Menü

Die erstarrten Meister

© anncapictures – pixabay.com

Von Stephan Mörs


Freimaurerei – ein zahnloser Tiger in der postfaktischen Zeit?

Liebe Brüder, was nun folgt, wird ungemütlich. Ich habe mich bei einigen Brüdern vergewissert, dass meine Beobachtungen und meine Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen sind. Letztlich bleiben meine Gedanken aber höchst subjektive Wahrnehmungen, die vor allem zum Nachdenken anregen sollen. Dass sie eine breitere Gültigkeit haben, ist meine persönliche Vermutung. Und wenn ich falsch läge, wäre es umso besser.

Corona hat das Logenleben, abgesehen von Onlinetreffen, nahezu völlig zum Erliegen gebracht. Die Logen haben das sicher ganz unterschiedlich gemeistert. Während der vergangenen Monate überkam mich jedoch das Gefühl, das mich sehr erschreckt hat:

Ich vermisse nichts. Ich vermisse nicht den Bruderabend, ich vermisse das Ritual nicht, zu manchen Brüdern habe ich sowieso Kontakt, andere Brüder vermisse ich nicht oder nicht sehr. Nach einer Diskussion mit mir sehr vertrauten Brüdern über meine Gefühlslage bedeuteten sie mir, ähnlich oder auch sogar genauso zu fühlen. Damit ist mein Fühlen natürlich noch lange nicht repräsentativ. Sollte es das aber doch sein, dann hat die Freimaurerei ein Problem.

Es ist nur konsequent zu fragen, warum ich nichts vermisse, und ich habe das natürlich mit den Brüdern erörtert, um der Sache auf den Grund zu gehen. Die Wurzel meines Fühlens liegt schon in einer Zeit, als von Corona noch gar keine Rede war. Die aktuelle Lage ist somit nur ein Katalysator. Ganz bildlich gesprochen, glaube ich, dass Freimaurerei droht, eine Hüterin der Asche, statt Bewahrerin des Feuers zu werden. Ich möchte dies mit eigenen Eindrücken unterfüttern.

Die Freimaurerei kommt aus einer Zeit, in der freie Meinungsäußerung, fortschrittliche Gedanken und kritisches Denken überhaupt dem absolutistischen Staat ein Dorn im Auge waren. Als Reaktion darauf haben sich Clubs, Salons und Lesegesellschaften gebildet, in denen Ideen aufgenommen und debattiert wurden. Die Freimaurerei hat zudem noch ein spirituelles Erbe aus dem Bauhüttenwesen mitgenommen. Später gründeten sich Forschungsgesellschaften, um die Wissenschaft zu fördern. Die Humboldts und Forsters zogen aus, um die Welt zu erkunden, die Darwins und Helmholtz‘ jener Zeit entwickelten Theorien, um das Erkundete zu erklären und das Wissen voranzutreiben. Die Logen selbst waren Petrischalen eines bürgerlichen Gedankengutes und einer umfassenden Bildung.

Mit dem bloßen Versuch der Bestimmung, wer oder was Freimaurer oder Freimaurerei sind, wären wir schon an diesem Maßstab gescheitert. Denn einerseits sind wir nie so edel wie unsere Werte, andererseits sind wir wohl nie so selbstkritisch, das auch zu erkennen. Nicht selten habe ich in unterschiedlichen Logen Brüder erlebt, die glaubten, der Grad oder die Zahl der Mitgliedsjahre würden irgendeine Art von Autorität darstellen, irgendeine Deutungshoheit erlauben. Im irrigen Glauben, die eigene Vita zu verschönern, wird bekundet, dies oder das in der Loge (gewesen) zu sein. Orden und Abzeichen runden das Bild gerne ab. Und freilich gibt es immer Lehrlinge und Gesellen, die sich davon beeindrucken lassen. Das ging mir nicht anders. Es ist nicht deren Fehler. Genau genommen sind sie es, die mit Orden und Anerkennung überschüttet werden müssten, denn sie begehen ihren Weg aktiv, bringen sich ein, halten Vorträge etc. Und so wäre der Weg vom Meister zum Lehrling wohl der richtigere. Oder noch konsequenter: Bis zum Suchenden. Denn warum sollte die Prüfung, ob man zum Bund der Freimaurer passt, je enden? Es mit dem Meistergrad geschafft zu haben, ist ein grandioser Irrtum.

Aber mit dieser Erkenntnis tun wir uns sehr schwer. Brüder Verschwörungstheoretiker, Brüder Reichsbürger, Brüder Youtube-Gelehrte sind in der Freimaurerei auch vertreten und nicht zu selten, um nur die extremsten Einstellungen zu benennen. Mitunter reicht ein Blick in entsprechende Foren und es überkommt einen das blanke Grausen im Hinblick darauf, wie stark der Meinungsnarzissmus gelebt wird. Dies setzt sich offline fort. Höhnisch erklärt ein Bruder einem anderen, dass er, als Reaktion auf die Black-Life-Matters-Bewegung in den USA, doch alle Protestierenden einfach nach Afrika zurückschicken würde – und beide beglückwünschen sich zu dieser „aufrichtigen Meinung“. Ein anderer Bruder spricht, mit Referenz auf ein Youtube-Video, davon, dass wir im Begriff sind, eine Ökodiktatur zu werden. Die Liste an Beispielen ließe sich noch viel weiter fortsetzen.

So bin ich nun angekommen in der Zeit, in der ich von all dem auf Logenebene nicht mehr viel mitbekomme und vermisse natürlich nichts davon. Selbstverständlich kann man nun ins Feld führen, dass die Logen und die Freimaurerei ja aus mehr bestehen, als aus Brüdern vom oben skizzierten Schlage. Das ist richtig. Dennoch bleibt die quälende Frage, was vom Feuer früherer Zeiten übrig geblieben ist und ob es nicht Zeit wäre, neues Holz nachzulegen.
In dieser Zeit, in der die Unterschiede zwischen Information, Wissen und Meinung selbst bei Brüdern eines der Aufklärung verschriebenen Bundes nicht mehr klar sind, in der ein paar Internet-Videos so viel wiegen sollen, wie das ernsthafte Studium zu einem Thema, in der die eigene Meinung als absolut und unbedingt richtig angesehen wird, muss sich die Freimaurerei fragen lassen, wo sie steht.

So vieles, was uns wichtig ist in der Freimaurerei, ist bloße Beliebigkeit. Der junge Bruder lauscht dem älteren, wie dieser – womöglich nach einem Vortrag – gesalbt von Toleranz spricht und die maurerische Symbolik dazu in feinster Form in Stellung bringt, aber letztlich könnte alles ganz anders sein. Jedenfalls erscheint es nicht abwegig, dass es auch Brüder gibt, die unter Toleranz die Grenzverteidigung mit Waffengewalt verstehen (in Friedenszeiten, wohlgemerkt). Womit sich die große Frage stellt, worüber wir eigentlich reden?

Freilich können wir gediegen weiter unsere Rituale begehen, beieinandersitzen und den einen oder anderen Bruder seine merkwürdige Meinung sagen, seinen Narzissmus ausleben lassen. Dann reduziert sich Freimaurerei für mich auf die Brüder, die es sich erlauben, ja gönnen, demütig vor dem eigenen Unwissen zu stehen und gemeinsam dialektisch nach Klarheit zu suchen, ohne auch nur irgendwann eine Deutungshoheit ergreifen zu wollen. Aber dafür brauche ich die Freimaurerei nicht.

Wir dürfen die Augen vor den Missständen unserer Zeit nicht verschließen, denn wir finden sie genauso in unserem Bund. Sowenig die Freimaurerei eine Aussage zu konkreten Entwicklungen machen kann oder sollte – denn es wird wohl nie die freimaurerische Meinung geben können –, so wenig darf sich die Freimaurerei auf ihrem Alter oder ihren berühmten Mitgliedern längst vergangener Epochen ausruhen. Die Aufklärung, deren Kind unser Bund ja so sehr sein will, droht, ihren Inhalt, ihre Errungenschaften zu verlieren. Dabei geht es heute um nicht weniger als damals. Wir ringen wieder um gesellschaftliche Strukturen. War es früher die Zensur, die Wissen behinderte, ist es heute eine überbordende Informationsflut – zwischen Fakten und Fake News –, die uns der Klarheit beraubt. Das Ergebnis ist, damals wie heute, das gleiche: Unwissen. Nur wollen wir uns das heute nicht gerne eingestehen. Hinzu kommt: Damals waren Frauen abgeschnitten von einer umfassenden gesellschaftlichen Teilhabe. In der Freimaurerei ist das bis heute so. Es ist doch fast ein wenig erstaunlich, dass es nicht an jedem Ort, wo es eine Loge für Männer gibt, auch eine Loge für Frauen gibt.

Wohin kommen wir also, nach dieser langen Zeit der Logenruhe? Was ist das für ein Ort? Will ich dort sein? Welche Inhalte gibt es dort? Und: Sind viele Meister in den Logen nicht längst erstarrt?

Ich habe noch keine Antwort gefunden. Ich erlaube mir den Zweifel, denn nur, wenn ich das stets tue, bleibt der Zugang für neues Wissen und Erkennen offen, auch wenn es bedeuten kann, dass die Freimaurerei eine Entwicklung einschlägt, die nicht mehr die meine ist

Meine Aussagen, das möchte ich noch einmal betonen, sind subjektive Eindrücke, die nicht repräsentativ sein müssen. Mein bisheriger Eindruck, den ich schildere, habe ich aus Gesprächen mit anderen Brüdern gewonnen. Ob meine Analyse richtig ist, steht zur Diskussion.