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Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

© Richard Villalon / stock.adobe.com

Von Hans-Hermann Höhmann


„Die Welt ist aus den Fugen geraten.“ So beschrieb Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Beginn seiner ersten Amtszeit die Weltlage angesichts vieler innergesellschaftlicher Krisen und zwischenstaatlicher Kriege.

Nun steht Steinmeier am Beginn seiner zweiten Amtszeit und bis heute hat sich offenbar nichts geändert an dieser aus den Fugen geratenen Welt. Im Gegenteil: Zu den vielen Spannungen, Problemen und Zerwürfnissen, die das junge Jahrhundert von Beginn gekennzeichnet haben, sind neue hinzugekommen wie die mit vielfältigen gesellschaftlichen Verwerfungen verbundene Corona-Pandemie oder haben sich dramatisch verschärft, wie der Krieg in der Ukraine.

Die politischen Akteure wie die Bürger stehen in dieser Situation vor der Aufgabe, sich neu zu orientieren und ihre Möglichkeiten und Pflichten wahrzunehmen. Die Politiker sind zu besonnenem, doch auch zu zügigem und verantwortungsvollem Wirken aufgefordert. Wir Bürger — und dazu gehören ja auch wir Freimaurer — sollten vermeiden, in eine Atmosphäre steriler Aufgeregtheit zu geraten, in mannigfaltige Wutbürgerattituden zu verfallen, und zuzulassen, dass sich in unserer Gesellschaft Rassismus und Hass sowie Aggression und Politikfeindlichkeit verbreiten. Wir sollten stattdessen Empathie und menschliches Miteinander zu unserer Sache machen, wir sollten gründlich nachdenken und besonnen kommunizieren, wir sollten dazu beitragen, die Gesellschaft im Diskurs zusammenzuhalten, und wir sollten handeln, damit positive Ideen auch umgesetzt werden. Zu diesem notwendigen Denken und Handeln gehört in meiner Sicht auch, sich über die Grundlagen gelingender Politik zu verständigen, über die politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen, die vorhanden sein müssen. Wir sollten uns verständigen über die Grundlagen von Politik, die vorhanden sein müssen, damit es bei uns in Deutschland, anderswo in Europa und in der Welt wieder besser wird.

Besonnenheit statt Aufgeregtheit in der Kommunikation

Zu einer solchen Reflexion der Grundlagen von Politik gehört in meiner Sicht als Freimaurer nicht zuletzt auch die Zweckmäßigkeit, ja die Notwendigkeit, den Zustand unserer Gesellschaft mit all ihrer Zerrissenheit im Spannungsfeld freimaurerischer Werte zu betrachten, im wechselseitigen Verhältnis von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit als den (gleichsam) Eckpfeilern der europäischen Wertetradition und zu fragen, was sich auf dieser Grundlage für das Denken und Handeln der Menschen als Möglichkeiten und als Notwendigkeiten ergibt.

Ich folge dabei der überlieferten Reihenfolge und beginne mit der Freiheit. Unter allen Werten, die Menschen leiten und auf die Menschen sich berufen — sei es individuell, sei es im Kollektiv —, ist Freiheit sicherlich einer der wichtigsten. Wie kaum ein anderer Wert ist Freiheit jedoch gleichzeitig in Gefahr, sich mit Pathos zu schmücken und zur bloßen Parole zu werden. Das hat mit der elementaren Bedeutung zu tun, die Freiheit für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung besitzt. Dass hängt aber auch damit zusammen, dass Freiheit missbräuchlich verwendet werden kann, für persönlichen Egoismus, für den Egoismus von gesellschaftlichen Interessengruppen aller Art und für den Egoismus von politischen Bewegungen, Religionen und Nationen.
Einer der ersten, der Freiheit unter Ideologieverdacht gestellt hat, war der deutsche Philosoph Georg Friedrich Hegel, der in seinen „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“ einmal sagte „Man muss, wenn von Freiheit gesprochen wird, immer wohl achtgeben, ob es nicht eigentlich Privatinteressen sind, von denen gesprochen wird.”

Das masonische Interesse an der Freiheit

Freiheit hat viele Dimensionen. Vor allem zwei davon haben die Freimaurer immer interessiert: die persönliche Freiheit und die politische Freiheit.
Bei der persönlichen Freiheit wurde dann gern weiter unterschieden zwischen Freiheit als sozialem Status des Mannes, der zum Freimaurer geeignet war und von dem es hieß, er habe ein freier Mann von gutem Ruf zu sein und Freiheit als einer inneren Befindlichkeit des Freimaurers, als Freiheit von weltanschaulicher Dogmatik, von triebhafter Steuerung, von falschem Wissen und von Vorurteilen aller Art.

Unter dem Schutz der Verschwiegenheit sollte der Freimaurer der Autonomie des Gewissens folgen, und wenn Freimaurerei Geheimnis war, so war dies Geheimnis — so die Worte des Historikers Reinhart Koselleck — vor allem ein „Geheimnis der Freiheit“. Sowohl in ihren Texten als auch in ihren Ritualen haben die Freimaurer diese Auffassungen immer wieder zum Ausdruck gebracht. So heißt es etwa zum Stichwort „Freiheit“ im Internationalen Freimaurerlexikon von Eugen Lennhoff und Oskar Posner:

„Der sittliche Mensch handelt, als ob er frei wäre. Freiheit (ist) … die notwendige Fiktion, die jenes Ausmaß an Verantwortlichkeit und Zurechnungsfähigkeit ermöglicht, ohne die ein soziales Zusammenleben undenkbar ist“.

Auch in ihren Ritualen setzt die Freimaurerei Willensfreiheit voraus, wenn sie davon ausgeht, dass der Mensch die in seinem Habitus verkörperten sozial schädlichen Neigungen abbauen und sich selbst zum Guten verändern kann — ein Prozess, der symbolisch als „Arbeit am rauen Stein der eigenen Person“ gekennzeichnet wird.

Normativ betrachtet, postuliert Freimaurerei die sittliche Freiheit des Menschen, seinen Leidenschaften nicht auf destruktive Weise zu verfallen, sich von Vorurteilen zu befreien, durch Selbsterkenntnis zur Selbstbestimmung zu gelangen und nach sittlichen Grundsätzen zu handeln. Die Freiheit des Freimaurers soll sich auf Erfahrung, Erkenntnis und Wissen gründen. Deshalb lehnt er Dogmenzwänge ab und bekennt sich zur Glaubens- und Gewissensfreiheit, die er nicht nur für sich selbst beansprucht, sondern auch anderen gegenüber nach den Grundsätzen der Toleranz zu üben verpflichtet ist. Die Freiheit des Freimaurers ist keine willkürliche, sondern eine gezügelte, eine eingebundene Freiheit: Frei ist nur, wer nicht allein das Ausmaß, sondern auch die Begrenzung seiner Freiheit kennt.

Freiheit beruht auf Gleichheit

In politischer Hinsicht ist das freimaurerische Freiheitsverständnis in die eigenen historischen Wurzeln, in die Tradition von Humanismus, Aufklärung und Demokratie eingebunden. Dabei waren die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung, die Französische Revolution und die deutsche Demokratiebewegung — Stichwort Paulskirchen-Parlament von 1848 — von herausgehobener Bedeutung. 

Allerdings hat sich die Freimaurerei vom direkten Kampf um Freiheit in der politischen Arena weitgehend ferngehalten. Auch kam es im späten 19. und im frühen 20. Jahrhundert zu Rückfällen in eine reaktionär-autoritäre Gesinnung, Rückfälle, von denen vor allem die deutsche und hier wiederum die sog. „altpreußische“ Freimaurerei mit ihrer Sympathie für Nationalismus, völkisches Denken, Rassismus und schließlich den Nationalsozialismus besonders betroffen waren. 

Das Geheimnis der Freiheit beruhte von Anfang an auf dem Geheimnis der Gleichheit. Persönliche Autonomie und freier Geist waren nur erreichbar, wenn sich der Maurer in der Loge als Gleicher unter Gleichen fühlen konnte. Dass Fürsten und Bischöfe Mitbrüder waren, ließ die ihnen außerhalb des Bundes zukommenden Befugnisse weltlicher und geistiger Macht zurücktreten und machte die Freiheit des Freimaurers zumindest zu einer — im Vorgriff auf die Zukunft — gefühlten Freiheit.

Freilich: Es waren auch in der Freimaurerei nicht immer alle Menschen gleich, Juden und Schwarze blieben für lange Perioden vor den Toren der Tempel, und die Selbstverständlichkeit, mit der heute die Logen der Freimaurerinnen im Bund willkommen geheißen werden, ist gleichfalls jüngeren Datums und ist auch heutzutage nicht überall so herzlich wie in der Loge „Ver Sacrum“.

Freiheit und andere Leitvorstellungen

Freiheit hat Schranken, und die Schranken der Freiheit bestehen in den Belangen anderer Menschen, die wir mit unserer Freiheit berühren. Diese Belange finden in der Regel in weiteren Leitvorstellen ihren Ausdruck, die — in einem Verhältnis der Ergänzung, aber auch der Konkurrenz — neben der Freiheit stehen. Deshalb kommen auch die Freimaurer, wenn sie von Werten oder politischen Gestaltungsprinzipien sprechen, mit Freiheit allein nicht aus. Immer gibt es eine Reihung der Werte, ja eine Wertehierarchie. Das gilt für die in die Freimaurerei des Grand Orient de France aufgenommene Wertetrias der französischen Revolution — Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit — ebenso wie für die im 19. Jahrhundert in der deutschen Freimaurerei üblich gewordene Reihung — Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Toleranz —, die heute oft zu fünf freimaurerischen Grundidealen erweitert wird — Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität, wobei an die Stelle der Gleichheit oft die Gerechtigkeit tritt.

Freiheit muss also mit anderen Werten abgestimmt werden, die heutzutage immer wichtiger werden: mit Sicherheit, mit Gerechtigkeit, mit Nachhaltigkeit, mit Toleranz. Maßstab solcher Abstimmungen, die in politischen Entscheidungsprozessen, zuvor aber auch in gesellschaftlichen Diskursen vorzunehmen sind, kann wiederum nur die Humanität sein, die Überzeugung, dass „die Würde des Menschen unantastbar ist“ (Artikel 1, Grundgesetz) oder — mit Lessing — dass die Natur nichts außer der „Glückseligkeit jedes wirklichen einzeln Wesens zur Absicht gehabt“ hat!

Und Freiheit muss institutionell verankert sein, sowohl in formellen Institutionen wie Verfassungen, Gesetzen und Modalitäten der Rechtssprechung als auch in informellen Institutionen wie sittlichen Standards, Verhaltensnormen, Kulturen und Entscheidungen für Werte.

Schlechte Politik zerstört Vertrauen und Moral

Viele Anzeichen innerhalb der heutigen Diskussionen weisen nun darauf hin, dass das Bewusstsein für die Notwendigkeit kultureller Grundlagen und Voraussetzungen einer gelingenden Politik einerseits erschüttert wurde und unsicher geworden ist, anderseits aber gleichzeitig in der jüngsten Vergangenheit auch zugenommen hat. Ich erwähne mit ein paar Stichworten hierzu nur die anhaltenden Debatten um Werteverfall, Wertewandel und neue Werte in der modernen Gesellschaft von heute, sowie das mit dem Wertediskurs aus gutem Grund verbundene zunehmende öffentliche Nachdenken über Notwendigkeit und Möglichkeit einer neuen, selbstbewussten und wertorientierten Bürgerlichkeit.

Gewiss, zweckmäßige und konsistente Institutionen sowie eine erfolgreiche Politik können dazu beitragen, dass sich Wertebewusstsein entfaltet und dass sich das Vertrauen festigt, das die Bürger der Politik entgegenbringen, wie umgekehrt eine schlechte Politik Vertrauen und Moral zerstört.
Doch letztlich sind Werte den Institutionen und politischen Entscheidungen vorgeordnet, geben ihnen Impuls und Richtung und folgen ihnen nicht nach.
Ernst-Wolfgang Böckenförde, deutscher Rechtsprofessor und von 1983 bis 1996 Richter am Bundesverfassungsgericht, hat das Problem der Gewährleistung einer integrierenden, motivierenden und verhaltensleitenden kulturellen Grundlage einer modernen säkularen Gesellschaft auf eine — immer wieder zitierte und sozusagen „klassisch“ gewordene — Formel gebracht: 

„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Andererseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt, mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren versuchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben…“

Die Rückkehr des Bürgers

Damit Werte im Bewusstsein der Menschen präsent sind, müssen sie vermittelt werden. Hierzu bedarf es nichts so sehr wie einer lebendigen Bürgergesellschaft, die Menschen — einzeln und ihren verschiedenen Gruppen — kooperativ zusammenbindet. Gewiss: „Bürgerlichkeit“ schien in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts überholt zu sein. Aber heutzutage, am Beginn des 21. Jahrhunderts, nach Katastrophen, politischen Verwerfungen und grundstürzenden Systemumbrüchen scheint es wieder möglich geworden zu sein, Bürgerlichkeit zu reflektieren, sie auf die Ambivalenz ihrer Elemente hin zu untersuchen und ihre Bedeutung für Gegenwart und Zukunft auszuloten. Heute sind die Begriffe „bürgerlich“ und „Bürger“ wieder deutlich positiv besetzt.

„Wir brauchen bewusste Bürger“, so war ein Interview der taz, der Berliner Tageszeitung, mit den Professoren Ralf Dahrendorf und Paul Nolte vom Dezember 2005 zum Thema „Die Bürgergesellschaft und ihre engagierten Intellektuellen“ überschrieben, in dem Dahrendorf vom neuen Typus Bürger sagt: „Seine Position ist nicht vom Staat abgeleitet, sondern beruht auf einer eigenen, selbstbewussten Haltung.“

„Ich wünschte mir, ein Bürger zu sein, nichts weiter, aber auch nichts weniger als das“, so zitierte Joachim Gauck in seiner ersten kurzen Ansprache nach der Wahl zum Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland am 18. März 2012 den politischen Publizisten Dolf Sternberger, und er bekräftigte den Wunsch Sternbergers als seine eigene politische Haltung.

Eine solche Idee bewusster und unabhängiger Bürgerlichkeit — so hatte schon vorher der niederländische Philosoph Stephan Strasser in seinen „Ethisch-politischen Meditationen für diese Zeit“ geschrieben — orientiert sich „am Ziel der rationalen Gestaltung der menschlichen Geschichte durch mündige, diskutierende, friedlich konkurrierende Individuen und Gruppen, im Glauben an die Möglichkeit des Fortschritts.“

Die fünf Einstellungen der Bürgerlichkeit

Mein persönlicher Favorit als Gewährsmann einer neu durchdachten Konzeption von Bürgerlichkeit ist freilich der Anfang Mai 2015 verstorbene, für das freimaurerische Denken in der Gegenwart hoch bedeutsame Giessener Philosoph Odo Marquard, für den sich „Bürgerlichkeit“ in fünf grundsätzlichen Einstellungen manifestiert: Erstens: im Festhalten an der Aufklärung als jener Modernitätstradition, „die — so Marquard – als Wille zur Mündigkeit [. . .] den Mut zur Nüchternheit zur Routine macht“. Zweitens: im „Abschied vom Prinzipiellen“ (dies der Titel eines seiner Bücher), was für Marquard bedeutet: Absage an ideologische Verblendung, Bereitschaft zu intellektueller Offenheit und — hier berührt sich Marquard mit Karl Raimund Popper — soziale Verortung in einer „offenen Gesellschaft“. Drittens: in der Bewahrung der freiheitsbedingenden Wirkung der Gewaltenteilung. Zitat Marquard: „Die Menschen sind als endliche Wesen nicht durch ursprüngliche Souveränität frei, sondern durch Gewaltenteilung: weil mehrere Wirklichkeiten, mehrere Überzeugungen, Traditionen, Geschichten, Sakralgewalten, politische Formationen, Wirtschaftskräfte, Kulturen und andere Determinanten existieren …, die sich gegenseitig … einschränken.“ Viertens: im Festhalten am Pluralismus, der aus der Skepsis gegenüber absoluten Wahrheiten und aus dem Respekt vor vielfältigen Herkunftsgeschichten resultiert. Ohne das Nebeneinander und das Miteinander unterschiedlichster bürgergesellschaftlicher Gruppierungen mit ihren je eigenen Mythen und historischen Narrativen kann keine freie Gesellschaft existieren; sowie fünftens schließlich: in der Sicherung der individuellen Freiheitsräume des Bürgers durch die Institutionen des Rechtsstaats und durch den Prozess demokratischer Politik.

Wie aber kommen diese Einstellungen in der politisch-gesellschaftlichen Praxis zustande?

Wie lassen sie sich im Habitus des Bürgers verankern, der ja nur durch eine solche habituelle Verankerung auf Dauer zum selbstbewussten Bürger wird?
Gewiss nicht durch eine bloße Werterhetorik, die eher abstößt und Verdruss bereitet, wohl aber durch eine Praxis, an der mitzuwirken den Freimaurern wohl anstünde, eine Praxis anhaltender und nachhaltiger bürgerlicher Werteaneignung und Werteumsetzung.

Konkretisierung der Werte setzen toleranten und redlichen Diskurs voraus

Hierzu drei Überlegungen zum Schluss: Erstens: Ein Hoppla-Hopp neuer Wertorientierung gibt es nicht. Zur Praxis bürgerlicher Wertaneignung gehört ein komplexes und schwieriges Verständigungsprogramm, denn es gibt viele Fragen, die nach Antwort verlangen: Welche Werte sollen gelten? Wie verhalten sich die einzelnen Werte zueinander, Freiheit und Gleichheit etwa, oder Freiheit und Sicherheit? Auf welche Weise sind Werte ganz konkret und gesetzestechnisch in Institutionenbildung und Politik umzusetzen? – denn hier gilt ja Schillers „leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen“.

Eine solche Prüfung und Konkretisierung von Werten setzt die Anerkennung der Pluralität von Auffassungen und einen toleranten, redlichen Diskurs voraus, in dem sich Streit- und Kompromisskultur verbinden. Dabei geht es nicht nur um Werte, es geht auch um eine im politischen Handeln belastbare Einsicht in die Strukturen der realen Welt, die immer unübersichtlicher werden, und die es schwierig machen, für politische und gesellschaftliche Herausforderungen Lösungen zu finden, die nicht nur den Werten entsprechen, auf die man sich beruft, sondern bei denen auch das erforderliche Maß an Alltagsvernunft nicht zu kurz kommt.

Zweitens: So wichtig eine Verständigung über heutige Realitäten ist, die notwendige Tiefe gewinnt dieser Diskurs doch nur dann, wenn er sich mit Erinnerungskultur und historischer Reflexion verbindet. Die europäischen Bürgerkriege des 19. und 20. Jahrhunderts haben ja dem Europa der Aufklärung im Sinne einer den europäischen Eliten gemeinsamen Lebens- und Denkweise ein Ende gesetzt. An diese gemeinsame Lebens- und Denkweise hätte das heutige Europa wieder anzuknüpfen. Um aber an gemeinsame Vergangenheiten anknüpfen zu können, müssen die Europäer der Gegenwart — so hat es der in Harvard lehrende amerikanische Historiker Robert Darnton einmal formuliert — „einen Salto rückwärts über das 19. und 20. Jahrhundert springen und sich von neuem mit der europäischen Dimension des Lebens im Zeitalter der Aufklärung auseinandersetzen.“

„Seid Idealisten bis ins Greisenalter“

Nicht, dass irgendwer das 18. Jahrhundert wieder aufleben lassen wollte — lebte damals doch die große Mehrheit der Europäer im Elend und war doch die Aufklärung selbst eine komplexe Bewegung voller Widersprüche und Gegenströmungen — Stichwort „Dialektik der Aufklärung“. Doch die Aufklärung ist nun einmal der Ursprung der freiheitlich-demokratischen Werte, die heute das Herzstück unserer Gesellschaft ausmachen und das in einer Form, die eine wirkliche, zukunftsträchtige Alternative zum Nationalismus, zum Rassismus und zum Fundamentalismus ermöglicht.

Freilich müssen europäische Werte heutzutage offen sein für tolerante Begegnungen mit den Werten anderer Kulturen, wenn sie auch ihren Kern bei diesen Begegnungen zu bewahren haben. Nicht aus Prinzip und Überheblichkeit, sondern deshalb, weil sie sich als Grundlage einer freien Gesellschaft ganz pragmatisch bewährt haben. Selbstverständlich gehört der Islam heute zu Deutschland und Europa, doch das bedeutet auch, dass er sich — wie alle Religionen — nicht nur in das Regelspiel demokratisch-pluralistischer Institutionen einzufügen hat, sondern dass er auch dazu bereit zu sein hätte, dieses Regelspiel als Grundlage der eigenen sozialen Existenz in unserer Gesellschaft anzuerkennen und zu praktizieren.

Drittens schließlich ist bürgerliches Handeln vonnöten. Es kommt auf eine aktive Teilhabe am Leben der Gesellschaft an, die nicht exklusiv ist im Sinne eines Ausschlusses anderer und die nicht daherkommt als eine „Bürgerlichkeit der feinen Leute“, sondern die als eine „Bürgerlichkeit der Einbeziehung aller“ wirkt, als eine Bürgerlichkeit der sozialen Offenheit, als eine Bürgerlichkeit, die andere mitnimmt und die auch die weniger Privilegierten in das gesellschaftliche Ganze einschließt. Insofern darf Eintreten für „Bürgerlichkeit“ nicht als Absage an die soziale Verantwortung des Einzelnen und als Gegensatz zum Sozialstaat gesehen werden, dessen Notwendigkeit unbestritten bleibt.

Eine Einstellung bewusster, wertorientierter Bürgerlichkeit erfordert nicht zuletzt eine Mitwirkung in den vielen Gruppierungen der Bürgergesellschaft, — von den Familien über die Parteien, die Bürgerinitiativen, die Vereine, die Kindergärten und Schulen bis hin zu den Logen der Freimaurerinnen und Freimaurer — d.h. eine Mitwirkung in den zahlreichen vom Staat unabhängigen Initiativen und Assoziationen, deren Aktivitäten und deren Vernetzung allein eine humane Gesellschaft ermöglicht.

Es sind die mit Verantwortung gefüllten kleinen Freiheiten in der Gesellschaft, auf denen die große Freiheit der Gesellschaft beruht. Mit diesen Worten wollte ich meinen Vortrag eigentlich beenden. Doch gestern stieß ich bei einem Besuch des Arp-Museums in Rolandseck auf ein paar Sätze der Malerin Paula Modersohn-Becker aus einem Brief an ihren Bruder Kurt, und die sollen jetzt meinen Abschluss markieren: „Seid Idealisten bis ins Greisenalter, Idealisten, die eine Idee verkörpern. Dann habt ihr gelebt. Und die Welt schreitet vorwärts. Und der große Sumpf trocknet aus und wird Gartenland.“

Dieser Beitrag wurde als Zoom-Vortrag in der Loge „Ver Sacrum“ Köln am 21. Februar 2022 gehalten.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 3-2022 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.