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Mitmensch­lichkeit, Ethik, Transzendenz — Gedanken zu den drei „Großen Lichtern“ der Freimaurerei

Zirkel als Freimaurer-Symbol Foto: nzooo / envato.com

Was bedeuten die Symbole der Freimaurerei und welche Funktion haben sie?

Von Hans-Hermann Höhmann

Wir haben oft darüber gesprochen, dass Freimaurerei ein Gesamtkunstwerk ist, das in dieser Form nur in ihr selbst besteht, und ich erinnere daran, dass es ein dreifaches Selbstverständnis ist, das die Grundzüge einer Freimaurerei kennzeichnet, die ihre Akzente unmissverständlich im Sinne von Aufklärung und Humanismus setzt.

Bei diesem Selbstverständnis sind drei Aspekte gleichrangig miteinander verbunden:

1.
Auf der Basis einer in der Loge eingeübten Kultur der Mitmenschlichkeit ist Freimaurerei erstens Pflege von Geselligkeit und Freundschaft. Die Logen der Freimaurer (und der Freimaurerinnen) sind Freundschaftsbünde, die Menschen miteinander verbinden wollen, Menschen, die – so wussten schon die „Alten Pflichten“ von 1723 – sich sonst nie begegnet wären.
2.
In der Tradition von Humanismus und Aufklärung sind die Logen der Freimaurer zweitens ethisch orientierte Gemeinschaften, in denen gemeinsam nachgedacht werden kann, um Wege zu Lebenssinn und Motivation für moralisches Handeln ausfindig zu machen.
3.
Schließlich bieten die Logen der Freimaurer drittens einen auf Symbole und Rituale gegründeten spirituellen Wahrnehmungs-, Handlungs- und Erfahrungsraum, in dem die Ziele und Ideen des Freimaurerbundes im Bewusstsein und im Habitus der Brüder verankert werden.

Im Zentrum einer lebendigen Logenarbeit steht das Pflegen von Freundschaft und Geselligkeit untrennbar neben ethischer Orientierung und moralischem Handeln. Genauso wichtig ist aber auch der kreative Umgang mit Brauchtum und Symbolik. Er hört nie auf, und er ist nie erschöpft. Ich möchte deshalb an dieser Stelle ein paar Gedanken zu drei zentralen Symbolen unseres Bundes vortragen, den drei „Großen Lichtern der Freimaurerei“, zu Zirkel, Winkelmaß und dem Buch des heiligen Gesetzes.

Die Freimaurerei kennt viele Symbole. In besonderem Maße kennzeichnend für sie ist die Bausymbolik, in deren Mittelpunkt die einem „Großen Baumeister“ symbolisch verpflichtete Idee von Sein und Zeit als sinnvoll zu gestaltenden Bauwerken steht. Der Bausymbolik entstammen auch viele „Kernsymbole“ der Freimaurerei, wie der Bau am Tempel der Humanität und der raue Stein als Symbol für die Notwendigkeit des Menschen, an sich selbst zu arbeiten und den eigenen Habitus im Sinne einer habituellen Einverleibung von humanitärem Denken und Handeln zu verändern. Zu den Kernsymbolen der Freimaurerei gehören auch Zirkel, Winkelmaß und „Buch des heiligen Gesetzes“, die wir als die großen Lichter unseres Bundes bezeichnen.

Der Zirkel, mit dem ich beginne, ist gleichsam das Kernsymbol der ersten Säule der Freimaurerei, der Säule von menschlichem Miteinander und Freundschaft. Der Zirkel symbolisiert nach altem Verständnis die „allumfassende Menschenliebe“, die unaufhebbare Verbindung von Ich und Du. Menschliche Existenz beginnt immer zu zweit. Zwei Schenkel hat der Zirkel. Ein Zirkel mit einem Schenkel wäre als Zirkel aufgehoben und als Werkzeug ohne Wert.

Zunächst und vor allem geht es beim Zirkel um die Verbindung mit anderen Menschen, in der Loge zumal um die Verbindung von Bruder zu Bruder. Der Zirkel soll in unserem Bewusstsein die Einsicht verankern, dass die Menschen ihrer Natur nach auf Beziehungen zueinander angewiesen sind. Jeder von uns braucht andere Menschen, um zu leben, um zu wachsen, um zu denken, um zu lieben.

Der Zirkel beschreibt aber keine kommunikative Idylle. Er ist vielmehr ein unbequemes Symbol. Er mahnt uns, wie wir mit anderen Menschen umgehen sollen, wie sich Zuneigung zueinander, Respekt voreinander, Hilfsbereitschaft füreinander, aber auch die Fähigkeit zum Aushalten und zum Austragen von Konflikten miteinander zu verbinden haben. Vor allem aber ist der Zirkel das Symbol der Freundschaft. Freimaurerei lebt nur, wo Menschen zu Brüdern und wo Brüder zu Freunden werden, wo – nach Lessings Wort – Raum und Atmosphäre vorhanden sind, „laut mit dem Freunde zu denken“.
Doch der Zirkel weist nicht nur auf das rechte Verhältnis zum anderen, zum Bruder hin. Er mahnt den Freimaurer auch zum rechten Umgang mit sich selbst: „Erkenne Dich selbst“, das kann ja wohl nur heißen: Finde im Miteinander mit dem Anderen zu Deiner Identität; schließe Freundschaft mit Dir selbst; erneuere Dich; brich zu Dir selbst auf; werde, der Du bist!

„Erkenne Dich selbst“ heißt aber auch, erkenne, was es für Dich bedeutet, Freimaurer zu sein und erkenne auch die Freimaurerei, überlege mit Deinen Brüdern, wie Freimaurerei heute beschaffen sein muss, um in Deinem persönlichen Umfeld, in Deiner Loge und in der Gesellschaft überzeugend zu wirken, entwickele für Dich und Deine Loge eine prägende und tragende Identität. Identität nicht im Sinne von Abgrenzung und „Besser-sein-wollen“ als andere, Identität vielmehr im Sinne eines klaren Wissens davon, warum man als Freimaurer so ist, wie man ist.

Das Winkelmaß leitet und richtet nach altem Maurerverständnis unsere Handlungen. Es ist der Inbegriff unserer ethischen Symbolik und steht somit im Kontext der zweiten Säule unseres Bundes: Freimaurerei als ethisch orientierter Bund.

Die in den „Alten Pflichten“ festgeschriebene zentrale Idee der modernen Freimaurerei ist bis heute unverändert gültig: „Der Maurer ist seiner Bestimmung nach verpflichtet, das Sittengesetz zu befolgen“, und bildhaft verdichteter Ausdruck des Sittengesetzes eben ist das Winkelmaß. Das müssen wir freilich richtig verstehen. Die Freimaurerei entwickelt kein eigenes ethisches System und versucht schon gar nicht, ethische Überzeugungen in politische Programme zu übertragen. Sie kann nicht ein für alle Mal definieren, was wahr und gut, was frei und was gerecht ist. Dennoch: Mit ihren alten Wertpositionen – Menschlichkeit, Freiheit, Toleranz, Brüderlichkeit, Gerechtigkeit, Friedensliebe – gibt unser Bund nicht nur Denkorientierungen und Handlungsmaßstäbe vor, er bietet vielmehr auch Ethos und Methoden für Umgang und Arbeit des Freimaurers mit den Wertvorstellungen seines Bundes an.

Zum Stichwort „Ethos“ denke ich einmal daran, dass der Bauidee das Handeln zu folgen hat. Ein Winkelmaß, das sich nicht mit der Bereitschaft zum wirklichen moralischen Bauen, zur moralischen Praxis, verbindet, verliert den Charakter eines Werkzeugs. Bei Ethos denke ich weiter an das von Lessing gültig formulierte Prinzip, dass die Suche nach Wahrheit Vorrang hat vor ihrem vermeintlichen Besitz.

„Nicht die Wahrheit“ – so Lessings schöne Worte – „in deren Besitz irgendein Mensch ist, oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge und stolz …“

Und was die Methoden betrifft, so hat unser Bund ein doppeltes Angebot: Einmal geht nichts ohne Diskurs und brüderliches Gespräch, eben ohne „laut denken mit einem Freunde“. Aber es muss ein wirklicher Diskurs sein, und nicht – wie stellenweise praktiziert – lediglich Geschwätz oder auch Selbstgespräch, bei dem den Zuhörern nur die Rolle von Statisten bleibt.

Die andere Methode ist der schöpferische Umgang mit unseren Symbolen in der rituellen Arbeit. Symbole geben Denkrichtungen vor, aber sie legen nicht fest, sie bleiben immer offen. Daher ist Arbeit mit ihnen ein immerwährendes Sich-Einlassen auf neue Bedeutungen. Verhalten wir uns so, dann gilt vom Ritual, was Lessing am Beispiel der Laokoon-Gruppe vom Kunstwerk gesagt hat: „Fruchtbar ist allein, was der Einbildungskraft freies Spiel läßt. Je mehr wir sehen, desto mehr müssen wir hinzudenken können. Und je mehr wir dazu denken, desto mehr müssen wir zu sehen glauben.“

So gehören Verpflichtung auf ethische Prinzipien und das stets neue Ringen um ihre Verwirklichung, das neue Suchen, Fragen und Einüben untrennbar zusammen.

„Einübungsethik“ hat der Aachener Philosoph und Freimaurer, unser Ehrenmitglied Klaus Hammacher deshalb zu Recht die Ethik der Freimaurerei genannt. Es geht um Einüben in das Konkretisieren von Werten, Einüben in Verhaltensweisen, Einüben in Umgangsstile, Stile des Umgangs mit sich selbst, mit anderen Menschen, mit den Dingen der Welt und mit Transzendenz.

Das dritte „große Licht“ schließlich, das „Buch des heiligen Gesetzes“, d. h. die Bibel, und im Zusammenhang damit der „Große Baumeister aller Welten“ sind – obwohl dies keineswegs so sein müsste – die schwierigsten, die am meisten kontroversen Symbole unseres Bundes.  Dies hat vor allem zwei Gründe.  Der erste folgt aus dem Verständnis von freimaurerischer Regularität, wie sie von der Vereinigten Großloge von England in den „Basis Principles of Grand Lodge Recognition“ festgelegt wurde und welche die Anerkennung eines „Supreme Being“, eines „höchsten Wesens“ oder „übergeordneten Seins“ voraussetzt. Der zweite Grund hängt mit den persönlichen Überzeugungen einzelner Freimaurer oder freimaurerischer Gruppen zusammen:

1.
Da gibt es einerseits Brüder und Logen, für die Freimaurerei tendenziell eben doch mehr ist als ein ethisch-symbolischer Werkbund, für die Freimaurerei vielmehr Züge einer Ersatz- oder zumindest einer Nebenreligion angenommen hat.
2.
Und da gibt es auf der anderen Seite Brüder, die fast phobisch auf der Flucht sind vor religiösen Symbolen und die immer wieder neue Versuche starten, Bibel und „Großen Baumeister“ ein für alle Mal aus der freimaurerischen Symbolik zu verdrängen.

Ich halte beide Einstellungen für verfehlt, weil beide die Bedeutung von Bibel und „Großem Baumeister“ als Symbole verkennen bzw. falsch einschätzen.
Zunächst: Auch die Vereinigte Großloge von England lässt in ihren Erklärungen keinen Zweifel daran, dass Freimaurerei keine Religion und auch kein Religionsersatz ist, dass es keinen eigenständigen freimaurerischen Gottesbegriff gibt und dass auch keine aus Elementen verschiedener Religionen zusammengesetzte Gottesvorstellung der Freimaurerei existiert.

Ausdrücklich wird in einer Erklärung der englischen Großloge vom Juni 1983 festgestellt, dass sich die Freimaurerei „in keiner Weise an die Gebräuche irgendeiner Religion anlehnt“ – normativ gewendet: anlehnen darf. Das „höchste Wesen“ kann dann nur – aber „nur“ ist hier viel – die Funktion eines sinngebenden und handlungsleitenden Ideals besitzen, und jeder Freimaurer hat das Recht, dieses „regulative Prinzip“ mit seinen persönlichen weltanschaulich-religiösen Vorstellungen zu verbinden.

Bibel und „Großer Baumeister“ im Kontext der Freimaurerei dürfen folglich nicht mit den verschiedenen Gottesverständnissen der Religionen verwechselt oder gar gleichgesetzt werden. Sie begründen – wie gelegentlich missverstanden wird – auch keine religiösen Minimalanforderungen an den Freimaurer. Sie stellen vielmehr die umfassenden Sinnsymbole des Bundes dar und sind als solche vom Freimaurer zu respektieren.

Die Bibel symbolisiert als Gesetzbuch gemeinsam mit dem Winkelmaß das Sittengesetz, das der Maurer zu befolgen hat. Die Bibel verweist, so erklären wir es im Aufnahmeritual unserer Loge, auf eine höhere Verantwortung des Menschen, die ein einfaches Dahinleben überschreitet und zu moralischem Handeln verpflichtet. Die Bibel ist aber auch das Buch, das den Herkunftsmythos der Freimaurerei beinhaltet, des Mythos vom Bau des Salomonischen Tempels, und daher sollte die Bibel – sofern sie nicht überhaupt geschlossen bleibt, was ihre Funktion als Symbol nicht mindert und etwa in den Schröder-Logen praktiziert wird – an einer der Stellen aufgeschlagen werden, wo vom salomonischen Tempelbau die Rede ist, d. h. dem 1. Buch Könige, Kapitel 6 oder dem 2. Buch Chronik, Kapitel 3.

Aus all dem ergibt sich für den Freimaurer: Die Frage nach der religiösen Überzeugung eines „Suchenden“, ja danach, ob er überhaupt eine Gottesvorstellung hat, ist für die Freimaurerei völlig irrelevant, ja sie ist unzulässig. Der Freimaurer hat sich moralisch, nicht religiös zu verpflichten. Ein guter und redlicher Mann soll er sein, ein Mann von Ehre und Anstand, ohne Rücksicht auf Bekenntnis und religiöse Überzeugung – dieser Forderung der „Alten Pflichten“ ist nichts hinzuzufügen. Die Humanistische Freimaurerei ist offen für Menschen aller Weltanschauungen und Religionen, sie ist offen auch für Menschen mit keiner religiösen Bindung im herkömmlichen Sinn, und sie muss offen sein auch für Agnostiker und Atheisten.

Daraus ergibt sich, dass die spirituelle Dimension der Freimaurerei zwar religiös begriffen werden kann, aber in keiner Weise religiös (oder gar esoterisch) begriffen werden muss. Innerhalb einer sich humanistisch verstehenden Freimaurerei ist die vom Ritual vermittelte Spiritualität ein komplementärer Faktor zu Freundschaft und ethischer Orientierung.

Zur Spiritualität des Freimaurers gehört vorrangig die Motivation, sich mit Sinn- und Wertfragen des Daseins, der Welt und der Menschen und besonders der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben zu beschäftigen. Das Ritual setzt hierfür den Rahmen und vermittelt immer wieder neue Impulse, die auch außerhalb des Rituals weiterwirken können und auf Dauer die Reflektiertheit und geistige Offenheit des Freimaurers generell fördern.
Die Formel des leitenden Meisters „Die Loge ist geöffnet“ kann ja nichts anderes bedeuten als Bewusstsein, Empfindung und Gemüt des Bruders zu öffnen.
Was sich dann mit uns Brüdern und in uns Brüdern ereignet, hängt hauptsächlich von uns selbst ab, von unserer Bereitschaft, auf eine stets neue Weise auf die Botschaft des Rituals zu hören – auch, ja gerade, wenn wir sie längst kennen.

Was sich in uns beim Erleben des Rituals ereignet, hängt aber auch vom Vollzug des Rituals ab. Wir müssen in unserer Ritualpraxis begreifen, was es bedeutet, in einem besonderen symbolischen Raum eine besondere symbolische Zeit zu erleben, und wir müssen durch den Ritualvollzug, durch unser performatives Sprechen und Handeln, durch unser Gehen, unser Schweigen, unsere Musik, kurz durch das Fließen des Rituals durch die symbolische Zeit, jene Nachdenklichkeit, ja Verzauberung zu erzeugen, die uns als das eigentliche Geheimnis der Freimaurerei so sehr bereichert und die Friedrich Nietzsche mit den Worten beschreibt: „Die größten Ereignisse — das sind nicht unsere lautesten, sondern unsere stillsten Stunden.“