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Jeder Mensch

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Sechs neue zusätzliche Grundrechte in Europa: Denkanstöße von Ferdinand von Schirach. Vorgestellt von Ferdinand Rosenbauer.

Von Ferdinand Rosenbauer

Im Frühjahr 2021 betrat ich eine Darmstädter Buchhandlung, um nach einem geeigneten Geburtstagsgeschenk Ausschau zu halten. An der Eingangstür fiel mir auf der Glasscheibe ein Plakat ins Auge, dessen Text mich auf den ersten Blick sofort faszinierte. „Warum wir neue, zusätzliche Menschenrechte brauchen. Welche Gesellschaft wünschen wir uns? Denkanstöße von Ferdinand von Schirach.“ Ich erwarb das Büchlein und verschlang es voller Begeisterung. Ich erinnerte mich beim Lesen des Buches daran, dass zahlreiche Freimaurer seinerzeit Mitgestalter der Amerikanischen Verfassung und der Menschenrechte waren und stellte mir die Frage, warum sollten wir Brüder uns nicht heute ebenfalls mit dem Thema auseinandersetzen und versuchen, vielleicht sogar einen kleinen aktuellen Beitrag zur Weiterentwicklung der Menschenrechte in Deutschland, in Europa zu leisten.

Zugegeben, ein ehrgeiziger Gedanke.

Die aktuellen Menschenrechte in Deutschland:

Die Menschenrechte sind in Deutschland derzeit in 30 Artikeln des Grundgesetzes verankert. Seine seinerzeit überwiegend männlichen Verfasser kannten weder das Internet noch die sog. Sozialen Medien. Sie wussten nichts von der Globalisierung, der Macht von Algorithmen, der künstlichen Intelligenz und dem Klimawandel. Die Gefahren, denen wir heute ausgesetzt sind, waren damals noch nicht einmal zu erahnen. Und hier setzte die Menschenrechtsorganisation „Jeder Mensch e.V.“ mit einer Petition ein. Ihr folgend formulierte der populäre Ferdinand von Schirach seinen politischen Vorstoß „Jeder Mensch“. Von Schirachs Vision: Ein Verfassungskonvent soll in absehbarer Zeit die Charta der Grundrechte der Europäischen Union von 2009, verfasst bereits im Jahre 2000, erweitern, erneuern. Um einen Verfassungskonvent einzuberufen, braucht man nur eine einfache Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten und das scheint realistisch.

Er formulierte in Ergänzung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, der Europäischen Menschenrechtskonvention von 1953, und der Charta der Grundrechte der Europäischen Union von 2009 sechs neue Grundrechte. Kurz und knapp formuliert, verständlich. Grundsätze, keine Details.

Von Schirachs Grundrechte sind naiv und mögen auf den ersten Blick utopisch erscheinen. Er stellte sie mit seinem blauen Büchlein zur allgemeinen Diskussion. Und animiert, die Initiative zu unterstützen.

Artikel 1: Umwelt

Jeder Mensch hat das Recht, in einer gesunden und geschützten Umwelt zu leben.

Artikel 2: Digitale Selbstbestimmung

Jeder Mensch hat das Recht auf digitale Selbstbestimmung. Die Ausforschung oder Manipulation von Menschen ist verboten.

Artikel 3: Künstliche Intelligenz

Jeder Mensch hat das Recht, dass ihn belastende Algorithmen transparent, überprüfbar und fair sind. Wesentliche Entscheidungen muss ein Mensch treffen.

Artikel 4: Wahrheit

Jeder Mensch hat das Recht, daß Äußerungen von Amtsträgern der Wahrheit entsprechen.

Artikel 5: Globalisierung

Jeder Mensch hat das Recht, daß ihm nur solche Waren und Dienstleistungen angeboten werden, die unter Wahrung der universellen Menschenrechte hergestellt und erbracht werden.

Artikel 6: Grundrechtsklage

Jeder Mensch kann wegen systematischer Verletzung dieser Charta Grundrechtsklage vor den Europäischen Gerichten erheben.

Heute müssen wir wieder, so postuliert es von Schirach, über unsere Gesellschaft entscheiden – nicht wie sie ist, sondern so, wie wir sie uns wünschen. Genau jetzt ist der richtige Zeitpunkt. „Ist das nicht die eigentliche Aufgabe unserer Zeit?“, fragt er. Manche werden nun nach dem Gelesenen, so formuliert es von Schirach selbst, sagen, diese sechs neuen, zusätzlichen Rechte seien zu einfach, zu unpräzise, zu unausgereift, sie hätten keine gesetzlichen Verfahren durchlaufen, Experten seien nicht gehört worden, und nie hätte eine Kommission darüber entschieden. Andere werden einwenden, man bräuchte überhaupt keine neuen Rechte, das alles gebe es bereits in Ansätzen, und man käme mit dem zurecht, was man schon habe.

Zum Schluss meiner Präsentation frage ich mich, was können wir Brüder mit diesem Vorschlag, mit dieser Thematik anfangen? Der erste Schritt ist, die Idee aufzugreifen, die Thematik in den Arbeitskalender aufzunehmen und sich mit seinem Vorschlag auseinanderzusetzen, ihn zu verstehen. Der zweite Schritt ist, persönlich für die vorgeschlagenen neuen Grundrechte zu stimmen. Wie? Ganz einfach: Durch Aufruf der Webseite www.jeder-mensch.eu und anschließend einen Klick oder, ganz modern, durch Nutzung des QR Scanners im Büchlein. Es ist auch möglich, dort einen persönlichen Kommentar abzugeben. 300.000 Unterstützer sind das Ziel, um politisch auf der politischen Ebene aufzutreten. Der aktuelle Stand der Unterzeichner steigt täglich im Hunderterbereich.

Ergänzend ein paar Anmerkungen zum Autor Ferdinand von Schirach: Von Schirach wurde am 12. Mai 1964 in München geboren. Er lebt in Berlin. Der Spiegel nannte Ferdinand von Schirach einen »großartigen Erzähler«, die New York Times einen »außergewöhnlichen Stilisten«, der Independent verglich ihn mit Kafka und Kleist, der Daily Telegraph schrieb, er sei »eine der markantesten Stimmen der europäischen Literatur«. Die Erzählungsbände »Verbrechen«, »Schuld« und »Strafe« sowie die Romane »Der Fall Collini« und »Tabu« wurden zu millionenfach verkauften internationalen Bestsellern. Sie erschienen in mehr als vierzig Ländern. Sein Theaterstück »Terror« zählt zu den weltweit erfolgreichsten Dramen unserer Zeit. Ferdinand von Schirach wurde vielfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Zuletzt erschienen von ihm sein persönlichstes Buch »Kaffee und Zigaretten«, das Theaterstück »Gott«, der Band »Trotzdem« (mit Alexander Kluge) sowie »Jeder Mensch«, sein inspirierendes Plädoyer für neue Menschenrechte. Er ist Jurist, Schriftsteller, Hörbuchsprecher und Dramatiker.

Bekannt wurde er auch als Strafverteidiger u.a. in den sog. Mauerschützenprozessen. Im Fernsehen zeigt er spektakuläre Kriminalfälle mit einzigartigen Schicksalen auf. Bekannt ist er auch für seine markanten Thesen. Etwa: „Jeder kann zum Mörder werden“, oder „Die Würde ist antastbar“. Er berichtete über seine eigenen Missbrauchs-Erfahrungen am von Jesuiten geführten Kolleg St. Blasien in der Schweiz.

Von Schirach hat prominente Vorfahren.  Sein Großvater Baldur von Schirach. (1907 – 1974) gehörte als Reichsjugendführer 1946 zu den 24 im Nürnberger Prozess angeklagten Hauptkriegsverbrechern und wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt. Sein Enkel Ferdinand brach mit ihm und seiner Großmutter bereits in jungen Jahren und warf ihm Verrat vor an allem, wofür die Vorfahren gekämpft hätten. Von Schirach hat einen weiteren prominenten Vorfahren, den US-Amerikaner Arthur Middleton (1742 – 1786).  Dieser war Mitunterzeichner der Unabhängigkeitserklärung der USA von Großbritannien im Jahre 1776 und damit einer der Gründungsväter der USA. Im Jahre 1782 war er aktiv beteiligt beim Entwurf des uns bekannten amerikanischen Staatswappens mit dem Weißkopfseeadler.

Ergänzend ein paar Anmerkungen zu den Menschenrechten: Mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1776 und der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte 1789 in Frankreich wurden die Grundsteine für unsere moderne Gesellschaft gelegt, für unsere Freiheit und unsere unveräußerlichen Rechte. Das Erstaunliche an diesen Deklarationen ist, dass sie nicht die Wirklichkeit widerspiegelten. Die großen Manifeste der Menschheit verlangten eine Ordnung der Gesellschaft, die es noch nicht gab. Es waren Utopien. Heute stehen wir vor ganz neuen Herausforderungen. Globalisierung, Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Klimawandel: Die Gefahren, denen wir heute ausgesetzt sind, waren vor 200 Jahren noch nicht einmal vorstellbar.

Wir brauchen deshalb in Europa, so von Schirach, neue, sechs zusätzliche Menschenrechte.

 

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