Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

Wer wurde hier beschenkt?

Erlebnisse in der„Siddharoodha Blind School“ in Indien

Gelesen von Arne Heger

Foto: © spaxlax / Adobe Stock

Donnerstag, 9. Dezember 2019.
Lautes Gehupe, das Gelb-Schwarz der wendigen TucTucs, heilige Kühe, die lethargisch die Fahrbahn blockieren, streunende Hunde und das Marktgeschrei der Händler, vermischt mit dem heiseren Chor der Krähen über der Stadt. So empfängt mich die Stadt Hubli-Dharwad im Herzen des indischen Bundesstaates Karnataka. Mit dem Scooter hat mich mein masonischer Bruder Basavaraj zur „Siddharoodha Blind School“ in Hubli gefahren. Er hatte mir bereits vor zwei Jahren die Blindenschule für Kinder gezeigt, die von seiner Loge „Hubli Nr. 44“ unterstützt wird. Wir sind verabredet mit Annappa Koli, dem engagierten Motor und Lehrer der Schule. Gemeinsam erstellen wir eine Liste unbedingt benötigter Dinge: Von Wasserbehältern bis hin zum Skelett für den Biologieunterricht, vom Trommelständer bis zum Schachspiel für Blinde, bei dem die schwarzen Felder reliefartig erhaben sind, von Tafeln mit Braille-Schrift bis hin zu Metallbüsten berühmter Inder. In diesem Moment kommt Siddharoodh, ein 12-jähriger Schüler, in das Büro, hört kurz Annappa und Basavaraj zu, die sich soeben in der Landessprache „Kan-nada“ unterhalten und erklärt, dass eine Schubkarre wichtig sei, damit er nicht mehr die Eimer mit den Küchenabfällen so weit und beschwerlich tragen muss. Durch seine erklärende Gestik habe ich fast alles verstanden. „Trolley“ kommt also auch auf meine Einkaufsliste für den morgigen Tag.

Freitag, 10. Dezember 2019
Im Hotel holt mich Basavaraj mit seinem Wagen ab, zur Einkaufstour durch Karnatakas quirlige Wirtschaftsmetropole. Im Gürtel trage ich das mir von meiner Mutterloge „Drei Schlüssel zum aufgehenden Licht“ Nr. 54 i. Or. Regensburg anvertraute Geld, mit dem ich die Sachspende einkaufen soll. Im Schatten des „lndia Sports & Scientific Shops“ wartet Annappa bereits auf uns. Barfuß betreten wir den Laden. Vor dem Kauf des originalgetreuen Skeletts lässt der Geschäftsinhaber erstmal „Chai“, den indischen Tee, bringen. Dann zaubern sie von irgendwoher ein großes Paket herbei, packen alles aus und bauen das lebensgroße Skelett auf einem schweren rollbaren Eisenständer auf, inklusive herausnehmbarer Organe. Nach etwas Handeln, was ich meinem indischen Bruder gerne überlasse, bekommen wir das Skelett und den Eisenständer für 9500 Rupien, das sind umgerechnet etwa 125 Euro. Im nächsten Laden finden wir die vier großen, 16 Liter fassenden Wasserbehälter mit Zapfhahn. Sie kosten 150 Rupien, etwa 2 Euro pro Stück. In der heißen Mittagszeit schließen die meisten Geschäfte und wir haben noch vieles auf dem Einkaufszettel …

Samstag,11.12.2019
11 Uhr. In der Aula der Schule sitzen die etwa 45 Schüler der „Siddharooda Blind School“. Anwesend sind auch neun Brüder der Loge „Hubli“ No. 44 mit ihrem „Worshipful Master“ Sudar-shan. Einige der Schüler beginnen zu musizieren. Der Klang des Muschelhorns und der inbrünstige Gesang des Schülers Parthasarathi gehen mir durch Mark und Bein. Nach den Begrüßungsworten Annappas werde ich gebeten, eine Rede zu halten, die Basavaraj in die Landessprache übersetzt: „It is a wonderful sign that both of our lodges, you in Hubli, India, and my Lodge in Regensburg, Germany, are supporting the same project. So we together build the chain of brethren from continent to continent.“ Gelebte Weltbruderkette.

Und dann bedanke ich mich bei den Kindern. Ihr Gesang, der Klang des Muschelhorns, ihre Leidenschaft und Zuversicht – welch großes Wort bei Blinden – haben mich so reich beschenkt: „You have made my heart seeing better.“
Symbolisch überreiche ich die erworbenen Büsten, unter anderem die von Swami Vivekananda, dem großartigen indischen Gelehrten und Freimaurer, in die tastenden Hände der Kinder. Zum Begreifen. Im wahrsten Sinn des Wortes. Siddharoodha nimmt meine Hand und fragt nach dem Trolley. Leider haben wir die Schubkarre gestern in der passenden Ausführung nicht bekommen, aber wir haben sie bestellt.

Dass aufgrund des für unsere Verhältnisse niedrigen Preisniveaus in Indien noch das Geld für den Bau eines Platzes zum Cricketspielen für die Kinder übrigbleibt, ist großartig. Wie Blinde Cricket spielen können? Mit einem Soundball, das musste ich aber auch erst einmal googeln.

Zu guter Letzt bedanke ich mich bei meinem Bruder Basavaraj, ohne den diese Aktion so nicht möglich gewesen wäre. Und, an die anwesenden Brüder gewandt: „Beloved brethren. It doesn’t matter which religion, which colour, and which different nationalities we are. Because in our hearts there is flowing the same masonic blood.“

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 3-2020 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

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