Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

Hans Küng: Abschied von einem Bruder im Geiste

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Hans Küng: Abschied von einem Bruder im Geiste

Von Jens Oberheide

Wir trauern um einen Menschen, mit dessen weltoffener Toleranz wir uns sehr verbunden fühlten. Hans Küng starb am 6. April 2021 im Alter von 93 Jahren in Tübingen.

2007 hatte die Großloge AFuAMvD von Deutschland Prof. Dr. Hans Küng mit dem „Kulturpreis Deutscher Freimaurer“ ausgezeichnet. In der Urkunde heißt es u.a.:
„Als Initiator und Präsident der Stiftung Weltethos setzt sich Prof. Dr. Hans Küng unermüdlich für den Dialog der Kulturen sowie einer Anerkennung der moralischen Werte der Menschheit ein.
Mit seinem Anliegen, über die Grenzen von Nationen, Religionen und Systemen hinaus zu wirken, teilt Prof. Dr. Hans Küng das freimaurerische Bestreben, jeglichen Feindbildern entgegenzuwirken und für Offenheit und Toleranz einzutreten.“

In meiner Ansprache als Großmeister der Großloge A.F.u.A.M. sagte ich damals:
Unsere freimaurerischen Vorväter haben vor fast 300 Jahren die so genannten „Alten Pflichten“ verfasst, mit denen sie die Brüder Freimaurer auf ein nicht näher definiertes „Sittengesetz“ verpflichteten. Sie sagten „das Sittengesetz“, so, als meinten sie eine Ethik für eine Welt. Das war natürlich eine Idealvorstellung. Geträumt aus abendländischem Kulturverständnis, ausgesprochen vor dem Hintergrund der „Aufklärung“, gedacht als Konjunktiv. Es müsste eigentlich ein Konsens gefunden werden, über alle Kulturen, Religionen und Nationen hinweg. Man müsste sich auf gemeinsame Werte verständigen können, etwa auf ein gemeinsames ethisches Fundament.
Das „Sittengesetz“ unserer Vorväter konnte weder auf eine Ethik zurückgreifen, noch sich auf eine Welt beziehen. Es gab nur das, was die unterschiedlichen Religionen der Welt an Unterschiedlichem zum Sittlichen sagten, was die jeweiligen Behörden zum Sittlichen regelten und das, was freie Geister grenzüberschreitend zu denken wagten. Und heute?
Die UN-Charta der Menschenrechte, global formuliert aus den alten freimaurerischen Ausrufezeichen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, sagt immerhin, worum es geht: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollten einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“
Sie tun es nicht, wie die Konflikte unserer Weltwirklichkeit auf so schreckliche Weise belegen. Zu den Ausrufezeichen kommen also Fragezeichen, denn was die Menschenrechte sagen, lässt sich frei, kühn und idealistisch denken, aber lässt es sich auch machen?
Mit dem Kulturpreis Deutscher Freimaurer ehren wir den freien, kühnen Denker und Theologen Hans Küng, weil er dem Buchstaben solcher Texte „Geist“ gibt, weil er damit starre Ideologien und Hierarchien herausfordert, weil er so mutig ist, gegen die vielfältigen staatlichen und religiösen Egoismen mit dem „Weltethos“ ein verbindendes Ideal zu stellen und das Machbare dieses Ideals immer wieder einzufordern.
Es gibt noch immer den elementaren Gedanken vom besseren Miteinander für eine bessere Welt, der Lessing seufzen ließ: „Aber wie? Aber wie?“ Hans Küng belegt mit seiner unbeugsamen Haltung und seinem unentmutigten Festhalten am Ideal, dass man gegen derart resignierende Seufzer auch Visionen setzen kann, dass man unbeirrt eine Welt der Möglichkeiten denken kann. Und: wie man sie menschlich gestaltet, auch, wenn Ideale immer einen schweren Stand gegen die Weltwirklichkeit haben.
Die Vision des Alles-Verbindenden ohne soziale, religiöse oder politische Wertungen steckt im freimaurerischen Symbol der Winkelwaage, der gleichen Ebene aller, auf der wir uns begegnen. Ein Ideal. Vielleicht sogar eine Utopie. Möglicherweise auch trügerischer Anachronismus angesichts der Weltwirklichkeit.
Wir sollten uns diesen Anachronismus leisten. Wir lernen von Hans Küng unerschütterliche Standfestigkeit und unermüdliche Dialogfähigkeit. Wir mögen uns verbünden mit einer Geisteshaltung, die für tatkräftiges Engagement steht, für das Gute, für das Menschen- und Kulturenverbindende. Hans Küng war Vordenker einer Ökumene, die im Wortsinn meint „Die ganze bewohnte Welt“. Bei uns heißt das „Alle Menschen werden Brüder“.
Bleibt zu hoffen, dass sein Beitrag zur Versöhnung und zum Dialog weiterhin ansteckend und anstiftend wirkt.“
Vor meiner Ansprache und der Preisübergabe hatte Laudator Fritz Pleitgen Hans Küng als jemanden charakterisiert, der „alle Klischees des promovierten und habilitierten Gottesgelehrten durchkreuzt.“ Seine vielfältige Vernetzung habe eine „Weltprovinz des Geistes“ entstehen lassen, „anregend, begeisternd und dabei doch erd- und menschennah.“ Hans Küng sei „ein Mann, der ein ganzes und durchdachtes Weltkonzept vorlegt, in dem sich die großen Religionen treffen können mit allen Menschen guten Willens.“
Der Geehrte antwortete:
„Sie brauchen sich, meine sehr geehrten Freimaurer, um meine bleibende Nüchternheit und Bescheidenheit keine Sorge zu machen. Denn Sie können sich denken: Ihr Lob wird von anderer Seite sicher mit entsprechendem Missverständnis und Tadel beantwortet.“
Er sollte Recht behalten. Auch damit: „Ich werde wohl noch Jahre dementieren müssen, ich sei Freimaurer geworden, was nun einmal für manche konservativen Katholiken noch immer eine höchst verdächtige Angelegenheit ist.“

Prof. Dr. Hans Küng, 19. März 1928 – 6. April 2021. Theologe, römisch-katholischer Priester und Buchautor; 1960–1996 Theologie-Professor in Tübingen; bis 2013 Präsident der von ihm mitgegründeten „Stiftung Weltethos“. Hans Küng war der bekannteste Kirchenkritiker und einer der herausragenden Theologen der Zeitgeschichte. 1979 hatte seine Kritik am Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit zum Entzug der kirchlichen Lehrbefugnis für die römisch-katholische Glaubenslehre geführt.