Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

Wenn unser Bemühen fehlschlägt

Wer Freimaurer wird, entscheidet sich für einen schweren, bisweilen unangenehmen Weg, den wir „Selbstveredelung“ nennen. Wir arbeiten an uns als „rauem Stein“, d.h. unvollkommene, mit Vorurteilen und Lastern und Oberflächlichkeiten beladene Charakteren. Das Ziel ist es, diese Unebenheiten abzuschleifen, auf dass ein brauchbarer Baustein für den „Tempel“ der Humanität entstehe, der sog. „kubische Stein“. Dies ist eine Lebensaufgabe, die wahrscheinlich niemals vollkommen erfüllt werden kann. Die Freimaurerei kennt viele Symbole, die das ethisch vollkommene Leben beschreiben sollen. Doch was ist mit dem Scheitern? Wenn alles Bemühen nicht zum Erfolg führt. Dieser Frage möchte ich nachgehen.

Gelesen von Arne Heger

Foto: © spaxlax / Adobe Stock

Ohne die Tür zum Arkanum unseres Bundes zu weit aufzustoßen, möchte ich ein paar Symbole und Aussagen der Freimaurerei über das ethisch vorbildliche Leben darlegen.

Wer Freimaurer werden will, muss zuvor bereits glaubhaft machen, dass er ein „freier Mann guten Rufes“ ist. Es führt zu weit, beide Kriterien näher zu beleuchten, aber hier wird bereits ein ethischer Anspruch an den Bewerber formuliert: Sei frei in deinen Gedanken, sei frei von Vorurteilen, sei ein selbstständig lebender und denkender Mann! Achte darauf, dass du nicht in der Gesellschaft auffällst und bekannt wirst als tugendloser, ehr- und treuloser Mensch! Dies ist bereits eine Voraussetzung, um überhaupt als Suchender an die Tür unseres Tempels zu klopfen.

Abstand halten! … von Vorurteilen

Wer dann den Kreis der Brüder als Lehrling betritt und seinen freimaurerischen Weg beginnt, gelobt, an sich zu arbeiten, was Zeit und Anstrengung erfordert. Man hört die Weisungen der Beamten, dass man „hohe Ziele vor Augen“ haben soll, dass die „Seele rein“ sein soll. Man setzt sich mit dem Bild des Bausteins auseinander, der ohne Behauen unbrauchbar ist für den großen Bau. Natürlich wird darauf hingewiesen, dass jeder Stein anders ist und auch sein darf. Aber ohne professionelle Bearbeitung und Glättung geht es nicht!

Weitere Symbole kommen hinzu. Sie stammen größtenteils aus dem Steinmetz- und Bauhandwerk. Allen gemein ist der Aspekt des genauen Maßes: Rechtwinklig muss der Baustein werden, die Mauer muss im Lot sein und kein bisschen nach rechts oder links geneigt, sonst stürzt sie ein.
Der erste Schritt bei dieser Arbeit ist die ehrliche und schonungslos Selbsterkenntnis und -kritik. Es bringt nichts, sich zu belügen. Erkenne deine Fehler und Schwächen, dein eingefahrenes Handlungsmuster! Dieser Schritt ist einer der schmerzhaftesten. Niemand freut sich, zu erkennen, wo man überall Schwächen hat, wo man sich nicht mitmenschlich genug verhält, wo man es an Liebe fehlen lässt und wo man voreingenommen ist.

Vorurteile haben wir alle. Es steckt tief in uns, logische Urteile und Gruppen zu bilden. Das hat evolutionäre Vorteile: Der Höhlenmensch war gut beraten, vor jedem Säbelzahntiger davonzulaufen, ohne das Raubtier näher kennenzulernen und nach seinen inneren Beweggründen zu fragen. In Zeiten der gegenwärtigen Corona-Krise müssen alle Bürger Abstand voneinander halten, d.h. von dem Vorurteil ausgehen, dass jeder Überträger des Virus sein kann! Doch wie nehmen wir mit Vernunft Abstand von unseren Vorurteilen. Und vor allem: Wie gehen wir emotional damit um?

Und was ist mit den vielen anderen Ecken und Kanten unseres Charakters? Können wir wirklich alle Unebenheiten im Laufe unseres (kurzen) Lebens abschlagen? Einen Fehler einmal zu machen, ist kein Problem, gilt als „menschlich“, wie das Sprichwort sagt („errare humanum est“). Doch wenn man einen bestimmten Fehler immer wieder macht, muss sich etwas ändern. Und hier tritt das vielleicht größte Problem unseres Lebens zu Tage: Bin ich ein schlechter Freimaurer, wenn es mir trotz aller Mühen nicht gelingt, bestimmte Unebenheiten meines Charakters abzuschlagen? Bin ich zu schwach, zu faul oder zu blöd, zu …

Die größte Herausforderung unseres Lebens: Schwächen zugeben.

Als Geselle wird die Messlatte noch einmal höher gelegt. Jetzt soll man sich noch mehr anstrengen als zuvor als Lehrling. Schließlich hat man seine Lehrzeit abgeschlossen, das Handwerk erlernt und arbeitet nun selbstständig und ohne Anleitung durch den Bürgen. Man trifft auf seinen Reisen viele neue Brüder, sympathische, aber eben auch schwierige Charaktere. Das ist auch gut so! Das ist die eigentliche Arbeit eines Freimaurers: An der Begegnung mit „unangenehmen“, vielleicht sogar unsympathischen Menschen zu wachsen. Aber zugleich ist dies die größte Herausforderung unseres Lebens. Und hier soll es ruhig einmal ausgesprochen werden: Dass es schwer ist, dass es weh tut, dass man manchmal verzweifeln möchte. Dass man schwach ist. Dass man manchmal emotional überfordert ist. Und wohl auch: Dass man manche Schwächen und Fehler, trotz aller Bemühungen, zu Lebzeiten vielleicht nie beseitigen kann.

Die Frage ist nun, wie die Freimaurerei damit umgeht. Meines Erachtens wird auf diesen Aspekt menschlichen Daseins nicht genügend eingegangen. Die Messlatte ist unglaublich hoch, wie eingangs angedeutet. Der ideale Freimaurer handelt nach dem alten Volkslied: „Üb immer Treu und Redlichkeit, / bis an dein kühles Grab / und weiche keinen Finger breit / von Gottes Wegen ab!“ Nur dass wir Gott hier lieber aussparen. An dessen Gebote und Weisungen treten die schönen und starken Symbole des Bauhandwerks (Zirkel, Winkelmaß, Senkblei etc.), was eine wunderbare Leistung zur Einheit der Religionen ist! Der Glaube ist jedem Bruder selbst überlassen.

Symbole zur Bewältigung des Scheiterns

Und dennoch gibt es einige wenige Symbole und Aussagen im freimaurerischen Lehrgebäude zum Scheitern, und vor allem: Symbole des Trostes. In manchen Systemen gibt es zusätzlich zum rauen und behauenen Stein das Symbol des zerbrochenen Steins! Ein Stein, der zu stark und mit zu viel Eifer und Kraft behauen worden ist. Dieses Symbol vermisse ich in unserer Lehrart. Es mahnt uns einerseits zur Vorsicht, andererseits vor Hybris: Nämlich ein Mensch werden zu können, der keine Ecken und Kanten mehr hat, ein „Adam kadmon“, ein Mensch ohne Fehler und „Sünden“.

Ein weiteres wichtiges Symbol des Trostes, das oft zu wenig Beachtung findet, ist der Mörtel: Man muss keinen vollkommen glatten Stein erhalten. Der Mörtel gleicht die noch übrigen Unebenheiten aus, sodass auch nicht-perfekte Steine eine Mauer bilden können. Vielleicht ist der Mörtel eines der wichtigsten Symbole der Freimaurerei überhaupt. Denn er lehrt uns Toleranz, mit anderen und mit uns selbst.

Das letzte Symbol ist für mich als Christ eben auch besonders wichtig: Es ist der Große Baumeister, das Symbol für das Transzendente oder Gott selbst. An dieser Stelle werde ich persönlich, das heißt: Niemand muss meinen Glauben oder meine Ansichten teilen. Er ist auch nicht die Voraussetzung zur Aufnahme in unseren Bund! Aber mich tröstet der Glaube an einen vergebenden Gott, der am Ende unseres Weges sagen könnte: „Du hast dich bemüht. Aber du bist nicht perfekt. Du hast viele Fehler immer wieder begangen. Das ist schade. Aber ich vergebe dir.“

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 5-2020 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.