Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

Väterlicher Freund und Bruder

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Väterlicher Freund und Bruder

Von Carlos Urban

Die freimaurerische Bürgschaft, unterschätzt und wichtig.

Im Rahmen eines „Collegium Masonicum“ habe ich vor etlichen Jahren als noch recht junger Meister einen kleinen Vortrag über die Rolle des Bürgen gehalten und war erstaunt, wie unterschiedlich der Kenntnissstand bei älteren Meistern war. Vielen war die Bedeutung gar nicht bewusst, während es andere Meister „der alten Schule“, so möchte ich sie einmal bezeichnen, sehr ernst nahmen mit dieser Rolle. Aus vielen nachfolgenden Diskussionen mit zufriedenen und unzufriedenen Bürgen, Lehrlingen und Gesellen wurde aus dem Aufsatz ein kleiner Ratgeber, der nun schon wieder angesichts der veränderten Verhältnisse einer Überarbeitung bedarf.

Ich muss vorausschicken, dass ich aus meiner Sicht geradezu den Idealzustand einer Bürgschaft genießen durfte. In meiner Mutterloge sind zwei Bürgen üblich und beide kümmerten sich, schon das ist selten, jeder auf seine Weise um mich und waren mir Vorbild, bis heute. Zweifellos führte dies dazu, dass ich mich im Grunde von Beginn an in der Freimaurerei engagiert habe. Ich sah aber auch in meiner Loge junge Brüder, die von ihren Bürgen allein gelassen wurden und weder sonderlich aktiv wurden oder später die Loge wechselten oder sogar die Freimaurerei verließen. Für mich zeigt es, wie wichtig und prägend eine gute Bürgschaft ist.

Bürge bürgt nicht

Allerdings scheint die Bereitschaft zur Übernahme einer Bürgschaft gering zu sein. Vielleicht hängt es bereits mit dem Begriff des „Bürgens“ zusammen, der eher negativ belegt ist, weil mit Haftung verbunden, und das auch noch für eine Person, die man in der heutigen Situation oftmals nicht einmal richtig kennt. Früher war das anders, als Brüder ihnen bekannte Menschen in die Loge brachten: Freunde, Verwandte, Geschäftspartner, Kollegen, Bekannte. Damals kannte der Bruder den Interessenten und verbürgte sich bei der Loge für dessen Eignung und regelgerechtes Betragen — und den Mitgliedsbeitrag. Aus Protokollen unserer Loge weiß ich, dass Ende des 18. Jahrhunderts der Aufnahmeprozess so ablief, dass der Bürge in geöffneter Loge für den schon im Hause eingeführten Kandidaten sprach, sich für ihn verbürgte, anschließend erfolgte die Ballotage und im Erfolgsfall gleich im Anschluss die Aufnahme. Keine Gästeabende, keine lange Vorbereitung. Hier war die Rolle des Bürgen eine sehr elementare.

Die aktuelle Situation ist eine ganz andere. Heute meldet sich ein großer Teil der Interessenten von sich aus, angezogen durch öffentliche Veranstaltungen, durch das Internet oder auf anderem Weg. Der Interessent durchläuft in der Regel etliche Gästeabende, wird in einigen Logen zu weiteren Veranstaltungen eingeladen, zum Teil gibt es private Treffen. Die Bruderschaft kennt den Kandidaten besser als vor ein-, zwei- oder dreihundert Jahren und übernimmt damit den elementaren Teil der Bürgschaft. Wenn der Kandidat seinen Beitrag nicht zahlte oder sich als unwürdig erweisen sollte, muss der Bürge nicht haften wie in der Anfangszeit, als er für die Kosten aufzukommen hatte oder bei sonstigen Verfehlungen seines Schützlings auch selbst die Loge deckte.

„Mentor“ besser als „Bürge“

Heute beschränkt sich die Bürgschaft auf die Begleitung eines Gastes, eines Suchenden und eines jungen Bruders. Insofern sollten wir uns eigentlich auch vom Begriff des „Bürgen“ lösen; da dies in unserer traditionalisierten und von metaphorischen Begriffen geprägten Freimaurerei kaum kurzfristig gelingen wird, sollten wir die Bürgschaft aber in einem anderen Begriff denken, dem „Mentor“. Der Begriff entstammt der griechischen Mythologie und bezieht sich auf Mentor, der väterlicher Freund und Erzieher von Telemach, Odysseus Sohn, war. In diesem Sinne wird ein Mentor als Fürsprecher, Förderer und möglichst erfahrener Berater verstanden. Das Gegenstück ist der Mentee, der Betreute in einem Mentoring, also der Gast und später Lehrling oder Geselle.
Mentoring wird u.a. in Unternehmen und Hochschulen eingesetzt und dient sowohl der Einführung von neuen Mitarbeitern in ein Unternehmen, vor allem aber dem Wissenstransfer von der erfahrenen Person zu der noch unerfahrenen Person. Dabei unterstützt der Mentor den Mentee in persönlichen und beruflichen Entwicklungen, das kann auch private Bereiche einschließen.

Ein Mentor ist kein Coach. Er wurde nicht dafür ausgebildet, sondern tut, was er mit seinen Mitteln und Fähigkeiten kann. Das kann nachteilig sein, dafür ist die Beziehungsebene aber nicht professionalisiert. Was ggf. fehlt, muss in einem freundschaftlich-brüderlichen Umgang auf Augenhöhe miteinander verhandelt werden, die Ausbildung durch Loge und ggf. Distrikt sind ergänzende Elemente.

Eine Loge ist kein Debattierclub

Vielleicht gibt es noch einen anderen Grund, dass die Notwendigkeit einer Bürgschaft bzw. des Mentoring nicht durchgängig erkannt wird. Vielleicht irre ich mich, aber nach meiner Wahrnehmung stellen zunehmend Brüder und Logen die geistige Auseinandersetzung durch mehr oder minder gute Vorträge in den Mittelpunkt und erwecken damit den Eindruck in der Bruderschaft und ganz besonders bei Interessenten, dass dies der Hauptzweck einer Loge sei; um es bewusst abfällig zu formulieren: der Debattierclub, der viel redet, aber nichts bewirkt. Ich will mich damit nicht in die Reihe derer stellen, die von den Logen und den Brüdern unablässig mehr Einmischung in Gesellschaft und Politik fordern. Das ist sicherlich gut und richtig, wenn eine Loge das „on Top“ noch leisten kann, aber nicht die Kernaufgabe einer Bruderschaft. „Freimaurerei ist ein Freundschaftsbund“, so wird es unmissverständlich auf der Website der Großloge AFuAMvd unter dem Menüpunkt „Informationen“ formuliert. Daran und an der ethischen Zielsetzung richtet sich im Wesentlichen alles aus. Wäre die Freimaurerei das nicht, sondern tatsächlich der Debattierclub, bedürfte es der Bürgschaft in unserem Sinne nicht. Dann würde sich eine Bürgschaft in der Tat in der Sicherung des Mitgliedsbeitrages erschöpfen.

Die Freimaurerei vermittelt Werte und die Bruderschaft vor Ort lebt sie vor, so gut sie kann. Der einzelne Bruder übernimmt eben diese Aufgabe gegenüber dem jungen Bruder bis zum Meistergrad, indem er so gut als möglich versucht, Vorbild zu sein.

Wertvolle und bereichernde Erfahrungen

Ohne Frage ist eine Bürgschaft mit Mühen und Zeitaufwand verbunden. Man führt Gespräche mit dem Mentee, man muss mit ihm Logen besuchen, muss sich in Bücher einlesen, vergessene Kenntnisse auffrischen und sich neue aneignen. Es kommen vielleicht private Treffen oder Unternehmungen hinzu und manches mag am Anfang als Last erscheinen. Das wird man auf sich nehmen müssen, wenn man sich bei der Entlassung aus der Bürgschaft mit Recht als Freund und Bruder verstehen und auch vom Mentee so in Erinnerung behalten werden möchte. Denn darum geht es doch: Bruderschaft lebt vom Freundschaftsbund, und dem fügen sich in einem gelungenen Prozess der Bürgschaft zwei Brüder als Bausteine ein.

Die Schwierigkeit besteht darin, dass wir, wie bereits beschrieben, in den meisten Fällen keine uns bekannten Personen, im besten Falle Freunde, in die Loge bringen, sondern es mit Menschen zu tun haben, die uns unbekannt sind und die eines Bürgen bedürfen, um aufgenommen zu werden. Nicht selten wird, allein der Aufnahme wegen, aus der Bürgschaft eine Formsache gemacht. Das ist aus meiner Sicht ein grober Fehler und eine vertane Chance für die Loge. Wenn wir die Aussage, dass sich in einer Loge Menschen treffen, die sich im wahren Leben nie begegnet wären, nicht als floskelhafte Randbemerkung verstehen, wenn wir unseren Ansatz des Brückenbauens unter Menschen ernst nehmen, wenn wir die Gemeinschaft Ungleicher auch weiter als eine unserer Stärken propagieren wollen, wenn wir unsere Arbeit am rauen Stein auch als Arbeit verstehen, dann müssen wir auch bereit sein, uns mit einem zunächst fremden Menschen zu beschäftigen.

Mentoring beginnt schon beim Gästeabend

Wenn dies nun schon bei Vorgesprächen oder Gästeabenden mit dem Bewusstsein beginne, dass dieser Gast einen Bürgen brauchen wird, wäre ein wichtiger Grundstein gelegt. Jeder Bruder eine Loge sollte sich mit jedem Gast intensiv auseinandersetzen, das Gespräch suchen und dabei prüfen, ob es eine gemeinsame Ebene gibt, die für die Übernahme einer begleitenden Bürgschaft im Sinne eines Mentoring tragfähig ist. In unserer Loge wird nach jedem Gästeabend über die Gäste und die Frage einer erneuten Einladung gesprochen. Sollte nach mehreren Gästeabend kein Bruder eine solche Ebene für sich sehen, ergibt eine weitere Einladung eigentlich keinen Sinn für den Gast oder die Loge. Die Aufnahme über eine Formalie möglich zu machen, ist gewiss die schlechteste Entscheidung. Ich halte es dagegen für den Idealfall, wenn sich schon früh bei Gästeabenden ein potentieller Bürge findet, der den Gast begleitet und näher kennenlernt, ohne dass er sich schon als Mentor erklärt.

Wer kann und soll Bürge werden?

Bruder Meister muss man sein, soviel ist klar. Dass es nicht schadet, wenn man einige Lebens- und Logenerfahrung hat und sich mit den freimaurerischen geschriebenen und ungeschriebenen Regeln auskennt, ist keine Frage. Aber so viele Brüder mit diesem Horizont können kleinere Logen oder auch die mit einem starken Aufnahmeaufkommen nicht anbieten. Und ich halte das tatsächlich auch nicht für entscheidend. Wesentlicher erscheint mir die geistige Beweglichkeit, die Fähigkeit, sowohl Altes und Neues in der Freimaurerei und außerhalb zu hinterfragen, Offenheit für Fragen und Besonderheiten des betreuten Bruders und die Bereitschaft, Kenntnisse aufzufrischen oder neu zu erwerben und in geeigneter Form weiterzugeben. Das ist ein Lernprozess für beide Seiten. Niemand sollte erwarten, dass ein Mentor jede Frage aus der langen Geschichte und der Verzweigtheit der Freimaurerei gleich beantworten kann. Das braucht Zeit, und die sollten beide sich nehmen.

Vielleicht sollte ein Freimaurer nicht gleich drei Tage nach der eigenen Erhebung eine Bürgschaft übernehmen. Gut wäre sicher, wenn ein Bürge schon Aufgaben in der Loge übernommen hatte und daher die Strukturen ein bisschen kennt. Gut wäre, wenn er mehr als die drei Pflichtreisen des Gesellen gemacht hat — die nicht notwendigerweise in die verschiedensten Lehrarten geführt haben müssen, denn ich meine, der Bürge sollte sich in seinem Mentoring ohnehin auf die eigene Lehrart konzentrieren. Alles andere kann der Mentee als Geselle oder Meister selbst erkunden, wenn er möchte. Gut wäre ferner, wenn der Bürge häufig seine Loge besucht und mindestens dort gut vernetzt ist. Und besonders gut wäre, wenn es menschlich passt oder die feste Bereitschaft besteht, ein brüderliches und freundschaftliches Verhältnis aufzubauen.

Es kommt meines Erachtens mehr darauf an, ob erstens ein Bruder willens und in der Lage ist, die Zeit aufzubringen für die schon erwähnten Aufgaben und zweitens sich die Aufgabe zutraut. Silberschurz und 20 Jahre Logenämter sprechen zwar für Erfahrung, sind aber kein Garant für eine gute Bürgschaft.

Wer sollte kein Bürge werden?

Ganz klar: Wer es sich nicht zutraut, sollte warten und sollte auch nicht überredet werden. Ein Bürge muss sich schon seiner Möglichkeiten bewusst sein. Auch wer nicht ausreichend Zeit hat, sollte Abstand nehmen, denn die Aufgabe erfordert, nicht ständig, aber immer wieder und gerne in unpassenden Momenten Zeit.

Schwierig ist es meines Erachtens für amtierende Stuhlmeister. Das Amt nimmt sehr viel Zeit in Anspruch und man läuft Gefahr, dass man den Verpflichtungen gegenüber dem jungen Bruder nicht ausreichend nachkommen kann. Zudem kann es, im Falle von Differenzen zwischen dem Mentee und anderen Mitgliedern der Loge, leicht zu einem Interessenkonflikt kommen. Das ist alles lösbar, aber keine Idealsituation.

Die Aufgaben des Bürgen sind eingebettet in feste Strukturen. Zumindest setze ich voraus, dass die in allen Logen und Distrikten vorhanden sind. Den klassischen Unterricht für Lehrlinge und Gesellen übernehmen andere Brüder, die im Idealfall nach einem festen Plan arbeiten, den auch der Bürge kennen sollte. In manchen Logen machen dies die Aufseher, in anderen gibt es Instruktoren. Ergänzend werden Instruktionsarbeiten durchgeführt, manche Logen organisieren Übungsinstruktionen, bei denen die Ämter durch Lehrlinge, Gesellen und junge Meister besetzt werden. Flankierend bieten die Distrikte Weiterbildungsveranstaltungen für die verschiedenen Grade an, die ein junger Bruder unbedingt besuchen sollte.

Kein Bürge ist allein

Natürlich lässt sich das „Schwarmwissen“ der Bruderschaft nutzen und offene Fragen können in kleiner oder offener Runde angesprochen werden. Statt eines tiefschürfenden philosophischen Themas kann es hilfreich sein, ganz praktische Fragen aus dem Alltag der Loge zu besprechen. Dazu kann jeder etwas beitragen und man wundert sich, welche Dynamik zum Wohle der Loge solche Abende entwickeln können. Manche Logen bieten Meistergespräche oder ähnliches an, in denen sich Themen ohne Beisein der Lehrlinge und Gesellen besprechen lassen.

Wozu der Aufwand oder: Was habe ich davon?

Ich behaupte einmal, zumindest die meisten von uns sind einer Loge beigetreten, um zu lernen und sich weiter zu entwickeln. Wir wissen alle, dass das angeleitete Lernen beendet ist, wenn der Meistergrad erreicht wurde. An diesem Punkt machen nicht wenige Brüder nicht wirklich weiter. Brüder brauchen Arbeit, das sehen schon die „Alten Pflichten“ vor. Geschieht dies nicht, beginnen einige Brüder, sich außerhalb der Loge in anderen freimaurerischen Organisationsformen, Hochgraden oder sonstwie zu beschäftigen. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, wenn dadurch nicht Arbeitskraft der Loge abgezogen würde. Wieder andere Brüder verlieren ohne Beschäftigung nach einigen Jahren die Lust an der Loge, was noch schlimmer ist. Bürgschaft bzw. Mentoring ist eine großartige Möglichkeit, an seiner Weiterentwicklung zu arbeiten, Menschen zu fördern, soziale Kompetenz zu erhöhen und sich praktische Richtlinien für kleine und große Vorbildfunktionen zu erarbeiten. Soviel zum eigenen Vorteil.

Vor allen Dingen empfinde ich die Arbeit in der eigenen Loge als eine grundlegende Einlösung der Verpflichtung, am „rauen Stein“ und am „Tempel der Menschheit“ zu arbeiten, wofür wir alle ein feierliches Gelöbnis abgelegt haben. Ich erinnere an Passagen wie „ich gelobe bei meiner Ehre und meinem Gewissen, mich der Humanität aus vollem Herzen und mit ganzer Kraft zu widmen“, oder „die Arbeit meiner Loge nach Kräften zu fördern, ihr Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen“ und zuletzt „meinen Brüdern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen“. Insofern ist es eine Selbstverständlichkeit, entsprechende Aufgaben zum Wohle der Loge zu übernehmen.

Und gerade für die Loge ist es wichtig, dass es gute und redliche Bürgen gibt, denn das gibt die Gewähr für informierten, guten und redlichen Nachwuchs, für eine gute Gemeinschaft, im besten Falle den Freundschaftsbund, für eine gute arbeitende Loge, die nach innen und außen wirkt und damit auch eine hohe Anziehungskraft für gute und redliche Gäste ausübt. Jeder Meister vom Stuhl, jeder Beamtenrat und jede Bruderschaft tut gut daran, zum Wohle der Loge zu überlegen, wie sie die Übernahme von Bürgschaften attraktiv macht, Strukturen für das Mentoring schafft und Brüder Meister ermuntert, sich in verschiedensten Aufgaben in der Loge einzubringen. Bürgschaften sollten, sofern es dem einzelnen Bruder möglich ist, eine Selbstverständlichkeit sein.
Und es ist ein großartiges Gefühl, wenn man einen Menschen auf seinem Weg begleiten kann und sieht, wie er sich entwickelt und seinen Platz findet.

Zum Thema gibt es ein Buch des Autors, das Sie im Buchhandel, bei allen Buchversendern oder direkt auf der Website des Autors bestellen können.

Carlos Urban
Freimaurerische Bürgschaft

84, Seiten, Format 12,7 x 20,3 cm, ISBN 3848201968
Auch als E-Book erhältlich

Direkt beim Autor: https://freimaurer-werden.de/

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 5-2022 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.