Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

Von der Schwierigkeit, man selbst zu sein

Von der Schwierigkeit, man selbst zu sein

Sei Du selbst“ lautet der Titel eines Buches des Philosophen Richard David Precht. Darin schildert der Autor die Geschichte der Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert und macht deutlich, welchen Einfluss die sozialphilosophischen, sozialökonomischen sowie die soziologisch-sozialpsychologischen Erkenntnisse auf die Gesellschaft und die damit einhergehenden gesellschaftlichen Umwälzungen hatten.

Gelesen von Hasso Henke

Foto: © spaxlax / Adobe Stock

Es ist die Zeit, in der sich die spekulative Freimaurerei weltweit rasant entwickelte. Revolutionen und Kriege waren an der Tagesordnung und diese Zeit war geprägt von Orientierungslosigkeit, Zukunftsängsten und Desillusionierung. An ein sei „Sei Du selbst“ war für die meisten Menschen nicht zu denken.

Ein „Sei Du selbst“ in Verbindung mit „fest in einem Weltbild stehen“, auf eigenen Füßen stehen oder der Zukunft sicher entgegengehen, ist nicht gemeint. Gemeint ist ein „Sei Du selbst“ in Verbindung mit dem heute herrschenden radikalen Humanismus. Matthias Thiele, Diplom-Psychologe und freier Schriftsteller, kritisiert in seinem fast gleichlautenden Buch „Sei! Du! Selbst!“ den radikalen Humanismus, den, seiner Meinung nach, herrschenden Ist-Zustand unserer Gesellschaft.

Radikaler Humanismus in unserer Zeit? Müssten wir Freimaurer nicht in diesem Moment zusammenzucken? Ist es nicht der Bund der Freimaurer, der sich diesen vermeintlichen Humanismus auf die Fahne geschrieben hat?

Ich habe im Leben nicht alles erreicht …

Matthias Thiehle beschreibt in der folgenden Textpassage in sehr verkürzter Form die Entstehungsgeschichte des Humanismus.

„Über einen langen Zeitraum hinweg hat der Mensch im Gottvertrauen gelebt, sein Schicksal sei von Gott vorgezeichnet und er bewege sich auf unergründlichen Wegen. Doch was auch immer er für einen Weg gegangen ist, letztlich war der Mensch auf sich gestellt. Diesem Umstand geschuldet, richtete er seinen Blick in das Unbekannte, auf der Suche nach Erkenntnis, um sprichwörtlich Licht in das Dunkel zu bringen. Aus dieser Erkenntnis heraus folgte die Erfahrung geistiger und materieller Schöpfung. Wir schufen mit unserem Geist die Gesetze der Natur und damit stahlen wir Gott die Augen. Jesus nannte Ihn noch Vater, Nietzsche tötete Ihn, seitdem sind wir allein. Wir nennen es Humanismus!“

Der ursprüngliche, auf den Menschen bezogene Humanismus in unserer Gesellschaft ist weitestgehend verschwunden. Im Zuge der Globalisierung hat der radikale Humanismus in das Miteinander der Menschen Einzug gehalten. Nährboden für diesen radikalen Humanismus ist der weltweit praktizierte Neoliberalismus. Die Verheißungen und Verlockungen, die der Neoliberalismus hervorbringt, sind schier unerschöpflich. Den Menschen wird immerwährend nahegelegt, sie könnten alles im Leben erreichen, sich selbst verwirklichen, um der sein zu können, der man gern sein möchte. Das Streben nach immer mehr Macht, nach immer mehr Geld und materiellen Dingen; der Jugend- und Schönheitswahn; Spaß haben, koste es, was es wolle; das stetige Fordern nach „schneller, höher, weiter“ führt am Lebensende oft nur zu einer Aussage: „Ich habe im Leben nicht alles erreicht und hätte noch mehr erreichen können.“ Die Leistung, die dafür nötig ist, wird der Mensch nie erbringen können, ergo kann er das Ziel nie erreichen. Für unser Bewusstsein ist das ein Scheitern auf der ganzen Linie! Dieses vermeintliche Scheitern erzeugt für die meisten Menschen in unserer Gesellschaft eine permanente Stresskultur, in der Identitätsverlust, Unsicherheit sowie Manipulierbarkeit in der Gesellschaft vorprogrammiert sind.

„Was in eine vermeintliche Erlaubnis zur freien Selbstgestaltung gekleidet ist, entpuppt sich als eine unerbittliche Direktive, die den Menschen implizit zu verstehen gibt, alles Mögliche, nur nicht er selbst zu sein, es aber sein zu können.“

Wie ist diese Aufforderung „Sei Du selbst“ zu verstehen? Dazu bedarf es einer genaueren Betrachtung. Der genannte Imperativ klingt zunächst einmal nach einer unnötigen Aufforderung, denn wer solltest Du auch sonst sein, wenn nicht Du selbst? Ganz so einfach ist es dann bei näherer Betrachtung doch nicht und vor allem: Was hat diese Fragestellung mit dem radikalen Humanismus zu tun? „Sei Du Selbst“ ist Aufforderung und Kritik zugleich. Die Aufforderung als Hinweis, authentisch zu sein, der zu sein, der man eigentlich ist. Die Kritik darin, nicht der zu sein, der man eigentlich ist, sondern die Gesellschaft mit einer vermeintlich anderen Persönlichkeit getäuscht zu haben. Die zweite Deutungsmöglichkeit wäre, dass wir erst in Zukunft die Chance haben, uns selbst zu verwirklichen. Das Ziel ist also als unerreichbares Ideal zu verstehen. Erst, wenn unsere Identität irgendwann in der Zukunft klar definiert ist, bestünde die Möglichkeit, unser Ziel zu erreichen.

Die Verschmelzung von Mensch und Maschine

Beide Deutungsmöglichkeiten, also zum einen authentisch zu sein und zum anderen noch zu keiner klaren Identität gefunden zu haben, haben zur Folge, dass die Menschen sich in einem Zustand der inneren Unruhe und Unsicherheit befinden. Das wiederum erfüllt alle Voraussetzungen, um dem Konsumverhalten, das der Neoliberalismus fordert, gerecht zu werden. Der Mensch taucht in eine Endlosspirale ein, er hetzt von einem Highlight zum anderen. Das dem Konsumverhalten innewohnende Versprechen, durch den Kauf einer Sache Befriedigung zu verspüren, entpuppt sich als ein rein temporärer Zustand. Schon nach relativ kurzer Zeit hat man das Interesse an den neuerworbenen Dingen wieder verloren. Wir sind in einem immerwährenden Stresszustand gefangen, der zwangsläufig verhindert, dass sich zwei Eigenschaften, die wir in uns tragen — Ruhe und Beschaulichkeit — frei entfalten können. Was ist der Grund für dieses Treiben, für dieses Getriebensein?

Es ist die neoliberale Triebkraft, der Kampf um Ressourcen aller Art. Es ist der Handel mit Geld, der an den Finanzmärkten dieser Welt keine Gnade kennt, wenn es darum geht, den Geldfluss in Echtzeit um den Globus zu schicken. Dies alles ist seit der Industrialisierung bekannt, und seit jeher ordnet sich die Menschheit diesem Geschäftsgebaren unter. Der radikale Humanismus bekommt gegenwärtig eine neue inhumane Bewegung hinzu: die digitale Transformation, an deren Anfang wir uns befinden. Der Weg, den wir mit der digitalen Transformation gehen, wird ein völlig neuer sein. Die Ressource, um die ein erbitterter Kampf tobt, heißt Mensch. Ziel ist es, den Menschen und alles, was ihn ausmacht, zu digitalisieren und die Verschmelzung von Mensch und Maschine voranzutreiben. Der Mensch gibt seit geraumer Zeit sein Bestes, dieses digitale Monster zu füttern. Er wird zum Spielball des neoliberalen Machtsystems. Das Internet bietet jedwede Art von Unterhaltung. Im digitalen Zeitalter hat der Mensch nahezu alle Möglichkeiten, in virtuelle Welten abzutauchen, um der sein zu können, der er gern sein möchte, nicht aber der, der er eigentlich ist.

Wenn wir auf der Suche nach uns selbst sind, müssen wir wissen, wer wir sind, uns selbst erkennen. Dies ist übrigens auch ein lang gehegter Wunsch in der Freimaurerei! Wie wir alle wissen, ist das nicht möglich, denn im Erkannten kann der Erkennende nicht enthalten sein. Eine Teilerkenntnis ist aber möglich, ein Gewahrwerden unseres Handelns. Jenes Handelns aus Gefühl und Instinkt.

Das Leben ist ein ständiges Werden

Aus der Evolutionsgeschichte wissen wir, dass wir zum Zeitpunkt der Geburt bereits mit Erbinformationen unserer Eltern, Großeltern, Ahnen und Urahnen ausgestattet sind. Darüber hinaus sind wir in unserer Entwicklung geprägt von dem Milieu, in dem wir aufwachsen, und der uns zuteilwerdenden Bildung geprägt. Wir sind also ein Produkt aus vielen Kausalitäten. Dieses Geprägtwerden endet nicht mit dem Erwachsensein, sondern schreitet fort bis an das Lebensende. Unser Leben und das aller Individuen ist immer nur ein Werden, in welcher Form auch immer. Niemals aber kann diese Entwicklung als abgeschlossen betrachtet werden. Die Gegenfrage auf die Aufforderung „Sei Du selbst“, müsste also lauten: „Wer bin ich, und wenn ja wieviele?“. So jedenfalls fragt der Philosoph Richard David Precht in seinem gleichnamigen Buch. So, wie der Mensch sich ständig weiterentwickelt, so unterliegen auch die durch ihn entstandenen Gesellschaftssysteme diesem Wandel. Da, wo früher über einen langen Zeitraum eine Hochkultur bestand, sind heute Stagnation und Verfall zu beobachten. Da, wo über Jahrtausende Ackerbau und Viehzucht betrieben wurde, sind heute Hightech und Fortschritt präsent. Der Mensch hat also stets mit seinem Werden und den daraus folgenden Veränderungen zu kämpfen.

Mit der Aufklärung und dem (damit einhergehenden) aufkommenden Humanismus und der industriellen Revolution begann sich die Welt ökonomisch und ökologisch brachial zu verändern. Nahezu alle menschlichen Lebensbereiche erfuhren Umwälzungen. Bald gab es nichts mehr in der Gesellschaft, das nicht der Gesetzmäßigkeit des Geldes unterlag. Von der ersten bis zur gegenwärtig vierten technischen Revolution gibt es einen klaren Sieger über die Menschheit: das Kapital. Nichts dominiert die Menschen so sehr wie das Geld. Den Kapitalismus wird nichts und niemand aufhalten können, denn er wird immer wieder neue Wege gehen. Der Mensch hält nicht mehr Schritt mit der immer schneller werdenden Technologisierung beziehungsweise Digitalisierung.

Wenn wir den Verlauf der technischen Revolutionen betrachten, dann müssen wir doch unweigerlich feststellen, dass ein „Sei Du selbst“, also ein selbstbestimmtes Leben, für die meisten Menschen auf diesem Planeten ein nahezu unmögliches Unterfangen ist und bleiben wird. Was hat die Revolution der Technik mit dem Seelenleben der Menschen gemacht? Robert Musil hat es einmal sehr deutlich in seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ beschrieben. Natürlich müssen wir auch den Fortschritt der technischen Revolutionen benennen. Langfristig war dieser Fortschritt für viele Menschen segensreich. Das Fundament für den Erfolg der bürgerlichen Gesellschaft war gelegt und wurde so auch ein entscheidender Faktor für die spätere soziale Marktwirtschaft. Letztlich hat der Lauf der Geschichte, von der Wildheit bis hin zur Zivilisation, gezeigt, dass es für die große Mehrheit der Menschen nicht die gewünschte Verbesserung der Lebensumstände gab, sondern das Elend hat sich stets nur anders gefärbt.

Die Fehler von gestern sind die Probleme von heute

„Der Mensch von heute“ steht vor den Fehlern, die er „gestern“ gemacht hat: der Raubbau an Rohstoffen, verschmutzte Ozeane, Plastikmüll, um nur einige Beispiele zu nennen. Hinzu kommen die Veränderungen unserer Lebensräume. Architektonische sowie städtebauliche Neuerungen bestimmen die Qualität der Bewegung im Raum. Zusätzlich gibt es kommunikative Veränderungen untereinander. Achtsamkeit und Aufmerksamkeit werden zunehmend durch die Medienlandschaften bestimmt. Zum Beispiel verbringen Kinder heute mehr Zeit in geschlossenen Räumen als alle Generationen vor ihnen. Die Veränderungen der Lebensräume und Lebensabläufe haben zur Folge, dass sich auch die Krankheitsbilder der Menschen drastisch verändern. Psychosomatische und chronische Krankheiten nehmen rasant zu. Die tagtägliche Auseinandersetzung mit unserem eigenen Leben und mit den daraus resultierenden gesellschaftlichen Zwängen lassen uns kaum Spielraum für die Verwirklichung des eigenen Ich. Der Wunsch nach Rückzugsräumen, in denen man wieder zu sich selbst findet, wird in der Gesellschaft immer lauter. Viele Menschen suchen nach einem Ort, wo sie die Möglichkeit haben, sich innerlich neu zu ordnen, ihr Leben neu zu gestalten. Sie wollen Wünsche und Hoffnungen aussprechen, ohne darauf achten zu müssen, in der Gesellschaft in Ungnade zu fallen. Das kann nur ein Ort sein, an dem der Mensch keinen dogmatischen Einflüssen ausgeliefert ist, wo er unbedingtes, gegenseitiges Vertrauen vorfindet und Verschwiegenheit herrscht. Solch ein Ort könnte eine Freimaurerloge sein. Doch ganz frei von äußerer Beeinflussung sind wir auch hier nicht. Wir assoziieren uns automatisch mit dem Milieu, in dem wir uns gerade befinden. Für die meisten Menschen auf diesem Planeten wird auch der Wunsch, der sein zu können, der man gern sein möchte, ein Wunsch bleiben. Diesem Wunsch ein Stück näher zu kommen, geht nur, wenn wir dem ursprünglichen Humanismus wieder mehr Aufmerksamkeit schenken. Dieser war auf den Menschen mit seinen potenziellen Möglichkeiten und Fähigkeiten ausgerichtet. Die ethischen Inhalte waren Menschenwürde und Gleichberechtigung, ungeachtet individueller, sozialer und politischer Hintergründe, sowie Mitgefühl und Rücksichtnahme.

Auf gutem Weg, zu uns selbst zu finden

„Der Humanismus ist einer der größten Errungenschaften des Abendlandes. In seiner direkten Folge entstanden die deutsche Sturm-und-Drang-Bewegung, die Aufklärung in England, Frankreich und Deutschland, entstanden Philosophien, die die Würde und den Wert eines jeden einzelnen Menschen proklamieren. Der radikale Humanismus als ideologisches Wertesystem des Neoliberalismus hat in der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung eine generelle Mitmachbereitschaft für die absurdesten Entscheidungen von Wirtschaft und in Folge von Politik erzeugt.“

Der radikale Humanismus hat seine klassischen Ursprünge also mit großer Unschärfe abgelöst und seine genauso schleichend aufkommenden Auswirkungen werden gerade wegen dieser Entwicklung nicht oder nur unzureichend erkannt.
Wir Freimaurer sollten Sorge dafür tragen, dass die Werte der humanistischen Aufklärung als übergeordnete Orientierung in die Diskurse der Gesellschaft hineinfließen. Dann erst sind wir auf einem guten Weg, zu uns selbst zu finden. Und vielleicht geht dann sogar — in Verbindung mit der digitalen Revolution — für einen großen Teil der Menschen der Wunsch in Erfüllung, der sein zu können, der er gerne sein möchte.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 4-2020 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

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