Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

Die Kugelung — eine Quelle des Zwistes?

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Die Kugelung — eine Quelle des Zwists?

Von Br. Englbert Rottenmoser

Die Kugelung als letzter Akt vor der Aufnahme eines neuen Bruders ist eine Besonderheit der Freimaurerei und ein „Alleinstellungsmerkmal“, da es bei Vereinen die Einstimmigkeit – denn das ist praktisch die Kugelung mit der Einschränkung von drei möglichen schwarzen Kugeln – nur in Ausnahmefällen gibt, schon gar nicht bei der Aufnahme von Mitgliedern.

Als Maßstab für Suchende stelle ich eine frühere Beschreibung durch unseren Altgroßmeister, Br. Jens Oberheide, voran:

„Geistig wie auch menschlich aufgeschlossene Männer unterschiedlicher politischer, religiöser oder weltanschaulicher Überzeugung aus allen Gesellschaftsschichten sind uns willkommen, ob sie nun Esoteriker oder Lebenspraktiker sind, Schöngeister, Querdenker, Intellektuelle, Progressive oder Bürgerlich-Konservative, Rechte oder Linke, Gläubige oder Kirchenferne, Idealisten oder Tatmenschen oder einfach nur die Denker und Träumer einer besseren Welt. Menschen, die einander sonst fremdgeblieben wären, kultivieren dieses heterogene Miteinander in den Logen. Es ist auch heute noch umso beglückender, je größer die individuelle Vielfalt an Wissen, Herzensbildung, Lebenserfahrung und Weltanschauung in der Loge ist. Das führt zum ‚Laut Denken mit dem Freunde‘, wie Lessing das nennt.“

Kugelung nicht für persönliche Auseinandersetzungen missbrauchen!

Dies ist zugegebenermaßen ein hoher Anspruch an die Integrationsbereitschaft und -fähigkeit unserer Brüder.

Die Kugelung als der letzte Akt des Aufnahmeverfahrens geht wohl auf die „Alten Pflichten“ zurück, die unter „Allgemeine Anordnungen“ Abschnitt VI. fordern:

„Niemand kann als Bruder in eine Loge aufgenommen oder als ihr Mitglied angenommen werden, ohne die einstimmige Zustimmung aller beim Vorschlag des Suchenden anwesenden Brüder der Loge.“

Die geforderte Einstimmigkeit wird in unserer Großloge konkret so gefasst, dass bis zu drei Gegenstimmen unbeachtet bleiben, wenn diese gegenüber dem Meister vom Stuhl nicht gerechtfertigt werden. Diese Regelung soll wohl der

Lebenswirklichkeit insofern Rechnung tragen, als immer wieder Brüder die Kugelung durch Werfen von schwarzen Kugeln sozusagen „missbrauchen“ können:
– aus nicht in der Person des Suchenden liegenden Gründen (Kritik z. B. an der Logenführung, am Bürgen);
– indem Bedenken angeführt werden u. a. auf Grund persönlicher, weltanschaulicher oder moralischer Präferenzen, Vermutungen, Annahmen und Unterstellungen aus dem Lebenslauf des Suchenden oder einfach aus Missachtung des Toleranzgebotes gegenüber Andersdenkenden;
– aus einem unreflektierten Bauchgefühl heraus, ohne dies nachvollziehbar zu begründen (z. B. „sein Verhalten ist nicht freimaurerisch“, ohne dies näher zu erläutern).

Nun bezeichnen wir Freimaurer uns als einen „Engbund“, der bei der Aufnahme eines Mitglieds eine besondere Prüfung fordert. Dies ist offensichtlich – neben der Pflege der Tradition und des Brauchtums – die Begründung für die Kugelung als letztem Schritt vor der Aufnahme. Dies erfordert nun eine besondere Sorgfalt und eine gut begründete Rechtfertigung des „schwarz“ Kugelnden gegenüber der großen Mehrheit der „weiß“ Kugelnden. Und hier liegt salopp gesagt „der Hase im Pfeffer“, wenn als Begründung für eine schwarze Kugel ein unbestimmtes „Bauchgefühl“ angeführt wird.

Welche Bedenken gelten als begründet?

Eine wesentliche Errungenschaft der Aufklärung, auf die wir uns so gerne berufen, ist die Aufforderung zum Gebrauch der Vernunft im Umgang mit der Gefühlswahrnehmung, nämlich zu ergründen, worauf das „Bauchgefühl“ zurückzuführen ist – getreu unserem Motto „Erkenne Dich selbst!“

Das Bauchgefühl halte ich für wichtig, weil es in einer komplexen Umwelt für unser Verhalten sehr hilfreich ist; nur sollte der vernunftbegabte Mensch in der Lage sein, sein Bauchgefühl gerade gegenüber Mitmenschen zu erforschen und gegen sich selbst aufrichtig zu prüfen, worauf sein Bauchgefühl gründet – „Aufrichtigkeit gegen sich selbst ist mitunter die verwegenste Form der Tapferkeit“ (William Somerset Maugham). Wenn das Bauchgefühl vor allem auf meiner persönlichen Weltsicht beruht, die ich, ohne sie ernsthaft und kritisch zu hinterfragen, für die einzig richtige halte, sowie vorwiegend meine persönlichen Sympathiewerte für den Suchenden ausschlaggebend sind, trübt das den Blick und das Verständnis für den Mitmenschen oder Bruder, und dann ist das Bauchgefühl kein guter Ratgeber.

Der Suchende hat sich nach langer Überlegung (bei uns mindestens ein Jahr) entschlossen, unter Benennung eines Bürgen einen Aufnahmeantrag zu stellen, d. h. er hat den festen Willen, dem Bruderbund beizutreten, weil ihm die Werte unseres Bundes und der brüderliche Umgang wichtig sind, die wir ihm bei unseren Gästeabenden vermittelt und wohl nicht vorgegaukelt haben.

Da auch wir Brüder fehlerbehaftet sind, wie sich das auch im Umgang der Brüder miteinander zeigt – siehe hierzu den „Zwischenruf“ von Br. Thomas Bierling in der „humanität“ Nr. 6/2018 – und uns zwar bemühen, „bessere Menschen“ zu werden, uns aber erst auf dem Weg dorthin befinden, sollten persönliche Eindrücke und Vorurteile bei der Kugelung einer gewissenhaften Selbstprüfung standhalten.
Wenn ein Suchender über ein Jahr lang regelmäßig die Gästeabende besucht, die wir nur für geladene Gäste durchführen, um sie wirklich kennenzulernen, dann ist eindeutig von einem ernsthaften Interesse an unserem Bund auszugehen. Dem kann man sich nur bei wirklich stichhaltigen, nachprüfbaren und nachvollziehbaren Gründen verweigern.

Im Vordergrund sollte der Suchende stehen, der ernsthaft und entschlossen zu uns will, und nicht die persönliche Präferenz eines Bruders. Der aus dem unbestimmten „Bauchgefühl“ schwarz Kugelnde spricht dem Suchenden die Fähigkeit zur persönlichen Weiterentwicklung – ein ethisches Ziel unseres Bruderbundes – ab, er urteilt paternalistisch, d. h. bevormundend, von oben herab, besserwisserisch und nicht auf der Winkelwaage. Mancher Bruder lässt sich leider einfach nicht auf einen Diskurs ein, über sein Bauchgefühl konkret zu sprechen.

Die Entscheidung sollte bereits vor der Kugelung gefallen sein

Die Kugelung ist insofern nur der letzte Akt des Aufnahmeverfahrens, das mehrstufig abläuft. Wenn sich abzeichnet, dass ein Suchender auf größere Vorbehalte in der Bruderschaft stößt, wird bzw. sollte ihm vermittelt werden, dass ein Aufnahmegesuch zumindest zurzeit keine Erfolgsaussichten hat und eine Kugelung unterbleibt, wie das auch in der Freimaurerischen Ordnung vorgesehen ist. Die tatsächliche Entscheidung muss also schon vorher in der Bruderschaft fallen.

Im Übrigen sind drei schwarze Kugeln in einer Loge mit z. B. 15 Mitgliedern qualitativ etwas anderes als in einer mit 40 Mitgliedern wie der unsrigen. Die Kugelung betrachte ich folglich als „altehrwürdigen Brauch“ und „zeremoniellen Abschluss“ des Aufnahmeverfahrens – wie dies übrigens in unserer Satzung auch formuliert und von der Großloge bestätigt ist.

Wenn sich also ein Bruder mit dem Gedanken trägt, auf Grund ausschließlich persönlicher Befindlichkeit und Wahrnehmung des Suchenden („Bauchgefühl“) schwarz zu kugeln, so bitte ich ihn, Folgendes zu bedenken:

– Während der Zeit des gegenseitigen Kennenlernens (bei uns mind. ein Jahr) besteht die Möglichkeit, Bedenken zu äußern, ggf. auszuräumen oder dem Suchenden zu vermitteln, dass er bei uns nicht das findet, was er sucht;
– der „Schwarz“-Kugelnde verwehrt dem Suchenden die Chance und das Angebot, sich in unserem Bund persönlich weiterzuentwickeln – „ein besserer Mensch“ zu werden;
– der „Schwarz“-Kugelnde stellt sich gegen den Bürgen, der für den Suchenden einsteht, und gegen die Empfehlung des Aufnahmeausschusses der Loge;
– er dominiert die große Mehrheit der „Weiß“- Kugelnden. Dass die Loge ein „Engbund“ ist, verpflichtet jeden Bruder umso mehr zu einem brüderlichen Verhalten auch gegenüber den Suchenden.

Jeder Bruder, der sich überlegt, schwarz zu kugeln, sollte wirklich reflektieren, ob seine „persönlichen“ Bedenken (Bauchgefühl) so schwerwiegend sind, dass sie diese genannten Kriterien ausstechen, im Bewusstsein des eingangs durch Altgroßmeister Br. Jens Oberheide beschriebenen Kreises der Suchenden.

Wo bleiben unsere hehren Werte und Ansprüche nach Weltoffenheit und Toleranz, die wir gerne vor uns hertragen? Wenn sie keine „Sonntagsreden“ bleiben sollen, dann müssen wir uns selbst den Spiegel vorhalten und uns auch einer Diskussion über das Verfahren der „Kugelung“ stellen, auch wenn sie unangenehm ist, weil sie vermeintlich die Grundfesten der Freimaurerei zu gefährden scheint.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift "HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin", Ausgabe 3-2019.