Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

Hast Du Angst, Erich?

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Hast Du Angst, Erich?

Von Bastian Salier

Freimaurer-Hetze und Verfolgungswahn – ein 92 Jahre altes Gedicht

Wer ist an allem Unheil schuld? Sind es die Jesuiten, die Juden, die Freimaurer, die Illuminaten? Eigentlich ist das ganz egal, entscheidend ist, dass sich jemand findet, dem man die Schuld an seinem eigenen Unvermögen, an seiner Unsicherheit dem Leben und der Komplexität der Welt gegenüber in die Schuhe schieben kann.

Und gefühlt wird sie wieder einmal lauter, die antimasonische und antisemitische Stimmung. Hassreden in den sozialen Medien, stereotype antisemitische Parolen auf den sogenannten „Querdenker“-Demonstrationen; Videos tauchen auf, in denen Eingänge von Logenhäusern gezeigt werden, unterlegt mit unverblümten Anschlagsdrohungen; reichweitenstark von einem prominenten Sänger und Reichsbürger an seine Anhänger weitergeleitet.
Vor 92 Jahren hat sich ein gewisser Theobald Tiger in der Zeitung „Die Weltbühne“ in einem Spottgedicht über den Verfolgungswahn des Weltkriegsgenerals Erich Ludendorff ausgelassen, der mit seinen in großen Auflagen erschienenen antimasonischen Schriften („Die Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse“, 1927) einen Grundstein für die Verfolgung der Freimaurer und die Schließung der Logen im sogenannten „Dritten Reich“ legte. Und nicht nur das: Ludendorffs absurd konstruierte Theorie von der „jüdisch-bolschewistisch-freimaurerischen Weltverschwörung“ ist bis heute Teil eines verbreiteten Volks-Aberglaubens, der sich über Generationen hinweg bewahrt hat: „Hüte Dich vor den Logenbrüdern, mein Kind!“, hieß es noch weit in der Nachkriegszeit in vielen Familien.

Das Wiederbeleben dieser Stereotype und die Verbreitung durch einzelne, jedoch medial vielbeachtete Prominente mag man als lächerlich, als durchschaubar abtun. Man mag – was häufig getan wird – jene Protagonisten als Verrückte, als Wahnsinnige abstempeln, die in psychiatrische Behandlung gehörten. Doch fachfremde Ferndiagnosen sind aus meiner Sicht immer problematisch. Man solle sie tunlichst ignorieren, heißt es dann weiter, ihnen keine Bühne bieten. Nun ja, die Bühne haben sie in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, die sie allerdings als Diktatur brandmarken, sowieso schon. Und sie nutzen sie weidlich. Sie behaupten, die Meinungsfreiheit sei nicht gegeben, während sie lautstark ihre Meinung äußern, dabei die Grenzen der Meinungsfreiheit auslotend und verschiebend, ohne dass sie daran gehindert würden. Die in der Bruderschaft vieldiskutierte Frage lautet: Soll man das alles auf sich beruhen lassen oder soll man sich dagegen wehren, sich als Freimaurer bekennen und möglicherweise juristisch gegen Verleumdung und Beleidigung und Bedrohung vorgehen? Einzelne Brüder tun das bereits, haben Anzeigen wegen Volksverhetzung und anderer Delikte erstattet. Der Großmeister der VGLvD, Br. Christoph Bosbach, hat sich einem Rundschreiben Anfang September klar dazu geäußert:

„Im Jahr 2020 beobachten wir, wie kleine Kreise der Bevölkerung, ungeachtet bzw. in Unkenntnis der oben genannten Grundsätze verschiedentlich unseren Bund in Zusammenhang mit Verschwörungstheorien, absurden Corona-Fantasien und anderen haltlosen Fantasie-Themen bringen und ihn gegenteilig zu unseren Zielen und Werten sogar für gesellschaftliche Missstände verantwortlich machen.

Unser Bund sieht sich über die Zeiten hinweg dabei immer wieder einmal solchen Diskussionen ausgesetzt, und wir respektieren hier alles, was unter die freie Meinungsäußerung zu zählen ist. Jedoch vernehmen wir eine gewisse Häufung und Intensität sowie Besorgnis erregende Schärfe solcher Äußerungen ganz besonders in diesen Krisenzeiten.

Als Dachorganisation der deutschen Freimaurerei und in Übereinstimmung mit allen Mitgliedsgroßlogen haben wir hier reagiert und dieses Thema tagesaktuell auf unsere Agenda genommen:

Wir beobachten die aktuellen Diskussionen und verfolgen diese sehr genau und umfänglich. Eine intensive Bewertung dieser Themen nehmen wir mitunter tagesaktuell vor. Insofern haben wir die kommunikative und juristische Prüfung gewisser Äußerungen und Diskussionen immer im Blick und werden dabei von professioneller Seite unterstützt.

Wir nehmen das Thema sehr ernst und haben daher einen Fonds ins Leben gerufen, dessen Mittel wir für die rechtliche Beratung und, wo unvermeidlich, auch rechtliche Begegnung mit den Urhebern solcher Äußerungen verwenden werden.

Angesichts einer solchen Mittelfreigabe und durch Einberufung eines Fach-Gremiums wollen wir Ihnen, liebe Brüder, heute das Signal senden und Ihnen versichern, dass wir, wo immer Grenzen überschritten und die gesellschaftlichen Leitplanken verlassen werden sollten, uns in Übereinstimmung mit den Werten und Zielen unseres Bundes kümmern und dort, wo es nötig ist, mit einer kompetenten, entschlossenen und nachdrücklichen Erwiderung begegnen werden. Nötigenfalls auch mit der Aufnahme von rechtlichen Verfahren.“

Aus aktuellem Anlass folgt nun ein 92 Jahre altes Gedicht des (für einige wohl allerdings als irregulär geltenden) Freimaurers Kurt Tucholsky, verfasst unter dem Pseudonym Theobald Tiger:

Ludendorff oder Der Verfolgungswahn

Hast du Angst, Erich? Bist du bange, Erich?
Klopft dein Herz, Erich? Läufst du weg?
Wolln die Maurer, Erich – und die Jesuiten, Erich,
dich erdolchen, Erich – welch ein Schreck!
Diese Juden werden immer rüder.
Alles Unheil ist das Werk der .·..·. Brüder.

Denn die Jesuiten, Erich – und die Maurer, Erich –
und die Radfahrer – die sind schuld
an der Marne, Erich – und am Dolchstoß, Erich –
ohne die gäbs keinen Welttumult.
Jeden Freitag abend spielt ein Kapuziner
mit dem Papste Skat – dazu ein Feldrabbiner;
auf dem Tische liegt ein Grand mit Vieren –
dabei tun sie gegen Deutschland konspirieren …
Hindenburg wird älter und auch müder …
Alles Unheil ist das Werk der .·. .·. Brüder.

Fährst du aus dem Schlaf? Die blaue Brille
liegt auf deinem Nachttisch wohl bereit?
Hörst du Stimmen?
Das ist Gottes Wille,
Ludendorff, und weißt du, wer da schreit –?
Hunderttausende, die jung und edel
sterben mußten, weil dein dicker Schädel
sie von Grabenstück zu Grabenstück gehetzt
bis zuletzt.
Ackerkrume sind, die Deutschlands Kraft gewesen.
Pack die Koffer! Geh zu den Chinesen!
Führ auch die bei ihren Kriegen!
Ohne Juden wirst du gleichfalls unterliegen.
Geh nach China! Und komm nie mehr wieder –!
Alles Unheil ist das Werk der Heeresbrüder.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 6-2020 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.