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Freimaurerei als Therapie

© Hans Teiller

Von Hans Teiller

Wie ähnlich sind sich die Wirkmechanismen von Gebet und Ritual?

Die Freimaurerei und ihre Rituale speisen sich aus vielen Quellen. Eine davon ist der christliche Glaube und sein Grundlagenwerk, die Bibel, die als „Buch des Heiligen Gesetzes“ eines der drei Großen Lichter der (sogenannten regulären) Freimaurerei darstellt. In ihr finden wir beim Evangelisten Lukas in Kapitel 11 Vers 9 den schönen Satz: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“

Wortgleich klingt es im freimaurerischen Lehrlingsritual und -katechismus, hier in einem Ritualtext nach Friedrich Ludwig Schröder: „Suchet, so werdet ihr finden; bittet, so wird euch gegeben; klopfet an, so wird euch aufgetan.“ Einzig die Reihenfolge wurde verändert, um die Annäherung eines Suchenden an die Loge zu illustrieren; denn die rituelle Antwort, wie das auf die Freimaurerei zu beziehen sei, lautet wie folgt: „Ich beschäftigte mich mit dem Vorsatze; ich vertraute mich einem Freunde; ich klopfte an, und die Tür der Freimaurerei wurde mir geöffnet.“ Dennoch fiel es mir als Lehrling schwer, die maurerisch „richtige“ Reihenfolge zu merken und ich behalf mir mit dem Kürzel SBK für suchet — bittet — klopfet; das funktioniert bis heute.

So weit so gut. Beide Texte — Neues Testament und masonischer Katechismus — gehen noch weiter und zwar recht unterschiedlich, allerdings mit interessanten Parallelen in ihrer Deutung. In einer Vorlesung des Theologen und Psychoanalytikers Eugen Drewermann über die Lehre Jesu aus tiefenpsychologischer Sicht stieß ich auf den Hinweis, dass Jesus in der anschließenden Erläuterung seiner einprägsamen Formel „suchet, bittet, klopfet“ keineswegs behauptet, dass im Gebet geäußerte Wünsche im wörtlichen Sinne erfüllt würden, sondern — besser noch — auf einer wesentlicheren Ebene: Denn in Lukas Vers 13 desselben Kapitels heißt es kurz darauf weiter: „… wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!“ Der Gläubige in seiner menschlichen Fehlbarkeit nämlich bittet möglicherweise um etwas, das weder ihm noch seinen Mitgeschöpfen guttut und somit auch nicht im Sinne Gottes sein kann. Trotzdem hilft das Gebet! Denn ähnlich wie in einer Gesprächstherapie schafft schon das Aussprechen innerer Nöte unmittelbare Erleichterung, der emotional innere Druck kann durch Äußerung weichen und sich mittel- bis langfristig sogar wandeln: Was etwa heiß begehrt wurde, kann als im Grunde unnötig erkannt werden oder die affektive Verwünschung eines boshaften Mitmenschen kann zu Verständnis und Vergebung reifen. Die erbetene Änderung findet also nicht im Äußeren statt, wo sie erfleht wurde, sondern im Inneren des Bittenden bzw. Betenden selbst. Er hat also weder etwas Materielles erhalten noch ein Ereignis in der Außenwelt erwirken können, wohl aber ein innerpsychisches Ereignis, das ihn über die auslösende Situation hinaus nachhaltig verwandelt hat und sein Wesen veredelt. Jesus nennt das laut Lukas den „Heiligen Geist“.

Ähnlich funktioniert idealerweise auch Therapie — über die Bewältigung eines akuten und (scheinbar extrinsischen) einmaligen Problems hinaus bzw. hinein in die Persönlichkeitsstruktur durch Entwicklung einer allgemeinen intrinsischen Lösungs- oder gar Präventionskompetenz für vergleichbare Fälle, vom (eigenen wie systemischen) Leid zu Frieden und Freude oder etwas gleichnishafter in der uns Freimaurern eigenen Metaphorik ausgedrückt: „Von der Finsternis zum Licht.“

Wo nun aber finden sich die ganz konkreten Parallelen im Ritualtext? Der erfolgreich Suchende, Bittende und Klopfende wurde letztlich aufgenommen, andernfalls würde er ja den erwähnten Lehrlingskatechismus weder im Ritual noch außerhalb des Tempels zu hören oder zu lesen bekommen. In jenem stellt sich wenig später die Frage, wodurch sich Freimaurer von anderen Menschen unterscheiden sollen. Die reguläre Antwort lautet: „Durch tadelloses Betragen, eine von der Knechtschaft der Vorurteile befreite Denkart und durch eine auf sittliche Grundsätze gegründete echte Freundschaft zu seinen Brüdern.“ Wenn das mal nicht der Heilige Geist in brüderlichem Gewand ist! Denn wie könnte dieser besser in und zwischen Menschen wirken als durch positive Gefühle, Gedanken und Taten, die darüber hinaus ihre symbolische Entsprechung in Zeichen, Wort und Griff finden?

Mit gutem Grund verwehren sich sämtliche mir bekannten Logen dagegen, als therapeutische Institution wahrgenommen zu werden und pflegen auch hinter verschlossenen Türen keinerlei entsprechendes Selbstbild. Wohl aber hegen wir traditionell den etwas großspurig formulierten Anspruch, „aus guten Männern bessere zu machen“, und nennen unsere Königliche Kunst eine Einübungsethik. Das würden wohl auch die meisten Religionen — wenn nicht als Hauptziel — dann doch als erwünschte Nebenwirkung für sich postulieren. Und weil es den Betroffenen damit erfahrungsgemäß selbst auch deutlich besser geht, darf man einen therapieähnlichen Wirkmechanismus wohl als gegeben betrachten —, auch wenn man unter Brüdern eher nicht von pathologischen Defiziten ausgeht, sondern von grundsätzlich gesunden Menschen mit entwicklungsfähigen Potenzialen.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 3-2022 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.