Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

War Hans im Glück wirklich dumm?

Der Begriff „Wertschätzung“ ist in aller Munde, und doch gelingt sie längst nicht jedem. Warum scheitern so viele Menschen, wenn es darauf ankommt, echte Wertschätzung auszuüben?

Gelesen von Arne Heger

Foto: © spaxlax / Adobe Stock

Ich meine, dass einer der Gründe dafür am Unwissen über ihre realen Kosten liegt. Wenn ich Wertschätzung ausüben möchte, muss ich mir dessen bewusst sein, dass ich einiges dafür investieren muss. Wertschätzung kostet mich
reflexives Denken: Ich muss einen klaren Kopf bewahren; kooperative Kommunikation: eine Sprache, die auf Respekt beruht; die günstige Zeit: Ich muss dafür den richtigen Moment schaffen.

1. Wertschätzung kostet

Aber ich möchte heute nicht über diese Grundkosten von Wertschätzung reden, sondern vielmehr über die zusätzlichen Kosten, die viele Menschen viel zu oft aus den Augen verlieren oder gar nicht einmal in Betracht ziehen. Sie sind eine Art Steuern. Und da hört der Spaß wirklich auf! Oder, wer zahlt schon gerne Steuern?

Was meine ich damit? Ich meine, dass Wertschätzung über die erwähnten Kosten hinaus auch Mut zur Kongruenz erfordert. Ich muss es also wagen, in Übereinstimmung mit meinen Überzeugungen zu handeln. Wie ist dieses Phänomen der Extrakosten zu verstehen?

2. Über den Mut zur Kongruenz

Dies verhält sich etwa so wie in der Geschichte von „Hans im Glück“. Wer erinnert sich noch an Hans, den Glücklichen? Nachdem Hans sieben Jahre seine Arbeit bei seinem Chef geleistet hatte, wollte er nach Hause, in seine Heimat zurückkehren. Er erhielt den Lohn für seine Arbeit in Form eines großen Goldklumpens, eines Klumpens, so groß wie sein Kopf. Mit einem klaren Ziel vor Augen machte er sich voller Freude auf seinen Weg. Der Klumpen erwies sich aber als ein Hindernis. Hans konnte mit dem Ding auf den Schultern kaum gehen. Glücklicherweise traf er einen Reiter auf seinem Weg, der ihm gerne sein Pferd für das Gold eintauschte. Erleichtert und voller Freude ritt Hans weiter. Aber als er schneller reiten wollte, erwies sich das Pferd für ihn als lebensgefährlich, als es ihn durch die Luft in einen Graben schleuderte. Er überlebte diesen schrecklichen Unfall. Und so ging er weiter seinen Weg und tauschte das Pferd für eine alte Kuh, die Kuh für ein Schwein, das Schwein für eine Gans und die Gans für einen Wetz- und einen Feldstein. Schließlich verlor Hans auch noch die zwei Steine, worüber er – erstaunlicherweise – überglücklich war, weil dieser Verlust für ihn in Wirklichkeit eine Befreiung von einer großen Last bedeutete.

Dieses Märchen hat ein Happyend. Denn, wie wir wissen: Am Ende der Geschichte erreicht Hans sein Dorf, seine Heimat, und ist wieder zu Hause.
Was dieses Märchen mir persönlich erzählt, ist die Geschichte eines erfolgreichen Handwerkers. Hans war keineswegs naiv und einfältig! Sieben Jahre hat er bei seinem Chef, sicherlich seinem Lehrer, gearbeitet. Man braucht insgesamt drei Jahre als Lehrling, fünf Jahre als Geselle und sieben Jahre als Meister. Hans war ein Handwerksmeister. Was mich diese Geschichte lehrt, ist, dass ich wertvolle Sachen loswerden muss, um Fortschritte machen zu können. „Hans im Glück“ zeigt mir, dass es „kostbare“ Dinge gibt, die sich für mich auf meinem Weg zu meinem Ziel als Hindernisse erweisen können. Diese Dinge können von anderen Menschen für wertvoll gehalten werden, die aber mein Ziel, den bestimmten Sinn meines Lebens, gar nicht vor Augen haben. Folgt ihr mir? Wisst ihr, was ich meine? Diese Dinge sind möglicherweise die Extrakosten, die zusätzlichen Steuern, die ich verbuchen mag, um weiterkommen zu können; um Wertschätzung leben zu können.

Nicht wenige Leute würden meinen, dass der Eintausch des Goldklumpens für ein Pferd ein ziemlich schlechtes Geschäft war. Auch ich neige dazu, so zu denken. Ich bin auch so sozialisiert – und sogar konditioniert.

Ich kenne dieses Märchen nicht aus meiner Kindheit, aber als ich es gelesen und mich darüber mit meiner Ausbilderin zum systemischen Berater in Berlin unterhalten habe, sagte sie mir: „Als ich ein kleines Mädchen war und diese Geschichte hörte, habe ich mich immer aufgeregt, weil ich den Hans so dumm fand.“

Die Schlüsselfrage in diesem Zusammenhang ist aber: Bin ich wirklich dumm, wenn ich die Stimme meines inneren Richters ignoriere, der mir sagt: „Javier, zeige keine Wertschätzung und bewahre deinen Stolz!“? Bin ich wirklich dumm deswegen? Aber was ist denn, wenn gerade dieser große Stolz, der so schön glänzt, mein Goldklumpen ist, der mich hindert, mich zu meinem eigentlichen Ziel fortzubewegen? Mache ich wirklich einen schlechten Tausch, wenn ich mich für etwas bedanke, das mein Leben in irgendeiner Weise bereichert hat, nur weil die Anderen meinen, es stehe nicht im Verhältnis? „Der Mitarbeiter wird sowieso dafür bezahlt“, höre ich oft. „Das ist sowieso seine Pflicht, seine Aufgabe.“

Ich bin fest davon überzeugt, dass das eigentlich schlechte Geschäft in diesem Zusammenhang die Undankbarkeit ist. Undankbarkeit ist wirklich schlimm! Lasst uns betrachten, was Seneca, der römische Philosoph aus dem 1. Jahrhundert, darüber gesagt hat: „Es ist nicht überraschend, dass unter den vielen und größten Fehlhaltungen keine häufiger vorkommt als die einer undankbaren Grundeinstellung.“ Und an einer anderen Stelle sagt er Folgendes: „Es wird immer Mörder geben, Diktatoren, Diebe, Ehebrecher, Räuber, Tempelschänder, Verräter. Aber niedriger als all diese steht der Undankbare. Abgesehen davon, dass all dies auf Undankbarkeit beruht, ohne die kaum ein großes Verbrechen sein volles Ausmaß erreicht.“
Für Seneca ist die Undankbarkeit die Grundlage der größten Verbrechen schlechthin!

3. Das Vermögen der Wertschätzung lohnt sich

Über die enormen, unbezahlbaren Vorteile von Wertschätzung habe ich heute auch nicht gesprochen. Aber es gibt sie und sie sind nicht zu übersehen. Eine dankbare und wertschätzende Grundhaltung kann z.B. meine Ehe retten, meine Lebensfreude erfrischen, meine emotionale und physische Gesundheit wiederherstellen oder auch mir neue Hoffnung und neue Kraft geben sowohl für meine Gegenwart als auch für meine Zukunft.
Das Vermögen der Wertschätzung lohnt sich also. Und ich lade auch dich ein: Tu dir selbst und auch unserer Gesellschaft den Gefallen der Wertschätzung! Denn sie ist nichts anderes als eine Wohltat, eine gute Tat, die wir jeden Tag praktizieren können und die in alle Richtungen positiv wirkt. Seneca hat dazu gesagt: „Es ist durch Wohltaten und Harmonie, dass das menschliche Leben gegründet wird; und es ist nicht durch Bedrohung, sondern durch gegenseitige Zuwendung [Wertschätzung!], dass das menschliche Leben in einem Bündnis zum gemeinsamen Beistand stabil erhalten wird.“
Lass uns bitte darüber nachdenken, dass Wertschätzung uns allen guttut. Und vergessen wir nicht, dass Wertschätzung letzten Endes auf Selbstachtung beruht.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 5-2020 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.