Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

Trier: Logenhaus in den Fluten versunken

Trier: Logenhaus in den Fluten versunken

Von Christian Simon Bamler

Dieser Bericht soll kein wissenschaftlicher Beitrag über die Klimaerwärmung, die Bausünden an Flüssen oder ein politischer Diskus über etwaiges Versagen der Politik werden. Es ist kein Beitrag zu den Diskussionen darüber, wie nach dem Ende des „Kalten Krieges“ das Bundesamt für Katastrophen- und Zivilschutz nahezu völlig in seinen Strukturen, seinem Fahrzeug- und Gebäudebestand und seiner Infrastruktur zusammengespart wurde und dass trotz des völlig schiefgelaufenen „Bundeswarntags“ im September 2020 die vor Jahren abgebauten analogen Sirenen in vielen Regionen nicht wieder initialisiert oder neu aufgebaut werden. Die digitalen Techniken — wie Warnapps oder Mitteilungen über soziale Medien haben jedenfalls versagt.

Nein, so einem Anspruch könnte ich nicht gerecht werden.

Vielmehr möchte ich darüber berichten, wie ich den Beginn dieses fürchterlichen Naturunglückes, die Hochwasserflut im Trierer Stadtteil Ehrang, am 15. Juli 2021 erlebte. Als Polizeibeamter musste ich am Bildschirm im Lagezentrum live mitverfolgen, wie unser Logenhaus der Freimaurerloge „Zum Verein der Menschenfreunde“ Nr. 211 im Orient Trier sprichwörtlich in den Fluten unterging.

Unsere Loge wurde im Jahr 1805 von überwiegend französischen Beamten und Offizieren gegründet. Nach den dunklen Zeiten im Nationalsozialismus ist die aktuelle Flutkatastrophe die schlimmste Erfahrung, die unsere Loge in den mehr als 215 Jahren ihres Bestehens erleben musste.
Selbstverständlich ist unser Schicksal nicht mit dem unsäglichen Leid zu vergleichen, das tausende Menschen in Trier und im Umland sowie im Ahrtal und in Nordrhein-Westfalen erleiden mussten. Viele haben ihr gesamtes Hab und Gut, ihre komplette wirtschaftliche Existenz verloren und mit dem Stand von heute, dem 24. Juli 2021, sind allein im Ahrtal mehr als 130 Tote zu beklagen.

Auch im Landkreis Trier-Saarburg wurde – mit Stand heute – eine bislang vermisste Person tot aufgefunden. Für uns als Polizei und Rettungskräfte nur eine weitere traurige Zahl mehr in der Katastrophenstatistik, aber für die Hinterbliebenen ein furchtbarer Verlust und schreckliches Schicksal.

Die Katastrophe bahnt sich an

Schon in der Nacht vor dem 15. Juli begann sich die Katastrophe langsam anzubahnen. Immer wieder waren Warnmeldungen des Deutschen Wetterdienstes auf unserer Dienststelle eingegangen und die ersten Feuerwehren waren im Landkreis ausgerückt. Im Kreis Vulkaneifel und Bitburg war es in der Nacht ebenfalls zu ersten Überschwemmungen von vormals kleinen Bächen gekommen, die nun zu Flüssen angewachsen waren.
Als ich am Donnerstag, dem 15. Juli, morgens zum Frühdienst auf meiner Dienststelle erschien, befürchtete man die Überflutung der Ortschaft Kordel im Kreis Trier Saarburg. Das dortige Altenheim musste evakuiert werden.

Neben meiner Dienststelle in Konz befinden sich im gleichen Gebäudekomplex auch die Feuerwehr und die Rettungswache des Deutschen Roten Kreuzes. Daher wird hier auch bei größeren Schadensereignissen die Einsatzleit- und Koordinierungsstelle für den Landkreis Trier-Saarburg eingerichtet. In meiner Funktion als Dienstgruppenleiter der Polizeiwache Konz wurde ich als Verbindungsbeamter der Polizei in diesen Krisenstab entsandt.
Im Laufe des weiteren Tages sollten hier neben der Führung der Feuerwehr auch die Mitarbeiter der Kreisverwaltung, der Rettungsdienste, des Technischen Hilfswerkes, der Bundeswehr und der Landrat anwesend sein, um alle Rettungsmaßnahmen zu koordinieren.

Die Meldungen an diesem Morgen überschlugen sich: immer verheerendere Überschwemmungen — zunächst in den Ortschaften Wintersdorf und Ralingen —, vom Wasser weggespülte Brücken und Straßen, von den Wassermassen eingeschlossene Bewohner und auch Hilfskräfte, die letztlich nur durch den Hubschrauber aus der Luft vor dem Ertrinken gerettet werden konnten.

Da weder der Rettungshubschrauber des ADAC aus Wittlich noch der aus Luxemburg und der Polizei Rheinland-Pfalz ausreichend waren, kamen weitere Polizeihubschrauber aus Hessen, Bayern, der Bundespolizei, der Bundeswehr und des französischen Militärs im weiteren Verlauf zum Einsatz. Bei der letztlichen Evakuierung des Krankenhauses Ehrang halfen sogar weitere ADAC Rettungshubschrauber aus dem gesamten Bundesgebiet bis nach München.

„Die Leute laufen um ihr Leben!“

Ein solches Einsatzgeschehen habe ich in 24 Dienstjahren noch nicht erlebt und es erinnerte mich an alte Fernsehberichte und Reportagen von der Sturmflut Hamburg aus dem Jahre 1962. Um 10:02 Uhr, ich war gerade dabei, mit dem Landrat Günther Schartz die Livebildübertragung des Polizeihubschraubers über der Ortschaft Wintersdorf auszuwerten, veränderte ein Funkspruch der Polizeileistelle Trier das Logenleben unserer Loge auf einen Schlag völlig.

So wurde wörtlich gefunkt: „Achtung, hier Leitstelle Trier, ich unterbreche jeglichen Funkverkehr! Alle verfügbaren Streifen aus dem Präsidium Trier sofort nach Ehrang. Hier gab es soeben einen Dammbruch! Die Leute laufen um ihr Leben! Ich wiederhole, alle verfügbaren Streifen sofort nach Trier-Ehrang, die Leute laufen um ihr Leben!“

Ich beorderte daraufhin den Polizei-Hubschrauber sofort nach Ehrang, und konnte traurig und fassungslos live am Bildschirm miterleben, wie ein gesamter Stadtteil, der zwar an der Mosel immer wieder in Teilen mit dem Hochwasser leben und kämpfen muss, völlig in den Fluten unterging — und das auch in Straßenzügen, die noch nie Opfer der Fluten wurden.

Dazu gehörte auch unser Logenhaus in der Gartenstraße. Ich musste in Echtzeit sehen, wie unser erst vor wenigen Jahren erworbenes Logenhaus, was in den letzten Monaten mit großem finanziellem Einsatz und erheblicher Muskelkraft vieler Brüder immer weiter saniert und ausgebaut wurde, in den braunen Wassermassen unterging.

Anpacken und retten was zu retten ist

Zwei Tage später, am Freitag dem 17. Juli, war es uns möglich, das Logenhaus vor Ort aufzusuchen. Ein gutes Dutzend Brüder, Schwestern und deren Familienangehörige hatten sich mit Eimern und Schaufeln bewaffnet, um mit ersten Aufräumarbeiten zu beginnen.

Das Bild, was sich bot, war nur schwer in Worte zu fassen. Wasser, Schlamm und Öl und ein modriger Geruch erwarteten die ambitionierten Helfer. Der Keller mit unserer Dunklen Kammer und den Lagerräumen, aber am schmerzlichsten auch mit der Heizungsanlage und den Öltanks wurde vollkommen mit Wasser und Matsch geflutet. Selbst das Erdgeschoss stand noch über einen Meter unter Wasser.

Aber alle waren sich einig: Anpacken und retten, was zu retten ist. Bis in den späten Abend wurde gepumpt, geschaufelt, getragen und gesäubert. Sämtliches Mobiliar, die Küche, alle Holzböden, die Innentüren — alles musste von uns herausgerissen werden und liegt auf dem Sperrmüll. Inwieweit auch die Bausubstanz massiv geschädigt wurde, können wir noch gar nicht abschätzen. An den Außenwänden sind seit dem Rückgang der Wassermassen deutliche Risse zu erkennen. Eine Begehung mit Architekten und Statikern steht noch aus.

Ein Appell an die Bruderkette

Geliebte Brüder, unsere Loge „Zum Verein der Menschenfreude“ liegt sprichwörtlich am Boden. Unsere Versicherungen kommen für diese Elementarschäden mit all ihren Folgen nicht auf. Sicher nur ein winzig kleines Problem im Vergleich mit den Menschen, die ihre private oder berufliche Existenz verloren haben oder gar Familienmitglieder und Freunde betrauern müssen.

Aber wir wollen uns nicht unterkriegen lassen und schauen nach vorne. Unsere Bauhütte soll wieder im Glanze erstrahlen. Die ersten Aufräumarbeiten waren ein Lichtblick. Der Keller ist leergepumpt und der Schlamm aus dem Haus. Das stimmt uns zuversichtlich. Allerdings sind Teile des Bodens und der Türen zerstört und vieles Mobiliar unbrauchbar. Uns erinnert dieser Zustand an die Stunde Null.

Daher wollen wir euch darum bitten, in einem eurer nächsten Witwensäcke für all die Not, die durch diese Naturkatastrophe entstanden ist, zu sammeln.
Mit jedem Euro, der auf unserem Konto mit dem Stichwort „Hochwasserkatastrophe“ eingeht, wollen wir mit 20 Cent unser Logenhaus wiederaufbauen. Die verbleibenden 80 Cent werden wir hälftig den Flutopfern in Trier und Umland und den Opfern im Großraum Ahrweiler weiter spenden.
So möchte ich enden mit den Worten: „Geht nun zurück in die Welt, meine Brüder, und bewährt euch als Freimaurer. Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf euch selbst. Es geschehe also. Ziehet hin in Frieden.“

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 5-2020 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.