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Freimaurerei war “immer”

© Joachim Wendler / stock.adobe.com

Gotthold Ephraim Lessing hat einmal das historische Gründungsjahr 1717 ersetzt durch die Behauptung: „Freimaurerei war immer“. Er hat das natürlich nicht wörtlich gemeint. Vielmehr als eine Art Synonym für die uralte Sehnsucht nach Frieden, Freiheit, Mitmenschlichkeit und Gerechtigkeit. Vereinfacht: Freimaurerei stand für ihn stellvertretend für das Bemühen um das bessere Miteinander für eine bessere Welt.

Von Jens Oberheide

Folgt man diesem Gedanken, dann ist Freimaurerei nicht nur „immer“ gewesen, dann wird sie auch immer sein, denn die Sehnsucht ist zeitlos aktuell. Die „bessere Welt“ ist immer noch eine Großbaustelle. Natürlich hat das, was Lessing mit „Freimaurerei“ umschreibt, nicht immer Freimaurerei geheißen, es gab und gibt auch andere Namen dafür.

 Damals, als die Freimaurerei unserer Prägung entstand, war das alles neu und hochattraktiv. Die Sehnsucht nach Befreiung aus vielfältigen Zwängen und Abhängigkeiten hat 1717 einen Namen bekommen. Freimaurerei wurde zum „stärksten Sozialinstitut der moralischen Welt“, wie der Historiker Reinhard Koselleck rückblickend respektvoll sagt. Erstmals war eine Gemeinschaft entstanden, die zweckfreie Menschlichkeit als selbstloses Ziel hatte, die freiheitliche, aufklärerische Tendenzen vertrat, ohne ein Kampfbund oder eine Partei zu sein. Weil sie für sich selbst Diskretion in Anspruch nahm und ihre Logen hinter verschlossenen Türen arbeiten ließ, war sie schnell selbst zum Geburtshelfer für das Vorurteil geworden, sie sei ein „Geheimbund“. 

Freimaurer haben sich gegen dieses Vorurteil nicht sehr gewehrt. Sie wussten um die Anziehungskraft ihres Bundes. Angelehnt an die symbolträchtige Welt der mittelalterlichen Bauhütten war Freimaurerei als Idee des sinnvollen Bauens und Gestaltens von Zeit und Raum offenbar eine gute Antwort auf das Suchen und Fragen einer Gesellschaft im Umbruch.

In den mittelalterlichen „Hütten“ der Dom- und Kathedralenbauer, englisch „Lodge“, altfranzösisch „Loge“, hatte man schon früh die Welt des Bauens ins Leben übersetzt. Sinnbilder und Werkzeuge aus der Welt des Bauens ließen sich plastisch ins Geistige und Moralische umdenken. „Freimaurerei“ wurde zur Ethikschule der Aufklärung. Verschlüsselt in Bildern. Die Winkelwaage. Fundament für den symbolischen Baugrund. Das ist die gleiche Ebene aller, auf der wir uns auch heute noch begegnen wollen. Das Senkblei, um die eigene Tiefe auszuloten, symbolisch das eigene Ich. Freimaurerei stand für Selbstfindung und Sinnsuche. Der rechte Winkel als symbolisches Versprechen dafür, dass alles, was wir denken und tun, recht erwogen ist. Im Wortsinn: Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit, Redlichkeit. Der 24zöllige Maßstab. Aufforderung, die Zeit mit Weisheit einzuteilen. Symbole sind für uns immer noch Sehbilder, die zu Denkbildern werden und uns gleichzeitig frei machen von programmatischen Schriftsätzen, die man sonst in jeder Zeit und zu allen Zeitumständen redigieren müsste. Symbolik lässt sich immer wieder neu sehen und neu denken und verständigt sich ohne Sprachbarrieren rund um die Erde. 

In einer Dombauhütte war man oft ein Leben lang zusammen, weil der Bau eines Doms so lange dauerte. Die Gewerke mussten miteinander kooperieren, und so wuchs man auch menschlich zusammen und machte das Beste daraus. Wir nennen das heute in den Logen „Freundschaftsbund auf Lebenszeit“. Miteinander leben, miteinander wirken und das Beste daraus machen. So einfach ist das eigentlich. Aber jedem ist auch bewusst, dass dieses das Schwierigste überhaupt ist, und dass alle Konflikte in der Welt darauf zurückzuführen sind, dass das menschliche Miteinander nicht funktioniert. 

Zugegeben: Der Gegenentwurf zur unheilen Weltwirklichkeit, den wir „Freimaurerei“ nennen, ist ein Ideal. Aber Weltwirklichkeit beginnt nun mal ganz konkret vor der eigenen Haustür. Auch am symbolischen Anfang der Freimaurerei steht die Hütte. Man muss erst mal einen Tempel daraus denken und dann das Machbare des Denkbaren auch tun. Das beginnt stets im Kleinen. Was wir nicht im Kleinen tun, passiert auch nicht im Großen, wie Lessing sagt: „Niemand kann zu Besten der Menschheit beitragen, der nicht aus sich selbst macht, was aus ihm werden kann.“ 

So ist Freimaurerei auch die Aufforderung, etwas aus sich selbst zu machen.

Als Wertegemeinschaft und Symbolbund flankiert sie das mit Ritualen. Als Balance von Geist und Gemüt. Es hilft, die Dinge in uns und um uns herum besser, gelassener, ausgewogener zu sehen und das, was wir mit dem Verstand begreifen, auch mit Herz und Seele zu ergänzen. Es ist diese ganz besondere Form des Erlebens und Nachdenkens, die das eigentliche „Geheimnis“ der Freimaurerei ausmacht, weil es individuell erlebbar bleiben muss. Inneres Erleben kann man nicht allgemeingültig beschreiben. Jeder erlebt anders

Freimaurerei versteht sich als angewandte Humanität. Wir haben kein Mandat dafür und sind deswegen auch keine moralische Instanz. Und wenn wir sagen, dass wir das bessere Miteinander für eine bessere Welt wollen, dann heißt das nicht, dass wir wüssten, wie das geht. Das heißt nur, dass wir es immer wieder miteinander einüben.

Jens Oberheide

Über äußere Zeichen kann man reden. Gegner können sie beargwöhnen. Im Symbol der Waage steckt etwa Gleichberechtigung. Unterschiedliche Religionen, Herren und Knechte, Arm und Reich, Menschen unterschiedlicher Nationen, Herkunft, Hautfarbe und Bildung treffen sich auf der gleichen Ebene, der Waage. Natürlich auch Freund und Feind. Die Waage ist Ausdruck ausgewogener Gedanken, aber auch Sinnbild für weitgehende Toleranz und grenzüberschreitendes Denken.

Man sieht, dass ein so einfaches Symbol hochpolitisch sein kann und von absoluten Weltanschauungen, Religionen und Systemen immer noch misstrauisch betrachtet wird. Wir Freimaurer haben in den 300 Jahren unserer Existenz nie ein politisches Manifest dazu gebraucht, kein Parteiprogramm. Nur Symbole, die man immer wieder anders interpretieren kann. Und Menschen, die brüderlich miteinander umgehen. Das alte Wort „Brüderlichkeit“ meinte übrigens schon immer „Geschwisterlichkeit“. „Alle Menschen werden Brüder“. Natürlich auch Schwestern.

Das Nachdenken über Werte führt zwangsläufig zu Idealvorstellungen. Es müsste eigentlich ein Minimalkonsens gefunden werden, über alle Kulturen, Religionen und Nationen hinweg. Man sollte sich eigentlich auf gemeinsame Werte verständigen können, es gelte eigentlich, ein gemeinsames ethisches Fundament zu finden, tragfähig für alle. Wie schön wäre es, könnte man zu einer Kultur der Gewaltlosigkeit, Friedfertigkeit, Brüderlichkeit und Ehrfurcht vor dem Leben übergehen.

Freimaurerei versteht sich durchaus als angewandte Humanität. Wir haben kein Mandat dafür und sind deswegen auch keine moralische Instanz. Und wenn wir sagen, dass wir das bessere Miteinander für eine bessere Welt wollen, dann heißt das nicht, dass wir wüssten, wie das geht. Das heißt nur, dass wir es immer wieder miteinander einüben. Die Loge ist Lehr- und Übungsstätte dafür. Was wir dort miteinander einüben, stärkt uns für die Herausforderungen des Alltags und sensibilisiert uns für die Probleme der unruhigen Welt.

Nun kann Freimaurerei nicht die Welt verändern, aber sie kann aus guten Menschen bessere machen. Und sie tut das in diesem „Weltbund der Menschlichkeit“, der immer auch regionalen Ausdruck in den Logen vor Ort hat. Das sind Logen, die sich idealistisch einig sind, die gleiche Wurzeln haben und altes Brauchtum pflegen, die aber auch freimütig sagen: Hier sind wir und das machen wir.