Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

Zwei ungleiche Brüder

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Zwei ungleiche Brüder

Von Bastian Salier

Karl Rudolph Brommy und Laurenz Hannibal Fischer

Wir Freimaurer nennen uns Brüder. Was uns eint, sind gemeinsame Werte wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Menschenliebe.
Zu allen Zeiten versammelten sich Brüder unterschiedlichster Herkunft und Ansicht in den Logen. Sie teilten gemeinsame Symbole und Werte, aber legten sie oft genug grundverschieden aus. Das ist bis heute so. Die diskrete Gesellschaft, wie die Freimaurerei auch bezeichnet wird, baut auf einem Fundament aus Vertrauen auf: Ein Bruder soll verschwiegen bewahren, was ihm ein anderer Bruder anvertraut. Ein Bruder ist dem anderen behilflich, richtet ihn auf. Streit um Religion und Politik soll vor den Türen der Loge bleiben, jeder Bruder soll versuchen, die noch so konträre Position eines anderen Bruders zu verstehen und auszuhalten. Im Tempel steht jeder in der Bruderkette, wie absonderlich ein anderer dessen Verhalten und Ansichten auch finden mag.
Und wie absolut unvereinbar manche Positionen von Brüdern sein mögen, zeigt dieses Beispiel aus der Geschichte.

Vielleicht war es ja gerade seine Herkunft vom platten Lande, ohne jegliche Anbindung an allzu große Gewässer, die ihn zur Seefahrt brachten. Geboren wurde Karl Rudolf Bromme am 10. September 1804 in Anger, heute ein Ortsteil von Leipzig. Seine Eltern verstarben früh; von seinem Vormund erhielt er die Einwilligung, Seemann zu werden. Da war Bromme gerade 14 Jahre alt.
Der junge Mann lernte sein Handwerk auf der Navigationsschule in Hamburg, heuerte alsbald auf der Brigg „Heinrich“ an und unternahm mit ihr seine erste Schiffsreise. Weil er kurze Zeit später auf verschiedenen US-amerikanischen Segelschiffen fuhr und zum Captain befördert wurde, änderte er seinen Nachnamen in die englische Aussprache und nannte sich ab sofort „Brommy“. Es folgten Jahre in chilenischen und brasilianischen Diensten, wobei es hierfür jedoch keine Belege gibt, bis Brommy schließlich eine große Karriere in der griechischen Kriegsmarine begann und die Hellenen in ihrem Unabhängigkeitskampf gegen die Türken und die Ägypter unterstützte. Mit 24 Jahren nahm er bereits als Fregattenkapitän an Kämpfen im Golf von Arta teil. In den Wirren der sich an den Unabhängigkeitskrieg anschließenden Machtkämpfe, die in einen Bürgerkrieg mündeten, kehrte Brommy nach Sachsen zurück, wo er bereits mit 28 Jahren seine Autobiografie verfasste, die unter dem Titel „Skizzen aus dem Leben eines Seemanns“ in Meißen erschien. Im selben Jahr, 1832, ging er erneut nach Griechenland, nachdem aus dem Wittelsbacher Prinzen Otto König Otto I. von Griechenland geworden war. Brommy befehligte erneut als Kapitän verschiedene Kriegsschiffe, war eine Zeit lang Hafenkommandant von Piräus und bemühte sich um die Einrichtung einer Marineschule.

Ein Bruder wird Oberbefehlshaber der deutschen Flotte

Am 14. Juni 1848 wurde auf Beschluss der Frankfurter Nationalversammlung eine deutsche Bundesflotte gegründet. Die Bemühungen der Revolutionäre von 1848, einen deutschen Nationalstaat zu schaffen, führten zu diesem Schritt. Aus Bundesmitteln und verschiedenen freiwilligen Beträgen wurden einige Kriegsschiffe finanziert.

Karl Rudolph Brommy, der sich bereits drei Jahre zuvor erfolglos um die Übernahme der preußischen Flotte beworben hatte, bot seine Hilfe beim Aufbau der deutschen Marine an und wurde über einige leitende Positionen schließlich 1849 zum Konteradmiral und damit zum Oberbefehlshaber bestellt.
Nachdem Dänemark aus dem Deutschen Bund ausgetreten war, hatte König Friedrich VII. am 19. April 1848 Deutschland den Handelskrieg erklärt, um seinen Forderungen im deutsch-dänischen Erbfolgestreit um den Besitz von Schleswig, Holstein und Lauenburg Nachdruck zu verleihen. Ohne eigene Marine wäre Deutschland bei einer Blockade der Nordseeküste durch die Dänen machtlos gewesen. Die angeschafften Schiffe, viele von ihnen heruntergekommen und vorher als Frachtsegler oder Postdampfer im Einsatz, mussten erst kampftauglich gemacht werden. Auch die Rekrutierung einer fähigen Mannschaft soll sich, den Berichten Brommys zufolge, schwierig gestaltet haben, da niemand freiwillig in den Krieg ziehen wollte, sodass für die höheren Mannschaftsgrade auch erfahrene belgische und britische Offiziere angeheuert wurden. Bereits nach kurzer Zeit kam es zur ersten Begegnung mit dem Feind, bei der die Deutschen eine Fregatte mit 46 Kanonen erbeuteten. Am 4. Juni 1849 standen sich die deutsche und die dänische Flotte zum einzigen Mal im entscheidenden „Seegefecht um Helgoland“ gegenüber. Nach einem kurzen Schusswechsel griffen die Engländer in die Schlacht ein, weil sie sich bedroht fühlten und nicht einsehen wollten, warum eine vollkommen neue selbsternannte Seemacht sich erdreistete, die Nordsee zu befahren. Auf Helgoland, zu dieser Zeit im Besitz der Britischen Krone, hatten die Engländer eine alte Kanone stationiert. In Ermangelung von wirksamen Geschossen sei sie mit Erdklumpen bestückt worden, erzählt die Legende. Die fliegenden Rasenstücke beendeten die kriegerische Auseinandersetzung. Brommy ließ das Feuer einstellen und ordnete den Rückzug an, woraufhin sich der erfahrene Seemann einigem Spott ausgesetzt sah.

Der Admiral resümierte in seinem Gefechtsbericht: „Endlich ist es der deutschen Flotte gelungen, einmal in See zu stechen – der Anfang war gut und ich habe den gerechten Grund zu hoffen, es werde stets besser gehen.“

Ein Bruder trägt die erste deutsche Flotte zu Grabe

Da es nach dem Scheitern der Nationalversammlung praktisch keine deutsche Regierung mehr gab, schrieben die Briten in einer Note an den Hamburger Senat, dieser möge die fremden Schiffe mit der unbekannten Flagge als die seinigen anzeigen, da man sich sonst genötigt sehe, sie wie Piraten zu behandeln. Später wurde in Berlin ein Friedensvertrag zwischen Dänemark und Deutschland unterzeichnet.

Das Schicksal der deutschen Nordseeflottille war symptomatisch für die Bemühungen der 1848er-Revolutionäre um die Bildung eines Nationalstaates. Aus Geldnot und wegen der fehlenden Anerkennung einer gesamtdeutschen Marine durch die anderen Seemächte beschloss der Bundestag auf Betreiben Preußens am 2. April 1852 die Wiederauflösung der Flotte. Weite Kreise bedauerten diesen Schritt außerordentlich, wurde an ihm doch die gesamte Misere besonders deutlich.

Dem früheren oldenburgischen Regierungspräsidenten Laurenz Hannibal Fischer jedoch gaben die unrühmlichen Ereignisse um die Flotte einen neuen Karriereschub. Am 7. April 1784 im kleinen sächsischen Residenzstädtchen Hildburghausen geboren, wurde er aufgrund seiner ministerialen Laufbahn ein glühender Gegner der demokratischen Bestrebungen des Vormärz.

Nach einer glänzenden Karriere in seinem Heimatland Sachsen-Hildburghausen, wo er 1823 zum Landrat bestellt wurde, wechselte er 1825 in weiser Voraussicht in die Beamtenschaft des Fürstentums Leiningen. Denn mit der bevorstehenden Vereinigung von Sachsen-Hildburghausen und Sachsen-Meiningen war sein Auskommen hier nicht mehr gesichert. Sechs Jahre später holte ihn der Großherzog von Oldenburg in seinen Dienst und ernannte Fischer zum Regierungspräsidenten des zu Oldenburg gehörenden Fürstentums Birkenfeld. Im Zuge der revolutionären Ereignisse des Jahres 1848 wurde auch das metternichsche Regierungssystem des Großherzogtums erschüttert. Der Landesherr gab in einigen Punkten den liberalen Forderungen der Bevölkerung nach und führte eine landständische Verfassung ein. Lediglich in dem von Fischer verwalteten Fürstentum Birkenfeld entstanden größere Unruhen. Während sich andere missliebige Staatsbeamte in aller Stille von ihren Ämtern zurückgezogen hatten, musste Fischer von der Bevölkerung im April 1848 unter Tumulten und mit Gewalt aus dem Amt gedrängt werden. Seither lebte er als Privatmann in Jena.

1852 erinnerte man sich an den Politiker im Vorruhestand und berief ihn zum Bundeskommissar für die Auflösung der deutschen Flotte. Der Unmut der Bevölkerung konnte sich wunderbar an seiner Person festmachen. Ausgerechnet dieser „versteckte Für­s­ten­hund“ und „Reaktionär reinsten Wassers“ – was noch die nobelsten Beschimpfungen waren – wurde als Totengräber der deutschen Nationalstaatsidee engagiert. Immerhin: seine ärgsten politischen Feinde hatten ihn bei der Nationalversammlung für dieses Amt vorgeschlagen, um ihn für alle Zeiten unmöglich zu machen.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 6-2020 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.