Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

Hans Küng und das Projekt Weltethos

© Stiftung Weltethos / Erich Sommer

Hans Küng und das Projekt Weltethos

Von H. R.

Der katholische Reformtheologe Hans Küng ist am 6. April 2021 im Alter von 93 Jahren verstorben. Er war Präsident der „Stiftung Weltethos“ in Tübingen und Konzilsberater auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Er kämpfte vor allem für eine moderne und zugleich ihren Ursprüngen verpflichtete Kirche.

Mit seiner Kritik an der „geistlichen Diktatur“ des Papsttums fiel er im Vatikan unter Papst Johannes Paul II. in Ungnade, der ihm 1979 kurz vor Weihnachten die Lehrerlaubnis entzog. Die Universität Tübingen schuf für ihn dann einen Lehrstuhl für Ökumenische Theologie. Küng war ein profunder wegweisender Vordenker der Verständigung der Weltreligionen. Im Herbst 2020 gelang es ihm noch, seine Werkausgabe, die 24 Bände umfasst, erfolgreich abzuschließen.
Sein Alterswerk ist zweifellos das Projekt „Weltethos“, das er angesichts der fortschreitenden Globalisierung, der Umweltzerstörung, des Klimawandels und der atomaren Bedrohung entwickelte. Im Jahre 2007 verlieh ihm die Großloge AFuAMvD von Deutschland den Kulturpreis Deutscher Freimaurer.

Die Idee Weltethos

Diese Idee geht von drei wesentlichen Postulaten aus:
„Kein Überleben ohne Weltethos,
kein Weltfriede ohne Religionsfriede,
kein Religionsfriede ohne Religionsdialog.“

In diesem Zusammenhang spielt die „goldene Regel“ eine entscheidende Rolle: „Verhalte dich so, wie du erwartest, dass sich deine Mitmenschen Dir gegenüber verhalten.“
Das Tübinger Projekt „Weltethos“ verfolgt das Ziel, das Trennende und das Gemeinsame in den Weltreligionen herauszuarbeiten. Dies geschah bisher und geschieht auch heute noch durch die Förderung des interreligiösen und interkulturellen Dialogs und durch die Grundlagenforschungen Küngs und seiner Mitarbeiter. Beide Wege zeigen auf, dass die Weltreligionen trotz Unterschieden in den wichtigsten ethischen Prinzipien weitgehend übereinstimmen. Weltethos ist jedoch nicht eine Moral oder ein moralisches Verhalten, sondern eine besondere Grundeinstellung, ein „Grundkonsens bestehender und verbindender Werte, Maßstäbe und persönlicher Grundhaltungen“. Dabei handelt es sich nicht um eine neue Weltideologie oder Welteinheitsreligion, wie die Gegner des Weltethos polemisch einwandten. Weltpolitik und Weltwirtschaft brauchen, wie gerade die jüngsten politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen zeigen, dringend diese globale ethische Grundorientierung, um eine friedlichere, gerechtere und humanere Welt zu ermöglichen.
Aus den ethischen Prinzipien leitet Küng mehrere Forderungen ab, die ihm ein großes Anliegen waren und zu deren Umsetzung er durch die Stiftung Weltethos bis zu seinem Tod einen nachhaltigen Beitrag geleistet hat. Die Postulate umfassen die Ehrfurcht vor dem Leben, gerechte und faire Handlungsweisen, Wahrhaftigkeit im Reden und Handeln sowie gegenseitige Achtung, Respekt und Liebe unter den Menschen – alles Forderungen, die sich auch mit den Zielen und Werten der Freimaurerei vereinbaren lassen. Hier lässt sich auch der Zusammenhang mit Menschenwürde, Menschenrechten und Menschenpflichten besonders deutlich erkennen. Küng war davon überzeugt, dass es keine humane Weltordnung ohne Weltethos, ohne globale ethische Maßstäbe geben könne. In der „Erklärung des Parlaments der Weltreligionen“ (1993) wird die Grundeinstellung „keine neue Weltordnung ohne ein Weltethos“ besonders hervorgehoben. Weltpolitik, so betonte Küng, müsse letztlich aus Weltverantwortung kommen.

Menschenrechte und Menschenpflichten

Zu den gemeinsamen Werten im Weltethos zählt auch die Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit, der Solidarität, der Toleranz und Partnerschaft von Mann und Frau. In der erwähnten Erklärung des Parlaments der Weltreligionen wird ausdrücklich auf diese Verpflichtungen hingewiesen. Auch im Report der Kommission für „Global Governance“ wird betont, dass die Politik supranationaler Organisationen nicht nur das Management ökonomischer Globalisierung einschließlich ihrer tiefgreifenden sozialen und politischen Nebenfolgen beabsichtigt, sondern es wesentlich darum geht, eine neue Ethik globaler Demokratie und Menschenrechte durchzusetzen. Das neue Paradigma internationaler Beziehungen weist wesentliche ethische Voraussetzungen auf, die sich heute deutlich erkennen lassen. Es bündelt die gemeinsamen religiös-philosophischen Ressourcen der Menschheit, die nicht gesetzlich auferlegt, sondern bewusst gemacht werden. Eine ethisch orientierte Weltpolitik ist keine blinde Unterordnung der Politik unter die Ethik, weil dies der Eigengesetzlichkeit von Politik nicht gerecht und zu einem Moralismus führen würde, der die Ethik und damit auch das Weltethos überfordern würde. Küng mahnte eine Ethik der Verantwortung ein, die realistisch nach den voraussehbaren Folgen, besonders aber auch nach den unbeabsichtigten schwerwiegenden Nebenfolgen der Politik fragt. Die Kunst der Politik in diesem neuen Paradigma besteht darin, das politische Kalkül und das ethische Urteil überzeugend zu verbinden.
Ein besonderes Anliegen war für Küng die „Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte“ mit einer „Erklärung der Allgemeinen Menschenpflichten“ zu ergänzen, was ganz seiner Weltethos-Idee entsprach. Der Entwurf zu den Menschenpflichten wurde vom „InterAction Council“ früherer Staats- und Regierungschefs zur Prüfung und Unterstützung ausdrücklich empfohlen. Für Küng bewirken Menschenpflichten eine Stärkung der Menschenrechte, weil sie diese von ethischer Seite her untermauern. Die „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ beschreibt eine ganze Reihe von Pflichten, die von allen Menschen beachtet und auch übernommen werden sollten, insbesondere die zentrale Pflicht, die Mitmenschen human zu behandeln. Sie soll auch ein gemeinsamer Maßstab für alle Völker und Nationen mit dem Ziel sein, dass jeder Mensch und jede gesellschaftliche Einrichtung „zum Fortschritt der Gemeinschaften und zur Aufklärung ihrer Mitglieder beitragen möge.“

Weltethos und Freimaurerei

Küng schreibt in einem Beitrag „Freimaurertum und Kirche“, dass es zwischen dem Weltethos und der freimaurerischen Ethik viele Verbindungen gebe. Da die Bruderkette eine der Humanität und der dogmenfreien Ethik verpflichtete Gemeinschaft sei, ergeben sich hier zahlreiche Übereinstimmungen mit den Prinzipien des Projekts Weltethos, die vor allem in den elementaren Standards eines gemeinsamen Menschheitsethos bestehen, die auch von Nichtglaubenden und Angehörigen verschiedener Weltanschauungen mitgetragen werden können. Auch die Bruderkette vertritt die Auffassung, dass die Freimaurerbrüder für eine bessere und humanere Weltordnung eine große Verantwortung haben, weshalb sie sich sehr für Menschenwürde, Menschenrechte, Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden einsetzen. Sie ist, wie das Weltethos, gegen alle Formen der Unmenschlichkeit und arbeitet für eine Vermenschlichung der Gesellschaft, also „am Bau des Tempels der allgemeinen Menschenliebe“. Humanität erlebt der Freimaurerbruder in der Loge und im Profanen, indem er sich als Mensch unter Menschen zu begreifen versucht und von dem an sich selbst gewonnenen Menschsein auf die Gesamtheit der Menschheit schließt. Humanität, Menschlichkeit, Mitgefühl und Mitleid sind daher für den Freimaurer nicht Formeln oder einfache Worte, sondern konkrete und veredelnde menschliche Praxis. Entscheidend ist hier die persönliche Erfahrung mit dem Menschlichen. Die freimaurerischen ethischen Vorstellungen dienen der Vervollkommnung der menschlichen Persönlichkeit. Sie sind keine Erfolgs- oder Gesinnungsethik, sondern – wie das Weltethos – eine Verantwortungsethik. Dies bedeutet, in globalen Zusammenhängen zu denken und sozial-humanitär zu handeln.
Wie das Weltethos geht es auch in der Freimaurerei um das menschlich Verbindende ohne religiöse oder politische Wertungen sowie um das Menschen- und Kulturverbindende. Die Freimaurerei tritt aber auch totalitären fundamentalistischen Systemen und Denkweisen entgegen, bekämpft Feindbilder und Vorurteile und engagiert sich für offenes Denken und Toleranz. Hier gibt es auch starke Übereinstimmungen mit den Bemühungen der „Stiftung Weltethos“. So sollte sich die Freimaurerei in Zukunft auch damit beschäftigen, wie die Grundlagen der Idee Weltethos mit dem masonischen Symbol des „Großen Baumeisters aller Welten“ vereinbart werden können.