Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

O Freunde, nicht diese Töne

© Ralf Fieseler

O Freunde, nicht diese Töne

Von Ralf Fieseler

Wer hätte noch vor einigen Jahren gedacht, dass das geschriebene Wort wieder so viel Gewicht in der Alltagskommunikation bekommt. Hatten wir nicht von sprechenden Maschinen geträumt, von Hologrammen, vielleicht von Telepathie? Stattdessen sitzen wir wieder da und schreiben uns Kurzbotschaften. Nur jetzt per Messenger und E-Mail. Wie in der Grundschule werfen wir uns gegenseitig elektronische Zettelchen an die Köpfe. Der Inhalt dieser Zettelchen hat dabei über die Jahrzehnte nicht an Qualität gewonnen.

Immer noch geht es darum, wer mit wem spielt, wer doof ist und wer nicht mehr in der Clique ist. Diese Entwicklung macht auch vor den Pforten unserer Bauhütten nicht halt. In manchen Logen geht es zu wie auf dem Schulhof eines katholischen Mädchengymnasiums. Wer hat das Sagen, wer gibt den Ton an? Im Kampf um die verbale Lufthoheit sind manchen Brüdern alle Mittel recht. Es ist manchmal auch zu verlockend, und zu einfach, schnell eine kleine rhetorische Stinkbombe in die tuschelnde Gruppe zu werfen. Und schon eskaliert eine anfangs berechtigte Diskussion per Whatsapp oder E-Mail zu einer Schlammschlacht, die einem die Schamesröte ins Gesicht treibt. Aber, was das Schlimmste ist, man steht auf einmal mittendrin — und macht mit.

„Mittendrin, statt nur dabei“

Bislang hatte ich gedacht, so etwas gäbe es nur in unserer Loge, aber spätestens seit dem Stuhlmeistergespräch ist mir klar geworden, dass solche Kommunikationsunfälle für unsere Zeit symptomatisch sind. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen spricht gar von einem „kommunikativen Klimawandel“.

War unsere Freimaurerei lange Zeit eine „Insel der Seligen“, auf der eine Kultur des Zuhörens, des Ausredenlassens und des Respekts vor dem Anderssein des Bruders herrschte, scheint jetzt die digitale Welt in die Loge zurückzuwirken. Die Verrohung des Diskurses schleicht sich aus der virtuellen Welt auch in unsere heiligen Hallen ein. Die freimaurerische Diskussionskultur wird wie ein Erbstück behandelt, das man für die Gäste aus der Vitrine holt. Sobald die staunenden Gäste das Haus verlassen haben, geht das Verbalgemetzel wieder weiter.
Manch ein Bruder träumt davon, mit dem Smartphone in der Hand vom Sofa aus die Loge fernzusteuern. Tatsächlich sind Manipulation und Stimmungsmache gegen Brüder heute sehr viel effektiver möglich als noch zu Zeiten von Parkplatzgesprächen, Gerüchteküche und Stiller Post. Wie wichtig die neuen Medien bei der Meinungsbildung geworden sind, haben uns die letzten Wahlkämpfe in den USA vor Augen geführt.

Warum ist das so?

Die Lust zu streiten und die Lust, recht zu behalten, sind uns wohl angeboren. Wenn es zur Wahrheitsfindung beiträgt, ist das auch wunderbar — wenn es aber nur noch um Selbstdarstellung, Macht und Rechthaberei geht, lässt das Vergnügen schnell nach. Aber warum lassen wir uns so schnell dazu hinreißen, eine freche Antwort „rauszuhauen“, anstatt zum Telefonhörer zu greifen? Warum wollen wir uns vor der ganzen Gruppe aufplustern, anstatt das Missverständnis Auge in Auge zu klären? Und warum machen wir das schriftlich? Damit die Archäologen der Zukunft sich einen Reim machen können, warum unsere Zivilisation einst unterging?

Neigen wir vielleicht zur Überschätzung der eigenen literarischen Fähigkeiten? Wutbürgerprosa ist schnell hingeschleudert — ein kleiner Kurt Tucholsky steckt vielleicht in jedem von uns. Dann ist da noch die Lust am Schauspielern: sich aufführen wie eine betrogene Ehefrau, die beleidigte Leberwurst geben, kann auch durchaus entspannen oder wenigstens ablenken. Auf der elektronischen Bühne kann jedermann zum Star werden.

Der kommunikative Klimawandel: Transparenz der Differenz

Eine Erfahrung, die uns das Internet immer wieder beschert, ist die allgegenwärtige Wahrnehmung der sozialen Unterschiede, die zu einem Gefühl des Abgehängtseins oder der Minderwertigkeit führen kann. Dagegen wird das Medium als Waffe eingesetzt. Mit Hassrede und Verschwörungstheorien wird ein Gegenentwurf gestaltet; mit dem ganzen Pathos der Rebellion der Unterdrückten wird gegen „die da Oben“ angetextet. Dass die wirklich Abgehängten ganz woanders sitzen, dass man selbst der wohlgenährten Elite des Planeten angehört, zählt nicht, es zählt das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein.

„Kurzum: Das Netz ist das Medium der radikalen Differenzerfahrung. Es befeuert einen Zorn, den man information rage nennen könnte, eine elementare Gereiztheit als Resultat der Sofort-Vergleichbarkeit von Lebensumständen“, schreiben Bernhard Pörksen und der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun in ihrem Buch „Die Kunst des Miteinander-Redens“.

Der Sturm auf das Capitol — eine Mischung aus ferngesteuerter Zombie-Apokalypse und Luzifers Praktikantenarmee tanzt Polonaise — wird vor diesem Hintergrund verstehbar.

Jahrmarkt der Eitelkeiten

Kompetenz und Wettbewerbsfähigkeit rücken immer mehr ins Zentrum unserer Lebensgestaltung. Roboter und Computer stehen bereit, menschliche Arbeit zu substituieren. Bleiben nur unsere „soft skills“, mit denen wir uns auf dem Markt bewähren müssen. In unserer Gesellschaft definieren wir uns über unsere Arbeit. Wir sind die Arbeit, die wir dem Markt anbieten können. Wir sind ein Produkt, eine Ware — und unseren Wert bestimmen Angebot und Nachfrage. Permanente Bewertungsorgien machen uns berechenbar. Das gilt schon längst nicht mehr nur für die „unteren Berufsgruppen“. Man schaue sich einmal die sozialen Netzwerke und Portale an: gerade mittlere und hohe Führungskräfte werden permanent bewertet, sind austauschbar. Das erzeugt Stress und Angst.

Das Internet, die sozialen Medien voran, ist die ideale Bühne für Selbstdarstellung und Eigenwerbung. Kein Wunder also, wenn man sich wie ein Werbetreibender benimmt. Es gilt, sich als Produkt möglichst attraktiv darzustellen und die anderen „auszustechen“.
Die Freimaurerei kann dabei als „tool“ dienen; sie ist ja ein Weg der Persönlichkeitsentwicklung. Allerdings ist unser Ziel nicht der marktgerechte Mensch, sondern etwas anderes. Was war das noch?

Eitelkeit und Selbstdarstellung sind dem Freimaurer nicht fremd, erproben wir sie doch immer wieder auf unserer kleinen Logenbühne. Wohlfeile Orden und funkelnde Abzeichen, theatralische Anreden und Titel sind uns vielleicht manchmal peinlich, aber doch nicht fremd. In jedem Mann steckt auch ein Gockel.

Wir müssen wieder schreiben lernen und lesen!

Woher kommen die Missverständnisse? ­E-Mails und Kurznachrichten enthalten neben ihrem eigentlichen Inhalt noch viele verborgene Botschaften, die je nach Empfänger unterschiedlich gedeutet werden. Wie viele Zeilen gönnt mir der Andere? Wieviel Zeit lässt er sich für die Antwort? Wie redet er mich an? Geht er auf meinen Text ein, oder weicht er aus? Garniert er seine Antwort mit Emojis? Wer liest mit? Meint er es ernst? Wird er ironisch, zynisch, sarkastisch?

Unterschied zwischen den Generationen

Wenn man — etwa auf der Handelsschule — gelernt hat, Briefe mit der Schreibmaschine zu schreiben, fällt es schwer, das Gebaren der „digital natives“ zu akzeptieren. Es fängt schon mit der Betreffzeile an: Antwort und Weiterleitungsketten von mehr als zehn Zentimetern lassen nichts Gutes erwarten. Ebenso gefährlich ist das Verwenden zusätzlicher Empfänger als „CC“ oder „BCC“ — Carbon Copy, das ist dieses Durchschlagpapier, von dem man dreckige Finger bekam. Es verleiht Macht, wenn man andere (vor allem Autoritäten) mitlesen lässt, vielleicht sogar „unsichtbare“ im Blind Carbon Copy. Ein wunderbares Werkzeug, mit dem man manipulieren kann, noch ehe ein Wort gesagt (gelesen) ist.

Im Sinne einer horizontalen Kommunikation kann man vielleicht mal auf eine höfliche Anrede verzichten. Ein einfaches Hallo reicht manchem, allerdings wird auch das interpretiert: Warum schreibt er nicht „Lieber Bruder“ – degradiert er mich zu einer Straßenbekanntschaft? Vielleicht sollten wir die zusätzliche Zeit, die uns die moderne Kommunikationstechnik verschafft, nutzen, höflich zu schreiben?

Vielleicht hilft es, wenn wir uns mehr Zeit nehmen, uns auf die angemessene Form und den Inhalt besinnen. Das könnte manche Eskalation verhindern. Denn die Folgen sind nicht zu unterschätzen: Schlafstörungen, Angst und Selbstzweifel und in der Folge psychosomatische Probleme wie Kopfschmerzen oder Magenprobleme.  Man kann auch schon einmal eine schlaflose Nacht aufgrund von E-Mails eines Bruders verbringen. Bei Lichte betrachtet geht es um Lappalien, die sich hochgeschaukelt haben. Jeder hat jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Sind es solche Nachrichten wert aufbewahrt zu werden? Eine einfache Lösung: Mail gelöscht, Problem gelöst.

Um es mit Schiller zu sagen:

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 5-2020 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.