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Die „Selfies“ der Erlanger SA

© (Quelle: Buch „Die Macht der Geheimbünde“

 

Von Hannes Kohlmaier


Die Erstürmung der Loge „Libanon zu den drei Cedern“ 1933

Die Fotos aus den 30-er Jahren haben etwas unangenehm Berührendes. Sie wirken wie ein Entrümpelungs-Trupp, der in einem fremden Zuhause über die Habseligkeiten eines ehemaligen Bewohners herfällt:

Ein SA-Mann mit Hakenkreuz-Armbinde sitzt mit baumelnden Beinen im Garten auf einer mächtigen Amphore. Auf dem Platz des Meisters vom Stuhl im Tempel posiert ein Mann unbeholfen mit Totenschädel und Stundenglas. Ein anderer sitzt breitbeinig mit Reitstiefeln und grinst überheblich in die Kamera. Auf seinem Kopf sitzt keck ein Zylinder, in seiner Rechten hält er ein Ritualschwert wie ein Zepter.
Die Fotos sind auch deshalb so beeindruckend, weil sie an moderne Social-Media-Beiträge erinnern; nur dass die Situationen, in denen sie entstanden, nichts Harmloses haben. Sie zeigen, wie Bürger Erlangens die Regeln von Gesetz und Anstand brechen, um sich mit Gewalt zu nehmen, was ihnen nicht zusteht.

Die Bilder stammen aus dem Erlanger Stadtarchiv und wurden bisher noch nie veröffentlicht. Der Archivleiter, Dr. Andreas Jakob, der sie entdeckte, hat sie dem Autor dieses Beitrags für ein Buchprojekt zur Verfügung gestellt.

Am 13. Juli 1933 stürmten und beschlagnahmten SS und SA das Gebäude einer der ältesten Logen Bayerns, der Erlanger Loge „Libanon zu den drei Cedern“ an der Universitätsstraße.

1912 hatte die Loge in ihrer Hochphase noch 221 Mitglieder, im Jahr 1931 war die Zahl auf 111 Brüder zurückgegangen, etwas mehr als ein Viertel davon waren Juden.

Viele der jüdischen Mitglieder kamen nicht aus Erlangen, sondern aus Nürnberg und anderen Städten, in denen — eigentlich viel näher — auch Logen zu finden gewesen wären. Ein Grund für die Distanz zum Wohnort könnte gewesen sein, dass sie in Zeiten von wachsendem Antisemitismus in Erlangen nicht als Juden bekannt waren und im Logenhaus unbehelligt ein- und ausgehen konnten, in Würde, als Menschen.

Was hatten die Nazis gegen die Freimaurer, einen humanitären Verein, der sich neben seinem Einsatz für Völkerverständigung und Freiheitsrechte auch für religiöse Toleranz einsetzte und deshalb Katholiken, Protestanten und eben auch Juden aufnahm? Dieser Satz gibt bereits die Antwort!

Ein Gruselkabinett für die Reichsparteitage

Adolf Hitler stellte 1924 in seiner Programmschrift „Mein Kampf“ eine Verbindung von Juden und Freimaurern her: „Er (der Jude, Anm. d. Autors) kämpft mit aller ihm eigenen Zähigkeit für die religiöse Toleranz — und hat in der ihm vollständig verfallenen Freimaurerei ein vorzügliches Instrument zur Verfechtung wie aber auch zur Durchschiebung seiner Ziele.“

Später soll Hitler gesagt haben: „Wir, oder die Freimaurer, oder die Kirche — es ist nur Platz für einen der drei und nicht mehr. Wir sind von den dreien die stärksten und werden uns der beiden anderen entledigen.“

Das Logenhaus mit der prächtigen Fassade in der Erlanger Innenstadt wurde zunächst beschlagnahmt, später zu einem Spottpreis von der Stadt erworben. Denn die Beamten im Rathaus und in der örtlichen Parteiführung, allen voran der „Frankenführer“, NSDAP-Gauleiter Julius Streicher, arbeiteten an einem perfiden Plan: Sie machten aus dem Logenhaus ein öffentliches Grusel-Kabinett für das Rahmenprogramm der Reichsparteitage in Nürnberg.
Wer die Symbole nicht versteht, mag sie für satanische Accessoires okkulter Kreise halten. Verstärkt durch die Nazi-Propaganda mussten die Besucher tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass in diesem beeindruckenden Gebäude etwas Routine war, was nicht nur gegen die guten Sitten, sondern auch gegen die Treue zum Vaterland verstößt.

Wie in einer Schreckenskammer auf dem Rummel wurden in einem Gewölbe Särge und Totenköpfe inszeniert. Nicht in ihrer Funktion als Symbole, die an den eigenen Tod erinnern sollen, sondern als Unterhaltungs-Elemente mit einem berauschenden Schluck aus der Pulle nationalsozialistischer Ideologie.
Die Sensationslust lockte die Massen an. Vor dem Logenhaus parkten oft Schlangen von Bussen aus Nürnberg. Zwischen 1933 und 1938 besichtigten eine halbe Million Menschen das Erlanger Anti-Freimaurermuseum.

Der Historiker Dr. Volker Knüpfer erklärt im „Jahrbuch für Freimaurerforschung“ der Forschungsloge „Quatuor Coronati“ (2019): „Der NS-Staat erkannte früh das Medienpotenzial von Museum und Ausstellung und setzte es zielgerichtet in unterschiedlichen thematischen Segmenten der Propaganda und ‚Aufklärung‘ ein.“

Emil Selenka: Ein Humanist als Botschafter der Loge

Die „Mainzer Zeitung“ schrieb am 2. Juli 1938 über einen Besuch der angeblich einzigen „Loge der Erde, die völlig unverändert der Öffentlichkeit zugänglich ist in Erlangen“:

„Neben dem Meisterstuhl steht der Tisch des Aufsehers. Zum Andenken an den 1902 verstorbenen Bruder Selenka, einem Halbjuden, thront mitten auf dem Tisch eine Urne, die die sterblichen Reste des Toten birgt.“ Die Erwähnung des „Halbjuden“ war dem Verfasser wichtig, auch wenn sie inhaltlich vermutlich falsch war.

Emil Hermann Robert Selenka (1842–1902) war ab 1874 bis zu seiner Emeritierung 1895 Professor für Zoologie und Vergleichende Anatomie und seit 1892 Mitglied der Loge „Libanon zu den drei Cedern“. Im Erlanger Stadtarchiv finden sich keinerlei Hinweise auf jüdische Wurzeln des Professors. Dort ist als Konfession „evangelisch“ vermerkt. Offenbar reichte den Nazis ihre eigene Interpretation dessen, was sie im Logenhaus vorfanden, nicht aus, sie dichteten auch noch hinzu.

Für die Brüder der heutigen, nach dem Krieg reaktivierten Loge ist der Hochschullehrer Emil Selenka vor allem ein Humanist, der sich als europäisch denkender Freimaurer in der Friedensbewegung engagierte. Professor Selenka war eine Art Botschafter der Erlanger Loge, um brüderliche Kontakte mit dem deutschen „Erbfeind“ Frankreich bemüht. Am 28. September 1900 entsandten die „Drei Cedern“ ihren Bruder Emil Selenka nach Paris zu einer internationalen Festarbeit der Loge „Cosmos“.

In der kunstvoll gestalteten Einladung teilen die Franzosen ihre Hoffnung auf die Teilnahme ihrer deutschen Brüder mit „umso eher, als doch die Thatsache, dass FM:. aller Länder der Welt die Mittel eroertern, den bruder­moer­derischen Kriegen ein Ende zu bereiten, jeden FM:. veranlassen muss, dieser wahrhaft erhabenen Kundgebung bei Anbruch des neuen Jahrhunderts beizuwohnen“.

„FM:.“ ist bis heute in interner Korrespondenz die gebräuchliche Abkürzung des Wortes „Freimaurer“. Unter den Nationalsozialisten wurden die Logenmitglieder deshalb auch als „Dreipunkte-Brüder“ verspottet.

„Wir sind Barbaren!“

Emil Selenkas berichtet über seine Reise an einen Logenbruder: „Es war gut, dass ich dort war; denn außer mir waren nur zwei Brr. — aus Frankfurt und Erfurt — aus Deutschland vertreten. England fehlte ganz. Es war sehr interessant. Auch ich habe gesprochen, was mit großem Beifall aufgenommen wurde. Ich denke, ich habe die deutschen Brr. so vertreten, wie es sich gehörte. (…) Die französischen Brr sind viel freier in ihrem Treiben und Thun als wir. Der Ritus ist sehr einfach. Das Wort frei auch in politischen Dingen. (…) Ich danke Dir nochmals, Du treuer lieber Freund, dass Du mich zur Reise nach Paris veranlasst hast. Dein treuer Selenka.“

In einem Artikel des Freimaurer-Blattes „Die Bauhütte“ vom 10. November 1900 beschrieb Selenka noch einmal, wie herzlich er von den Franzosen aufgenommen wurde und mit ihnen deren Ritual feierte: „In feierlicher Weise wurden wir Deputierten unter hundert gekreuzt gehaltenen Schwertern bei Orgelklang durch den großen Saal geführt. Vertreter von Nordamerika, Spanien, Skandinavien, Russland etc., je 2–3 Vertreter aus der Schweiz, Deutschland.“

Begeistert berichtet er von einer flammenden Rede des Freimaurers und späteren Medizin-Nobelpreisträgers Charles Robert Richet (1850–1935, Erfinder der Serumimpfung): „Es ist nicht wahr, dass der Krieg zu Mut und Thatkraft erzieht; er verroht. Wir sind Barbaren!“

Die Hetze der NSDAP gegen die Freimaurer machte auch nicht vor so fröhlichen Anlässen wie der Fastnacht halt. Auf einem Foto, ebenfalls aus dem Bestand des Erlanger Stadtarchivs, ist ein schwarzer Wagen eines Faschingszugs zu sehen, auf dem eine Parodie eines Freimaurer-Meisters durch die Straßen gezogen wird, flankiert von unheimlichen Galgenvögeln mit Schurzen und Zylindern.

Der Freimaurerloge „Zu den Drei Pfeilen“ in Nürnberg erging es nicht besser.
Am 2. September 1938 verwandelten die Nationalsozialisten das ehemalige Logengebäude an der heutigen Hallerwiese 16 (es wurde später in einer Bombennacht zerstört) rechtzeitig vor dem 10. Reichsparteitag in das damals nun angeblich weltgrößte Anti-Freimaurermuseum. Sie machten somit das zwanzig Kilometer entfernte Museum in Erlangen überflüssig.

Knüpfer in seinem Beitrag zum Jahrbuch der Forschungsloge „Quatuor Coronati“: „Da ein nachlassendes Interesse an den ständigen Massenaufmärschen absehbar war, versuchten die Organisatoren der Parteitage immer wieder, das Rahmenangebot für Parteitagsteilnehmer und -besucher zu erweitern.“
Die „Fränkische Tageszeitung“ empörte sich zur bevorstehenden Museumseröffnung über die Freimaurer: „Juden, Juden, nichts als Juden.“

Freimaurer: Täter und Opfer gleichermaßen?

In der Nachkriegszeit gefielen sich allerdings auch viele Freimaurer in ihrer Opferrolle unter den Nazis. Der Historiker Manuel Pauli, der eine Dissertation über die Freimaurerei vor und nach dem Ersten Weltkrieg verfasst hat, schreibt: „Die meisten Brüder kamen überhaupt nicht ins KZ und gerieten auch sonst kaum mit dem NS-Staat aneinander – weil sie sich überwiegend als unauffällige, oft zuverlässige und willfährige Glieder der NS-‚Volksgemeinschaft‘ gaben. Jene Freimaurer, die in Deutschland Opfer von Verfolgung wurden, wurden das, weil sie zugleich einer anderen, tatsächlich verfolgten Gruppe angehörten oder gegen die Nazis schrieben, redeten, handelten.“

Carl von Ossietzky (1889–1938), Friedensnobelpreisträger, Journalist und Herausgeber der Weltbühne, verschleppten die Nazis 1933 in ein KZ, wo er 1938 an den Folgen von Folter und vermutlich auch medizinischen Experimenten starb. In einer Logen-Rede hatte er zuvor seine Brüder zu friedlichem Widerstand aufgerufen: „Wir wollen alle Vorurteile, allen Hass, Hader und Habgier, alle kriegerischen Instinkte, alle törichten Rassen- und Nationaldünkel aus unseren Herzen und Hirnen reißen, denn sie sind Reste vergangener Kulturstufen und für die Gegenwart und Zukunft schädlich. Wir wollen die Gemeinschaft der Menschen freudig als die Grundlage unserer Sittlichkeit anerkennen, denn wir sind alle Menschen, gleicher Art und gleichen Wesens. (…) Werden Menschen neuer Lebensanschauung ihrer Überzeugung Willen verfolgt, so muss der Bund seine Streiter auf den Plan senden, um zu schützen oder nach Kräften zu stützen.“

„Geheimbünde“ wurden erst 1935 verboten

Im Ausland waren Freimaurer weit mehr dem mordenden Regime ausgesetzt, was damit zusammenhängt, dass der Anteil an Juden in den Logen deutlich höher war als in deutschen, wo vor allem in den altpreußischen Logen Nationalismus und Antisemitismus vorherrschten.
In der Großloge von Wien beispielsweise waren damals etwa 70 bis 80 Prozent der Brüder Juden. Folgende Zahlen sind in Österreich dokumentiert:
61 Brüder mussten emigrieren
101 Brüder wurden ermordet, die meisten in Lagern
16 Brüder wurden verschleppt und vermutlich ermordet
13 Brüder begingen Suizid.

Richard Schlesinger, Jurist und beim Einmarsch Hitlers am 12. März 1938 Großmeister, wurde am 16. März 1938 verhaftet und starb am 5. Juni an den Folgen der Inhaftierung.

1933 hatten die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, die Freimaurerei und alle anderen sogenannten Geheimbünde (Rosenkreuzer, Druiden, Schlaraffen, Kabbalisten, etc.) erst 1935 aufgelöst und verboten. Was zum einen vermutlich daran lag, dass Hitler sich zunächst auf „einen Feind“, die Juden, konzentrieren wollte. Zum anderen könnte auch eine Rolle gespielt haben, dass ab 1933 der Norddeutsche Hjalmar Schacht (1877–1970) Hitlers Reichsbankpräsident war. Ein Freimaurer.

Emil Selenkas Urne wird bis heute von seinen Brüdern im Erlanger Logenhaus liebevoll aufbewahrt, die kunstvoll gearbeiteten Initialen „ES“ erinnern an ihn. Hätte die Friedensmission dieses Erlangers ihr Ziel erfüllt, wären der Welt im 14 Jahre später beginnenden Ersten Weltkrieg vielleicht 20 Millionen Tote erspart geblieben. Die Geschichte wäre anders verlaufen.

Buchtipp:
Hannes Kohlmaier
Die Macht der Geheimbünde
Freimaurer, Rosenkreuzer, Kabbalisten – wer sie sind, welche Ziele sie verfolgen und welchen Einfluss sie haben

riva Verlag, München
Softcover, 224 Seiten
ISBN 978-3-7423-2013-1
Erscheint im März 2022
Preis: 15,- EUR

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 2-2022 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.