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Vor der Freimaurerei

anncapictures / pixabay.com

Von Urs Pochciol

In der Geschichte „Vor dem Gesetz“ von Franz Kafka versucht ein Mann Eintritt in das Gesetz zu erlangen. Der davorstehende Türhüter hält ihn ab und sagt, dass er ihm den Eintritt nicht gewähren könne. Da das Tor zum Gesetz offensteht, versucht der Mann durch das Tor in das Innere zu blicken. Der Türhüter warnt ihn jedoch vor den Gefahren im Inneren. Deswegen entschließt sich der Mann, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Es vergehen viele Jahre und er unternimmt noch viele erfolglose Versuche, eingelassen zu werden. Der Mann wird alt. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopf alle Erfahrungen zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt dem Türhüter zu. Da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann, muss sich der Türhüter tief zu ihm hinunterbeugen, um ihn zu verstehen: „Was willst du denn jetzt noch wissen?“, fragt der Türhüter. „Alle streben doch nach dem Gesetz“, sagt der Mann, „wie kommt es, dass in den vielen Jahren niemand außer mir Einlass verlangt hat?“ Der Türhüter antwortet: „Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“

Der Mann in Kafkas Geschichte hat sich von möglichen Gefahren und Hindernissen abschrecken lassen und so lange gewartet, bis es zu spät war, um die für ihn richtige Frage zu stellen bzw. auf die Antworten reagieren zu können.

„Bin ich hier richtig?“

Stellen Sie sich vor, Sie sind der Mann aus der Geschichte. Welches sind die für Ihr Leben relevanten Fragen? Falls Sie die Hoffnung haben, dass die Freimaurerei Ihnen die Antwort hierauf liefert, muss ich Sie enttäuschen. Die Freimaurerei zeichnet keinen „richtigen“ Weg vor. Vielmehr ist sie — eine — Möglichkeit, Sie zu unterstützen, Ihren eigenen Weg zu finden. Denn, wer — seinen — Weg finden will, sollte nie andere nach dem Weg fragen.
Für mich lautete die Frage bei den von mir vor meiner Aufnahme in die Freimaurerei besuchten Gästeabenden — und auch heute noch regelmäßig: Bin ich hier richtig? Diese Frage konnte und kann ich mir nur beantworten, wenn ich mir klarmache, warum ich hierhergekommen bin und komme. Denn: Wer kein Ziel hat, braucht sich nicht zu wundern, dass er nicht ankommt.

Meine Motivation, mich durch Teilnahme an Gästeabenden über Freimaurerei zu informieren war

  • der Wunsch nach persönlicher Weiterentwicklung und
  • die Suche nach einer Gemeinschaft, in der ich gedanklich möglichst autonom und selbstständig bleiben sowie
  • Verbindlichkeit im Umgang miteinander erleben kann.

Anhand dieser Zieldefinition kann ich prüfen, ob ich meinen Weg gefunden habe:

Die Freimaurerei bietet einige Impulse zur Weiterentwicklung, etwa durch Rituale, Symbolik und brüderliche Gespräche. Für mich persönlich ergeben sich die Impulse zur persönlichen Weiterentwicklung insbesondere aus dem Umgang und den Gesprächen mit Brüdern. Diese decken von spannend und witzig über traurig oder belanglos bis hin zu nervig alle denkbaren Themen und Gefühlsregungen ab. Und genau das macht sie alle reiz- und wertvoll für mich. Wenn ich zu einem Bruderabend gehe, weiß ich nie, welche Art von Austausch mich an diesem Abend erwartet, ich weiß aber, dass ich am Ende des Abends einen Mehrwert dergestalt aus der Zusammenkunft gewonnen haben werde, dass ich mir über unterschiedlichste Themen Gedanken gemacht und mich hierzu positioniert habe. Auch vermeintlich triviale Gespräche können auf diese Weise zu für mich persönlich spannenden Erkenntnissen führen. Meine Eindrücke kann ich äußerlich kundtun oder für mich behalten.

Obwohl für mich ein Großteil der Impulse für die Weiterentwicklung von den Brüdern ausgeht, sind es eben diese Brüder, die zugleich die größte Gefahr für meinen Wunsch nach gedanklicher Autonomie und Selbständigkeit darstellen. Denn wiewohl die Freimaurerei ihrem Grundsatz nach undogmatisch und für alle Weltanschauungen offen ist, so gibt es doch immer Bestrebungen einzelner Brüder, eigene Meinungen als mutmaßliche Leitsätze der Freimaurerei darzustellen und mithilfe von „Totschlagargumenten“ zu argumentieren, um der Freimaurerei auf diesem Wege eine ihr vermeintlich innewohnende, dem eigenen Gusto entsprechende Dogmatik zu verleihen.

Paradoxerweise bietet mir auch und gerade diese nach meiner Wahrnehmung missverstandene einschränkende Fürsorge für die Traditionen der Freimaurer viele Impulse für meine persönliche Weiterentwicklung. Denn einerseits bieten Diskurse gerade aufgrund voneinander abweichender Meinungen viel Reibungsfläche, und andererseits zeigt sich bei Uneinigkeit mit einem Bruder, ob dieser Toleranz nur für seine Ansichten fordert oder auch bereit ist, selbige meiner Weltanschauung entgegenzubringen.

Wenngleich mit einem Bruder zu einem Thema ein Dissens besteht, kann bei einem anderen Thema überwältigende Übereinstimmung herrschen. Dies zeigt mir, ganz gleich, wie ein Gespräch verläuft oder endet, kann ich hieraus etwas lernen. Wir sind nicht unsere Meinung, sondern vertreten diese nur zu einem bestimmten Thema. Das heißt, wenn ich die Meinung eines Bruders nicht teile, lehne ich nicht ihn persönlich ab, sondern ausschließlich dessen Meinung zu genau diesem einen Thema. Wenn wir uns das stets bewusst machen, kann dies nach meiner Einschätzung viele Konflikte vermeiden. Diese entstehen häufig daraus, dass man sich wegen abweichender Meinungen als Person abgelehnt fühlt, statt zu reflektieren, dass nur zwei unterschiedliche Perspektiven zum selben Betrachtungsgegenstand eingenommen werden.

Auf den ersten Blick könnten meine Wünsche einerseits nach Autonomie und Selbstständigkeit, andererseits nach Verbindlichkeit im Umgang miteinander als widersprüchlich interpretiert werden. Denn jegliche Verbindlichkeit, die zwischen Individuen besteht, schränkt deren jeweilige Autonomie zwangsläufig ein. Ich denke, dieser vermeintliche Widerspruch ergibt sich daraus, dass wir in Standpunkten denken: also entweder autonom oder verbindlich, nicht autonom und verbindlich. Akzeptiert man hingegen, dass sich die Möglichkeit zur Autonomie vielfach erst aus gewissen verbindlichen Absprachen ergibt, löst sich der vermeintliche Widerspruch auf.

Beispielsweise schränken die Verkehrsregeln unsere Fahrweise zunächst ein. Denken wir einen Schritt weiter, führen sie jedoch auch dazu, dass wir (meistens) überhaupt sicher ans Ziel gelangen. Gäbe es hingegen keine allgemein akzeptierten Regeln und führe jeder, wie er wollte, würde dies zu einem Verkehrschaos führen, das unsere Fahrweise wohl mehr einschränken würde als die geltenden Verkehrsregeln. Wir könnten uns nicht mehr darauf verlassen, dass sich alle grundsätzlich an bestimmte Regeln halten. Die Fahrweise jedes anderen Verkehrsteilnehmers wäre unberechenbar und unvorhersehbar.

Daraus folgt für mich: Jede Gemeinschaft benötigt für ihren Bestand verbindliche Regeln oder mit anderen Worten: Das Gesetz nur kann uns Freiheit geben. Dies gilt auch für die Freimaurerei. Die Regeln der Freimaurerei sind — wie die Regeln im Straßenverkehr — bloße Rahmenbedingungen und lassen Raum für gedankliche Autonomie und persönliche Weltanschauungen.

Dies ist ein wesentlicher Unterschied zu Institutionen, die, nach meiner Wahrnehmung, vorschreiben wollen, was ihre Mitglieder zu denken haben und für den Fall von „Gehorsam“ Erlösung versprechen. Natürlich kann es bequem und verlockend sein, oktroyierte Regeln zu befolgen, um sich Erlösung zu verschaffen, meiner Einschätzung nach bliebe hierbei jedoch mein Wunsch nach persönlicher Weiterentwicklung und gedanklicher Autonomie auf der Strecke.

Prüfen Sie: Was erwarten Sie von der Freimaurerei?

Ganz gleich, wie ich es also drehe oder wende, bietet mir die Freimaurerei Möglichkeiten zu persönlicher Weiterentwicklung und kommt hierbei zugleich meinem Wunsch nach Autonomie und verbindlicher Gemeinschaft entgegen. Ich stelle daher fest: Ich bin zufrieden, da ich mich bemühe, meinem Ziel näherzukommen.

Wieso ich mich trotz dieses Resümees auch heute noch frage, ob ich hier richtig bin? Mein Weg ist kein fixes unverrückbares Ziel. Es kann sich im weiteren Laufe meines Lebens ändern. Immer wieder zu prüfen, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin, ist unerlässlich, um nicht Gefahr zu laufen, wie der Mann in Kafkas Geschichte, am Ende des Lebens festzustellen, dass ich, als ich es noch hätte beeinflussen können, unreflektiert in eine nicht mehr passende Richtung gegangen bin.

Nun sind Sie dran: Beantworten Sie sich die Frage bei jedem Gästeabend: Warum sind Sie heute hier? Was erwarten Sie von der Freimaurerei? Wir können Ihnen die Tür nur zeigen, durchgehen müssen Sie allein. Warten Sie nicht, bis es zu spät ist und sich die Tür schließt. Im Gegensatz zum Türhüter kann ich Sie beruhigen, im Inneren der Freimaurerei lauern keine Gefahren, die Sie zu fürchten brauchen. Klopfen Sie an, so wird Ihnen aufgetan.