Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

Freimaurerei — eine Diaspora des Singens

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Freimaurerei — eine Diaspora des Singens

Von Dietmar Klenke

Wer heutzutage der deutschen Freimaurerei als Ritualgemeinschaft begegnet, wird großenteils auf gesanglich stumme Bruderschaften stoßen. Wer aber auf Singen als gemeinschaftliche Betätigung verzichtet, beraubt sich eines der wirkungsvollsten Mittel, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und der emotionalen Wärme aufkommen zu lassen.

Schon vor Jahrzehnten beklagte sich der Logenbruder C. Ocker im Quatuor Coronati Jahrbuch 1981 über die stiefmütterliche Behandlung des Singens mit den drastischen Worten: „Lessing soll einmal gesagt haben: Alles, was er über die Freimaurerei wisse, habe er aus den Freimaurer-Liedern gelernt. Könnten wir heute, etwa bei einem Gästeabend, auf dem wir interessierte Menschen mit unserem Gedankengut bekannt machen wollen, dieses durch einen freimaurerischen Liederabend erreichen? Sicher nicht! Warum nicht? Das Freimaurer-Lied ist tot. Es ruht vergessen und vertan in Büchern. Und dabei hat doch gemeinsames Singen eine besonders eindringliche integrierende Wirkung.“

Nicht allen Freimaurern ist bewusst, dass sich die Geringschätzung des Singens kaum auf ältere Traditionen berufen kann, sondern eher mit bundesdeutschen Befindlichkeiten zu tun hat. In der Tat markiert die Nachkriegsära nach 1945 eine tiefe Zäsur. Die einstmals große Sangesfreude unter Männern, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts auch unter Freimaurern einen ungeahnten Aufschwung erlebt hatte, zog sich großenteils auf die Sportarenen zurück. Ein Massensterben setzte bei den Männergesangvereinen ein und der Musikunterricht verschob die Schwergewichte vom praktischen Musikerleben auf distanziertes Nachdenken über Musik. Zum einen antwortete der Niedergang der männlichen Gesangskultur auf den Missbrauch des Singens zu politischen Zwecken während der NS-Zeit, zum anderen war er auf konkurrierende Angebote der Freizeitgestaltung im Sport- und Konsumbereich zurückzuführen.

Stigmatisierung des Singens nach der NS-Zeit

Für die Wertschätzung des Singens erwies sich in der Nachkriegsära ein publizistischer Bannstrahl des Philosophen Theodor W. Adorno als fatal. Unter dem Titel „Kritik des Musikanten“ zog dieser 1956 gegen gedankenloses und damit missbrauchsanfälliges Musizieren zu Felde. Massenpsychologisch gesehen barg vor allem gemeinschaftliches Singen große Gefahren: Der Gesang drohte den Verstand auszuschalten und den Einzelnen zum willenlosen Objekt politisch-weltanschaulicher Manipulation zu machen. Wer sang, ließ sich anscheinend auf ein trügerisch gefühliges Gemeinschaftsversprechen ein, das sich schnell als bedenkliches Einfallstor für autoritäre Vereinnahmung und Entmündigung erweisen konnte. Hier geriet das urmenschliche Bedürfnis nach geselliger Nähe, ja nach Gemeinschaftsbindungen und Geborgenheit mit Blick auf die NS-Zeit und den kommunistischen Osten unter den Generalverdacht der Selbstentmündigung. Unter dem Eindruck solcher Erfahrungen traf die Kritik Adornos auf einen reichen Resonanzboden in der „skeptischen Generation“ (Schelsky 1957), die mit ihm über das Ziel einer abwägenden Kritik an gemeinschaftlicher Musikpraxis weit hinausschoss.

Der Blick auf die kollektiven Rauschzustände der NS-Zeit formte eine Haltung, die mit energischer Aufklärerpose eine individualistische, von extremer Gefühlskontrolle geleitete Verstandeskultur predigte. Jedes anrührende Gemeinschaftsritual wurde per se der Manipulationsanfälligkeit, Fremdbestimmung und trügerischen Gefühlsduselei verdächtigt. Es verbreitete sich mehr und mehr eine intellektuelle Stigmatisierung von traditionsorientierten Singgemeinschaften, wohingegen ein rebellisch-subkultureller Gestus in angelsächsischer Popmusik für freiheitliche Modernität zu stehen schien, was hierzulande zahllose Nachahmer fand. Diese Haltung errang seit den 1960er Jahren allmählich die Deutungshoheit, die erst nach 2000 wieder ins Wanken geriet, aber in den höheren Altersgruppen der Männerwelt noch weit verbreitet ist.
In einem Gesinnungsklima, dem Gemeinschaftsrituale suspekt vorkamen, hatte die deutsche Freimaurerei nach 1945 einen schweren Stand, erkennbar am schwerfälligen Neustart im Vergleich mit den konkurrierenden Service Clubs, die kaum an Traditionen anknüpfen konnten, dafür aber — „gesalbt mit US-amerikanischem Öl“ — den neudeutschen Habitus nüchterner Geschäftstüchtigkeit in karitativem Gewand erfolgreich zur Schau stellten. Noch schwerer hatte es unter solchen Voraussetzungen das vorbelastete Singen als rituelle Gemeinschaftspraxis; denn hier schürte die pralle Emotionalität erst recht den Verdacht, es mit gefährlichen Abwegen von Irrationalität und gemeinschaftlicher Vereinnahmung zu tun zu haben.

Das bundesdeutsche Ideal tatkräftiger freiheitsliebender Nüchternheit konnte sich auch auf Max Weber berufen. Dieser hatte 1910 auf dem I. Deutschen Soziologentag die Sangesfreude der Männerwelt als Ersatzbefriedigung abgekanzelt. Die Energie, die das Singen beanspruchte, schien für verantwortungsvolles gemeinwohlorientiertes Engagement verloren zu sein. Denn anscheinend betrieb eine gefühlsselige Männerwelt im Wohlklang des Gesangs gesellige Nabelschau und erging sich in behäbig sentimentaler Selbstzufriedenheit. Damit wollte Weber ein Bild vom angepassten und unkritisch obrigkeitsgläubigen Staatsbürger zeichnen. Diese Gedankenfigur erwies sich seit den späten 1960er Jahren als Wasser auf die Mühlen der bundesdeutschen Intellektuellenrevolte.

Indem der Kult der Nüchternheit das Singen aus sämtlichen Ritualwelten zu verbannen suchte, hinterließ er ein emotionales Vakuum, von dem die gesamte Vereins-, Club- und Logenwelt betroffen war. Gemeinschaft tief zu empfinden und daraus Kraft für gemeinwohlorientiertes und solidarisches Handeln zu ziehen, verlor mit der Verdrängung des Gesangs eines der wirkungsvollsten Mittel. Vor der NS-Zeit wäre kaum ein Vereinsmensch oder Freimaurer auf die Idee gekommen, das Freiheits- und Wettbewerbsideal stolzer Bürgerlichkeit in einen schroffen Gegensatz zu Geselligkeits-, Gemeinschafts- und Geborgenheitsbedürfnissen zu rücken, die allesamt auch auf rituelle Bekräftigung angewiesen sind. Und hier zählt Gesang nun einmal zu den robustesten Elementen rituellen Erlebens als Gegenwelt zu einem Alltag, der heutzutage vor allem von der beschleunigten Taktung der Arbeitswelt und einer neuartigen medialen Reizüberflutung im Zeichen des Smartphones geprägt ist.

Vom Reiz, Freimaurer-Gesang zu reanimieren — die Paderborner „Sangesbrüder“

Wer die Ritualpraxis der Freimaurerei insgesamt bejaht, sollte auch bereit sein, dem Singen zu neuem Leben zu verhelfen. Ermutigend sind die Erfahrungen, die in den letzten Jahren die „Sangesbrüder“ der Paderborner „Loge zum leuchtenden Schwerdt“ gemacht haben. Seit nunmehr fünf Jahren treffen sie sich — vom Corona-Lockdown abgesehen — allmonatlich in lockerer Runde, um Lieder zu singen. Die Teilnahme wechselt zwischen fünf bis acht Brüdern. Offen steht die Singgruppe allen Logenmitgliedern und die Logenleitung ist stets über das Gruppenleben informiert. Die Erfahrung, in Gemeinschaft lustvoll singen zu können, vertrieb sehr schnell die anfängliche Sorge, mit überfordernden Ansprüchen oder Chorleiter-Allüren konfrontiert zu werden. Auch der halbprivate Rahmen einschließlich Kaffee und Kuchen half, ein Gefühl von Vertrautheit und persönlicher Nähe zu entwickeln, auch wenn man sich bis dahin im Logenleben eher distanziert begegnet war.

Gemeinsam beschließen die „Sangesbrüder“, was gesungen wird: von volkstümlichen Liedern und Kanons über hymnenartige Gesänge bis hin zu Pop-Songs, Kabarett-Chansons oder dezidiert politischen Liedern. Wichtig ist für das Gemeinschaftsgefühl, dass sich die freimaurerische Wertewelt in den Texten widerspiegelt und die Freude am Singen nicht unter zu hohen Ansprüchen leidet. Daran orientiert sich die Auswahl der Lieder, die mit Unterstützung eines Klaviers unter Anleitung eines fachkundigen Bruders geprobt werden. Fragen der Vortragsweise erörtern und entscheiden alle gemeinsam. Insofern unterscheidet sich die Singgruppe deutlich vom straff autoritativen Regime zahlloser Chorgemeinschaften. Mehrstimmigkeit kommt nur im Ausnahmefall ins Spiel, etwa bei eingängigen Kanons oder in Gestalt einer gefälligen Begleitstimme. Von Beginn an haben die „Sangesbrüder“ Gästeveranstaltungen, öffentliche Feiern und Tafellogen mit Gesangsdarbietungen bereichert, zuletzt 2019 auf einem Goethe-Abend, auf dem das Spottgedicht vom „Floh“ aus dem „Faust“ in einer gefälligen Vertonung von Beethoven lebendig wurde. Solch theatralisch wirkungsvolle Inszenierung freimaurerischer Kritik an fragwürdigen Standesunterschieden zeigt beispielhaft, welch großes Potenzial Gesang auf Gästeveranstaltungen bietet. Die Scheu, „Suchende“ in das gemeinsame Singen einzubinden, ist mittlerweile verflogen.

Singen als „Katalysator“ des Gemeinschaftsgefühls

Unstrittig trägt gemeinschaftliches Singen erheblich zur Gruppenintegration, zur Identitätsbildung und zu einem Klima der Einfühlsamkeit und Verbundenheit bei. Als Hybridmedium aus Melodie und Wortsprache bietet sich der Gesang auch als hochwirksame Gefühlsschleuse für die ethischen Leitbilder der Freimaurerei an. Er kann damit gleichrangig neben die anderen rituellen Elemente der Tempelarbeiten treten und hat sogar einen emotionalen Wirkungsvorteil gegenüber den eingespielten Wechselgesprächen und Ansprachen, weil er sämtliche Beteiligte in Gestalt eines hochintegrierten gemeinschaftlichen Kommunikationsaktes aktiv und gefühlsbetont einbindet und die Trennung von Akteuren und Zuschauern aufhebt. Mit diesen Qualitäten überragt Singen als rituelles Element den Einsatz von passiv konsumierbarer Ritualmusik.
Dass indes Singen zur Ausschüttung von Glückshormonen führt, lässt sich leider kaum als werbende Begründung anführen, weil sich Gelegenheiten, wo ausgedehnte Gesangspartien vorgesehen sind, nur im Ausnahmefall ergeben. Gleichwohl kann Gesang bereits in geringem Umfang entspannende und stimmungshebende Wirkungen hervorrufen, sofern er auf die Bedürfniswelt und die Fertigkeiten der Teilnehmer zugeschnitten ist. Die positiven, ja heilsamen Wirkungen des Singens sind viel beschrieben worden: die beruhigende Erfahrung des eigenen Körpers als Resonanzraum für stimmlichen Wohlklang und die mit positiven Gefühlen einhergehende Bewegungsaktivität. Kaum zu überschätzen sind die Wirkungen, die beim Singen vom simultanen Zusammenspiel körperlich-motorischer, geistiger und emotionaler Aktivität ausgehen – ein neurologisches „Feuerwerk“, das unser Empfinden tiefgreifend positiv beeinflusst. Vermeidet man gesangstechnische Überforderung, darf man hier mit guten Gründen wohltuende Wirkungen auch für das Logenklima erwarten. Allerdings sind dem musikalischen Ehrgeiz klare Grenzen zu setzen. Denn bei der Liedauswahl kommen im Regelfall nur melodisch eingängige und schnell zu erlernende Melodielinien in Frage, die niederschwellig eine möglichst breite Beteiligung ermöglichen sollten.

Singen lässt sich auch als gemeinschaftlicher Kommunikationsakt kaum überschätzen. Unausgesprochen schafft Gesang ein Klima der gegenseitigen Aufmerksamkeit. Mehr noch als beim Sprechchor oder gemeinsamem Gebet bewirkt die präzise zeitliche wie melodische Abstimmung der Singenden aufeinander ein Gefühl intensiv erlebter Gemeinsamkeit, an das allenfalls Bewegungschöre herankommen, aber nicht das derzeit eingespielte theatralische Arrangement der freimaurerischen Tempelarbeiten, das nur wenigen Beteiligten aktive Rollen zuweist. Es ist beim Singen die gemeinsame gefühls- und lustbetonte Verrichtung in präziser kommunikativer Abstimmung, vor allem das Schwingen im gemeinsamen Rhythmus und harmonischen Wohlklang, was Gefühle von Verbundenheit aufkommen lässt. So diffus dieses Empfinden im Einzelfall auch sein mag, es schafft positive atmosphärische Bedingungen für Offenheit und Verständigung im persönlichen Umgang, auch bei der Überwindung von Fremdheitsgefühlen.

Das spirituelle Potential des Singens zielt auf ein Kernanliegen der freimaurerischen Ritualwelt, namentlich den Zweck, die Identifikation mit den ethischen Prinzipien gefühlsmäßig nachhaltig zu verankern. Die enge Verknüpfung von Wort und Ton, von Poesie und Melodie erzeugt eine besondere Aura der Ernsthaftigkeit, der beschwörenden Eindringlichkeit und besinnlichen Feierlichkeit. Hier kommt das Bedürfnis nach weltanschaulicher Selbstvergewisserung ins Spiel, die es mit grundlegenden Fragen des Lebenssinns und der moralischen Wertorientierung zu tun hat.

Freimaurerische Singanlässe und Liedtypen

Ähnlich wie den rituellen Arbeiten insgesamt lassen sich auch dem Gesang Wirkungen zuschreiben, die den ethischen Auftrag der freimaurerischen Ritualgemeinschaft unterstützen. Das gilt für die Liedtexte ebenso wie für das stimmlich-melodische Arrangement. Hier kommen die praktischen Auswahlkriterien ins Spiel, d.h. die konkrete rituelle Verwertbarkeit im Hinblick auf die Textbotschaft und den musikalischen Stimmungsgehalt. Grob lassen sich folgende Verwertungsanlässe unterscheiden:

  • Lockere Geselligkeit während eines Bruderabends oder einer Gästeveranstaltung
  • Rituelle Bekräftigung der Trinksprüche und Ansprachen auf Feiern und Festen, vor allem bei Tafellogen
  • Emotionale Unterfütterung und Bekräftigung der rituellen Abläufe und Stationen in den Tempelarbeiten: zum einen mit Blick auf die Standardabläufe der rituellen Arbeiten, z. B. Eröffnung, Zeichnung oder Grußworte, zum anderen mit Blick auf die Initiationsrituale.

Die Verwertungsanlässe bestimmen die Wahl des Liedtypus und Stimmenarrangements. Als Liedtypen kommen in Frage: Kettenlieder, rituelle Stationslieder (vor einer Zeichnung, bei der Gabensammlung etc.), Initiationslieder, Eröffnungslieder, Schlusslieder, Trauerlieder, hymnische Festlieder (Johannis- oder Stiftungsfest), Lieder für Ehrenbezeugungen und Geselligkeitslieder bei Advents- oder Jahresabschlussfeiern. Als Stimmenarrangements bieten sich an: Sologesang, einstimmiges gemeinschaftliches Singen, mehrstimmiges Singen, Kanonsingen, meditatives Singen mit repetitivem Charakter, Wechselgesang bei Strophenliedern mit Refrain und weiteres mehr.

Die folgenden Liedbeispiele verstehen sich als praktische Anregung für unterschiedliche Anlässe. Der geringe Schwierigkeitsgrad erlaubt einen niederschwelligen Zugang auch für ungeübte Sänger. Handelt es sich um bekannte, mit freimaurerischen Liedtexten belegte Melodien, erleichtert dies den Zugang umso mehr. Liegt Mehrstimmigkeit vor, ist umständehalber eine Beschränkung auf die Melodiestimme möglich bzw. zwecks Vermeidung von Überforderung die Besetzung der Neben- und Begleitstimmen mit geübten Sängern. Ein Gleiches trifft auf den Kanongesang zu, der je nach den sängerischen Voraussetzungen einen flexiblen Umgang mit den versetzten Einsätzen und der dadurch erzeugten Mehrstimmigkeit erlaubt; d. h. die vorgesehene Mehrstimmigkeit muss nicht voll ausgereizt werden: So kann ein vierstimmiger Kanon auch zweistimmig wirkungsvoll klingen. In jedem Fall empfiehlt sich der Einsatz eines Begleitinstruments — vorzugsweise Klavier, Gitarre oder Akkordeon. Play-back-Begleitung ist zwar möglich, wirkt aber im Vergleich eher starr und atmosphärisch steril. Aber auch den a-cappella-Modus (Gesang ohne stützenden Klangteppich) erleben ungeübte Sänger häufig als Hemmschwelle: Wird das Singen unter diesen Voraussetzungen für sie zu einem unangenehmen „Nacktheits“-Erlebnis, erreicht man das Gegenteil des Beabsichtigten. Die nachfolgenden Anregungen und Liedbeispiele mögen zur praktischen Erprobung anregen.

1. Hymnischer Gesang mit Blick auf übergreifende freimaurerische und politische Grundwerte

Lieder mit hymnischem Pathos eignen sich an erster Stelle für feierliche Anlässe, Tafellogen und gesellige Veranstaltungen im größeren Kreis, ggf. auch unter Einschluss von Gästen. Hier bietet sich die Europahymne in Anlehnung an Beethovens „Ode an die Freude“ an. Verwendet man diese Hymne in Verbindung mit einem freimaurerischen Liedtext, wie ihn 1994 der Münchener Freimaurer Marcel Valmy verfasst hat, dann haben wir es mit zeitgemäßem Liedrepertoire von hoher Aktualität zu tun. (Gesang Nr. 1) Der Autor wollte damit ein gefühlsbetontes symbolisches Zeichen im Geiste der transnationalen „Weltbruderkette“ setzen, hier auf die Verbundenheit der einstmals hochgradig zerstrittenen europäischen Völker bezogen. Je nach Anlass lässt sich diese dreistrophige Hymne ein- oder zweistimmig singen, mehrstimmig im feierlichen Rahmen und eher schlicht zur Bekräftigung von Trinksprüchen, bei denen freimaurerische Ehrenbezeugungen auf transnationale Institutionen und Wertvorstellungen zielen. Auch öffentliche Vortragsveranstaltungen kommen infrage.

Ähnlich empfehlenswert sind aufgrund des hohen melodischen Bekanntheitsgrades würdige Umtextungen der Melodie des Deutschlandliedes: Unter diesen sticht die humanistisch gefärbte „Kinderhymne“ von Bertold Brecht heraus, 1950 ohne marxistische Perspektivverengung in Konkurrenz zum Text des Deutschlandliedes verfasst. In Frage kommt aber auch ältere Aufklärer-Dichtung, etwa ein Liedtext aus dem Revolutionszeitalter um 1800 mit dem charakteristischen Beginn: „Was der Wahn im Leben scheidet, reicht sich liebend hier die Hand.“ Solche „Kontrafakturen“ bekannter hymnischer Melodien eignen sich vorzüglich als echohafte Bekräftigung von Trinksprüchen und besinnlichen Kurzansprachen. ((Notenbeispiel: Gesang Nr. 1))

2. Freimaurerische Traditionspflege im Gesang

Feierliche Veranstaltungen wie Stiftungsfeste verlangen danach, sich auf die Traditionen der Freimaurerei zu besinnen, vor allem wenn es um den Kern des Selbstverständnisses geht, um den Freiheitsgedanken und einen ethisch verantwortungsvollen Umgang mit der modernen Bürgerfreiheit. Hier bieten sich vorzugsweise die Freimaurergesänge von Albert Lortzing aus dem frühen 19. Jahrhundert an. Gerade wegen ihres fremdartigen Sprachduktus üben sie einen besonderen Reiz aus, den sie dem nostalgischen Zauber des feierlichen Pathos verdanken. Den spezifischen Zeitbezug solcher Lieder sollte aber eine geschickte Anmoderation auf unsere Gegenwartsprobleme herstellen. Solche Transferleistungen sind unverzichtbar, wenn man den Eindruck musealer Verstaubtheit vermeiden will. Allerdings eignen sich historische Lieder dieser Art häufig nicht für gemeinsames Liedersingen, sondern sie erfordern im Vorlauf einen gewissen Probeaufwand. Noch anspruchsvoller als Lortzings Gesänge sind Mozarts Freimaurer-Kompositionen, die größtenteils nur für den Sologesang und geübte Sänger in Frage kommen. Lortzings „Töne mein Lied“ habe ich für diesen Beitrag ausgewählt (Gesang Nr. 2), ein kampfbetontes freimaurerisches Freiheitslied aus der Restaurationsära vor 1848. Will man in diesem Geist freimaurerische Parteinahme gegen autoritäre Herrschaft bekräftigen, bleibt nach wie vor der Lied-Klassiker „Die Gedanken sind frei“ mit seiner einschlägig bekannten und international verbreiteten Melodie empfehlenswert. Für internationale Begegnungen gibt es ansprechende englischsprachige Versionen. ((Notenbeispiel: Gesang Nr. 2))

3. Gesang als Bekräftigung freimaurerischer Grundwerte während der rituellen Arbeiten

In den rituellen Arbeiten kann gemeinsames Singen eine Aktivierungslücke schließen. Da hier alle Teilnehmer Anteil daran haben, eine besinnliche, nachdenkliche und feierliche Stimmung zu erzeugen, um von den freimaurerischen Grundwerten Zeugnis abzulegen, haben wir es hier mit einer besonderen Intensität des Gemeinschaftserlebens zu tun. Dem rituellen Akt des Singens kommt dabei eine besondere Bekenntnisqualität zu. Sie stärkt das Gemeinschaftsgefühl und die spirituelle Verankerung der freimaurerischen Lebensorientierung. Um dabei aber nicht von der freimaurerischen Botschaft abzulenken, sollte vorzugsweise schlichte Poesie und Melodik zum Zuge kommen. Gut eignen sich vor allem eingängige Kanons, die mit oder ohne versetzte Stimmeinsätze gesungen und mehrfach wiederholt werden können. Da die Sänger — im Unterschied zum Kanon – bei mehrstrophigen Liedern wegen des größeren Textvolumens häufig die gewünschte Textsicherheit vermissen lassen, sind diese Lieder für die rituellen Arbeiten nur bedingt geeignet, weil Textblätter als Gedächtnisstütze störend wirken würden. Unverzichtbar ist für die positive Wirkung des Singens, dass sich damit gesangs- und mnemotechnisch ein Gefühl der Leichtigkeit und Entspanntheit verbindet, im besten Falle eine Atmosphäre der lockeren Ernsthaftigkeit.
Als praktisches Beispiel mag der Kanon „Wechselnde Pfade“ dienen. (Gesang Nr. 3) Er umreißt in prägnanter Kürze die Wechselfälle der verletzlichen menschlichen Lebensbahn und hebt zwei entscheidende Grundwerte der Freimaurerei heraus, die den Logenbruder stets begleiten sollten: Selbstehrlichkeit und Brüderlichkeit. Hier ist der Anlehnung an mittelalterliche Tonskalen (hier der dorischen) zu verdanken, dass die melodische Linie selbst dann harmonisch spannungsfrei in besinnlich-ruhiger Schwebe verharrt, wenn sich aus versetzten Stimmeinsätzen Mehrstimmigkeit ergibt. Spürbar wird ein entspanntes und zugleich nachdenkliches Miteinander in stimmlicher Harmonie. Gesangliche Elemente dieser Art lassen sich in den Tempelarbeiten an vielerlei Stellen einfügen. ((Notenbeispiel: Gesang Nr. 3))

4. Gesang für besondere rituelle Zwecke

Einen besonderen Reiz bietet gemeinsames Singen, wenn es sich auf besondere rituelle Stationen bezieht, z. B. als Einstimmung auf eine Zeichnung oder als Abschluss einer Tempelarbeit. Für die Logenpraxis sei hier exemplarisch der Kanon „Meister, sporn die Brüder an“ genannt, ein mit freimaurerischem Text versehener volkstümlicher Kanon. (Gesang Nr. 4) Der Appellcharakter dieser einprägsamen Melodie passt zu denjenigen Stationen des Rituals, die prägnante Mahnungen enthalten, vorneweg die Aufforderung, die im Tempel beschworenen Maximen im Alltag anzuwenden, vorneweg das Gebot, den „rauen Stein“ als Metapher für die eigenen Mängel ernst zu nehmen. Wirkungen von erfrischender Eindringlichkeit kann solch ein Gesang etwa dann entfalten, wenn er sich passgenau an eine Zeichnung anschließt, die Selbstkritik als Kern freimaurerischer Bewährung zum Thema hat. Auch im Anschluss an die rituelle Aufforderung, sich außerhalb des Tempels als Freimaurer zu bewähren, wäre solch ein Gesang gut platziert. Mehrstimmig dargeboten versinnbildlicht er die Vielfalt der Herausforderungen, die auf jedes Logenmitglied warten.
Auch wenn seit Langem das Bundeslied „Brüder, reicht die Hand zum Bunde“ einen festen Platz in den Tempelarbeiten hat, so entfaltet dieser Gesang aber nur dann nennenswerte ritualpsychologische Wirkungen, wenn mehr als nur die erste Strophe gesungen wird, bei der sich die Singenden gleichsam erst ‚warmlaufen‘. Hier eine Tonkonserve anstelle des aktiven Gesangs zum Einsatz zu bringen, mindert die Aura des persönlich-intimen Umgangs beträchtlich, ist aber als Notbehelf akzeptabel, wenn der Widerwille gegen gemeinsames Singen sehr stark ausgeprägt ist – eine leider weitverbreitete Befindlichkeit in den Logen.

Eine sängerische Aufwertung verdienen auch die Trinksprüche als Ehrenbezeugungen bei den Tafellogen. Dort lässt sich der Gefahr routinehafter Erstarrung vorbeugen, wenn ein Trinkspruch in der Erwartung vorbereitet wird, dass ein gesangliches Echo folgt. Das setzt voraus, dass im Vorfeld eine Abstimmung zwischen Vortragendem und Musikmeister erfolgt. So wird etwa ein Prosit auf besuchende Brüder eher dann die Chance haben, mehr als eine Pflichtübung zu sein, wenn die gastgebenden Logenbrüder im Nachklang das volkstümliche Verbrüderungslied „Im Krug zum grünen Kranze“ anstimmen und dabei die rührende Geschichte der persönlichen Annäherung zweier Gesinnungsbrüder nacherzählen, die sich im Gasthaus zunächst als Fremde begegnet sind. Ein Textblatt kann dies für alle nachvollziehbar machen. ((Notenbeispiel: Gesang Nr. 4))

5. Meditative Liedkultur

Meditative Gesänge stellen eine große Bereicherung für die freimaurerische Ritualwelt dar. Aus der religiösen Gebetskultur stammend, verweisen sie auf eine spirituelle Bedürfniswelt, in der der Mensch sich abseits des Alltagsgetriebes auf sich selbst besinnen und sich des Lebenssinns in entspannter Ruhe und Abgeschiedenheit vergewissern kann. Da aber in einer Tempelarbeit innere Ruhe und Ausgeglichenheit, das Loslassen von fremdbestimmten Reizen und widerstreitenden Gefühlsregungen nicht ‚vom Himmel fallen‘, sondern einer Atmosphäre der bedächtigen und beruhigenden Einstimmung bedarf, sollten freimaurerische Rituale meditativen Elementen Raum gewähren. Auf diese Weise lassen sich Stimmungsschwankungen und innere Rastlosigkeit wirkungsvoll dämpfen. Diesen Zweck erfüllen auch meditative Gesänge. Sie haben in der Regel eine melodisch einfache, schnell erlernbare Struktur, vermeiden ausgeprägte harmonische Spannungsbögen, bewegen sich in ruhigem melodischem Fluss und harmonischem Wohlklang und haben deutlich repetitiven Charakter. Die beruhigende Wirkung, die von mehrfacher Wiederholung ausgeht, schafft eine Atmosphäre der Selbstbesinnung und des Vertrauens in die Gemeinschaft. Bei mehrstimmigen Gesängen ist je nach stimmlichen Voraussetzungen eine flexible Kombination der durchweg schlichten und zugleich melodiösen Stimmen möglich, aber auch einstimmig gesungen verlieren diese Gesänge kaum etwas von ihrer meditativen Anmut. Der repetitive Charakter lässt bei mehrstimmiger Anlage auch den spontanen Wechsel von der einen zur anderen Stimme zu, so dass sich auf diese Weise im textlich gleichförmigen Fluss wechselnde Stimmfärbungen des chorischen Zusammenklangs ergeben, die auf das klangliche Erleben einen großen Reiz ausüben.

Vor allem gefühlsintensive Momente des freimaurerischen Rituals können durch meditativen Gesang eine Bereicherung erfahren. Als Beispiel sei ein der Taizé-Tradition entlehntes Lied mit dem Titel „Im Dunkel unsrer Nacht“ angeführt (Gesang Nr. 5). Es bezieht sich auf die freimaurerische „Licht“-Metapher und eignet sich vorzüglich, die Lichtgabe im Rahmen des Aufnahmezeremoniells gefühlswirksam vorzubereiten, indem es das Initiationsereignis in feierlicher Getragenheit auf das Grundanliegen der Freimaurerei als Wertegemeinschaft bezieht. Auch auf andere rituelle Bezugspunkte, die Wechselfälle und Wendemarken der menschlichen Existenz thematisieren wie etwa die Wintersonnenwende, lässt sich solch ein Gesang anwenden. ((Notenbeispiel: Gesang Nr. 5))

6. Gesang für gesellige Anlässe

Abseits des rituell durchstrukturierten Rahmens sind bei der Liederwahl weniger strenge Kriterien erforderlich. Aber in jedem Falle sollten Elemente aus dem Kanon freimaurerischer Grundwerte anklingen. Dem widerspricht nicht, dass textlicher Gehalt und Darbietungsweise an die Atmosphäre lockerer Geselligkeit angepasst sein sollten – auch unter Einschluss fröhlicher bis ironisch-witziger Ausgelassenheit. Unter solchen Voraussetzungen verbreitert sich das Angebot im Vergleich mit den ritualtauglichen Gesängen beträchtlich. So ist beispielsweise das mehrstrophige Refrain-Lied „Miteinander“ empfehlenswert, eine lockere und teilweise süffisant-witzige Umtextung italienischer Folklore aus der Feder des Liedermachers Dieter Süverkrüp, der den Menschen liebevoll als Gemeinschaftswesen beschreibt. (Gesang Nr. 6) Entscheidend ist bei all dem ein niederschwelliger Zugang für ungeübte Sänger und eine gewisse Einfachheit und Bekanntheit der Melodie. Da Textkenntnis nicht vorausgesetzt werden darf, sollten Liedblätter oder Wandprojektionen stets mitbedacht werden.
Gesang Nr. 6

Ausblick

Auch die Freimaurerei ist darauf angewiesen, sich an den Geselligkeitsbedürfnissen ihres gesellschaftlichen Umfeldes zu orientieren. Die Konkurrenz anderer Geselligkeitsformen ist so beachtlich, dass die Angebote, bei denen die Freimaurerei Alleinstellungsmerkmale aufweist, auf der Höhe der Zeit sein müssen. Das bedeutet, dass das Angebot einer gegenweltlichen Ritualwelt in hohem Maße gemeinschaftliche Geborgenheit ermöglichen muss, ohne dabei das Gebot zu ignorieren, dass zugleich Vielfalt, Offenheit und engagierte diskursive Verständigung über grundlegende Fragen des Menschseins das Logenklima prägen sollten. Solch hohe widerstreitende Anforderungen an das Logenleben bedürfen eines Arrangements, das alle Beteiligten in hohem Maße emotional positiv einbindet. Hier kann Singen als lustbetonte Form der gemeinschaftlichen Kommunikation einen gewichtigen Beitrag leisten. Auch wenn der Gesang in der freimaurerischen Ritualwelt derzeit ein weitgehend unbeackertes Feld darstellt, sollte es doch ernsthafte Bemühungen geben, daran etwas zu ändern.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 5-2020 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.