Menü

Freimaurerei in der Ukraine

© artfotodima | elements.envato.com

Von N.N., Thomas Müller und Bastian Salier


Geschichte, Gegenwart und Zukunft

Zahlreiche freimaurerische Initiativen haben sich in den vergangenen Monaten gegründet, um Hilfe – auch und vor allem brüderliche Hilfe – für die Ukraine zu leisten. Doch wie geht es den Brüdern und Schwestern in dem vom Krieg gebeutelten Land? Welche Wurzeln hat die Freimaurerei in der Ukraine und wie kann es nach dem Krieg mit ihr weiter gehen? Die verfügbaren Quellen zur Geschichte der ukrainischen Freimaurerei sind sehr spärlich. Die Studien zu diesem Thema werden aufgrund der aktuellen Geschehnisse jedoch mit Sicherheit in Zukunft zunehmen.

Ein langer Weg: Die Unabhängigkeit der Ukraine

Seit Beginn des 18. Jahrhunderts stand das Gebiet der heutigen Ukraine unter russischem, polnischem und österreichischem Einfluss. In den 1840er Jahren blühte eine starke nationalistische Strömung auf, die den russischen Staat dazu veranlasste, die ukrainische Sprache in Schulen, Zeitungen und Literatur zu verbieten. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Sturz des zaristischen Regimes hatte die Ukraine die Chance, ihre Unabhängigkeit zu erlangen, aber keine der beteiligten politischen Bewegungen konnte sich durchsetzen. Es folgte ein Bürgerkrieg, der das Land in die Anarchie stürzte.

Die Ukraine wurde schließlich in zwei Hälften geteilt: Der westliche Teil wurde polnisch, während der Rest des Landes zu Russland zurückkehrte und 1922 endgültig als „Sozialistische Sowjetrepublik“ an die Sowjetunion angeschlossen wurde.

Während sich die Vormachtstellung Moskaus mehr und mehr durchsetzte, entstand in der Ukraine eine starke nationalistische Bewegung, die die Unabhängigkeit des Landes betonte. Als Josef Stalin 1927 die Macht im Kreml übernahm, bereitete er dieser Bewegung ein grausames Ende: Er ließ die Ukraine aushungern. Mehr als sieben Millionen Tote forderte die große Hungersnot der Jahre 1932 bis 1933, der Holodomor. Hinzu kam bald darauf der „Große Terror“ zwischen 1937 bis 1939, währenddessen zahllose Ukrainer deportiert und ermordet wurden. Und schließlich folgte auf die stalinistischen Verbrechen der deutsche Angriff im Juni 1941, mit dem die Nationalsozialisten die Ukraine zu einem der Hauptschauplätze des Holocaust machten.

Das Leid der Bevölkerung wurde durch den Krieg noch einmal deutlich verschärft. Sechs Millionen Ukrainer starben im Krieg zwischen der Roten Armee und der deutschen Wehrmacht. Es wird geschätzt, dass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch Kriege, Hungersnöte und stalinistische „Säuberungen“ die Hälfte der männlichen und ein Viertel der weiblichen Bevölkerung in der Ukraine getötet wurde.

Nach 1945 verblieb die Ukraine als sowjetischer Teilstaat und wurde – wie alle anderen Sowjetrepubliken auch – weiter russifiziert. Im Juli 1990 verabschiedete das Parlament eine Erklärung zur politischen Souveränität der Ukraine. Dies läutete auch den Zerfall des Sowjetreiches ein. Im August 1991, kurz nach dem gescheiterten Putsch der Konservativen in Russland, wurde die Kommunistische Partei der Ukraine (KPU) verboten, und im Dezember stimmte die Bevölkerung mit überwältigender Mehrheit für die Unabhängigkeit. Am 24. August 1991 erklärte die Ukraine ihre Unabhängigkeit und wurde von einem „Mitglied der Familie der sowjetischen Nationen“ zu einem souveränen Staat, womit ein langer, aber auch, wie in diesen Tagen erneut festzustellen ist, schwieriger und schmerzhafter Weg zur Demokratie begann.

Spuren freimaurerischer Aktivitäten

Im Jahr 1731 führte angeblich Kapitän John Philips zusammen mit dem Schotten James Kat die spekulative Freimaurerei in der Ukraine ein. Mit der Herrschaft von Kaiserin Elisabeth Petrowna verbreitete sich die Freimaurerei unter dem russischen und ukrainischen Adel unter anderem dank ihres Liebhabers, des Freimaurers Aleksei Grigorjewitsch Rasumowski. Die erste Loge „Drei Brüder“ wurde 1742 von polnischen Adligen im Dorf Wyschniwka in Wolhynien gegründet. In Lemberg (Lwiw), bis 1772 polnisch und danach Teil von Österreich-Ungarn, erschien 1758 die Loge „Drei Göttinnen“ auf den Plan. Die erste Loge in Kijw wurde 1784 von russischen Offizieren gegründet. Im selben Jahr wurden in Kremenchuk drei Logen eröffnet: „Mars“, „Dobry Pastyr“ und „Minerva“. Letztere wurde aus der Stadt Podolie Nemyriv an das Dnjepr-Ufer gebracht. Es ist bekannt, dass auch in Charkiw, Winnyzja, Jekaterinoslaw, Berditschew und anderen Städten bereits Ende des 18. Jahrhunderts Logen existierten. Im 19. Jahrhundert nahm die Popularität der Freimaurerei in der Ukraine und auf der Krim sogar noch einmal zu.

Wichtig ist zu wissen, dass die Freimaurereien in Russland und in der Ukraine verschiedene Schnittstellen besitzen, sie aber auch deutlich unterschiedliche Wege gingen. Die ukrainische Freimaurerei unterstützte zunehmend die Unabhängigkeitsbestrebungen, die unter der Herrschaft von Katharina II., der Großen, oft blutig erstickt wurden. 1775 verbot sie die Logen offiziell und trieb die Brüder in den Untergrund. Der russische Zar Alexander I. erließ 1822 erneut einen Befehl zum Verbot der Freimaurerei.

Unter den bekannteren Freimaurern des frühen 19. Jahrhunderts ragte der Graf und Großmeister der Poltawaer Loge „Herz und Liebe“, Ivan Kotljarevskij, heraus, ein ukrainisch-sprachiger Dichter und Schriftsteller, der für seine Parodie „Aeneis“ bekannt ist. Die ukrainische Sprache war vor allem für die Freimaurer, die sich in Lwiw niederließen, ein entscheidendes Merkmal für ihre Unabhängigkeit. Für einige Intellektuelle war die Freimaurerei eine Quelle der Ideen und der Rebellion gegen die absolute Macht des Zaren. Und das zu einer Zeit, in der der französische Freiheitsgeist ebenfalls großen Einfluss ausübte. Später waren es die Aufstände von 1848 in ganz Europa, die bei den ukrainischen Freimaurern neue Hoffnungen weckten. Hoffnungen darauf, die Einheit der Region um Kijw und den Dnjepr wiederherzustellen und das riesige Gebiet von der Donaumündung über die Krim bis zu den Karpaten einschließlich Lwiw wieder zu vereinen. Nicht zu vergessen sei Taras Schewtschenko, Nationaldichter und Maler, der auf allen ukrainischen Plätzen mit Statuen geehrt wird. Seine Zugehörigkeit zur Freimaurerei bezahlte er mit militärischer Verbannung in Kasachstan und einem 17 Jahre andauernden Verbot zu malen und Gedichte zu schreiben.  Doch die ukrainische Freimaurerei hörte nicht auf zu existieren.

Nach dem Waffenstillstand zwischen den Deutschen und den Russen, den der Freimaurer und Premierminister der russischen Übergangsregierung Alexander Kerenski 1917 in Brest-Litowsk unterzeichnete, konnte die Ukraine ihren mühsam errungenen Traum von der Einheit mit einem anderen Freimaurer, Präsident Pawlo Scoropadskyj, zunächst verwirklichen. 1919 wurde in der Ukraine eine erste Großloge gegründet. Doch die beiden Freimaurer Pawlo Scoropadskyj und Symon Petljura, der spätere ukrainische Regierungschef, standen sich feindlich gegenüber. Petljura trat für die Eigenstaatlichkeit der Ukraine ein, während Scoropadskyj zwar ein hartes nationales Regime errichtete, jedoch das Land an Österreich-Ungarn anschließen wollte. Fatalerweise wurde die erste Ukrainische Volksrepublik, die nach einem neuen Leben, einer neuen Identität und einer neuen Einheit strebte, mit dem Sieg der russischen Kommunisten 1920 unter den Schlägen von Trotzki und Lenin aufgelöst. Von diesem Zeitpunkt an lebten die ukrainischen Freimaurer erneut im Untergrund, viele der Brüder kamen in den Lagern um oder erlitten den Holodomor, den „Tod durch Hunger“.

Der Krieg in der Ukraine

1966 gründeten ukrainische Exilanten in Frankreich den GLNF-Arbeitskreis „Vox Ucrainae“, dessen Ziel es war, die Freimaurerei auf dem Territorium der Ukraine wiederzubeleben. Dies blieb ein langer Traum. Bis von 1993 bis 2000 – also nach dem Zusammenbruch des Sowjetreichs – schließlich die Logen „Drei Säulen Nr. 785“ in Kiew, „Phoenis Ukraine Nr. 1016“ in Karkow, „Kamenyar (der Freimaurer) Nr. 1232“ in Lemberg, „Die Akazie des Goldes“ in Odessa wiedergegründet wurden. Im Jahre 2001 wurden sie als Distrikt der Grande Loge Nationale Française (GNLF) der Ukraine zusammengefasst und 2006 wurde die Großloge der Ukraine offiziell unter der Schirmherrschaft der GNLF gegründet. Diese neue Obedienz integrierte zudem die Loge „Luce“ von Lwiw, deren Licht unter der Schirmherrschaft der Großloge von Österreich eingebracht worden war. Im Jahr 2022 hatte die ukrainische Großloge 18 Bauhütten mit etwa 250 Brüdern als Mitglieder.

Mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 eskalierte der bereits seit 2014 schwelende Russisch-Ukrainische Krieg. Die wenigen Brüder, die in den ukrainischen Logen beheimatet sind, versuchen sich vor allem über die sozialen Medien zu vernetzen und auch internationale Hilfe zu organisieren, erklärte ein Großbeamter der ukrainischen Großloge im Gespräch mit der „Humanität“. Zahlreiche Brüder stehen als Verteidiger ihres Landes unter Waffen, andere sind mit ihren Familien aus der Heimat geflohen. Zwar normalisiere sich im Augenblick, Ende Mai 2022, das Leben zum Beispiel in Kiew wieder, und in weiten Teilen der Westukraine habe man wenig zu befürchten. Doch die Arbeit der Logen liege weitgehend am Boden. In der Ostukraine sind vor allem Städte wie Odessa weiterhin gefährdet, bei russischen Angriffen dem Erdboden gleichgemacht zu werden.

Wie es nach dem momentan noch nicht abzusehenden Ende des Krieges mit der Freimaurerei in der Ukraine weitergehen kann, bleibt ungewiss. Fakt ist, dass es die Freimaurerei aufgrund von massiv grassierenden Verschwörungsmythen und des Einflusses der katholischen bzw. der orthodoxen Kirche ohnehin sehr schwer hat, in den ehemaligen Sowjetrepubliken Fuß zu fassen. Der Krieg wirft nun – neben dem von ihm verursachten unsäglichen menschlichen Leid und der unfassbaren Zerstörung – auch den Aufbau demokratischer politischer und wirtschaftlicher Strukturen in der Ukraine um Jahrzehnte zurück.

Vielleicht kann jedoch die internationale Freimaurerei ein Stück mithelfen, ihre freiheitlichen und humanitären Werte in die Ukraine zurückzubringen. Der ukrainische Großbeamte zeigte sich jedenfalls überwältigt von den zahlreichen Hilfsangeboten und Solidaritätsbekundungen, die ihn und seine Brüder aus aller Welt erreichten. Mehr als 3.000 E-Mails seien allein in den ersten Tagen nach dem russischen Überfall bei der Großloge der Ukraine eingegangen.

Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel im Schweizer Großlogenmagazins „Alpina“ (Heft 3/2022, in italienischer Sprache). Freundlicherweise erhielten wir die Erlaubnis, diesen Artikel zu nutzen und in überarbeiteter und ergänzter Form zu veröffentlichen.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 4-2022 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.