Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (AFuAMvD)

Müßiggang ist aller Laster Anfang

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Mit der Weihnachtszeit folgen für viele eine Reihe von freien Tagen. Eigentliche Zeit für Müßiggang.

Von Ulrich Felsmann

„Müßiggang ist aller Laster Anfang!“ Der Volksmund ist da völlig klar und eindeutig: so etwas ist schlecht, für Christen sogar ganz dicht an einer Todsünde, nämlich der Faulheit. Die Bibel sagt dazu: „Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh an ihr Tun und lerne von ihr! Wenn sie auch keinen Fürsten noch Hauptmann noch Herrn hat, so bereitet sie doch ihr Brot im Sommer und sammelt ihre Speise in der Ernte.“ (Sprüche 6, 6-8)

Mit Erholung an sich kommt die Kirche aber gut zurecht: „Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil Er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Er geschaffen und gemacht hatte.“ (Genesis 2, 2f.). Ruhe nach vollbrachter Arbeit ist der Bibel also durchaus ein hohes Gut. Das Nichtstun als solches ist aber, na ja, sagen wir mal: umstritten. Im 19. Jahrhundert hat Georg Büchner eine Einstellung beschrieben, der wohl kaum jemand Beifall klatschen würde. In Leonce und Lena ließ er seinen Valerio sagen: „Herr, ich habe die große Beschäftigung, müßig zugehen; ich habe eine ungemeine Fertigkeit im Nichtstun; ich besitze eine ungeheure Ausdauer in der Faulheit. Keine Schwiele schändet meine Hände; der Boden hat noch keine Tropfen von meiner Stirne getrunken; ich bin noch Jungfrau in der Arbeit, und wenn es mir nicht der Mühe zu viel wäre, würde ich mir die Mühe nehmen, ihnen diese Verdienste weitläufiger auseinanderzusetzen.“ Von der Ameise, die instinktiv und roboterhaft einfach immer nur rackert, hin zu Valerio gibt es also einen großen Spannungsbogen und viel Konfliktpotenzial.

In den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts wurde bei uns das Wirtschaftswunder zelebriert. Es ging steil bergauf mit Arbeit, Einkommen und Wohlstand. Alle schienen zufrieden, aber zum 1. Mai 1963, dem Tag der Arbeit, hat Heinrich Böll ein wenig gestichelt mit seiner „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“, die er für eine Sendung des Norddeutschen Rundfunks schrieb:

Ein Tourist kommt in einen verschlafenen Hafen und macht Fotos, wodurch er einen dösenden Fischer aufweckt. Sie kommen ins Gespräch, und der Tourist erfährt, dass der Fischer am frühen Morgen bereits auf See war und mit seinem heutigen Fang sehr zufrieden ist. Der Tag ist noch jung, und der Tourist begreift nicht, wie der Fischer für den Rest des Tages die Beine hochlegen kann. Mit steigender Erregung beschreibt er seine Vision, was der Fischer alles erreichen könnte, wenn er nur fleißig und unablässig daraufhin arbeiten würde. Er müsste einfach wieder und wieder rausfahren, bald könnte er einen Motor für sein Boot finanzieren, dann ein zweites Boot, ja eine ganze Flotte und mit der eigenen Vermarktung des Fisches würde er ein Vermögen verdienen. Damit könnte er sich dann zur Ruhe setzen, bräuchte nicht mehr zu arbeiten und könnte sein Leben genießen. Die schlichte Antwort lautet: „Aber das tue ich schon jetzt, ich sitze beruhigt am Hafen und döse, nur das Klicken ihres Fotoapparates hat mich dabei gestört.“

„Faulheit“ ist natürlich ein relativer Begriff, mir z. B. gefällt die folgende Betrachtungsweise:

Faulheit ist der Gegenbegriff zu blindem Aktionismus. Das wird mit fleißig gleichgesetzt, bedeutet schlussendlich aber oft nur viel Aufwand für wenig Nutzen. Evolutionär betrachtet also ein klarer Misserfolgs-Faktor. Wir sind keine Roboter, dafür konzipiert, pausenlos, unermüdlich und immer den gleichen Einsatz zu erbringen. Kreativität und Fortschritt erwachsen nicht allein aus fleißigem Arbeiten. Thomas Alva Edison ist uns allen bekannt als erfolgreicher Erfinder, der unser Leben durch Elektrifizierung und elektrisches Licht nachhaltig verändert hat. Er hat sehr einfach, aber treffend, beschrieben, was dafür zusammenkommen muss: „Genialität ist ein Prozent Inspiration und neunundneunzig Prozent Transpiration“. Die notwendige Arbeit könnte man vielleicht noch erzwingen, Inspiration aber ist von Ameisen nicht zu erwarten.

Es gibt Menschen, die haben viele gute Ideen, setzen sie aber nicht um – das wird auf Dauer problematisch. Noch problematischer allerdings sind die Menschen, die keine guten Ideen haben, aber alles kraftvoll umsetzen. Fleißige Arbeiter, die oft als Macher bewundert werden – aber allzu leicht führt blinder Aktionismus zu destruktiver Höchstleistung, die mehr beschädigt, als Positives bewirkt. Da neige ich dann eher zu dem immer öfter propagierten Spruch: arbeite lieber smart als hart.

Was könnte nun eine freimaurerische Haltung sein? Das ständige Arbeiten am eigenen rauen Stein ist schließlich eine Verpflichtung, die wir uns allen immer wieder auch im Ritual bewusst machen. Der Versuch der eigenen Vervollkommnung ist zwar ein lebenslanger Prozess, aber das Ritual hält uns auch den 24-zölligen Maßstab vor Augen, der uns auffordert, die 24 Stunden des Tages und unsere Lebenszeit, mit Weisheit einzuteilen. Und besonderes Augenmerk gebührt dabei dem Umstand, dass nicht alle Menschen das gleiche Zeitmaß haben. Die Einteilung meiner Zeit ist also nur dann weise, wenn sie es ermöglicht, erfolgreich an meiner Vervollkommnung zu arbeiten. Gelingt mir das nicht, wird meine Mühe vergeblich sein.

Spätestens hier kommt jetzt die Muße ins Spiel, also die Zeit, die ein Mensch nach eigenem Wunsch nutzen kann. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes im Alt- und Mittelhochdeutschen kann umschrieben werden mit Gelegenheit oder Möglichkeit. Müßiggang bezeichnet dementsprechend das Aufsuchen der Muße, ohne Stress und ohne Belastung, entspannt und frei von Pflichten. Das kann auch reines Nichtstun bedeuten, wie es zum Beispiel bei Meditation den Anschein hat. Wer daran interessiert ist, dem empfiehlt sich ein
Yoga-Kurs oder das Gespräch mit einem Buddhisten. Auch das religiöse Gebet könnte man als Meditation bezeichnen. Grundsätzlich ist Religion aber weder notwendig noch ausschlaggebend, um zu meditieren. Eigentlich ist nicht mehr notwendig, als ein
Meditationsobjekt, auf das man sich konzentriert, etwa den Atem. Wenn man abschweift, kehrt man dahin zurück. Das ist alles, wirklich falsch machen kann man nichts. Entspannte Aufmerksamkeit ohne sich anzustrengen – so könnte man den Zustand
beschreiben, der dann Abstand zu den alltäglichen Sorgen herstellt und zur Erholung beiträgt.

Im Gegensatz zur Muße, die dem Menschen willkommen sein sollte, wird Langeweile als unangenehm und unlustvoll empfunden. Kinder und Jugendliche haben oft ein Problem damit: sie langweilen sich, weil sie nichts mit ihrer Zeit anzufangen wissen. Etwas zugespitzt könnte man sagen, die Spaßgesellschaft erzeugt Langeweile als Antwort auf ein überbordendes Angebot aus Dekadenz und Völlerei. Und Langeweile ist auch nicht ganz ungefährlich: zum einen kann leichtsinniger Aktionismus daraus entstehen – man macht eben irgendwelchen Blödsinn. Zum anderen kann sie zu Depressionen führen, wenn sie mit einer Unfähigkeit zur Selbstbeschäftigung zusammen trifft.

So gesehen, leben Menschen vielfach schlechter als Tiere. Auch wenn die Tierwelt sicherlich keine Idylle ist: Löwen können stundenlang im Schatten hoher Bäume auf der faulen Haut liegen. So viel zum König der Tiere … uns wurde so etwas ausgetrieben. Früher konnte man noch die Müßiggänger in den Kaffeehäusern antreffen, wo sie ganze Tage mit Gleichgesinnten weg geplaudert haben. Die Kaffeekränzchen älterer Damen wurden viel belächelt, waren aber eigentlich informelle Treffen von Lebenskünstlerinnen. Heute verleitet eine fragwürdige Lebensphilosophie die meisten Menschen dazu, pausenlos aktiv zu sein.

Das Problem besteht genau in diesem „pausenlos“, also immer gleich und ohne Unterschied. So, als würde unser musivisches Pflaster durchgehend weiß gezeichnet, oder eben schwarz. Aber erst das Gegensatzpaar schwarz und weiß steht für die Polarität als Garant für Bewegung und Entwicklung und damit als Sinnbild für den Code des Lebens. Die Welt wird eben nicht nur durch Aktion bewegt, selbst Großes kann durch Nichtstun erreicht werden: Ghandi hat seine Landsleute im Kampf um die Unabhängigkeit Indiens zu zivilem
Ungehorsam aufgefordert. Viele Inder haben einfach nicht mehr das getan, was die Kolonialmacht von ihnen verlangte, oder nur noch mit geringstem Einsatz. Erfolgreich war nicht Gewalt oder Aktion, sondern das Gegenteil: Der entscheidende Faktor war Nichtstun.

Lasst uns das Nichtstun, den Müßiggang also nicht gering schätzen. Viele kennen es aus der Bibel, mir haben es die Puhdys ins Ohr gelegt, mit ihrem Lied „Wenn ein Mensch lange Zeit lebt“:

Jegliches hat seine Zeit,
Steine sammeln,
Steine zerstreu’n,
Bäume pflanzen,
Bäume abhau’n,
Leben und sterben und Streit.

Eine Antwort

  1. Herzlichen Dank für dieses Erinnern an folgende Sammlung. Ich könnte es nicht besser erklären.

    1 Nimm dir Zeit zum Arbeiten.
    Das ist der Preis für den Erfolg
    2 Nimm dir Zeit zum Nachdenken.
    Das ist die Quelle der Kraft
    3 Nimm dir Zeit zum Spielen.
    Das ist das Geheimnis der Jugend
    4 Nimm dir Zeit zum Lesen.
    Das ist das Fundament des Wissens
    5 Nimm dir Zeit für die Andacht.
    Das wäscht den irdenen Staub von den Augen.
    6 Nimm dir Zeit für deine Freunde.
    Das ist die Quelle des Glücks.
    7 Nimm dir Zeit zum Lieben.
    Das ist das einzige Sakrament des Lebens.
    8 Nimm dir Zeit zum Träumen.
    Das zieht die Seele zu den Sternen hinauf.
    9 Nimm dir Zeit zum Lachen.
    Das ist die Erleichterung,
    welche die Bürde des Lebens tragen hilft.
    Nimm dir Zeit zum Planen.
    Dann hast du auch Zeit für die ersten 9 Dinge.
    Aus Irland
    Im Rahmen von Zeitplanseminaren ca. 1990 wurden zum ersten Mal die Verse nahegebracht:
    Nimm dir Zeit zum Arbeiten. Das ist der Preis für den Erfolg…..bis Nimm Dir Zeit zum Planen, dann hast Du Zeit für die ersten 9 Dinge.
    Der Vers 7 lautet: Nimm Dir Zeit zum Lieben. Das ist das einzige Sakrament des Lebens

    Die Zeiten, wo man anfängt die Regeln zu studieren, wie es andere Zeiten gemacht haben, daß sie es so weit brachten, sind böse Zeiten. Die besten Köpfe werden entsetzlich belesene, bleiche, schwindsüchtige Stubensitzer, anstatt gut verdauende, frische Erfinder zu sein.
    Georg Christoph Lichtenberg
    (1742 – 1799), deutscher Physiker

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