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Ein Werdender. Ein Suchender. Ein Dankbarer.

© anncapictures – pixabay.com

Von Michael Krakow

Freimaurerei und das „Erkenne dich selbst!“

„Gnothi seauton“. So heißt es griechisch. „Nosce te ipsum“. So auf Latein. „Erkenne Dich selbst“, so lautet bekanntermaßen der Imperativ über dem Eingang des Tempels des Apoll. Zugeschrieben wird der Spruch einem der sieben Ephoren von Delphi – Chilo von Sparta. Aber auch Heraklit kommt als Verfasser den Historikern in Betracht, schrieb dieser doch vor 2.500 Jahren: „Allen Menschen ist zuteil, sich selbst zu erkennen und verständig zu denken.“ Damit scheint die Forderung nach Selbsterkenntnis eine der ältesten und bis auf den heutigen Tag wichtigsten Aufgabenstellungen der Philosophie an jeden Einzelnen.

Sokrates urteilte: „Selbsterkenntnis gibt dem Menschen das meiste Gute, Selbsttäuschung das meiste Übel.“ Franz Kafka verdichtete dies in seinem Ausspruch: „Erkenne Dich selbst, um Dich zu dem zu machen, der Du bist.“ Demnach führt die Selbsterkenntnis nicht dazu, einen anderen Menschen aus sich machen zu wollen, sondern durch reflektive Entwicklung jenen zu befreien, der möglicherweise vor dem eigenen Bewusstsein klandestin darauf wartet. Sein inneres Selbst zu befreien, dürfte denn wohl auch schwieriger sein, als sich in jemand anderen verwandeln zu wollen, denn dazu reicht die Imitation, zu ersterem aber muss man sich selbst kennenlernen. Als Authentizität begrüßen wir dies heute gern. Eine mitunter lebenslange, raue Reise zum Kern des eigenen Ichs. Im Lehrlingsgrad ist es das Ziel, sich selbst zu erkennen: „Schaue in Dich!“ Der Gesellengrad verlangt vom Freimaurer mehr Umsicht. So lautet der Leitspruch des 2. Grades: „Schaue um Dich!“ Und dementsprechend legen wir hier häufig ein Augenmerk auf das Erkennen des Bruders, an seinem Zeichen, Griff und Wort wollen wir seine Würdigkeit einschätzen. Wir alle kennen die Antwort auf die Frage: „So bist Du ein Freimaurer?“

Eine Insel in der überlauten Welt

Was aber genau erkennen denn die Brüder? Meine Selbsterkenntnis, mein inneres Streben, meinen Grad der Vervollkommnung? Seien wir ehrlich, was wir aneinander erkennen, sind des anderen Handlungen, seine Worte, seine Taten. Andere Gedanken erkennen kann – so bleibt zu hoffen – wohl niemand. Das muss jeder selbst angehen, seine vielen Gedanken und Gefühle erkennen, lesen, deuten, verwerfen, anreichern, korrigieren, modifizieren, dies vermag nur ein jeder allein. Nicht aus dem Gebot der Maurerei allein, so bliebe es Mühsal aus Verpflichtung, sondern vielmehr aus eigenem Antrieb. Also bedingt, ein Freimaurer zu sein, möglichst vorurteilsfrei zu interpretieren, viel Vertrauen aufbringen zu können, sowohl dem Bruder, dem eigenen Bauchgefühl ihm gegenüber als auch der Belastbarkeit des von ihm im besten Falle verfolgten Ideals, sich stetig vervollkommnen zu wollen. Gerade diese Vervollkommnung, das erwünschte Streben nach Selbsterkenntnis, ist in der heutigen Zeit jedoch alles andere als einfach. Wir leben in einer zerstreuten, überlauten, überdrehten, überzogenen Welt, strampeln in einem Habitat der Zerstreuung, Ablenkung, der Anforderungen, Verpflichtungen, existenziellen Aufgaben, sozialer Verknüpfungen, aber auch überflüssigem Tand und mannigfaltigen Sinnesüberforderungen. Zudem ein stetiger Niederschlag an Nachrichten, Informationen, Fachwissen. Als wäre all dies nicht schon genug, schwappt zusätzlich die Flut an Kommerz und Konsum, sinnfreier Zeitvernichtung, Vergnügungsstress und alternativen Fakten. Ein anhaltend hoher Stresslevel. „Der moderne Mensch wird in einem Tätigkeitstaumel gehalten, damit er nicht zum Nachdenken über den Sinn des Lebens und der Welt kommt“, beklagte Albert Schweitzer einst zu Recht. In diesem nie endenden Strudel des Daseins also auch noch sich selbst erkennen zu sollen? Da ist der Hebel der Freimaurerei das probate Werkzeug, um sich zu finden, vielleicht sogar wiederzufinden, seine Motive neu zu entdecken, die Untiefen im eigenen Gemüt vorbehaltlos zu erforschen. Die Gesellschaft der Brüder bedeutet mir zunächst einmal eine ungeheuer wertvolle Pause von jenem Strudel, ein Ausstieg daraus. Ein Herunterschalten im Gemüt, dafür oftmals ein geistiges Hochschalten, mittels der Fokussierung auf Essenzielles, der Befassung mit Höherem, Philosophischem, Spirituellem, Kulturellem, Historischem, oft auch Edlerem, erhaben dem Alltäglichen. Punktuell eine innere Heimat mit und unter Gleichgesinnten zu bewohnen.

Das Überflüssige mit Akribie und Courage abschlagen

Etwas anderes Kostbares, über das Winkel und Zirkel aus meiner Sicht zudem gebieten, ist der Versuch von Reduktion an Eitelkeiten, persönlichen Wettbewerben, Statusgeklingel und dem allgegenwärtigen Tanz ums goldene Kalb. Hier in unserem Zeichen der Rose wartet wöchentlich eine Insel, auf der eine Melange aus spirituellem Empfinden, moralischer Bewusstwerdung, ethischen Leitplanken sowie nie versiegenden, etlichen, individuellen Strömen an Wissen für denjenigen zu finden ist, der das zu schätzen weiß. Ein reichhaltiger Schatz an individuellem Wissen. Und fast immer warten auch leidenschaftlich entfachte Wirbelwinde an kontroversen Diskursen, denn bei allem Streben nach Harmonie sind wir Brüder doch immer wieder auch emotional, irrational, streitbar und streitlustig. Meine Loge vermag mir allzu oft ein bunter Garten zu sein, in dem mein inneres Wachstum nach wie vor meine Entscheidung bleibt, jedoch optimale Bedingungen vorfindet. Ein Rückzugsort, der verlässlich die meisten Petitessen des Profanen draußen hält, symbolisch abgewehrt vom Schwert im Wellenschliff an des Tempels Pforte. Ein Refugium, am rauen Stein sich abzumühen, sich an dieser wiederkehrenden Arbeit zu erfreuen und an ihrer Unerfüllbarkeit zu leiden.

Mir fällt hier die großartige Antwort eines Bildhauers ein, der auf die Frage, wie er seine Kunstwerke erschaffe, vergnügt erklärte: „Oh, das ist ganz einfach, ich schlage einfach alles an dem Stein fort, was nicht zur Skulptur gehört.“ Manches Mal denke ich, so einfach ist es in der Tat. Um die Essenz freizulegen, muss viel Überflüssiges mit Akribie und Courage fortgeschlagen werden. Wichtig dabei ist stets die Qualität des Freigelegten, nicht die Dauer der Arbeit. Durch Übereifer kann auch unabsichtlich beschädigt werden, was zum Kern, somit bewahrt gehört. Wer ein Ziel im Fokus hat und langsam darauf zugeht, erreicht erheblich mehr als jener, der ohne Kompass hektisch umherirrt. K‘ung Qiu erkannte „Es spielt keine Rolle, wie schnell Du gehst, solang Du nicht stehen bleibst.“ Im Kyudo, dem japanischen Bogenschießen, lautet der Schlüssel zum Erfolg: „Erst wenn der Bogenschütze aufhört, an das Treffen des Zieles zu denken, kann er seine ganze Kunst entfalten.“

Blinkender Zierrat ist kein Zeichen von Erkenntnis

Dieses Credo behindert auch in der Freimaurerei eine falsche Form von Ehrgeiz, es gibt keine Orden für das Erlangen von persönlichen Erkenntnisstufen. Die Freimaurerei ist kein Contest, keine Casting-Show, kein Schützenverein, sie bietet kaum eine wirkmächtige Hierarchie, keine außenwirksame Opulenz. Die Aufwertung des Ichs findet in der Bauhütte keinerlei Surrogate, alles bleibt auf ewig eine innere Arbeit ohne Ruhm. Ein jeder Bruder bleibt auf diese kluge Weise ein Item eodem, ein Gleicher unter Gleichen. Und selbst der noch so reich behängte und üppig beschürzte Bruder, auch der nach Rangfolge vorgeblich am hellsten leuchtende Stern gilt letztlich doch nur als Primus inter pares, ein Erster unter Gleichen. Und genau das macht die Sache aus, keine eitle Selbstdarstellung soll ablenken von der Selbsterkenntnis. Befreit man nämlich die Iris im Fokus des all sehenden Auges von allem funkelndem Zierrat, goldenen Schurzsäumen, blinkenden Abzeichen am Revers, unterschiedlichen Höhen der Stuhllehnen, den an Metaphorik reichen Ritualen, gestrengen Zeremonien, welche in Summe als Rahmen einen großen Wert besitzen, bleibt in der Struktur des großen Bauwerks doch immer wieder das Kleinste, worauf sich der Prunkbau nach wie vor stützt: der einzelne zu behauende Stein. Vielleicht sogar der Schlussstein, der den imposanten Kreuzbogen stabil hält. Dadurch gilt noch heute, was immer galt: Zurückgeworfen auf sich selbst, allen Metalls beraubt, die eigene Vervollkommnung anzustreben. Denn nur in der Stille hört man die eigene Stimme im Innern klar.

In seinem Werk „Inmitten der Brombeerhecke“ beschreibt der Verfasser Br. Gerd Scherm, wie im Dilemma selbst die Antwort eingefügt ist:

Wie ihn finden, im Steinbruch des Seins,
diesen einzigen, diesen wirklichen,
diesen Stein, der ich selbst bin? Wie ihn bearbeiten,
in der Werkstatt des Lebens, diesen Grundstein,
diesen Schlussstein, dieses Leben, das meines ist?
Durch die innere Welt zu reisen, um in der äußeren zu bestehen.
Die Kraft der Werkzeuge nutzen, um selbst zur Kraft zu finden.
Um einer Arbeit willen, von der ich weiß, dass sie niemals endet.

Die Arbeit am rauen Stein ist das Ziel

Erkenne Dich selbst, ist also als Weg ohne Abschluss zu begreifen. In Anerkenntnis dessen heißt es bei uns herrlich bescheiden: „Ich habe mich bemüht.“ In genau dieser Bescheidung mag die Vervollkommnung liegen. So wie Ciceros Weisheit sich seiner Verweigerung dessen erweist: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Dieser raue Stein wird niemals perfekt geglättet sein, die stete Arbeit daran ist das Entscheidende. Dies Geheimnis scheint zu begreifen, wer erkennt, dass das große Ziel lediglich als Orientierung seine Funktion hat, so wie der Horizont vom Segler nie erreicht werden kann, jedoch von ihm angestrebt werden muss, um das Boot auf Kurs auf neue Küsten, somit in Bewegung zu halten. Dies muss er in Gelassenheit und Fokussierung bewerkstelligen. Zielorientiert, doch ohne viel Lärm.

Ein Jüngling fragt bei einem alten Mönch nach, von ihm als dessen Schüler aufgenommen zu werden. Nach einer längeren Unterhaltung der beiden schließlich stimmt der Mönch zu. Der Adept fragt den Meister, wie lang wohl seine Ausbildung dauern würde. Etwa fünf Jahre lautet die Antwort. Da sprüht der Junge voller Begeisterung und ruft euphorisch: „Meister, ich werde jeden Tag mit voller Kraft mein Bestes geben!“ Daraufhin seufzt der Alte und murmelt: „In diesem Fall wird es wohl zehn dauern.“ So lautet denn seine erste Lektion an ihn: „So fürchte jenen, der Weisheit gefunden glaubt; halte Dich an jene, die sie suchen.“

Meine Erhebung liegt zurück, der Meistergrad ist erreicht. Und dennoch werde ich auch danach in vollem Bestreben daraus wohl ein Unwissender bleiben. Denn wie verlangte es der Freimaurer Goethe von uns: „Bist Du in einem Fach ein Meister geworden, so sollst in einem weiteren Du sogleich ein Schüler werden. Denn nur ein Werdender wird immer dankbar für Erkenntnis sein.“ Und das will ich bleiben. Ein Werdender. Ein Suchender. Ein Dankbarer. Einfach ein Bruder unter Brüdern. Mit noch sehr viel freiem Raum für Selbsterkenntnis unter dem hohen Hut.

Dieser Beitrag stammt aus dem Heft 4-2022 der HUMANITÄT, dem deutschen Freimaurer-Magazin. Das Heft kann bei der Kanzlei abonniert werden.

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