Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

Sind wir Wanderer zwischen den Welten?

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Sind wir Wanderer zwischen den Welten?

Von Ulrich Cichy

Zeichnung zu einer Trauerloge

Kürzlich las ich zwischen den Traueranzeigen in einer Tageszeitung das folgende kleine Gedicht von Novalis:

Sollte es nicht drüben einen Tod geben, dessen Resultat irdische Geburt wäre? Wenn ein Geist stirbt, wird er Mensch. Wenn ein Mensch stirbt, wird er Geist.

Novalis

Diese Worte zogen mich sofort mit Macht in ihren Bann. Viele Bilder gingen mir durch den Kopf. Der zweite Gedanke war eher profan. Ich dachte an die Möglichkeit, eine fantastische Geschichte zu schreiben: Die geistige Welt ist eine Parallelwelt, vielleicht vielschichtig mir der unsrigen realen Welt verwoben. Und diese Welt der Geister nimmt Einfluss auf die unsrige. Vielleicht kann man zwischen den beiden wechseln? Ich glaube, dass ich diese Geschichte einmal niederschreibe.

Die Sehnsucht nach der parallelen Welt des Geistigen

Noch mehr hatte mich natürlich mein erster Gedanke berührt. Ich fühlte mit den Worten von Novalis das Wissen um unsere menschliche Endlichkeit und den Wunsch, nicht und nie zu vergehen, nach dem Tod eine neue Form des Lebens zu finden. Das ist ja auch die freimaurerische Vorstellung, wenn wir vom „ewigen Osten“ reden. Eine Form des Seins, in der jeden Morgen sanft das neue Licht für einen neuen Tag entsteht. Eine friedliche Welt der Geborgenheit und der Freude.

Wie schön wäre es, um diese parallele Welt des Geistigen zu wissen, in die wir gehen und aus der wir vielleicht auch wieder zurückkommen können, um an der realen Welt des Menschlichen teilzuhaben.

Aber mit diesem Wunsch sind wir letztlich nur Sklave der menschlichen Evolution. Es ist vielleicht 200000 Jahre her, als der Mensch sich der Begrenztheit und des Ausgeliefertseins in seiner Welt bewusst wurde. Als er sich damals in seiner Verlorenheit und Schwäche sah, hatte er wohl das menschliche Gefühl der Angst, wie wir es heute auch kennen. Der Machtlosigkeit bewusst suchte er die Mittel, sich seine Umwelt zu gestalten.

Er hatte erste Erfahrungen mit einfachen Werkzeugen, vielleicht auch ansatzweise überlegte Konzepte, was wir heute Theorie nennen. Aber die Masse der Dinge um ihn herum blieb nicht begreifbar. Und da benutzte er unwillkürlich einen Trick: Wir Menschen denken in Bildern und Geschichten. Und so beseelte er die Welt mit greifbaren Wesen und deren Erzählung. Er gab z. B. der Sonne, dem Wetter und dem Baum eine Person und einen Namen und eine Geschichte und konnte nun mit diesen reden.

Hoffnung in der Angst um die eigene Endlichkeit

Es war der Anfang der Spiritualität, weil der Mensch erstmals einen übergreifenden Sinn in der ihn umgebenden unbeherrschbaren Welt suchte. Und es wurde der Anfang der Religion, weil der Mensch durch die Ansprache der von ihm erfundenen übernatürlichen Wesen eben diese ihm so unbeherrschbaren Lebensumstände dieser Welt zu beherrschen versuchte.

Und mit diesen Gedanken legte er vielleicht auch schon die Grundlage für den Glauben an eine Welt nach seinem Tod, die Entlohnung für sein irdisches Leid und Hoffnung in der Angst um die eigene Endlichkeit sein soll.

Die Welt der animistischen Religionen ist weit vorbei. Die Verbindung von Spiritualität und Religion – die wir Freimaurer nur ansatzweise mit dem Bild des „Großen Baumeisters aller Welten“ fassen können – fand in Abhängigkeit von den Lebensumständen immer neue Formen. In der europäischen Antike nahmen Götter beispielsweise die Gestalt von Übermenschen an, mit den monotheistischen Religionen geben nun starke Götter Ordnungsmuster in den komplexen Staatsgebilden.

Wegen der Wandelbarkeit religiöser Vorstellungen und der Vermenschlichung der Götter meinte schon der griechische Philosoph Xenophanes, dass Pferde, wenn sie einen Glauben hätten, Gottesbilder in Form von Pferden vor Augen hätten.

Verarmt die Menschheit ohne Spiritualität?

Und in der modernen Wissenschaft gibt es Stimmen, die reduzieren die Existenz Gottes auf im Hirn entworfene Bilder von ihm, die ein Schläfenlappen ganz ohne unser Wissen und Wollen erfindet. Gott wird damit im Sinne des Wortes ein „Hirngespinst“. Oder wissenschaftlich: Ein Ergebnis neuronaler Prozesse. Und wenn viele den gleichen Gott denken, wird daraus Religion.

Man bedenke die Konsequenzen aus diesen Überlegungen: Wie sinnlos wird doch jeder per se schon dumme Glaubenskrieg, wenn verschiedene Menschengruppen wegen der unterschiedlichen Fiktionen von Gott übereinander herfallen.

Wie drohte die Menschheit aber auch zu verarmen, wenn mit den Göttern die Spiritualität schwände und das menschliche Leben sich nicht mehr an der Suche nach einem tieferen Sinn und nach Werten in allem Lebendigen orientierte, sondern sich in der alltäglichen Gefühls- und Genusswahrnehmung verlöre.

Und für viele Brüder ließe sich Freimaurerei nur noch schwer betreiben, wenn auch in ihr mit dem Bild des „Großen Baumeisters“ ein noch christlich verankerter Sinn in dieser Welt und die Vorstellung vom Weiterleben nach dem Tod als Hoffnung verloren ginge.

Was bleibt? Zunächst, dass die Existenz oder die Nichtexistenz Gottes nicht beweisbar ist. Es lässt sich zwar erklären, wie unser Gehirn Geschichten der Spiritualität und damit von Gott sucht. Aber der Glaube an Gott befindet sich in einer Dimension, die weder theoretisch noch empirisch prüfbar ist. Die Vorstellung von Gott entzieht sich dem Für- oder Gegenbeweis.

Dem Gläubigen bleibt somit die Hoffnung.

Und der Nicht-Gläubige? Er muss einen eigenen Weg zur Spiritualität, zu einem Sinn und zu Deutungsmustern für sein Handeln in dieser Welt finden. Und da es für ihn mit geringerer Verlässlichkeit ein Weiterleben nach dem Tod gibt, muss er sich in ganz besonderer Weise der einmaligen Chance seines Lebens stellen, was vielleicht die Sinnsuche verstärkt und das besondere Wissen um die Bedeutung der Spiritualität noch intensiviert?
Vielleicht wird für ihn das Leben kälter sein. Aber für alle, ganz egal, was sie glauben, bleiben immer die wärmenden Worte des Dichters:

„Sollte es nicht drüben einen Tod geben, dessen Resultat irdische Geburt wäre? Wenn ein Geist stirbt, wird er Mensch. Wenn ein Mensch stirbt, wird er Geist“.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 6-2020 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.