Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

Was bleibt von der virtuellen Bruderkette?

Wahrscheinlich ist es noch zu früh, um irgendwelche Prognosen zu wagen und die Frage zu stellen: Haben sich die zahlreichen virtuellen Bruderabende, Beamtenräte, freimaurischen Vorträge, Lesungen und Museumsführungen – und vermutlich auch die eine oder andere unter Verschwiegenheit stattfindende virtuelle Tempelarbeit – in den vergangenen dreieinhalb Monaten als ein sinnvolles Modell auch für die Zukunft erwiesen?

Gelesen von Arne Heger

Foto: © spaxlax / Adobe Stock

Viele Logen sind inzwischen technisch gut ausgerüstet, haben Erfahrungen gesammelt mit den verschiedenen dafür tauglichen Software-Programmen und Apps, haben unterschiedliche Kommunikations- und „Sende“-Formate ausprobiert. Manche davon sind gescheitert, andere waren höchst erfolgreich und könnten möglicherweise weiterentwickelt werden. Ganz unabhängig von Pandemie oder sonstigen Fährnissen.

Die erste Neugierde war schnell vorbei

In den ersten drei Wochen des Lockdowns verging kaum ein Abend, an dem ich nicht irgendeine herzliche Einladung zu einem freimaurerischen Meeting wahrnehmen durfte. Manchmal sogar mehrere. Ich loggte mich hier ein, hörte dort kurz zu, brachte mich ein und sammelte Erfahrungen: Wie kann das gehen? Wie sieht das aus? Funktioniert das technisch überhaupt? Und noch viel wichtiger: Funktioniert das menschlich?
Es war eine überschaubare Zeit der großen Neugierde, des technischen Aufbruchs. Man war doch irgendwie gefesselt vom Bildschirmmosaik mit den kleinen Bildchen der Brüder vor ihren Bücherregalen, lachte gemeinsam über technische Pannen oder Familienmitglieder, die plötzlich die Szenerie betraten. Danach wurde es ein wenig ruhiger, weniger aufgeregt, durchaus professioneller. Virtuelle Bruderabende wurden mit festen Terminen verbunden, mit hochwertigen Vorträgen bestückt, technisch verbessert.

Jetzt beginnen die Logenferien. Doch was kommt danach? Nach derzeitiger Lage der Dinge werden wohl persönliche Treffen und auch Tempelarbeiten in den Logenhäusern wieder möglich sein. Sicherlich eingeschränkt und unter den entsprechenden Auflagen, mit Abstand und Mund-Nasen-Bedeckung. Anwesenheitspflichten für Tempelarbeiten werden weiterhin entfallen, um Brüder nicht unnötigen Gefahren auszusetzen. Auch der soziale Druck, der auf einer erwarteten Teilnahme liegt, sollte tunlichst vermieden werden. Ältere und erkrankte Brüder sollten unbedingt geschützt werden. Das macht die Vereinsarbeit natürlich schwierig, wenn Mitgliederversammlungen nicht allen Mitgliedern gleichermaßen offenstehen.
Insofern stellt sich die Frage: Werden die elektronischen Treffen obsolet? Waren sie tatsächlich nur eine Übergangserscheinung in der Krise? Oder sind manche Formate doch bestens geeignet, um sie weiterzuführen?

Virtuelle Treffen der Brüder: Eine Bilanz

Von ganz vielen Seiten wurde immer wieder die Meinung geäußert: Schön und gut, aber das persönliche Treffen im Logenhaus ist eben nicht zu ersetzen. Dem schließe ich mich uneingeschränkt an. Doch um überhaupt den Kontakt innerhalb der Bruderkette nicht abreißen zu lassen, haben sich in vielen Logen die gemeinsamen virtuellen Bruderabende bewährt. Auch Beamtenräte konnten auf diese Art wichtige Beschlüsse fassen. Es waren auch nicht nur die jüngeren und technisch versierten Brüder, die so erreicht wurden.
Und – ein ganz erstaunlicher Nebeneffekt: Einige Logen berichteten, dass Brüder gesichtet wurden, die schon länger nicht physisch im Logenhaus anwesend waren, aus welchen Gründen auch immer. So konnten vielerorts Brüder, die sich längere Zeit im Ausland aufhalten, wieder an Veranstaltungen ihrer Mutterlogen teilnehmen. Allerdings darf man sich, und das war der Tenor bei fast allen Berichten und Befragungen, wohl von der Vorstellung verabschieden, man könne alle Brüder gleichermaßen am virtuellen Lagerfeuer versammeln. Vielfach blieben doch gerade diejenigen außen vor, für die eine solche Videokonferenz überhaupt eine Möglichkeit bedeutet hätte, wieder vermehrt am Logenleben teilzunehmen: Die älteren und gebrechlicheren Brüder.

Sehr positiv ist zu werten, dass zahlreiche logenübergreifende Treffen stattfanden. So haben etwa die beiden Logen „Zur Verbrüderung an der Regnitz“ in Bamberg und „Johannes der Evangelist zur Eintracht“ in Darmstadt einen gemeinsamen Clubabend veranstaltet und sogar eine länderübergreifende Arbeit auf die Beine gestellt. Dafür wurde von einem Bruder ein Arbeitsteppich auf ein Whiteboard gezeichnet und im Dialog zwischen Meister und Aufsehern entsprechend erklärt Auch Brüder, die sich vor allem aus einer freimaurerischen Facebook-Gruppe kennen und ansonsten aus allen Orienten stammen, haben sich regelmäßig zu virtuellen Bruderabenden verabredet. Per Online-Abstimmung wurde ein paar Tage vorher aus einem Angebot von möglichen Vorträgen der mehrheitliche Favorit gewählt. So wurden spannende Vorträge, teilweise maurerischen Inhalts, teilweise mit Themen aus der Arbeitswelt der Brüder angeboten.

Eines der ersten Projekte, das tatsächlich von allen Beteiligten als sehr bewegend empfunden wurde, war die Aufführung des „Rituals 43“, das Br. Heinz Gaffron verfasst hat und das eine fiktive Tempelarbeit von Brüdern in einem Potsdamer Luftschutzkeller im Jahre 1943 zum Inhalt hat. Eine Erinnerung in einer dunklen Zeit an eine – selbstverständlich unter keinen Umständen vergleichbare – andere dunkle Zeit.

Museumsführungen, Vorträge und Konzertabende

Über die teilweise sehr gut organisierten Brudertreffen, Kerzengespräche und Zeichnungen hinaus, gab es eine ganze Reihe von sehr ambitionierten und professionell aufgezogenen Projekten, von denen nur zwei kurz vorgestellt werden sollen:
Zum einen handelt es sich um die digitalen Führungen, die das Deutsche Freimaurermuseum in Bayreuth anbietet. In einer allerersten Runde trafen sich mehr als 60 Brüder, Schwestern und Interessierte. Der Eintritt kostete, wie sonst auch im Museum 4,50 EUR, was den schönen Nebeneffekt hat, dass dem Museum Einnahmen zufließen, die in einer Lockdown-Phase natürlich sonst komplett entfallen. Auch in Zukunft kann das Museum virtuell besucht werden (siehe auch die News-Seiten dieser Ausgabe).

Ein anderes Projekt wurde von Br. Thorsten Lieder, Zug. Distriktmeister in Bremen, auf die Beine gestellt, mit Unterstützung zahlreicher freimaurerischer Künstler und Autoren. Etwa im Zweiwochenrhythmus wurden und werden Veranstaltungen mit einer Beteiligung von etwa 50 bis 60 Zuhörern und Zuschauern am heimischen Computer angeboten. Den Auftakt bildete die Lesung des Lessing-Klassikers „Ernst & Falk. Gespräche für Freimaurer“, mit verteilten Rollen von den Brüdern Hasso Henke und Burckhard Göbel gesprochen. Zwei Wochen später wurde ein weiteres Experiment mit sehr beeindruckendem Ergebnis gewagt: Br. Ekhart Wycik, international tätiger Dirigent und Professor an der Weimarer Musikhochschule, hielt einen Vortrag über die freimaurerischen Bezüge in Mozarts „Zauberflöte“. Dabei wurde er mit einigen Klangproben von dem Pianisten Br. Evgeny Cherepanov unterstützt. Dies gab den Ausschlag für ein Klavierkonzert von Br. Evgeny vierzehn Tage später auf demselben virtuellen Kanal. Diesmal jedoch mit entsprechend hochwertigerer Tontechnik. Sicherlich nicht vergleichbar mit einer konzertanten Aufführung, aber eine wirklich großartige Bereicherung und Auslotung der Möglichkeiten virtueller Formate. Schließlich referierte Ende Mai Altgroßmeister Br. Jens Oberheide über den Freimaurer Heinrich Heine und stellte sein Buch „Freier Geist und Rauer Stein“ vor. Geplant sind weitere Veranstaltungen in dieser Reihe und weitere Aktivitäten zur Unterstützung von Künstlern und Autoren.

Gerüstet für die Zukunft

Der Lockdown, der Mitte März über uns alle hereinbrach, brachte – und das ist wirklich sehr beeindruckend – ein sehr großes kreatives Potenzial auch in unserer Bruderschaft zum Vorschein. Bereits drei Tage nach dem Beginn dieser weitreichenden Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung erreichten die ersten Berichte von virtuellen Bruderabenden die Redaktion. So haben alle innerhalb der letzten Wochen und Monate wertvolle Erfahrungen gesammelt. Und wir haben nun eine Vorstellung davon, wie wir unsere Bruderkette auch in solch überaus schwierigen Zeiten – zumindest virtuell – aufrechterhalten können. Wir sollten aus den Erfahrungen im Umgang mit dem Medium gemeinsam lernen und so besser gerüstet sein für die Zukunft. Wer weiß schon, was sie bringt.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 4-2020 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

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