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Von der Bruderschaft zur Burschenschaft

© anncapictures – pixabay.com

Von Jens Oberheide


Vortrag zum Festkommers der Burschenschaft „Germania“ in Hannover

Gemeinsamkeiten von Freimaurern und Studentenverbindungen sind interessante Nischen der Geschichte. Was uns einst verbunden hat, ist viel. Was uns heute noch verbindet, sind zumindest schillernde Vorurteile. Holger Zillner hält beispielsweise die Mitglieder beider Gruppierungen für „Utopisten“ und schreibt in seiner Dissertation „Freimaurerei und Studentenverbindungen“ (2005), die Freimaurer würden einer „liberal-humanitären Utopie“ huldigen, die Studentenverbindungen hingegen eher zu einer „konservativen Utopie“ neigen.Man sieht, wie leichthin man Ideale und Werte mit veränderten Vokabeln in die Ecke stellen kann.

Freimaurer und Studentenverbindungen hätten zwar großen Ähnlichkeiten, schreibt Zillner, seien aber trotzdem völlig unterschiedliche und unverwechselbare Organisationen. Nun, das ist aus der Sicht von heute sicher unstrittig, dass sie in den Anfangsjahren ihrer Existenzen personell und ideell durchaus eng verwandt waren, ist weniger bekannt.

Wer sich jedoch ins Internet begibt, der kann sich allerlei Verwandtschaften ergoogeln. Die Herkunft des studentischen Salamanders wird z.B. in Wikipedia ganz selbstverständlich mit dem Ursprung aus den freimaurerischen Trinksitten bei der sogenannten Tafelloge erklärt. Auch heraldische Zusammenhänge findet man bei Wikipedia. Viele Wappensymbole der Verbindungen stammen von den Freimaurern.

Auch dem gemeinsamen Liedgut kann man so auf die Spur kommen. Das Liedgut der Freimaurer zählt rund 15000 Titel. Die bekanntesten davon stehen in jedem Kommersbuch. Auch das ist vielleicht weniger bekannt. Die Geschichte der Freimaurerlieder und deren Crossover zu Studentenliedern ist nicht nur historisch begründbar, sondern auch inhaltlich interessant. Der Hintergrund der „Aufklärung“ vermischt sich in den Liedern gern mit revolutionären Tönen und romantischer Sehnsucht nach Freiheit und Brüderlichkeit. Das haben wir damals im Gleichklang gesungen.

Blutsbrüderschaft?

Der Freimaurer Matthias Claudius besingt z.B. die „Blutsbrüderschaft aller deutschen Burschen jeglichen Standes und Landes“ und schreibt: „Jeder echte deutsche Mann soll Freund und Bruder heißen.“ Stimmungsvolle, aber auch aufmüpfige Freiheits- und Protestgesänge stammen oft von Dichtern und Komponisten, die beides waren: Brüder und Burschen. Das eine hat das andere noch nie ausgeschlossen. Persönlichkeiten wie Carl Schurz, Gustav Stresemann oder Robert Blum waren Freimaurer und Burschenschaftler. Sie gehörten beiden Wertegemeinschaften an, die noch etwas Vergleichbares pflegen: Den Engbund-Gedanken. Was ein Außenstehender nicht erfassen kann, schreibt Zillner in seiner Dissertation (und damit hat er wohl recht), „ist das emotionale Erleben der Mitglieder bei der Teilnahme am Logen- und Verbindungsleben“. Und noch ein gemeinsames Kennzeichen: Das Lebensbund-Prinzip, wir Freimaurer sagen „Freundschaftsbund auf Lebenszeit“. Das alles ist gemixt mit Ritual, ritueller Bekleidung und Brauchtumspflege.

Weltbürgerliche Bewegung auf ethischer Basis

Freimaurerei versteht sich als weltbürgerliche Bewegung auf ethischer Basis. Angelehnt an die symbolträchtige Welt der mittelalterlichen Bauhütten ist Freimaurerei die Idee des sinnvollen Bauens und Gestaltens von Zeit und Raum. Das bessere Miteinander für eine bessere Welt gilt den Freimaurern ebenso als Ideal wie als Ausdruck toleranten, friedlichen und sozial gerechten Zusammenlebens aller Menschen.
Das umschreibt seit der ersten Großlogengründung von 1717 (in London) immer noch — weltweit — den Lebensstil von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Bildung, Weltanschauung, Nation oder Hautfarbe, die sich auf der „Waage“, dem Symbol für die gleiche Ebene aller, brüderlich begegnen.

Die Weltwirklichkeit zeigt, wie brennend aktuell es ist, brüderlich zu denken. Das heißt ja: Trennendes zu überwinden, Verständigung zu suchen, Mitverantwortung zu übernehmen, Zivilcourage zu zeigen und immer wieder Brücken zu bauen. Die Loge ist Lehr- und Übungsstätte dafür. Was die Menschen dort im Ritual miteinander einüben, soll sie stärken für die Herausforderungen des Alltags und sensibilisieren für die Probleme der unruhigen Welt.
Zunächst muss aber der Freimaurer die Forderung beherzigen: „Erkenne dich selbst“.
Freimaurerei ist also auch die Aufforderung, etwas aus sich selbst zu machen. Sie ist aber auch das, was der Freimaurer Goethe das „geistreiche Zusammenleben lebelustiger Menschen“ nennt, denn das lebensbejahende positive Denken und Tun kommt in den Logen nicht zu kurz.

Das spezielle Ritual, die „Lebensschule“, das Nachdenken über Leben und Sterben, Selbstfindung und Sinnsuche — das alles passte im 18. Jahrhundert gut zusammen. Freimaurerei war ansteckend und anstiftend.

Gebräuche aus der Freimaurerei entlehnt

Als die „tauglichsten Subjekte“ der damaligen Mosellaner Landsmannschaft bezeichneten sich jene Studenten, die im Jahre 1770 den ersten deutschen Studentenorden „Zur Freundschaft“ in Jena gründeten, den „L‘Ordre de l‘Amitié“. In das eigens zu diesem Zweck entworfene Ordenskreuz schrieben sie eine Jahreszahl, die man lange Zeit danach noch irrtümlich als das eigentliche Gründungsjahr deutete: 1746. Wie kam es zu einer Vordatierung um 24 Jahre?
Sollte es purer Zufall gewesen sein, dass sich just in diesem Jahr — 1746 — in Jena die Freimaurerloge „Zu den drey goldenen Rosen“ konstituiert hatte, dass mehrere Amicisten aus dieser Loge hervorgingen und dass sich dieser neue Studentenorden mit Gebräuchen umgab, die eindeutig aus der Freimaurerei entlehnt waren? Es fällt schwer, an einen Zufall zu glauben.

Karl Hoede hat (in seinem Buch „Burschen heraus“ von 1952) die Freimaurerei als die „Große Mutter“ aller Studentenorden apostrophiert und geschrieben: „Der Treubund auf Lebenszeit, der Begriff Konstitution, die feierliche Verpflichtung auf ein Gesetz, die Gestaltung der regelmäßigen Zusammenkünfte anhand eines Rituals, der Gedanke an den Tod vor jedem Auseinandergehen nach ernstem und freudigem Beisammensein, desgleichen im Schlussvers vieler fröhlicher Trinklieder: das alles war ganz neu im Burschenleben zu Ende des 18. Jahrhunderts.“ Das waren nämlich Wesensinhalte, wie sie der Bund der Freimaurer für die damalige Zeit so ansteckend und aktuell formuliert hatte.
Für den akademischen Nachwuchs — der besonders empfänglich für die Ideen der Aufklärung war — bedeutete das erstmals das Angebot einer geschlossenen Lebens- und Ausdrucksform, die die bisherigen Strömungen studentischer Unruhe zu bündeln und zu artikulieren imstande war.

„Wilde Schößlinge des Freimaurertums“

Ein „Burschenleben“ hatte es auch vorher gegeben. Es äußerte sich vor allem im Gefüge von sogenannten Landsmannschaften, war aber oft überlagert vom gemeinsamen Raufen und Saufen und dem Absingen revolutionärer und rustikal-fröhlicher Lieder. Wenn man von studentischer Unruhe sprechen kann, dann muss man auch für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts feststellen, dass sich diese (schon damals) im Aufbegehren gegen festgefahrene Hierarchien, im Protest gegen die vermeintlich allzu bürgerliche spießige Ordnung äußerte. „Burschen heraus“ war so eine Art Kampfesruf, der mehr oder weniger unorganisiert verhallen musste. Es versteht sich beinahe von selbst, dass man die attraktive und damals in hoher Blüte stehende Freimaurerei zum Vorbild nahm, den eigenen Aktivitäten und Idealen mehr Form und Inhalt zu geben.

Dabei hat man die „Große Mutter“ keineswegs geleugnet. Der Historiker Herman Haupt bezeichnet in einer Schrift von 1925 die Studentenorden als „wilde Schößlinge des Freimaurertums“, L. Zimmermann (1951) als „Ableger der Freimaurerei“. O. Götze schreibt in seinem Buch „Die Jenaer akademischen Logen und Studentenorden des 18. Jahrhunderts“ (1932): „Die stufenweise Entwicklung bei der Erziehung des Menschen entnahmen sie der Freimaurerei.“
Da, wie erwähnt, in den vorhergehenden studentischen Aktivitäten das „Saufen und Singen“ eine große Rolle gespielt hatte, griff man vor allem auch auf die freimaurerischen Trink- und Tafelsitten zurück und machte daraus mit einigen Varianten kurzerhand studentische.

„… von Geheimen Oberen regiert …“

Die intime Verwandtschaft ist deutlich. Wie sie zustande kam, erklärt sich aus den damaligen Zeitumständen. Vor allem in den akademischen Hochburgen Leipzig und Jena schlossen sich etliche Studenten den „bürgerlichen“ Logen an. In Halle/Saale wurde ein Student Meister vom Stuhl der dortigen Freimaurerloge. 1747 kam es in Göttingen zur Gründung einer „Studentenloge“ durch Burschen, die bereits Freimaurer waren. Auch der im Jahre 1765 gegründeten Göttinger Loge „Augusta zu den drey Flammen“ gehörten beinahe ausschließlich Professoren und Studenten an. Die 1773 gegründete Loge „Zum goldenen Zirkel“ verzeichnete gegen Ausgang des 18. Jahrhunderts von 285 Mitgliedern allein 200 Studenten. Man darf also sehr wohl davon ausgehen, dass sie wussten, was sie taten, als sie den ersten deutschen Studentenorden „Amicitia“ gründeten.

Hier, wie in allen späteren Studentenorden, findet sich die Gliederung in mehrere Grade oder Stufen. Vor allem nach 1783 zeigten die Amicisten deutlich Flagge. Sie nannten sich „Gelehrte Loge“ und führten in ihrem Wappen Winkel und Zirkel.
Derart unverhohlene Verwandtschaft führte zwangsläufig zu Argwohn und später gar zu Verbot. Der Jenaer Professor Loderer forderte 1798, man müsse gegen sie wie gegen Staatsverbrecher vorgehen, denn sie seien „ein Staat im Staate, welcher von Geheimen Oberen regiert wird …“ Das Gleiche sagte man auch den Freimaurern nach.

Ein kleiner Blick in die Aufnahmezeremonien zeigt den Kandidaten, der mit verbundenen Augen dreimal im Kreise herumgeführt wird, Mitglieder, die ihre Degen auf den Aufzunehmenden richten, den Eid, die Verpflichtung, Erkennungszeichen, Wort und Griff und das Händeklatschen auf dreimal drei. Das waren Ritualelemente, die man direkt von den Freimaurern übernahm.

Die ausgedehnten akademischen Trink- und Tafelbräuche sind ein naturgetreues Spiegelbild der freimaurerischen gewesen. Man brachte „Gesundheiten“ aus, führte das Glas dreimal zum Mund, um es dann bis zur Neige auszutrinken, und man pflegte den sogenannten „Tumult“, indem man zunächst, wie heute noch teilweise beim „Totensalamander“, die geleerten Gläser an die Wand warf oder mit den hartaufgesetzten Gläsern scharrte und polterte („Salamanderreiben“). Auch bei den Studenten des ausgehenden 18. Jahrhunderts hatte diese attraktive Mischung geistvoller Sprüche mit rustikalem Tun ihren festen Stellenwert. Auch hier — wie bei den Freimaurern — waren Ausschweifungen an der Tagesordnung. Hier und da genoss die Tafel mitunter mehr Beliebtheit als die eigentliche Idee. So kam es, dass die Verfechter der Gründungsideale Elemente davon in die Tafelbräuche einfließen ließen und die Tafel zunehmend ritualisierten.

Viele Symbole von den Freimaurern übernommen

Die Tischordnung bei einer „Kleinen Kneipe“ oder einem Festkommers entspricht mit T- oder U-Form durchaus der Tafellogen-Ordnung. Drei Chargierte im „Osten“, der Fuchsmajor im Westen — das ist immer noch angelehnt an freimaurerische Sitzordnungen im gedachten Dreieck mit einer „Kolonne“ oder mehreren — je nach Beteiligung.

Die Unitisten („L‘Ordre pour l‘Unité“) standen beim Trinkspruch im Herzzeichen, denn das Herz galt ihnen als Zeichen des Vertrauens und der Bruderliebe. Sie schmückten die Tafel mit Rosen, denn die fünfblättrige Rose galt als Symbol der Verschwiegenheit. Die „Heilige Zahl“ der Unitisten war die Drei.

Derartige Symbole legte man in niveauvollen Kurzvorträgen und Trinksprüchen aus. So auch beim 1777 in Halle gegründeten Orden „Zur Beständigkeit“ — „Constantia“, der übrigens in seinem Wappen das „Allsehende Auge“ im rechtwinkligen Strahlendreieck führte. Die Unitisten schrieben „3 mal 3“ in ihr Wappen und nahmen für das Mal-Zeichen gekreuzte Degen. Drei Stufen sind heraldisch ebenso eingearbeitet, wie das von den Freimaurern übernommene „Vereinigungsband“. Die Amicisten führten im Wappen das Freimaurerzeichen Winkel und Zirkel. Wikipedia merkt an, dass „viele Symbole für Freundschaft und Einigkeit von den Freimaurern übernommen wurden“.

Der Studentenorden „Zur Eintracht“ — „Harmonia“ — war, wie M. Hertlein (1928) schrieb, „dem damals in Deutschland, namentlich aber in Preußen blühenden Freimaurerorden nachgebildet“.
In dem Buch „Das deutsche Studententum von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart“ (1932) wird aufgezeigt, dass die Harmonisten „bis in viele Einzelheiten die enge Anlehnung an das Ritual der Freimaurerei (pflegten), mit welcher der Orden in Wesen und Richtung übereinstimmte“.

Als der Harmonistenorden gegen Ende des 18. Jahrhunderts aufgelöst wurde, entstand das Corps „Onoldia“, was den Anfang des deutschen Corps-Studententums bedeutet. Ritual und Brauchtum des alten Studentenordens flossen zunächst nahtlos in diese neue Bewegung, wurden dann allerdings so lange verändert, ergänzt und eigenständig ausgebaut, dass die „Große Mutter Freimaurerei“ allmählich in Vergessenheit geriet.

„Sauft alle miteinander!“

Einige Elemente haben sich indes bis heute gehalten. Es sind vor allem Elemente aus den Trink- und Tafelsitten und dem gemeinsamen Liedgut.

„Brüder, lagert Euch im Kreise,
trinkt nach alter Väter Weise,
leert die Gläser, schwenkt die Hüte …“

Vielleicht ist damit auch die „Große Mutter Freimaurerei“ gemeint, wenn man singt:

„Männer, die das Herz uns rühren,
uns den Pfad der Weisheit führen,
deren Beispiel wir verehren,
sei ein dreifach Hoch gebracht!“

In allen deutschsprachigen Logen singen wir Freimaurer in den rituellen Zusammenkünften das sogenannte „Bundeslied“: „Brüder, reicht die Hand zum Bunde …“, was in allen Kommersbüchern steht. Die einschlägigen Kommersbuch-Lieder stammen von den Freimaurern Johann Heinrich Voss, Matthias Claudius, Max von Schenkendorff („Freiheit, die ich meine …“) oder Gotthold Ephraim Lessing:

„Dieses Glas voll Rebensaft,
Tod, auf gute Brüderschaft!“

Oder im gleichen todesverachtenden Duktus:

„Gestern, Brüder, könnt ihr‘s glauben,
gestern bei dem Saft der Trauben,
stellt Euch mein Entsetzen für,
gestern kam der Tod zu mir!
Hopp, hopp, hopp!
Viverallala! Viverallala!“

Warum heißt die akademische Trinksitte der alten freimaurerischen Tafellogen-Rituale eigentlich „Salamander“? Einige sagen, der Ursprung steht im Reichskommersbuch von 1875. Das darin enthaltene Lied geht so:

„Das war einst in der Schänke
‚zum Faß‘ in Heidelberg;
es schlürft das Gottgetränke
der Riese wie ein Zwerg.
Der Präses sprach: ‚Selbander
sollt ihr trinken nicht,
sauft alle miteinander!‘
Und so geschah‘s nach Pflicht.“

Ist „Salamander“ also die Verkürzung des Wunsches „Sauft alle miteinander“ — verkürzt „Sa-la-man-der“? Oder lässt sich die symbolische Bedeutung doch eher im Mystischen aufspüren, wo es heißt, der Salamander gehört zu den Wesen, die im Element des Feuers zu Hause sind?

Möge es nützen!

Einige Gedanken zum Feuer in Verbindung mit Trinkritualen. In einem freimaurerischen Ritualtext von 1744 heißt es u.a.:

„Brüder, wir sind bereit, die Tafelloge zu eröffnen, um die üblichen Gesundheiten zu trinken, mit allen Ehren der Freimaurerei und mit dreimal drei.“
„Zur Ordnung, meine Brüder, ladet die Kanonen für das erste Feuer!“
Darauf meldet der erste Vorsteher: „Ehrwürdiger Meister, die Kanonen sind geladen.“
Das heißt: Die Ritualgläser sind (mit Wein) gefüllt.
Der Meister: „Wir trinken auf die Gesundheit des Königs!“
Der erste Vorsteher: „Rechte Hand an Eure Waffe — und zur Ordnung!“
Danach werden die Gläser in Stirnhöhe und auf Armlänge vor sich gehalten, bis der Meister mit kräftiger Stimme ruft: „Feuer! Großes Feuer, meine Brüder!“
Das Ganze wiederholt sich auf dreimal drei. Der letzte Zug aus dem Glas ist der größte. Die Gläser werden nach dreimaligem Nachahmen von Dreiecken hart auf den Tisch gesetzt, und die Brüder klatschen unter dem Ruf „Vivat“ — oder „Er lebe!“ in die Hände. Man sagte beim Zutrinken auch „Es nütze“, woraus die „Gelehrten Logen“ der Studentenorden im 18. Jahrhundert die lateinische Übersetzung „Prosit“ gemacht haben.

Wie „Prosit“ ist auch ein „feuriger Trinkspruch“ in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre des 18. Jahrhunderts entstanden dann in England die ersten sogenannten „Feuergläser“ („firing glasses“), benannt nach dem „gefeuerten“ Toast der Freimaurer.

„Wir betreten feuertrunken …“

Schon in einem englischen freimaurerischen Zeremoniell von 1723 findet sich der Ausdruck „fire“. Dazu sei angemerkt, dass „fire“ nicht nur „Feuer“ im konkreten oder militärischen Sinne, sondern zum Beispiel auch „Glanz“ im übertragenen Sinn bedeuten kann. Ebenso wie das französische „feu“, das auch für „glanzvoll“ oder „glutvoll“ steht.

Auch die Bezeichnung der speziellen Freimaurergläser als „Kanonen“ hat mehr mit dem „Kanon der Gesundheiten“ zu tun. Kanonisch heißt „der Regel entsprechend“. Also ist hier eine Reglementierung der Trinksprüche gemeint. Im Sinne von „Reglementierung“ ist auch jene „Pflicht“ beim Salamander-Trinken zu verstehen. Bei Wikipedia ist zu erfahren: „Das hörbare Aufsetzen der Gläser stammt von einer freimaurerischen Trinksitte, bei denen auf die Gesundheit getrunken wird. Zur Vermeidung von Glasbruch entstand im Umfeld der Freimaurer eine besondere Trinkgefäßform mit verstärktem Glasboden.“ Und zur Durchführung: „Ein Salamander wird auf Kommando ‚gerieben‘. Dazu stehen alle Teilnehmer auf und trinken auf das Kommando ‚ad exercitium salamandri‘ mit dem Zuruf ‚Prost‘ ihr Glas Bier aus. Die weitere Vorgehensweise ist von Ort und Verbindung abhängig. Gemeinsam ist, dass nach dem (möglichst restlosen) Austrinken der Gläser gemeinsam auf dem Tisch gerieben oder geklappert und dass die Gläser auf ein bestimmtes Kommando gleichzeitig deutlich hörbar (einmal oder dreimal) auf dem Tisch abgesetzt werden. Die besondere Wirkung des Vorgangs entsteht aus dem lauten Geräusch des Klapperns, dem kurzen lauten Schlag des gleichzeitigen Absetzens der Gläser und dem darauf entstehenden Moment völliger Stille. Dieser Effekt wird nur bei koordiniertem Verhalten aller Beteiligten hervorgerufen und gilt als Ausdruck des Gemeinschaftsgefühls.“

Das Symbol des Feuersalamanders könnte also tatsächlich etwas mit dem feurigen Trinkspruch der Freimaurer und dem Trinken aus „Feuergläsern“ zu tun haben. Auch Schillers Text der „Ode an die Freude“ erklärt sich auf diese Weise: „Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum.“

„… nicht Geburt noch Titel, nicht Samtrock oder Kittel …“

Bei so vielen Gemeinsamkeiten muss man freilich sagen: Sie betreffen mehr das Brauchtum und weniger die Ideologie. Dass wir uns inhaltlich voneinander entfernt haben, liegt an den Zeitumständen, die zu beleuchten nicht Absicht dieser Betrachtung ist. Ich möchte ersatzweise zwei bezeichnende Liedpassagen gegenüberstellen, die zeigen, wie man zur gleichen Melodie etwas gänzlich anderes singen — und vielleicht auch meinen — kann. Vielleicht wird dabei deutlicher, was uns unterscheidet — ohne uns freilich zu trennen.
In den Kommersbüchern findet sich das Lied „Der freie Mann“ nach einer Melodie von Beethoven. Ursprünglich sang man die Textversion von Gottlieb Konrad Pfeffel aus dem Jahr 1799, in der es u. a. heißt:

„Wer ist ein freier Mann?
Dem nicht Geburt noch Titel,
nicht Samtrock oder Kittel
den Bruder bergen kann;
der ist ein freier Mann.“

1813, ganz nah an der Urburschenschaft von 1815, schrieb der Patriot Ernst Moritz Arndt zur selben Melodie diesen Text, den man meist in den gängigen Kommersbüchern findet:

„Dies ist der Mann,
der sterben kann
für Gott und Vaterland.
Er lässt nicht ab
bis an das Grab
mit Herz und Mund und Hand.“

Die inhaltlichen Unterschiede, die ich abschließend mit allem Respekt ansprechen will, liegen wohl in diesem „alle Menschen werden Brüder“, was Pfeffel „nicht Titel, Samtrock oder Kittel“ nennt. Also: Egal, was jemand trägt oder welchen gesellschaftlichen Rang er hat. Ob er Akademiker ist oder Handwerker. Freimaurerisch gesagt, befinden sich alle auf der gleichen Ebene der Waage.

Was die zweite Version mit „Gott und Vaterland“ meint, ist wohl bei den Verbindungen stimmig. Der Freimaurer würde das kosmopolitisch übersetzen. „Vaterlandsliebe ist seine (des Freimaurers) Tat — Weltbürgersinn sein Gedanke“, sagt der Philosoph, Freimaurer und Burschenschaftler Fichte dazu.

Das Entscheidende ist bei uns Freimaurern jedoch das, was der Freimaurer Friedrich der Große gemeint hat mit seinem „jeder soll nach seiner Fasson selig werden“. So haben wir Menschen aus allen Kulturkreisen bei uns, aus allen Religionen — und natürlich auch kirchenferne Menschen, aus allen Ständen und Hautfarben. Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Bildung.

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit? Ein Ideal, gewiss. Der eingangs zitierte Doktorand nennt so etwas „Utopie“, und er unterstellt das den tradierten Werten, wie sie von den Verbindungen und den Logen gepflegt und hochgehalten werden.
Abschließend ein Zitat von Richard von Weizsäcker: „Am Ideal gemessen, versagt die Wirklichkeit. Aber was wäre das für eine traurige Wirklichkeit, wenn sie aufhören würde, sich am Ideal zu orientieren.“