Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

Die Vereinigten Großlogen von Deutschland – Anspruch und Wirklichkeit

© Sina Ettmer / stock.adobe.com

Die Vereinigten Großlogen von Deutschland - Anspruch und Wirklichkeit

Von Rüdiger Templin

Als ich auf der 48. Arbeitstagung der Forschungsloge Quatuor Coronati im Oktober 2015 um das Wort zur Thematik der Neugestaltung der Freimaurerei im Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg gebeten wurde, hatte ich das wohl dem Umstand zu danken, dass ich aus meinen drei Jahren in der Stellvertreterfunktion und den folgenden sechs Jahren als Großmeister der Vereinigten Großlogen unseren Bund nach außen, d.h. gegenüber der Öffentlichkeit im Allgemeinen, vor allem aber gegenüber dem und im Ausland zu repräsentieren hatte.

Zu Ersterem war genügend Anlass gegeben, wegen der gerade in diesen Zeitabschnitt fallenden historischen Ereignisse, wie dem 275-jährigen Jubiläum der ältesten deutschen Loge „Absalom zu den drei Nesseln“ in Hamburg 2012 und dem 275. Jubiläum der ältesten und durchgehend im Verbund deutscher Freimaurerei existierenden Großen National-Mutterloge „Zu den 3 Weltkugeln“ 2015. Dazwischen wäre noch die Gedenkveranstaltung zum 300. Geburtstag des Gründers dieser ältesten deutschen Großloge, des Freimaurers König Friedrich II., in Potsdam zu nennen.

All diese Ereignisse haben dazu beigetragen, dass unser Bund in der Vergangenheit mit deutlich mehr Präsenz in der Gesellschaft registriert, heute auch anders und vor allem realistischer wahrgenommen wird. Die Öffnung zur Gesellschaft hat sich ausgezahlt.

Um Probleme der Gegenwart richtig einzuordnen, ist es notwendig, das Vergangene zu studieren. Erst dann wird es vielleicht möglich werden, Visionen für eine Zukunft zu entwickeln und umzusetzen.

Das „Deutsche Modell“ als Voraussetzung für die internationale Anerkennung

Eine solche wäre ein Bund deutscher Freimaurer, der auch weiterhin sich frei fühlen könnte von Zweifeln an der Dauerhaftigkeit des seit 56 Jahren bestehenden Systems und seiner Organisationsform: die Vereinigten Großlogen von Deutschland. Es war das Resultat eines schweren Weges zur Einheit – eben das „Deutsche Modell VGLvD“, viel beachtet und bewundert, wie ich in den Jahren meiner Amtstätigkeit besonders im Ausland, aber auch hierzulande oft zu hören bekam.

Mit der Vereinigung der in Deutschland arbeitenden Freimaurer-Organisationen zum sogenannten „Deutschen Modell“, den „Vereinigten Großlogen von Deutschland – Bruderschaft der Freimaurer“ entstand eine einzigartige freimaurerische Organisation, die die Einheit in ihrer Vielfalt lebt. Damit wurden nach dem Kriege Lehren aus unserer leidvollen Geschichte der zuvor bestehenden feudalen, dann deutsch-nationalen und schließlich aus dem gescheiterten Versuch einer angepassten nationalsozialistisch geprägten Organisation für unsere Zukunft gezogen.

Dieses Modell wurde zu einem Muster für manche ausländischen freimaurerischen Vereinigungsversuche und begann unmittelbar in den Nachkriegswirren, wo verantwortungsvolle Brüder sich besannen, eine möglichst einheitliche Organisation zu schaffen – ohne Zersplitterung den Vorgaben der „Basic Principles“ zu folgen und damit erstmals Voraussetzungen für eine internationale Anerkennung aller regulär arbeitenden Logen und Großlogen zu schaffen. Dies war in den vergangenen Jahrzehnten der für deutsche Freimaurer bis dahin unerreichbare Wunsch gewesen.

Nach dem verheerenden Krieg, der aus dem geschrumpften Deutschland ein Trümmerfeld werden ließ, stand in den völlig zerstörten Ballungsgebieten und Großstädten wichtigeres auf der Tagesordnung als die Sorge um die Art des Fortbestandes der deutschen Freimaurerei.

Die ersten Schritte der deutschen Freimaurerei nach 1945

Dennoch versuchten bereits 1945 einige überlebende Brüder, Freimaurer-Strukturen zu ordnen und zu reaktivieren. Dabei waren sie bemüht, die vor dem Kriege existierenden Vereinigungen – es gab immerhin elf Großlogen bis 1933 im Deutschen Reich – zusammenzuführen und einer erneuten Zersplitterung entgegen zu wirken.

Diese elf Großlogen waren:

  • die sog. drei „altpreußischen“ Großlogen
  • Große Nationalmutterloge zu den drei Weltkugeln (GNML-3WK), gegr. 1740
  • Große Landesloge (GLL), gegr. 1770
  • Große Loge von Preußen, gen. Royal York zur Freundschaft (RY), gegr. 1798
  • Die acht „unabhängigen“ humanistischen Großlogen
  • Großloge Zur Sonne (Bayreuth), gegr. 1741
  • Eklektischer Bund (Frankfurt/M.), gegr. 1783
  • Große Loge von Hamburg, gegr. 1811
  • Großloge von Sachsen (Dresden), gegr. 1811
  • Großloge Zur Eintracht (Darmstadt), gegr. 1846
  • Deutscher Großlogenbund, gegr. 1871–1922
  • Großloge Zur Bruderkette (Leipzig), gegr. 1924
  • Symbolische Großloge von Deutschland, gegr. 1931

Die Meister vom Stuhl von sechs Hamburger Logen beantragten unter der Leitung des Zugeordneten Großmeisters der Großloge von Hamburg und ehemaligen Pastors von St. Katharinen, Bruder Wilhelm Hintze, eine Wiedergründung, die jedoch von der britischen Besatzungs-Administration abgelehnt wurde.

Der Hamburger Br. Hintze und der Darmstädter Br. Herbert Buchwald ließen sich nicht entmutigen, trafen sich in Bensheim bei Darmstadt am 10. November 1945 und gründeten die Bundesgroßloge von Deutschland mit dem Ziel, einer erneuten Zersplitterung zuvorzukommen, wobei die bestehenden Großlogen als Sprengel-Großlogen Nord und Süd weiter Bestand haben sollten.

Die Gründung dieser Bundesgroßloge von Deutschland „Zu den Alten Pflichten“ im November 1945 hatte allerdings keine Zukunft. Sie existierte wegen des bundesdeutschen Verbotes der westlichen Militärregierungen nur knapp zwei Jahre. Dieser Versuch der Brüder kann aber als der Vorläufer zur späteren erfolgreichen Einigung der deutschen Freimaurerei angesehen werden, die in der Paulskirche in Frankfurt am Main im Juni 1949 durch Br. Theodor Vogel zur Vereinigten Großloge von Deutschland erfolgte.

Motoren einer neuen Einigungsbewegung

In der Frankfurter Arbeitsgemeinschaft von Freimaurerlogen waren zunächst alle früheren Großlogen mit Ausnahme der Großen Landesloge (GLL) repräsentiert. Der Aachener Rechtsanwalt August Pauls und der Schweinfurter Unternehmer Theodor Vogel waren die Motoren einer neuen Einigungsbewegung, die eine dauerhafte Konstruktion einer vereinigten Freimaurerei im Auge hatten, wie sie der Schriftführer der Großen Loge von Preußen, Br. August Horneffer, bereits früher gefordert hatte.

Auch nach diesem Scheitern war der Neubeginn in den westlichen Besatzungszonen in den Wirren der Nachkriegszeit durchaus nicht leicht. Genehmigungen zur Reaktivierung von Freimaurerlogen bedurften der Zustimmung auch der übrigen Besatzungsmächte.

Diese wurden zunächst für eine Großloge von Niedersachsen und Großloge von Bayern sowie einer Großloge „Einigkeit“ im französisch verwalteten Baden-Württemberg erreicht, da die Zulassung freimaurerischer Wiedergründungen durch diese Militärverwaltungen zunächst nur auf der jeweiligen Landesebene ermöglicht wurden. Länderübergreifende größere Vereinigungen waren und blieben zunächst verboten. Schließlich gelang Br. Vogel 1948 auch die Gründung einer fränkischen Großloge „Zur Sonne“, was die Rückübertragung früherer Immobilien ermöglichte.

In Hamburg führte dies zwangsläufig dazu, dass beispielsweise die Loge „Zur Bundestreue an der Elbe“ (der später auch Hjalmar Schacht beitrat) und die Loge „Zur Bruderkette“ (beide ehemals zum Eklektischen Bund in Frankfurt am Main gehörend) sowie die zur Bayreuther Großloge gehörende Loge „Zum Sonnenwinkel mit der Alten Treue“ und Mitgliedern der ehemaligen Tochterlogen der Großloge „Royal York zur Freundschaft“ sich unter dem Namen „Vereinigung der Freundschaftslogen“ am 1. November 1945 zusammenschlossen.

Weitere elf Reaktivierungen bzw. Logengründungen erfolgten in Hamburg in den Jahren 1945/46, die gemäß Verfügung Nr. 122 der britischen Militärverwaltung vom 20. Mai 1948 bestätigt wurden.

Zeitgleich wurden Logen in Lübeck („Zur Weltkugel“), Kiel („Frithjof zum Nesselblatt“), Bremen („Herder“, „Anschar zur Brüderlichkeit“), Hannover („Friedrich zum weißen Pferde“, „Baldur“), Hameln, Braunschweig, Celle und Osnabrück reaktiviert, die in Gegenwart des Großmeisters aus Hamburg am 20.7.1946 mit ihrem Großmeister Bruder Schmorl aus Hannover die Niedersächsische Provinzialgroßloge bildeten.

Wiedereingliederung in die Weltbruderkette

Auf der Großmeisterversammlung der bereits auf Landesebene bestehenden Großlogen (wie z. B. in Hamburg, Niedersachsen, Bayern) beschloss der neu gegründete Großmeister-Verein 1948 in seiner Präambel, dass die deutsche Freimaurerei sich wieder als ein Teil der Weltbruderkette betrachtet, ein Novum in der jüngeren deutschen Freimaurer-Geschichte und ein Signal der Abkehr von der bisher geübten isolatorischen und nationalistischen Haltung gegenüber den Brüdern im Ausland.

Dies hatte den Durchbruch in der Haltung der Brüder zur Folge, die sich am 19.6.1949 in der Frankfurter Paulskirche unter der Hammerführung des ersten Großmeisters Theodor Vogel zur Vereinigten Großloge (Singular!) AFuAM von Deutschland zusammenschlossen, die zunächst wegen des besonderen Berlin-Status nur für Westdeutschland gültig war. Ihr gehörten zunächst 164 Logen an:

42 der Großen National Mutterloge, 35 Royal York zur Freundschaft, 34 Großloge Zur Sonne, 18 Große Loge von Hamburg, 14 Eklektischer Bund, 7 Großloge Zur Eintracht, 5 Symbolische Großloge von Deutschland, 4 Große Landesloge, 4 Großloge von Sachsen, 1 Zur aufgehenden Sonne.
Die beiden alten Großlogen GNML mit ihren 30 Mitgliedslogen und GLL mit 80 Logen existierten jedoch zunächst weiter. Wegen des besonderen politischen Status in Berlin war hier eine gesonderte Lösung zu finden. Daher gründete die GLRYzF mit ihren und den früher zur Großen Loge von Hamburg gehörenden Berliner Logen die Vereinigte Großloge in Berlin.

Die GLRYzF trat 1954 der in Frankfurt gegründeten VGL AFuAMvD bei – eine damals notwendige und wünschenswerte Entscheidung, die aber heute von ihren Mitgliedern anders bewertet wird. Eine Separation hätte zum gegenwärtigen Stand internationaler Anerkennung das Risiko einer weltweiten Isolierung zur Folge!

Nachdem im gleichen Jahr die GLL in einer Erklärung nichts Trennendes zwischen christlichen und humanitären Systemen mehr sah und der Druck aus Skandinavien und der Vereinigten Großloge von England mit dem Erlass der UGLE von 1956 spürbar erhöht wurde, fanden sich alle Gesprächspartner auf der Großmeister-Konferenz in London am 14.6.1957 zu einigenden Verhandlungen ein.

Vorbereitend zum ersten Konvent in Berlin verabschiedeten daraufhin am 17.5.1958 die VGL AFuAMvD und die GLL eine Magna Charta als rechtliche Grundlage für eine gemeinsame Zukunft unter dem Dach einer gemeinsamen Organisation, den Vereinigten Großlogen von Deutschland – Bruderschaft der Freimaurer als eine Regelung brüderlicher Vernunft. Am 14.9.1958 fand diese historische Vereinigung auf dem ersten Konvent in Berlin statt und hat bis heute bestand.

Ein Modell der Stabilität

Aus der VGL AFuAMvD wurde die Großloge A.F.u.A.M.v.D. Die GLLvD trug nun die Zusatzbezeichnung Freimaurer-Orden (FO).
Nach weiteren zwölf Jahren schlossen sich die Reste der GNML und die auf deutschem Boden arbeitenden Provinzial-Großlogen der westlichen Streitkräfte als Grand Lodge of the British Freemasons in Germany (GL BFG) und die American-Canadian Grand Lodge (ACGL) den VGLvD an. Die wesentlichen Aufgaben des Großmeisteramtes (GMA der VGLvD) sind durch diese Magna Charta in Art. 3 Abs. 1 und 2 gegeben:

  • die souveräne Vertretung aller deutschen Freimaurer gegenüber dem Ausland und der Öffentlichkeit,
  • die Förderung der Einheit der Freimaurerei und der freimaurerischen Forschung.

Die großlogeninternen Angelegenheiten blieben und bleiben das souveräne Arbeitsgebiet der Mitglieds-Großlogen, einschließlich ritueller Belange und eigener spezifischer und allgemeiner Öffentlichkeitsarbeit in ihrem Wirkungsbereich.

So ist unter schwersten Bedingungen im Westen Deutschlands ein Wiederbeginn mit vielen Mühen und Opfern möglich geworden, der sich bisher als ein stabiler Status quo im auch politisch wiedervereinigten Deutschland erweist und sich als ein Beispiel für (Ver-)Einigungsbestrebungen in anderen Ländern anbietet, wenn Probleme der Überwindung einer Spaltung und ihrer Lösung bedürfen, wie derzeit in Portugal, Bulgarien, Italien oder Griechenland realisiert oder als Absichtserklärung gegeben.

Diese Vernunft-Ehe hat sich für Deutschland in über 56 Jahren trotz aller Schwierigkeiten bewährt, uns im Ausland Achtung, ja Neid eingebracht.
In Frankreich wurde gerade dieses Deutsche Modell zur Handlungsgrundlage der abgespaltenen Logen, die als GLAMF und GLIF nach diesen Vorstellungen die Confederation Masonnique Francaise (CMF) gründeten. Sie hatte nachfolgend keinen Bestand, weil unterschiedliche Interessen und das Ego einzelner Leistungsträger trotz unserer hilfreichen Bemühungen einen nachhaltigen Bestand für Frankreich verhinderten.

Regularität bedingt die Akzeptanz der „Alten Pflichten“

Derartige Erfahrung sollten wir uns in Erinnerung rufen, wenn Stimmen nach Aufspaltung oder einer Einheits-Großloge laut werden, die in Deutschland wegen unterschiedlicher Systeme bisher nicht realisierbar war. Wunsch und Wirklichkeit gehen in der Realität bisher unterschiedliche, divergierende Wege. Andererseits ist es gerade unsere praktizierte Einheit in der Vielfalt, die weltweit hochgeachtet und als vorbildlich angesehen wird.

Wenn Reformbedarf gesehen wird, so ist dies in ersten Schritten innerhalb der deutschen Mitglieds-Großlogen der VGLvD anzugehen. Einsicht in eine solche Notwendigkeit wäre der erste Schritt auf diesem Weg.

Noch in meiner Amtszeit hatte ich das Glück, den sich nach vielen gemeinsamen Bemühungen wiedervereinigenden Großlogen von Bulgarien am 20. Juni 2015 in Sofia das berühmte Zitat unseres Alt-Bundeskanzlers Willi Brandt auf den Weg mitgeben zu können: „Es wächst zusammen, was zusammengehört!“
Eine Vision flackert in Europa immer mal wieder auf, wobei für die regulär arbeitenden Großlogen in Griechenland oder Italien nach einem Vorschlag des Pro-Grandmasters der UGLE, Br. Peter Lowndes, das Prinzip eines „shared territory“ möglich wäre, wie es auf den Inseln zwischen den beiden Großlogen von England und Schottland Realität geworden ist.

Dies war gewiss kein spontaner Gedanke, denn später wiederholte er auf der Europäischen Großmeister-Konferenz in Genf diesen Standpunkt, als eine Möglichkeit für andere Länder, diese Situation zu entschärfen, wenn die bereits anerkannten Großlogen sich jeweils ebenfalls anerkennen.
Die Akzeptanz der Anderson-Kriterien bedingt die Regularität und ist daher objektiv. Die Anerkennung anderer Großlogen ist dagegen die subjektive Entscheidung jeder souveränen Großloge auf der Basis dieser Kriterien.

Dennoch: Kern der Freimaurerei bleibt die Arbeit an uns selbst, frei von Eitelkeiten und Prioritätendenken. Jeder Bruder sollte sich sein Ritual stets in Erinnerung rufen, wenn er „hinausgeht in die Welt und sich als Freimaurer bewähren sollte“. Nicht die Organisation der Freimaurer bewegt, es ist der einzelne Bruder. Jeder an seinem Platz und zu jeder Zeit in der Gesellschaft.

Der Beitrag ist die aktualisierte Fassung eines Vortrages bei der QC-Arbeitstagung im Oktober 2015 in Hannover.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 6-2020 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.