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Nicht unbeirrt vom Lärm der Welt

 

Von Walter Plassmann

Über den Aufbau der Freimaurerei in Belarus während der Staatskrise

Nach einer offenkundig gefälschten Präsidentschaftswahl im August 2020 gehen die Bürger in Belarus seit Monaten im wahrsten Sinne des Wortes auf die Barrikaden. Trotz erheblicher Repressionen der Regierung unter Präsident Aljaksandr Lukaschenka demonstrieren Woche für Woche Zehntausende von Menschen. Sie fordern den Rücktritt Lukaschenkas und freie Wahlen.

Die veränderte gesellschaftspolitische Lage trifft auch die Freimaurerei. Zunächst nur im Ausland tätig, konnten die belarussischen Brüder 2019 in Minsk eine Großloge gründen und seither in der Heimat auch arbeiten. Die Großloge von Belarus ist von den VGLvD noch nicht anerkannt, da auch die United Grand Lodge of England diesen Schritt noch nicht vollzogen hat.

Die bisherige Duldung freimaurerischer Betätigung in Belarus ist nun der allgemeinen Verschärfung der staatlichen Maßnahmen zum Opfer gefallen. Und auch, wenn die Großloge von Belarus wie die angeschlossenen Logen den freimaurerischen Grundsatz beherzigen, sich nicht in Tagespolitik einzumischen, sind die dortigen Brüder zu einem Teil der Auseinandersetzung geworden. Die Loge „Die Brückenbauer“ i. Or. Hamburg hält seit vielen Jahren Kontakt zur belarussischen Loge „Skaryna“. Vermittelt wurde er von Brüdern aus Litauen, denn die „Brückenbauer“ hatten den Aufbau der Freimaurerei in Litauen tatkräftig unterstützt und sind als „Ehrenloge“ Mitglied der Großloge von Litauen. Der nachstehende Bericht über die Anfänge der Freimaurerei in Belarus ist den Hamburger Freimaurern von belarussischen Brüdern übermittelt worden. Übersetzt hat ihn Br. Osvaldas Markevicius, Meister vom Stuhl der Loge „Renaissance“ i. Or. Vilnius:

Die Großloge von Belarus

Zunächst die wichtigsten Fakten und Zahlen zur Großloge von Belarus: Die reguläre und gerechte Großloge von Belarus wurde am 25. Mai 2019 in Minsk von drei regulären Großlogen, der Nationalen Großloge von Polen, der Großloge von Litauen und der Großloge der Ukraine während einer gemeinsamen rituellen Arbeit gegründet und eingesetzt. Die Jurisdiktion erstreckt sich auf das gesamte Gebiet der Republik Belarus. Vor der Gründung der Großloge von Belarus existierte auf diesem Territorium keine andere Großloge. Die Gründung belarussischer Logen reicht allerdings weiter zurück.
Seit 1998 arbeiteten Brüder, die dauerhaft in Belarus ansässig waren, in polnischen Logen. Nach vielen Jahren, die durch zahlreiche Reisen gekennzeichnet waren, wurde dann endlich am 19. November 2005 unter der Führung der Nationalen Großloge von Polen die belarussisch-sprachige Loge „Ivan Lutskevich“ Nr. 8 im Orient von Warschau eingeweiht, die die belarussischen Brüder vereinte.

Am 20. September 2014 wurde dann von der Großloge von Litauen eine weitere belarussisch-sprachsprachige Loge, die „Skaryna“ Nr. 7 im Orient von Vilnius, eingesetzt. Die Brüder der „Skaryna“ waren seither mehrfach in Hamburg und haben mit litauischen und deutschen Brüdern beeindruckende Tempelarbeiten zelebriert.

Und schließlich wurde am 21. Mai 2016 unter der Jurisdiktion der Großloge der Ukraine die belarussisch-sprachige Loge „Branislav Taraschkevich“ Nr. 15 im Orient von Kiew eingeweiht. Die Brüder dieser drei Exil-Logen legten das Fundament der Großloge von Belarus, die nach dem Ritual der A.F.u.A.M. arbeitet.
Mittlerweile sind die Logen „Ivan Lutskevich“ (Nr. 1), „Skaryna“ (Nr. 2) und „Branislav Taraschkevich“ (Nr. 3) mit insgesamt 40 Brüdern in den Orient von Minsk ungezogen. Die Großloge ist inzwischen auch von der Großloge von Estland anerkannt worden. Verhandlungen mit der United Grand Lodge of England laufen, von deren Anerkennung auch die weitere internationale Anerkennung abhängig ist.

Die besondere Lage in Belarus erfordert es, dass für alle Aktivitäten, die nach außen gerichtet sind, eine eigene Vereinigung gegründet werden musste. Sie nennt sich „Organisation für historische und pädagogische Aktivitäten“ und ist gemäß den Rechtsvorschriften im einheitlichen Staatsregister des Justizministeriums der Republik Belarus registriert.

Die Gründungsurkunde der Großloge von Belarus

Durch die massiven Proteste im Zuge der Präsidentschaftswahlen im vergangenen Jahr ist die Republik Belarus in eine äußerst schwierige politische Situation geraten. Was das für die junge und gerade aufkeimende Freimaurerei in dem osteuropäischen Land bedeutet, erklärt der Großmeister der Großloge von Belarus, Br. Sjargej Dubawets, in einem Schreiben an die Hamburger Loge „Die Brückenbauer“, das hier in Auszügen wiedergegeben werden soll.

Belarus in schwarzweißen Zeiten

Wie es die freimaurerischen Gesetze und Traditionen auch von uns fordern, besprechen wir die in Belarus sich aktuell abspielende politische Entwicklung in unseren Logen nicht. Dennoch hat die Krise nicht nur politische, sondern auch sittliche Aspekte, es ist – wenn man so will – eine Konfrontation von Gut und Böse.

Von dem, was auf der guten Seite passiert, ist das Wichtigste die Geburt der belarussischen Nation, eines Volkes, das sich als Subjekt der Politik, als Machtquelle (gemäß der Verfassung) verwirklicht, und bereit ist, mündig zu werden. Hunderttausende von Menschen, die friedlich im ganzen Lande auf die Straße gehen, atmen die gleiche Luft, sie denken dasselbe, sie sprechen dieselben Wörter. Jeder fühlt sich als dem Volk zugehörig und ist bereit, im Namen des Volkes mit den Obrigkeiten zu streiten, mit denen, die auf der Seite des Bösen angelangt sind, der Gewalt und der Lügen. In dieser schwarzweißen Zeit fühlen sich Menschen unterdrückt und gleichzeitig glücklich, inspiriert, fröhlich. Ihre Wahrnehmung verändert sich schnell und stark.

Auch in dieser Zeit erhält die Großloge Anträge von Männern, die sich trotz oder wegen der Umstände der Königlichen Kunst widmen wollen. Die Großloge von Belarus hat auch angesichts des schwierigen Umfelds von Anfang an ein striktes Auswahlsystem für Suchende eingeführt. Als erstes besprechen die Brüder der angefragten Loge den Lebenslauf des Suchenden und stimmen über einen „ersten Knoten“ ab. Im positiven Falle ernennen wir eine Untersuchungskommission, die sich mit dem Suchendem zu einem längeren Gespräch trifft. Bei der darauffolgenden Logenversammlung hören wir uns den Kommissionsbericht an und stimmen über den „zweiten Knoten“ ab. Bei einem positiven Votum wird der Suchende mit verbundenen Augen von den Brüdern befragt. Anschließend wird über den „dritten Knoten“ abgestimmt. Falls alle Abstimmungen positiv ausgefallen sind, beginnt der eigentliche rituelle Aufnahmeprozess mit Kugelung und Aufnahmehandlung. So können wir sicher sein, dass alle neu aufgenommenen Brüder freie Männer von gutem Ruf sind. Der strikte Ausleseprozess führt dazu, dass viele Suchende abgelehnt werden mussten. …

Wir folgten darin dem Fahrwasser der Brüder in Litauen, Polen und der Ukraine. Unsere gemeinsamen Arbeiten in Hamburg haben bei uns einen sehr guten Eindruck hinterlassen. Der strenge Auswahlprozess hat eine enge brüderliche Atmosphäre hergestellt, die sehr attraktiv – auch für Außenstehende – ist. So setzten wir eine kleine, aber kräftige freimaurerische Maschine in Gang! Wir haben die Kraft des Rituals schätzen gelernt. Es verleiht uns die Energie der brüderlichen Liebe. … Ich bin zuversichtlich, dass, wenn es in Belarus nicht vierzig, wie heutzutage, sondern Hunderte und Tausende Freimaurer geben wird, aus den schwarzen Zeiten, die wir aktuell erleben, der Wechsel ins Weiß gelingt, den uns das musivische Pflaster lehrt.

Wie auch in Litauen arbeiten die Brüder in Belarus nach dem übersetzten Ritual der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 2-2021 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.