Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

Ein gelingendes Leben

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Als Freimaurer hören wir regelmäßig die Mahnung des Meisters vom Stuhl: „Geht nun zurück in die Welt, meine Brüder, und bewährt euch als Freimaurer. Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf euch selbst.“

Das ist eine Verpflichtung, die uns darauf hinweist, wo zumindest ein Arbeitsfeld des Maurers sein könnte. Und in dem Wort „Verpflichtung“ steckt ja unübersehbar das Wort „Pflicht“. Das aber ist ein sehr unbeliebtes Wort geworden in einer Gesellschaft, die sich ja eher als Spaßgesellschaft versteht, für die Bindungen unwichtig scheinen. Event und Fun stehen im Vordergrund, und eine Vereinigung wie die unsere, die Pflichterfüllung einfordert, kann dann ja nur eine Spaßbremse sein. Denn machen wir uns klar: Die meisten Pflichten, die wir erfüllen müssen, haben etwas Mühsames und Schweres an sich. Wir können an die Pflicht denken, sich in bestimmte Strukturen einzuordnen, in eine berufliche Hierarchie z. B. Es könnte auch die Pflicht sein, sein Geld mittels einer ungeliebten Arbeit zu verdienen, weil es keine greifbare Alternative gibt. So etwas gibt es, auch wenn das für die meisten von uns hoffentlich eher eine theoretische Überlegung ist. Was ist mit heutzutage etwas antiquierten Pflichten, wie „Vater und Mutter zu ehren“ oder gar „nicht des Nächsten Weib zu begehren“? Oder ist das gar nicht so antiquiert? Ich will jetzt niemanden auffordern, sich einmal eine Gesellschaft vorzustellen, in der es gar keine Pflichten gibt. Das wäre lächerlich. Selbst wenn uns alle Arbeit von Maschinen abgenommen wird, es ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt und wir den ganzen Tag nur noch zwischen Sofa und Bett hin- und herwandern müssten und selbst normalerweise ungeliebte Pflichten wie die Verteidigung des Vaterlandes von Algorithmen erledigt werden, blieben doch genügend Pflichten bestehen, denen wir uns nicht entziehen können. Ich will nur einige nennen: Die (nicht nur finanzielle) Sorge für unsere Familie, die Pflicht, sich in irgendeiner Form für unser Gemeinwesen einzusetzen, und auch die Pflicht, Stellung zu beziehen, auch wenn es unbequem ist. Vermutlich ließe sich diese Liste beliebig verlängern, aber für den Moment soll es genügen.

Alles nur Mühe und Arbeit?

Nun verbinden die meisten von uns mit dem Wort Pflicht ja etwas eher Schweres, Belastendes, Unangenehmes. Soll unser Leben also spätestens ab Aufnahme in den Bund der Freimaurer nur noch niederdrückend und hart sein? Auch wenn wir so erwachsen sind, dass wir nicht auf unserem vermeintlichen Recht beharren, Spaß haben zu dürfen, so suchen wir doch alle vermutlich etwas (oder meinen, es gefunden zu haben), das unser Leben bei aller Gewissenhaftigkeit und Pflichterfüllung erhellt und lebenswert macht. Aber der Reihe nach, vielleicht reicht die Pflichterfüllung an sich ja doch, um ein Leben lebenswert zu machen. In der Bibel finden wir den weisheitsvollen Satz: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn‘s hochkommt, so sind‘s achtzig Jahre, und wenn‘s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.“ Also doch nur „Mühe und Arbeit“? Das reicht, um unser Leben „köstlich“ zu machen?

Ich werde hier nicht dem Psalmisten widersprechen, denn wenn ich mir vorstelle, es wäre mir vergönnt, eines Tages auf 80 Lebensjahre zurückblicken zu können, würde ich dem Psalmisten vielleicht doch zustimmen, denn das Gegenteil von „Mühe und Arbeit“ wäre Müßiggang, und 80 Jahre Müßiggang wäre selbst für einen Faulpelz wie mich eine saure Angelegenheit. Und dennoch: Finden wir vielleicht zwischen Mühe und Arbeit auf der einen und Müßiggang auf der anderen Seite etwas, was unser Leben lebenswert macht und uns eines fernen Tages im Rückblick sagen lässt, „Ja, mein Leben war ein gelungenes Leben“? Allerdings wissen wir dann immer noch nicht, um welche Pflichten es dabei gehen könnte.

„Sei maßvoll und respektiere die Mühe anderer …“

Der berühmte Schauspieler Cary Grant schrieb kurz vor seinem Tod einen Brief an seine Tochter Jennifer: „Liebste Jennifer, lebe dein Leben voll, ohne selbstsüchtig zu sein. Sei maßvoll, respektiere die Mühe anderer. Strebe nach dem Besten und gutem Geschmack. Behalte einen reinen Verstand und sauberes Benehmen … Sei dankbar für die Gesichter guter Menschen und die … Liebe hinter ihren Augen … Für Blumen, die im Winde tanzen … Ein kurzer Schlaf noch, und ich wache für die Ewigkeiten auf. Wenn ich nicht erwache, wie wir es verstehen, dann lebe ich in dir, liebste Tochter, fort.“

Und, was hat das mit den Pflichten zu tun, von denen wir im Ritual bei der Aufnahme, bei der Übernahme von Ämtern und auch an anderen Stellen gehört haben und die ich angeblich die ganze Zeit behandle? Ich finde, eine ganze Menge. Im Grunde legt er seiner Tochter nämlich Pflichten auf. „Sei maßvoll, respektiere die Mühe anderer, tu dies, tu das …“ Auch wenn dieser Pflichtenkatalog nichts enthält wie: „Geh jeden Tag zur Arbeit, selbst wenn dein Chef ein vollkommener Ignorant ist, zahle brav deine Steuern und bringe deine Ersparnisse nicht auf die Cayman-Inseln usw.“, so geht es Cary Grant doch offensichtlich nicht darum, dass seine Tochter sich einfach nur zurücklehnen und ihr Leben genießen soll. Aber was hätte sie davon, wenn sie diesen Pflichtenkatalog erfüllte? Wenn wir genau hinhören, deutet er in der Formulierung der Pflichten ja schon an, was seine Tochter bekommen könnte: Wenn sie es schafft, nicht „selbstsüchtig“ zu sein, wird sie sich für andere Menschen öffnen, ihnen mit Empathie begegnen, und so die Möglichkeit schaffen, dass ihr andere Menschen ebenso empathisch und offen begegnen. Wenn sie „maßvoll“ ist, gerät sie nicht in Gefahr, maßlos und gierig alle Grenzen zu überschreiten und alles für sich behalten zu wollen, was ihr die Chance bietet, anderen materiell oder ideell etwas geben zu können. Wer die Mühe anderer respektiert, wird vielleicht in seinem Streben ebenfalls respektiert werden …

„… denn wer sät, erntet nicht immer.“

Natürlich habe ich das alles sehr vorsichtig formuliert, ich habe von Möglichkeiten und Chancen gesprochen. Es handelt sich ja nicht um ein Geschäft mit vertraglich festgelegten Regeln nach dem Motto: „Wenn ich das tue, bekomme ich dafür jenes“. Nein, es ist ein Handeln, das Möglichkeiten eröffnet, wir können nicht wissen, ob es sich „lohnt“. In einem Ritual (nicht A. F. u. A. M.) heißt es: „Ihre Arbeiten können auch ohne Lohn bleiben, denn wer sät, erntet nicht immer.“ Was wir tun können, ist zu säen. Ob wir ernten werden, wissen wir nicht, aber wer gar nicht erst sät, wird bestimmt niemals die Früchte seiner Mühen einfahren.

Und so verstehe ich die Pflichten, die uns auf unserem Weg aufgegeben worden sind: Es sind Handlungsanweisungen, die uns eines Tages vielleicht in die Situation bringen, dass wir von unserem Leben sagen können: „Es war gut, es ist gelungen.“ Denn darum geht es im Grunde: Im Rückblick ein gelungenes Leben feststellen zu können — oder besser noch jetzt im Moment ein gelingendes Leben. Wir wissen nicht, was nach unserem Tod kommt, das kann uns niemand sagen. Wir können etwas glauben, müssen es aber nicht. Aber was wir wissen können, ist, ob unser Leben jetzt im Moment gelingt. Und dazu gehört kein dickes Bankkonto, keine Segelyacht und kein Porsche. Das alles können wir sowieso nicht mitnehmen, wenn es soweit ist. Vielleicht machen uns diese Dinge im Moment Spaß und befriedigen uns, aber das reicht nicht für ein gelingendes Leben. Dazu gehört vielmehr der Umgang mit anderen Menschen auf der Winkelwaage, Respekt, vielleicht etwas Demut oder sogar Dankbarkeit, für das, was wir haben, auch wenn wir nicht so genau wissen, wem wir dankbar sein sollen. Auf jeden Fall sollten wir uns als Freimaurer klar machen, dass uns unsere irdischen Besitztümer nicht für alle Ewigkeit erfreuen werden. Und für mich gehört zu einem gelingenden Leben, dass wir auch dann Freude und Befriedigung erleben, wenn es uns materiell nicht so gut geht. Umgang mit meinen Mitmenschen kann ich auch haben, wenn ich nichts besitze, und vielleicht werde ich auch dann, wenn es mir schlecht geht, mich ganz bewusst entscheiden können, dankbar zu sein für alles, was ich habe, und nicht neidisch auf das schielen, was die anderen haben. Das wünsche ich mir jedenfalls.

Nun sind das hohe Ziele, und welche Pflichten mich dahin führen, dass ich sie erreiche, weiß ich nicht immer hundertprozentig. Aber die Auflistung aus dem Brief von Cary Grant ist, meiner Meinung nach, schon mal ein guter Anfang:

Lebe dein Leben voll, ohne selbstsüchtig zu sein.
Sei maßvoll, respektiere die Mühe anderer.
Strebe nach dem Besten und gutem Geschmack.
Behalte einen reinen Verstand und sauberes Benehmen.
Sei dankbar für die Gesichter guter Menschen und die Liebe hinter ihren Augen.
Sei dankbar für Blumen, die im Winde tanzen.

Wenn wir diesen „Pflichten“ gehorchen, sind wir auf jeden Fall „wachsam auf uns selbst“, und wenn alles gut geht, wenden wir so auch „niemals der Not und dem Elend den Rücken“.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 4-2019 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.