Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

Die braune Pest

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Die braune Pest

Von Adrian Jesinghaus

„Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler. Ich war seit Wochen ernstlich krank, befand mich mehrmals auf kurzem Urlaub. Bei einer solchen Erholungsreise auf die Zugspitze erhielt ich zum ersten Male Kenntnis von den ersten gegen mich im Münchner Braunen Haus eingegangenen anonymen Anzeigen…“

So beginnt die Einleitung zum Roman „Die braune Pest“ von Frank Arnau. Obgleich die höchsten Ebenen der NS-Führung von der bevorstehenden Veröffentlichung des Romans Kenntnis hatten, gab es allerdings bis zum heutigen Tage für keinen Leser die Gelegenheit, den gesamten Text in der Hand halten zu können.

Doch nun, nach 87 Jahren, folgt 2021 die kleine literaturhistorische Sensation: Die längst überfällige Veröffentlichung des Romans unseres Freimaurer-Bruders als Buch.

Arnau selbst beschrieb das Werk noch kurz vor seinem Tod im Jahr 1976 als verschollen, nichtahnend, dass es eines Tages auf abenteuerliche Weise wiederentdeckt und zu neuem Leben erweckt werden würde. Nicht nur dieses ganz besondere Werk selbst erscheint, dessen Inhalt recherchiert, überprüft und bis in Detail belegt wurde, sondern auch der hochinteressante Werdegang des Autors und seines Buches bereichern diese historische Erstausgabe.
Der Autor Frank Arnau kam am 9. März 1894 im Orient-Express in der Nähe von Wien als Schweizer Staatsbürger Heinrich Karl Schmitt zur Welt. Ein Umstand, der im Nachhinein als Vorbote seiner späteren Rastlosigkeit und Schaffenskraft gedeutet werden könnte. Er schrieb über einhundert Bücher und Theaterstücke. Sein damals sehr erfolgreiches Werk gegen die Todesstrafe, der Krimi „Der geschlossene Ring“, erschien 1930 und wurde 1931 von der UFA unter dem Titel „Täter gesucht“ verfilmt, ebenso wie sein Spionageroman „Der Kämpfer im Dunkel“ unter dem Titel „Im geheimen Dienst“. Darüber hinaus arbeitete Arnau erfolgreich als Journalist und als Berater der Großindustrie auf der Vorstandsebene von Unternehmen wie Daimler-Benz, BMW, Deutsche Kabelwerke und der Dresdner Bank.

Schon als junger Mann fand Arnau in Würzburg über den Leiter der dortigen Kriminalpolizei Adolf Krämer den Weg in die Freimaurerei und wurde 1920 in der Loge „Zu den zwei Säulen am Stein“ aufgenommen.  Als immer sozial engagierter und öffentlicher Mensch, dessen Lebensmotto lautete: „Wo es Stärkere gibt, sei immer auf der Seite des Schwächeren“, musste er direkt nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 aus Deutschland fliehen. Auf dieser Flucht entstand sein möglicherweise wichtigstes Werk mit dem Titel „Die braune Pest“, das bis in die Führung des „Dritten Reiches“ hinein hohe Wellen schlug, was unzählige Gestapo-Unterlagen belegen.

Erschienen ist der Roman allerdings nur ein einziges Mal: als Fortsetzungsroman mit 85 Folgen in der sozialdemokratischen Zeitung „Volkstimme“ in den Monaten März bis Juni 1934. Das Blatt erschien im noch nicht zu Hitler-Deutschland gehörenden Saarland mit der Unterstützung des Saar-SPD-Vorsitzenden Max Braun.

Doch das war genug, um die Verfolgung des Autors durch das Regime erheblich zu verschärfen, denn man wusste, dass die Veröffentlichung und Verbreitung als Buch das eigentliche Ziel war. So stand der Autor auch außerhalb des nationalsozialistischen Deutschlands unter scharfer Beobachtung. Mit der Saar-Abstimmung am 13. Januar 1935 fiel das Saarland zurück ans Reich. Die SPD wurde aufgelöst, die „Volkstimme“ vernichtet und das Manuskript ging verloren.

Im Exil in Spanien und Frankreich unterstützte Arnau unermüdlich den Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Deutschland und gegen den Faschismus im Allgemeinen. Wenige Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs veranlasste ihn eine bittere Ahnung, mit seiner Familie nach Rio de Janeiro zu emigrieren. Dort arbeitete er während der gesamten Kriegsjahre als Europa-Experte und Kommunikationsfachmann für die britische Botschaft.
Nach dem Krieg nahm er ein Angebot von Henri Nannen an, nach Deutschland zurückzukehren und zunächst als Journalist beim Magazin „Stern“ zu arbeiten. Neben dem politischen Journalismus widmete er sich weiterhin der Literatur und veröffentlichte Romane im Halbjahrestakt. Heute zählt Frank Arnau mit dem Werk „Das verbrannte Gesicht“ zu den wesentlichen Wegbereitern des modernen deutschen Krimis. Neben vielen Auszeichnungen und einem Ehrendoktor der Ost-Berliner Humboldt-Universität bestätigte er sich mit „Jenseits aller Schranken“ (1958) und „Nur tote Zeugen schweigen“ (1959) nachhaltig als Schriftsteller von Rang. Sein Einsatz für die Menschen litt unter seinen vielfältigen Aktivitäten nie. Er wurde der Präsident der deutschen Liga für Menschenrechte und blieb ihr bis zu seinem Tode treu verbunden.

Sein Schlüsselwerk „Die braune Pest“ blieb für die Literaturforschung ein Rätsel. Allein die unermüdliche Recherche des Arnau-Experten Hans-Christian Napp ermöglicht nach 87 Jahren nun endlich die überfällige Veröffentlichung dieses besonderen Fundes. Nach Jahrzehnten intensiver Forschung im In- und Ausland wurde der Forscher für seine Hartnäckigkeit belohnt. Er fand den Schlüssel, den gesamten Text zu rekonstruieren. Einen Verlag, der sich der Herausforderung annahm, suchte er jedoch vergeblich.

Schließlich wandte Napp sich zur Veröffentlichung an den Autor dieses Textes. Der außergewöhnliche Fund fesselte mich und machte mich zugleich zutiefst betroffen. Innerhalb von wenigen Tagen war ich von Frank Arnau, dem Werk und den erstaunlichen Geschichten ebenso infiziert wie Hans-Christian Napp. Das Buch war analytisch und, obwohl vor fast einem Jahrhundert geschrieben, im Lichte heutiger Radikalisierungsprozesse von bestürzender Aktualität.

Der Text weist die Spuren der Flucht Arnaus auf. Er ist unvollkommen, nicht auf dem Niveau seiner sonstigen schriftstellerischen Fertigkeit. Zeit und Geduld für ein Lektorat waren offensichtlich nicht vorhanden. Der Text, wie er in der Zeitung erschien, war roh und spürbar unter Druck geschrieben, aber mit dem Ehrgeiz und der Kraft, alles, was über diesen Irrsinn erzählt werden musste, zu erzählen – und zwar so konkret und ungeschminkt wie möglich. So konnten viele erzählerische Aspekte des Romans als bis in kleinste Details historisch korrekt nachgewiesen werden.

Der Roman vermag es, die Geschichte der Machtergreifung von Herbst 1931 bis Frühjahr 1933 in eine realitätsnahe Atmosphäre zu hüllen, sodass er die Zeit für den Leser erlebbar macht. Er stellt unerschütterlich dar, dass bereits zu der Zeit seiner Entstehung ein tiefer Einblick in die politische Situation, die skrupellosen Machenschaften in der zusammenbrechenden Weimarer Republik und die unrühmliche Rolle der Großindustrie offenkundig möglich war. Die Parallelen zu radikalen Entwicklungen der Gegenwart lassen den Leser zutiefst erschrecken und er muss verstehen: Wegsehen, Schweigen und Vergessen heißt Versagen!

So hat Arnaus Werk auch noch heute die Aktualität eines Mahnmals gegen zügellose Radikalisierung und naives Stillhalten, aber für die Menschlichkeit.
Für mich stand schnell fest, dass ich alles daransetzen würde „Die braune Pest“ herauszugeben. Wenn mir das so ging, so sollte dieses Projekt sicher auch andere mitreißen. Schließlich unterstützte die heutige Vorsitzende der Saar-SPD, Anke Rehlinger, die Veröffentlichung der profanen Ausgabe und Bruder Christoph Bosbach, Großmeister der Vereinigten Großlogen von Deutschland, die Sonderausgabe für unsere Bruderschaft.

Neben der im Buchhandel oder über den Klingen-Verlag erhältlichen profanen Ausgabe ist eine fest gebundene Sonderausgabe für Brüder Freimaurer zum Preis von 19,80 über die Verlagswebseite https://klingen-verlag.de zu erwerben. Bitte bei der Bestellung vermerken, dass die Logenausgabe gewünscht wird.. 5 € vom Erlös jeweils einer Logenausgabe fließen den Vereinigten Großlogen als Spende zu.