Bewertungen. Geistige Selbstherrschaft durch eine gehobene mentale Sichtweise. Spirituelle Stärke durch eine Ausrichtung auf das Höhere, an das man glaubt. Und für mich selbst bedeutet dies vor allem auch die Entscheidung für das Wagnis im Leben. Ins Wagnis zu gehen bedeutet, dass letztendlich auch mal Dinge zu Bruch gehen werden. Das Wagnis bedeutet, dass man auch scheitern wird. Und es bedeutet, auch mal von anderen abgelehnt oder nicht gemocht zu werden. Doch so möge es sein.

Der leichtere Weg ist dies alles jedoch wohl nicht. Mir scheint, hier gilt es einiges im Inneren aufzugeben. Und ich erinnere mich an den Rauen Stein des Freimaurer-Lehrlings: Bei dem Bearbeiten wird nichts hinzugefügt, sondern es fällt etwas ab. Der Einzelne gibt bestimmte Dinge an sich bewusst auf. Der Raue Stein –d.h. der Einzelne an sich– wird leichter. Genauer gesagt: innerlich leichter. Somit reduziert sich auch das Gewicht der Welt. Und wäre es nicht schön und die Überwindung wert, etwas leichter durchs Leben gehen zu können?

Dazu fällt mir zum Schluss noch Folgendes ein. Zwar habe ich keine Religion, doch ich erinnere mich noch an meinen Religionsunterricht als Jugendlicher. Der hatte mich damals nun so gar nicht interessiert. Mittlerweile habe ich das Leben und das Gewicht der Welt aber etwas kennenlernen dürfen. Und in letzter Zeit geht mir eine bestimmte Überlieferung des Öfteren durch den Kopf. Demnach war eine historische Person so leicht, dass sie über das Wasser gehen konnte. Jetzt denken Sie vielleicht, lieber Leser: so leicht kann kein Mensch sein! Und dem ist wohl so. Aber ist diese Metapher nicht kraftvoll? Ist sie nicht erbauend? So leicht zu sein bzw. innerlich nach den eigenen Möglichkeiten wenigstens etwas leichter zu sein auf dieser Welt?

Manchmal schließe ich die Augen und stelle es mir einfach vor.

Nach einer Weile beginne ich es zu spüren. Wenn auch nur ganz subtil.

–Nennen Sie es Einbildung. Meinetwegen.–

Doch allmählich werde ich dabei gefühlt ein ganz bisschen leichter

…und leichter

…und leichter.

Literaturverzeichnis

Biedermann, Hans (2002), Knaurs Lexikon der Symbole, Augsburg: Weltbild.

Dosch, Reinhold (2011), Deutsches Freimaurerlexikon, 2. überarb. Aufl., Innsbruck: Studienverlag.

Fiske, Susan T. und Taylor, Shelley E. (2021), Social Cognition: From Brains to Culture, 4. Aufl., London: Sage.

Plomin, Robert, DeFries, John C., Knopik, Valerie S. und Neiderhiser, Jenae M. (2016), Top 10 Replicated Findings From Behavioral Genetics, in: Perspectives on Psychological Science, Bd. 11, H. 1, S. 3–23.

Scherpe, Wolfgang (2022 [1977]), Das Unbekannte im Ritual, 7. Aufl., Leipzig: Salier.

Vansteenkiste, Maarten, Soenens, Bart und Ryan, Richard M. (2023), Basic Psychological Needs Theory: A Conceptual and Empirical Review of Key Criteria, in: Ryan, Richard M. (Hrsg.), The Oxford Handbook of Self-Determination Theory, New York: Oxford University Press, S. 84–123.

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