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Die unsichtbare Arbeitstafel

Jens Rusch und die gläserne Arbeitstafel

Der Künstler Jens Rusch initiierte und entwickelte gemeinsam mit dem Bildhauer Frank von Wartensee eine gläserne Arbeitstafel. Der blinde Bruder Alexander Walter verfasste dazu einen Text.

Von Alexander Walter

Meine liebe sehenden Brüder, es gibt verschiedene Wege, sich Bilder vor das innere Auge zu holen. Der einfachste, unzweifelhaft evolutionär effektivste, ist jener über das äußere Auge. Weil er so dominant ist, dementsprechend große Teile des menschlichen Gehirns beansprucht, vergisst man gerne, dass es auch noch andere Pfade zum inneren Auge gibt. Aus Gedanken oder Tönen und Klängen können innere Bilder werden, aus Empfindungen und Gefühlen, aus Gerüchen, aus Erinnerungen, aus Geschmackseindrücken, aus Fantasien und selbstverständlich auch aus haptischen Wahrnehmungen. Tatsächlich sprechen unsere Rituale sogar noch mehr als nur die klassischen fünf Sinne an. Tatsächlich berühren und bewegen sie uns gesamtheitlich. Tatsächlich durchdringen sie über ihre Sinnlichkeit den ganzen Menschen.

Wozu brauchen wir überhaupt das innere Auge und das innere Bild? Zum Verstehen, da bin ich sicher, um von der Wahrnehmung zur Erkenntnis fortschreiten zu können. Äußeres, physisches Licht erlaubt die Benutzung des äußeren Auges. Inneres, maurerisches Licht erlaubt die Benutzung des inneren Auges. Wie der Visus und der Perimeter unseres inneren Auges davon abhängt, was, wie und wie viel unsere äußeren Sinne wahrgenommen haben, so hängt die Wahrnehmungsfähigkeit unserer äußeren Sinne davon ab, was, wie und wie viel unser inneres Auge hat betrachten dürfen. Beides, inneres Auge und äußere Sinne, sollten wir schulen. Beides schult sich gegenseitig. Beides schult das Ritual.

Grundsätzlich, so nehme ich an, ist unser Ritual so voll von Weisheit, Stärke und Schönheit, dass wir sie als unvollkommene Menschen, die sich um Verbesserung bemühen, nie vollends durch die äußeren Sinne oder vor dem inneren Auge erfassen können. Sie letztendlich zu begreifen, wird dem Einzelnen immer unmöglich bleiben. Damit bestehen sie als ewige Möglichkeit der Schulung. Als blinder Mensch ist mir die Rezeption unseres Rituals durch die Brille des Sehens nicht möglich. Ein Teil der im Tempel und im Ritual enthaltenen Weisheit, Stärke und Schönheit bleibt mir somit im Ansehen verborgen. Allerdings ist das kein Problem an sich. Schließlich ist es nicht das Anliegen der Maurerei weise, stark und schön auszusehen. Vielmehr will sie es sein.

Wie ist es nun mit Hülle und Kern, mit Schein und Sein? Wie kommt man vom Außen nach innen? Das äußere Auge dient der Wahrnehmung. Aber dient es der Erkenntnis? Oder ist es ihr durch Täuschung manchmal hinderlich?

Grundsätzlich liegt Erkenntnis im Sinne der Weisheit gerne abseits von Effizienz und denjenigen Trampelpfaden, die so häufig schon gegangen wurden, dass sie beinahe asphaltierten Straßen gleichen. Einen solchen abseitigen Weg voller hinderlicher Gewächse, der noch nie gegangen worden ist, auf dem aber Erkenntnis liegen könnte, wollen Euch Jens Rusch und Frank von Wartensee gerne zeigen. Den beiden Künstlern gebührt nicht nur Dank, weil sie sich inklusiv um die Erstellung haptisch perzeptierbarer Arbeitstafeln verdient gemacht haben und verdient machen, sondern auch, weil ihre Gedanken darum kreisen, wie man den Umgang mit ihnen auch zu einem erkenntnisreichen Erlebnis für sehende Brüder machen könnte.

Mein lieber blinder Bruder, das, was ich hier in der Hand halte, ist nicht nur für Dich unsichtbar, auch Sehende können nur ahnen, um was es sich handelt. Genau das war meine Absicht, als ich ein 3D-Relief unserer ansonsten elementaren Arbeitstafel in transparentes, gläsern anmutendes Epoxyd-Harz goss. Glas steht für ein Maximum an Transparenz, es ist die perfekte Metapher für Unsichtbarkeit. Ein Umstand, den hundertausende von Vögeln alljährlich mit gebrochenem Genick bezahlen müssen.

Künstler sind Lügner. Sie erschaffen auf den zwei Dimensionen ihrer Leinwand mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten eine imaginäre dritte Dimension. Als wäre ihnen das ohnehin sichtbare nicht genug. Das nennen sie dann Illusionsmalerei oder Trompe-l’œil , was so viel bedeutet wie „das Auge täuschen“. Der Künstler arbeitet sich also in eine Welt der Augenwischerei vor und lässt sogar das Sichtbare hinter sich, ohne daran zu denken, dass es Menschen gibt, denen sich nicht einmal diese erschließen kann, weil sie überhaupt nichts davon wahrnehmen können. Menschen, denen das „Augenlicht“ genommen wurde.

Wir haben nun haltgemacht, sind stehen geblieben und haben unseren Blick, den Blick der Sehenden umgekehrt. Der Bildhauer Frank von Wartensee und ich, der malende Illusionist haben versucht, uns in die Erfahrungswelt und das Empfinden von blinden Menschen hineinzuversetzen, dabei ist es von unschätzbarem Vorteil, dass wir uns in einem kleinen gemeinsamen Kosmos bewegen, der komprimierte Substitute kennt, eine eigene Metaphorik entwickelte. Die freimaurerische Symbolik hütet ein Schatzkästlein voller beziehungsreicher Schlüsselfigürchen, die Zusammenhänge zwischen Erdgebundenheit und kosmischer Vorstellungswelt offerieren. Je nach Zuwendung eröffnet sich das eigene Selbst bis hin zu globalen Konzepten.

Ein Reichtum, den alle freimaurerischen Lehrarten auf eigene Weise entwickeln, interpretieren oder auch komprimieren. Es sind oft wunderschöne Lehrstücke, die sich dort als Teppiche oder Tafeln auf dem Boden liegend vor den Lehrlingen, Gesellen und Meistern ausbreiten. Schlüsselbilder und Tableaus, die den Eingeweihten „vom Schauen zum Sehen“ führen sollen. Dieses Kernstück freimaurerischer Instruktionen als unsichtbar empfinden zu müssen, weil man sie eben nicht sehen kann, habe ich mir immer und immer wieder als einen gravierenden Schwachpunkt brüderlicher Inklusionsbereitschaft vorgestellt. Ich habe verbale Instruktionen mit erleben dürfen, die sich an sehkrafteingeschränkte Brüder richteten. Mit Hingabe und großer Toleranz wurde leider immer nur wenig erreicht. Diese durchsichtige Tafel, diese unsichtbare Tafel, habe ich nun für jene gedacht, die bereit sind, nicht nur das Licht auszumachen, um sich in die Empfindungswelt eines blinden Bruders zu begeben, sondern, die bereit sind, mit ihm das gleiche haptische Erlebnis zu teilen. Mein Wunsch wäre, dass diese beiden Brüder, der sehende und der blinde Bruder, das gleiche Instrumentarium benutzen. So würde unsere Arbeitstafel ein Navigationsinstrument in eine endlich gemeinsame, eine wirklich brüderliche Erfahrungswelt. JENS RUSCH

Wer Freimaurer ist, der weiß, dass wir Blindheit ohnehin rituell simulieren. Bruder Jens hatte die wunderbare Idee auch die Arbeitstafel unsicht-, aber wahrnehm- und erkennbar zu machen. Visuell erscheint sie gläsern und transparent. Haptisch lässt sich ihre Schönheit berühren, erfassen und begreifen. So, meine lieben sehenden Brüder, könnt auch Ihr euch einmal tastend ein Bild machen. So könnt Ihr einmal nicht über das äußere Auge zum inneren Auge gehen. So könnt Ihr einmal ergriffen sein durch das Ergreifen. Vielleicht offenbart sich euch dabei das Unmittelbare der Symbole der Arbeitstafel. Begreifen durch das Begreifen, berührt sein durch die Berührung, erfassen durch das Erfassen.

Was genau dabei passiert? Ich weiß es nicht. Aber ich bin sicher, dass man erkenntnisreiche Pfade beschreitet, wenn man den Mut hat, andere Wahrnehmungswelten zu erkunden. Und wenn die Region, in der diese Wege liegen, die Freimaurerei ist, wenn diese andere Wahrnehmungswelt eine maurerische ist, dann können diese neuen Erkenntnisse auch voller Weisheit, Stärke und Schönheit sein. Wer weiß schon, was passieren wird, wenn die Hände, die sich zur Bruderkette schließen, vorher die Arbeitstafel gesehen haben? Ich denke, dass es ein besonders ergreifender Moment sein wird. Ich denke, dass die Energie, die dabei zwischen uns fließt, besonders stark und warm sein wird. Ich denke, dass die überbrückende Verbindung die direkte Brüderlichkeit und die gewollte Gleichheit nicht besser zum Ausdruck bringen könnten.

Die Essenz der Freimaurerei, das Zentrum des Tempels, den Kern des Rituals, unsere Arbeitstafel sich nicht durch einen Fernsinn, das Sehen, zu erschließen, sondern durch einen Nahsinn, durch den direkten Kontakt, wird Nähe erzeugen. Nähe zu den Symbolen, Nähe zu den Werten, Nähe zu den maurerischen Lehren und Nähe zu den Brüdern. Die Fernsinne ermöglichen Wahrnehmungen, das Erkennen und die Erkenntnis. Allerdings stets auf Distanz. Ein Nahsinn erlaubt ebenfalls Wahrnehmungen, das Erkennen und die Erkenntnis. Aber nur in Berührung. Freimaurerei kann man nicht wissen, man muss sie fühlen. Und dabei ist sie immer eine Frage von Distanz und Nähe.

Als Profane können wir nicht einmal unsere Fernsinne mit dem Ritual vertraut machen. Als Brüder sind wir dann dem Ritual ausgesetzt, finden uns hineingeworfen in eine Fülle an Reizen und Inhalten, die niemand vollends verarbeiten kann. Auf unserem maurerischen Weg über Lehrling, Geselle und Meister kommen wir dem Sinn über die Sinne dann immer näher. Über die Sinne geht es zum inneren Auge, dem Erkenntnisorgan, mit dem wir Sinn schauen. Ich glaube, dass der Nahsinn dem inneren Auge näher ist, als jeglicher Fernsinn. Denn das Perzept des inneren Auges, der Sinn, kann nicht aus der Ferne erkannt werden. Er muss verwirklicht und gelebt werden. Sinn kann nur sein, wenn er in unmittelbarer Nähe ist, wenn man in Kontakt mit ihm ist, wenn man ihn berührt.

Vielleicht, wer weiß, kann man das üben, wenn man die Arbeitstafel spürt. Vielleicht wird man dadurch ein besserer Maurer und Mensch. Vielleicht ist es in jeder Hinsicht sinnvoll. Probieren wir es aus.