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Freimaurerische Landschaftsgärten in Frankreich, Teil 2

Von Siegfried Schildmacher

Teil 2: Ein Besuch im „Parc de Bagatelle“ in Paris

Der „Parc de Bagatelle“ verdankt seine Entstehung einer Wette zwischen der Königin Marie-Antoinette, Gemahlin des Königs Louis XVI., und dessen Bruder Charles Philippe Graf von Artois, der nach dem Sturz Napoleons als Karl X. König von Frankreich wurde. In der Wette ging es darum, ob es der Graf schaffen würde, in 63 Tagen den Garten um das bereits vorhandene Schloss zu bauen. Die Wettsumme betrug 100000 Livres. Diese Summe würde nach heutiger Kaufkraft 500000 Euro entsprechen. Der Graf gewann die Wette und Marie-Antoinette musste ihm diesen Betrag bezahlen. Diese Wette zeigt sehr deutlich, welche Verschwendungssucht die herrschende Klasse im „Ancien Regime“ hatte. Es war deshalb kein Wunder, dass zwölf Jahre später die Französische Revolution ausbrach.

Wenn man den Eingang vom Bois de Boulogne, dem Pariser Stadtwald, her erreicht, hat man den Vorteil, dass man vor dem großen Gartentor kostenlos parken kann. Schon das vergoldete Tor ist sehr eindrucksvoll.

Wenn man bedenkt, welche hohen Beträge zur Anlage des Gartens aufgewendet wurden, kann die Bezeichnung „Bagatelle“ nur ironisch gemeint sein, es sei denn, man unterstellt, dass damit auch etwas Amouröses verbunden war. La Bagatelle kann im Französischen auch „Seitensprung“ bedeuten, wenn man das Wort „Escapade“ nicht benutzen möchte.

Wenn man das Kassenhäuschen passiert hat (der Eintritt ist mit 2,50 Euro ziemlich günstig), kommt man in den berühmten Rosengarten, in dem jährlich eine internationale Rosenausstellung stattfindet. Mehr als tausend Rosensorten kann man hier bewundern, wenn man zur Hauptblütezeit Ende Juni anreist. Als wir einem Gärtner wegen seiner Arbeit in diesem schönen Garten ein Kompliment machten, schenkte er unseren begleitenden Damen jeweils eine stark duftende Rose.

Die Rose spielt auch in der Freimaurerei eine bedeutende Rolle. Beim Johannisfest stecken sich Freimaurer drei Rosen ans Revers: eine rote, eine rosafarbene und eine weiße. Bei der Beerdigung eines Freimaurers werden ihm drei Rosen auf den Sarg gelegt. Die rosafarbene Rose wird auf das Kopfende gelegt, die dunkelrote Rose an das untere Ende des Sarges und die weiße Rose wird auf das Herz gelegt.
Die Rose ist aber auch ein Symbol der Verschwiegenheit, denn die Eingeweihten sollten das Geheimnis, das sie bei der Initiation erfahren haben, für sich behalten. Die drei Farben der Rose werden gedeutet als Licht, Liebe und Leben.

Bei der Interpretation von freimaurerischen Gärten sollte man aber auch beachten, wann der Garten angelegt wurde und wer ihn angelegt hat. Der Rosengarten wurde erst 1905 im Auftrage der Stadt Paris von Jean-Claude Nicolas Forestier angelegt, der kein Freimaurer war. Eine freimaurerische Interpretation des Rosengartens ist deshalb nicht möglich, sondern nur der Hinweis auf die Bedeutung der Rose für die Freimaurerei.
Wenn man den Rosengarten verlässt, kommt man in den großen Landschaftspark „Bagatelle“, in dem sich mehrere freimaurerische Symbole befinden. Dieser Teil des Gartens wurde ab 1777 von dem Architekten Francois-Joseph Bélanger und dem schottischen Architekten Thomas Blaikie angelegt, die beide Freimaurer waren. Zwischen geschlängelten Wegen findet man große Wiesenflächen und einen kleinen See. Entsprechend der damaligen Mode wurde auch eine chinesische Pagode errichtet, die nicht nur die damalige Bewunderung für das chinesische Kaiserreich ausdrücken, sondern auch an die chinesische Gartengestaltung anknüpfen sollte, die — z.B. mit ihren gewundenen Wegen — meistens dem englischen Gartenstil glich, wenngleich die Dimension der chinesischen Gärten kleiner war.

Eine Grotte darf natürlich in einem Freimaurergarten auch nicht fehlen. Durch sie sollten Schreckenserlebnisse erzeugt werden, wie sie in bestimmten Ritualen vorkommen. Der Freimaurer sollte in der Grotte die Dunkelheit erleben, um beim Austritt aus der Grotte das Licht und die Erleuchtung zu finden.
Abgebrochene Säulen findet man in einigen Landschaftsgärten, wie z.B. dem Landschaftspark „Spiegelsberge“ in Halberstadt. Dabei handelt es sich um ein Hochgradsystem, das als Symbol für den Lehrling eine abgebrochene Säule verwendet. Dieses Hochgradsystem knüpft an den Templerorden an, der 1314 mit dem Verbot des Ordens und der Hinrichtung des letzten Großmeisters, Jacques de Molay, sein Ende fand.

Teehäuser wurden im 18. Jahrhundert in vielen freimaurerischen Landschaftsgärten aufgestellt. Als Beispiele sollen genannt werden: der Hinübersche Garten in Hannover, das Teehaus im Landschaftsgarten „Désert de Retz“ in Frankreich („Humanität“ Nr. 3/2022) und das Teehaus im „Schlosspark Ludwigslust“ in der Nähe von Schwerin.

Vor dem kleinen Schlösschen, das derzeit renoviert wird, sind zwei Sphingen aufgestellt. Sphingen zählen zu den am häufigsten aufgestellten Skulpturen in freimaurerischen Gärten. Auch im „Parc de Bagatelle“ bewachen zwei Sphingen den Eingang zum Schloss und eine dritte Sphinx den Garten. „Sphingen könnten darum, symbolisch betrachtet, im Landschaftsgarten als Bewahrerinnen eines Geheimnisses gegolten haben“, schreibt Romy Panier in ihrem grundlegenden Beitrag „Freimaurersymbolik im Landschaftsgarten“, veröffentlicht im Buch „Die Geheimnisse freimaurerischer Landschaftsparks“, Leipzig, 2020. Beispiele für Sphingen in freimaurerischen Gärten sind die Figuren im Garten von „Sanssouci“ und im Landschaftspark des Fürsten Pückler im sächsischen Bad Muskau.

Den Besuch des „Parc de Bagatelle“ kann man getrost allen Freimaurern und Freimaurerinnen empfehlen. Der Rosengarten ist während der Hauptblütezeit Ende Juni am schönsten, obwohl einige Rosen auch bis in den späten Herbst hinein blühen. Der Landschaftspark ist sehr gepflegt und es lohnt sich die Besichtigung aufgrund seiner starken Symbolträchtigkeit zu jeder Jahreszeit.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 4-2022 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.