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In der Gemeinschaft stark sein

In der Gemeinschaft stark sein

Von Hans Fischer


Foto: AnnReinert / Adobe Stock

Beweggrund: Hundespaziergang an einem frühen Sonntagmorgen im Herbst. Erste Nebel, kein Flugzeuglärm, herrliche Ruhe. Plötzlich werde ich aus meinem Dämmerzustand aufgeweckt. Ein Schwarm Stare schwirrt an mir vorbei. Wie von unsichtbarer Hand geführt, vollziehen die Vögel als Gesamtheit elegant verschiedenste Formationen in unterschiedlichen Höhen über den Feldern. Ein herrliches Schauspiel, ein ästhetischer Reiz, der berührt. Überwältigend schön, zwecklos wie Kunst. Ich schaute ihnen fasziniert zu, bis sie sich von mir Richtung Süden verabschiedeten.

Während ich dem Schwarm nachschaute, bis er als kleiner Punkt verschwand, wurde mein Hirn aktiv und regte mich zu den verschiedensten Fragen und Ideen an.

Schwarmverhalten in der Natur: Das ist Fakt!

Schwärme kommen insbesondere bei Vögeln, Fischen und auch Insekten vor. Es ist nach wie vor jedoch ein unerklärtes Phänomen, wie es Tieren möglich ist, sich so zu verhalten und in Windeseile miteinander zu kommunizieren. Sie agieren nach drei Prinzipien: Kohäsion (den Bewegungen des Nachbarvogels folgen), Separation (Mindestabstand halten, d. h. Ausweichen beim „Zu-nahe-kommen“) und Alignement bzw. Ausrichtung (sich mit gleicher Geschwindigkeit in die gleiche Richtung wie der Nachbarvogel bewegen). Mittlerweile kann man Vogelschwärme, die sich in ihrem Flugbild wie ein einziger Organismus verhalten, auch mittels Computer simulieren. Man muss dazu nur die erwähnten Prinzipien anwenden.

Ein Schwarm reagiert „intelligent“ auf Störungen von außen, z. B. durch einen Raubvogel, so dass kein Tier dem Raubvogel zum Opfer fällt. Da kein Vogel als Führer auftritt, muss der Schwarm als Gesamtheit eine Entscheidung treffen. Dies gilt auch für Fischschwärme, die bei einem Angriff eines Raubfisches ein „Loch“ im Schwarm bilden, durch das der Raubfisch hindurchschießt.

Die Auswertung von aufwändigen filmischen Verfahren zeigten, dass das Flugverhalten der Vögel noch stärker miteinander korreliert, als es aufgrund der oben genannten Regeln der Fall sein sollte. Denn selbst Vögel stehen an den bis zu einhundert Meter auseinanderliegenden Enden des Schwarms offensichtlich immer noch miteinander in Verbindung, obschon dies physikalisch oder biologisch nicht erklärt werden kann.

Was bedeutet dieser Befund?

Der Schwarm ist wesentlich mehr als die Summe der Individuen und dieses „mehr“ erstreckt sich über den gesamten Schwarm. Alle Tiere sind unabhängig von ihrer Position miteinander verbunden, ihr Verhalten ist korreliert, obschon eine akustische oder optische Koppelung über die oft großen Distanzen mit großen Geschwindigkeiten nicht möglich ist. Der Schwarm ist ein neues Ganzes und agiert als Einheit.

Wer bestimmt, was zu tun ist, wenn ein Raubfisch einen Schwarm Fische angreift? Es muss eine höhere Instanz vorhanden sein, die die Kontrolle über den Schwarm ausübt. Diese höhere Instanz könnte man als das externe Bewusstsein des Fischschwarms bezeichnen. Dieses Bewusstsein bildet sich offensichtlich automatisch, wenn sich eine gewisse Anzahl Fische oder Vögel mittels der lokalen Wechselbeziehungen wie Sichtkontakt oder Druckschwankungen zu einem neuen Ganzen zusammenfindet. Während Vögel oder Fische nur zeitweise einen Schwarm bilden, sind Bienenvölker, Ameisen- oder Termitenstaaten zeitlich stabil. Die Vögel pflanzen sich einzeln fort, beim Bienenvolk ist die Fortpflanzung der Königin übertragen und das Volk pflanzt sich als Gesamtheit fort.

Die Frage liegt auf der Hand: Gibt es auch in uns Menschen ein übergeordnetes Steuerfeld, analog zu den Vogelschwärmen? „Weiß“ die Zelle in meinem rechten großen Zeh, was die Zelle in meinem Innenohr gerade tut? Sind alle Zellen in mir ganz oder teilweise korreliert, skalenfrei und augenblicklich, instantan? Lässt sich eine Zelle meines Körpers unabhängig von den anderen Zellen beschreiben oder sind es nur die Zellen eines Organs, die miteinander korreliert sind?

Noch weiter: Ist ein Schwarmverhalten nicht nur in Zellen, sondern auch zwischen Menschen möglich? Und schon landen wir im Internet: beispielsweise bei Wikipedia.

Das Internet liefert uns eine Methode

Bei Tieren ist Schwarmintelligenz (engl. Crowdwisdom) offensichtlich möglich. Biologen sagen gar, dass tierische Schwärme strategisch handelten. Aus den Medien besser bekannt sind die Wörter Schwarmfinanzierung (engl. Crowdfunding) oder Crowdsourcing, zu Deutsch das Nutzen des Potenzials einer Masse.

Dieser Beitrag soll sich aber weder mit den verschiedenen Modellen des Crowdfunding befassen noch mit direktem ökonomischem Nutzen. Das Phänomen des Schwarms soll ganz einfach als Input dienen, um der Frage nachzugehen, ob sich die Schwarmintelligenz oder das Schwarmpotenzial von Menschen, insbesondere das von Freimaurern, „verdichtet“ nutzen lässt.

Schwarmverhalten von Freimaurern: Eine Fiktion?

Es ist klar, es gibt nicht die Freimaurerei, es gibt nur den Freimaurer. Es ist letztlich der einzelne Freimaurer, der das in den Logenarbeiten Gelernte und Erlebte als einzelner Mensch eigenverantwortlich umsetzt. Aber in Anlehnung an die Schwarmintelligenz oder Nutzung des Schwarmpotenzials soll angeregt werden, ob sich das große Potenzial der einzelnen Freimaurer zum Vorteil der Gesellschaft nicht besser nutzen ließe. Angesichts des Elends, der Not und des unmoralischen Verhaltens vieler müsste es doch möglich sein, die Werte der Freimaurerei, wie Toleranz, Menschlichkeit und Brüderlichkeit, gebündelt zu nutzen. Könnten diese Tugenden von praktizierenden Freimaurern nicht als Schwarmintelligenz angewendet werden? Die Methode funktioniert im Internet in der profanen Welt bereits erfolgreich. Sind nicht wir diejenigen, die sich regelmäßig von der profanen Welt gedeckt diesen Tugenden widmen? Könnten nicht wir Freimaurer uns einmal von einer ur-natürlichen Methode inspirieren lassen? Freimaurer als Schwarm? Wie könnte man die lokale oder gar globale Bruderkette aktivieren, um mit Hilfe der Schwarmintelligenz ethisches Verhalten sinnvoll zu praktizieren? Probleme gibt es viele, lokal wie global. Wir thematisieren seit mehr als dreihundert Jahren die Tugenden Toleranz, Brüderlichkeit und Humanität. Der Einsatz der einzelnen Freimaurer hat bisher offenbar nicht seine erwartete Wirkung gezeigt. Es geht nicht darum, die unendlich vielen individuellen Leistungen und Beiträge der Brüder gering zu schätzen. Aber könnte nicht mittels Schwarmverhalten der Brüder noch mehr erreicht werden? Manchmal kommt es mir vor, als würden wir auf der Stelle treten. Wir halten Baurisse, diskutieren und reflektieren sie, wir führen Tempelarbeiten durch, die sowohl Verstand und Herz anregen, doch wie werden die hehren Gedanken umgesetzt? Könnten sich nicht wenigstens die einzelnen Freimaurer als „Schwarm-Institution“ in dieser Hinsicht engagieren? Man könnte das Eine tun (das ist klar unsere persönliche Verpflichtung) und das Andere nicht lassen. Liegt in den zahlreichen Brüdern nicht ein enormes Potenzial von Kraft und Kreativität zur Lösung vieler Probleme? Wer müsste der Motor sein? Wo ist der Nukleus? Die Methode der Schwarmintelligenz könnte ein Lösungsansatz sein! Zudem hätte sie den Vorteil, dass es einerseits jedem Freimaurer überlassen wäre, sich nach wie vor persönlich zu engagieren und dass andererseits die Lehrart der Freimaurerei unangetastet bliebe.

Die Methode der Schwarmintelligenz hätte noch einen großen sympathischen Vorteil. So wie es beim Vogelschwarm keinen Leitvogel oder „Führer“ gibt, so gibt es auch in der Freimaurerei keine oberste Führung: Sowohl die Großlogen wie auch die Logen sind autonom, wie es auch der „Freimaurer-Schwarm“ sein müsste!

Um es nochmals klar zu stellen: Es ist nicht die Freimaurerei, die handelt, sondern der einzelne Freimaurer. Wie in vielen Lebensbereichen wäre das gesamte Schwarmpotenzial einiges mehr als die Summe der einzelnen Brüder des Schwarms. Der Nutzen wäre beträchtlich. Im Sinne von These/Antithese/Synthese, der drei Rosetten oder Taus auf dem Meisterschurz, könnte der Gegensatz zwischen Freimaurerei vs. Freimaurer ideal weitergeführt und ergänzt werden, ohne die Lehrart zu strapazieren. Das Schwarmpotenzial könnte eine große Chance sein!

Diese Zeichnung soll ausschließlich als Anstoß für eine Diskussion dienen. Wird der Ball des Schwarmpotenzials bzw. der -intelligenz aufgenommen und mit einer entsprechenden Kreativität gepaart, blieben viele gut gemeinte Arbeiten in den Konferenzen nicht ohne Folgen. Durch Nutzung der Schwarmintelligenz und des Schwarmpotenzials der weltumspannenden Bruderkette könnte – so die Hypothese – einiges zum Positiven verändert, Probleme gelöst und hehre Gedanken (endlich) in die Tat umgesetzt werden.

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift “HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin”, Ausgabe 6-2018.