Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

Vorbild statt Ab-Bild

Vorbild statt Ab-Bild

Von Thomas Forwe und Klaus-Jürgen Grün

Foto: lassedesignen / Adobe Stock

In seinem berühmten Buch „Tractatus logico-philosophicus“ formuliert Ludwig Wittgenstein Postulate, die die Grundlage menschlicher Erkenntnisse bilden sollen. Einige der Sätze sind berühmt geworden, so etwa Satz 7: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Aber es gibt zumindest einen Satz in diesem Buch, den Freimaurer üben sollten, vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Es ist der berühmte Satz 2.12: „Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit.“ Die Arbeit der Freimaurer macht nämlich die Wirklichkeit zu einem Modell des Bildes, das wir von ihr erarbeiten. Freimaurer produzieren durch ihre Arbeit keine Abbildungen, sondern Vorbilder. Der Freimaurer ist schon deswegen kein Ab-Bild, sondern ein Vor-Bild. Damit tun sich aber viele Freimaurer – übrigens wie die meisten Menschen – sehr schwer. Sie lieben es weit mehr, nach alter Tradition umzusetzen, was andere für gut erklärt haben, statt selbst durch ihre Arbeit dazu beizutragen, dass wir uns ein Bild vom Menschen erarbeiten, das ihn zum Vorbild machen kann. Menschen sollten danach streben, Vorbilder zu sein. Dabei ist es unerheblich, ob sie jemand nachahmt oder nicht. Es genügt der Anspruch, Vorbild sein zu wollen. In einer Menschenwelt, in der sich jeder bemüht, Vorbild zu sein, sieht es anders aus als in einer Welt, in der Menschen wie Roboter festgefahrene Regeln befolgen.

Geschichtsforschung als Instrument der Herrschaft

Es wurde und wird immer wieder gefordert, dass die Quatuor Coronati sich mit Themen aus der Geschichte beschäftigen solle. Jahrzehntelang dominierte Geschichtsforschung auch die Arbeit, und dabei sind zahlreiche wunderbare Studien entstanden. Hier seien nur stellvertretend für zahlreiche andere genannt: Marcus Meyer: „Bruder und Bürger. Freimaurerei und Bürgerlichkeit in Bremen von der Aufklärung bis zum Wiederaufbau nach 1945“; Günter K. Kodek: „Unsere Bausteine sind die Menschen. Die Mitglieder der Wiener Freimaurer-Logen 1869–1938“; Helmut Reinalter: „Aufklärungsgesellschaften“. Freilich sollten wir bei aller Bedeutung der Geschichtsforschung nicht übersehen, wieviel Ideologie dadurch auch transportiert werden kann. Indem Geschichte einem Interesse dient, beispielsweise der „bequemen Abkehr vom Leben und von der Tat, oder gar zur Beschönigung des selbstsüchtigen Lebens und der feigen und schlechten Tat“, wie Friedrich Nietzsche im Vorwort seines Werkes „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ formulierte, verfehlt sie ihren Bildungsauftrag und wird zum Instrument der Herrschaft bürokratischer und reaktionärer Strukturen innerhalb staatlicher Bildungsanstalten. Auch darüber haben QC-Forscher gearbeitet. Etwa auch Klaus-Jürgen Grün in seinem Aufsatz „Freimaurerische Geschichtsforschung als Ideologie – Aspekte eines falschen Bewusstseins unter Freimaurern“, der im QC-Jahrbuch 2016 nachzulesen ist.

Alle Meister der Loge seit Hans-Hermann Höhmann haben in den jüngeren Jahrzehnten verstärkt soziologische und philosophische Kontexte zu freimaurerischen Themen gemacht. Unter ihnen sind vor allem solche Themen wichtig geworden, die ein kritisches Bewusstsein stärken und die Freimaurerei als eine Instanz zur Förderung der Kritikfähigkeit herausstellen. Mit Kritikfähigkeit meinen wir das Bewusstsein, dass das, was ist, nicht notwendig auch gut sein muss, und dass die bloße Betonung von Tatsachen keinerlei ethisch-moralische Bedeutung beanspruchen kann. In diesen Überlegungen folgen wir der Einsicht Lessings, dessen Vorarbeiten zum „Nathan“ ihn auf die Spur geführt hatten, dass aus bloßen geschichtlichen Tatsachen keinerlei vernünftige Notwendigkeit geschlossen werden kann. Aus der bloßen Tatsache, dass Jesus gelebt hat, folgt in moralischer Hinsicht gar nichts. Den moralischen Auftrag der Freimaurerei erkannte Lessing bereits in einem Wettbewerb – dem Wettbewerb darum, wer am liebenswürdigsten sei. Denn derjenige sollte auch würdig sein, den echten Ring der Ringparabel vom Vater erhalten zu haben.

Von den Schwierigkeiten, liebenswürdig zu sein

Aber schon ein Blick in die sozialen Medien zeigt, wie schwierig es offensichtlich ist, liebenswürdig zu sein. Auch Freimaurer sind da keine Ausnahme. Es bedarf daher noch einer gesteigerten Besinnung auf die Gemeinsamkeiten der freimaurerischen Rituale. Diese offenbaren einen besonderen Blick auf das, was es heißen kann, ein Mensch zu sein. Im Ritual begegnen wir einem Menschen, der an sich selbst arbeitet, der Freimaurer ist, Beobachter und zugleich das Beobachtete. Im Ganzen vollführen die Rituale ein Leben, das sich selbst lebt. Niemand ist im Ritual ein außenstehender Beobachter, der durch das Geschehen unberührt bleiben kann. Freimaurer inszenieren den Prozess des Lebens, das sich selbst lebt. Man kann sich nicht außerhalb des Rituals stellen und es von außen beobachten. Entweder man ist im Tempel dabei oder man bleibt außen vor. Bleibt man außen vor, kann man das Ritual auch nicht beobachten. Beobachtet man aber, ist man selbst Teil dessen, was man beobachtet. Diese Szene entwickelt Ethik auf eine ganz andere Weise als es unsere traditionellen Ethiken tun. Wer selbst ein Bestandteil der Szene ist, die er beobachtet, ist mitverantwortlich für alles, was dort geschieht. Übertragen wir die Szene der Tempelarbeit auf die alltägliche Welt, so entsteht die Anforderung an sich selbst, sich stets als Bestandteil derjenigen Welt zu betrachten, die man vor sich hat. Durch unser Handeln in der Welt verändern wir uns selbst und damit auch die Welt. Sofern ich mich aber betrachte als ein Wesen, das nur eine Außenwelt in sich abbildet, kann ich gar nichts dafür, dass die Welt so ist, wie sie sich in mir abbildet. Ich bin ja dann nur der passive Empfänger der Daten aus der Welt. „Das Abbild in mir ist so wie das Vor-Bild draußen. Mehr und mehr Wahlmöglichkeiten … werden auf diese Weise unterdrückt – und die ganzen Probleme der Verantwortung vermieden“, schreibt Bernhard Pörksen in seinem Buch „Konstruktivismus. Medienethische Konsequenzen einer Theorie-Perspektive“, erschienen 2014.

Freiheit schafft Verantwortung

Wer Verantwortung üben will, kann sich nicht als Abbild betrachten. Er muss die Möglichkeit haben auszuwählen, statt passiver Empfänger eindimensionaler Vorgaben zu sein. Er muss sich als Vor-Bild statt als Ab-Bild erleben. Wenn ich mir ein Bild von der Welt mache, das ich bloß reproduziere, dann fehlt mir das Erlebnis der Freiheit. Mit der Art, wie ich die Welt anschaue – entweder als passiver Außenbeobachter oder als interner Mitgestalter der Welt – produziere ich auch das Bild vom Menschen, dem ich mich ähnlich fühle. Wir benötigen ein Verständnis von Evolution und ihrer Erweiterung durch die menschliche Freiheit. Die Freiheit, eine Entscheidung treffen zu können – dies hat nichts mit Willensfreiheit, sondern bloß mit Handlungsfreiheit zu tun – schafft das Bewusstsein von einem Menschen, der auch verantwortlich ist für sein Tun und Lassen. Wie der Mensch überhaupt, so vollzieht das freimaurerische Ritual ein Konzept von Arbeit, in der wir nicht nur wie Roboter Produkte produzieren. Der Mensch produziert durch seine Arbeit auch das Bewusstsein, das mit der Gesellschaft, in der diese Produkte bedeutsam sind, korrespondiert.

Die Arbeit der Freimaurer erweist sich als eine Umwandlung der transitiven Bedeutung des Wortes in seine intransitive Bedeutung. Die transitive Bedeutung von Arbeit wäre das Arbeiten für etwas anderes, für einen anderen. Die intransitive Bedeutung wäre das Arbeiten an sich selbst. Deutlicher erkennbar ist dieser Sachverhalt an dem transitiven Verb „organisieren“. Der Kybernetiker Heinz von Foerster legt in seiner Studie „Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke“ aus dem Jahre 1993 dar, welcher fundamentale Wandel mit der Umwandlung der transitiven Bedeutung in ihre intransitive verbunden ist: Das Transitive ist, wenn der „Organisator und seine Organisation so fundamental voneinander getrennt sind wie die Formen des Aktivs und des Passivs; es handelt sich um die Welt der Organisation des anderen, die Welt des Gebots: ‚Du sollst…!‘ Wenn wir andererseits die Organisation einer Organisation betrachten, sodass die eine in die andere hineinschlüpft, d. h. also ‚Selbstorganisation‘ entsteht, dann sehen wir eine Welt, in der ein Akteur letztendlich immer mit Bezug auf sich selbst handelt, denn er ist in seine Organisation eingeschlossen; es handelt sich um die Welt, in der man sich selbst organisiert, die Welt des Gebots: ‚Ich soll …!‘“

Machen wir uns also an die Arbeit, uns selbst zu leben und nicht einen andere!

Der Beitrag entstammt der Zeitschrift "HUMANITÄT — Das Deutsche Freimaurermagazin", Ausgabe 2-2019.