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Zuversicht – trotz alledem

Foto: chones / envatoelements

In diesen Tagen fliegen uns die Hiobsbotschaften aus allen Ecken der Welt in nie gekannter Frequenz um die Ohren. Die Aufgeregtheit kurzatmiger Welterklärer, ignoranter Besserwisser, dubioser Heilsbringer und neunmalkluger Krisengewinnler mit Fokus auf dem eigenen Vorteil bestimmen den mittlerweile hysterischen Ton in den öffentlichen Diskursen.

Von Karl-Heinz Hofacker

Abwägender Sachverstand, strategische Weitsicht, „kühler Kopf“ und „klarer Kurs“ können sich demgegenüber kaum Gehör verschaffen. Nie dagewesene Hochleistungsmedien gestatten kein Entkommen, Hoffnungslosigkeit bis zu depressiven oder zynischen Endzeitstimmungen sind die Folge. In dieser Gemengelage droht eine menschliche Eigenschaft, oder, besser gesagt, eine menschliche Kultur- und Zivilisationstechnik in Vergessenheit zu geraten, die uns Menschen, seit wir vom Baum gestiegen sind und gelernt haben, unseren Verstand zu gebrauchen, buchstäblich das Überleben gesichert hat: die Zuversicht. Der Zuversicht widme ich diesen Beitrag.

Der Philosoph Karl Popper hat einmal sinngemäß bemerkt, es gebe keine vernünftige Alternative zum Optimismus. Nun steht mir kleinem Licht nicht zu, an einem der größten Denker des 20. Jahrhunderts herumzukritteln. Dennoch möchte ich hier für den Rest meiner Betrachtungen eine Unterscheidung zwischen Optimismus und Zuversicht einführen.

Der Optimist glaubt bedingungslos daran, dass alles gut wird, egal, ob er dazu beiträgt oder nicht. Optimismus nimmt für sich genommen nicht in die Pflicht zur Mitarbeit und verführt so dazu, Probleme auszublenden. Blinder Optimismus programmiert Scheitern und Enttäuschung und trocknet so seinen eigenen Nährboden aus. Das ist in unserer Gesellschaft ein größeres Problem, als man vermuten könnte. Der „American Dream“, das „Jeder-kann-es-schaffen“-Mantra, das die westlichen Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg zu so etwas wie einer Staatsräson erhoben haben, führt beinahe zu einem Zwang zum Optimismus; jeder Tellerwäscher muss jederzeit den Traum vom Millionär träumen, und jeder an Krebs Erkrankte hat gefälligst positiv zu denken. Beides ist unmenschlich.

Die Zuversicht hingegen ist der Optimismus des Tätigen, der aktiv versucht, die Dinge in die nach bestem Wissen und Gewissen für richtig erkannte Richtung zu lenken. Erst aktive Mitarbeit an der Lösung von Problemen führt zu umfassendem Problembewusstsein, und nur das taugt als solide Grundlage für Hoffnung. Ein Mensch, der Zuversicht gewinnen will, darf keinesfalls der Versuchung erliegen, Missstände und Bedrohungen zu übersehen oder klein- oder schönzureden. Schon Kant ging es in einer seiner drei Kardinalfragen der Philosophie, nämlich in „Was darf ich hoffen?“, um Hoffnung, die vor der Vernunft bestehen kann.

Soll er nicht auf das Abstellgleis blauäugigen Optimismus in Wolkenkuckucksheim führen, muss der Weg zur Zuversicht also mit einem schonungslosen Blick auf die Bedrohungslage anfangen. Bringen wir es – in kurzer Form – hinter uns:

Über Krieg, Aggression, Hunger, Menschenrechtsverletzungen und die Bedrohung der Demokratie brauche ich an dieser Stelle nichts zu sagen, wir alle sehen jeden Tag die Nachrichten. All diese akuten Probleme verdecken, wie wir wissen, das eine Monsterproblem, den finalen Endgegner sozusagen: Der Klimawandel erzwingt einen Ausstieg aus der Verbrennung fossiler Energien und eine friedliche und gerechte Überwindung unserer wachstumsabhängigen Wirtschaftsordnung – dafür gibt es in Philosophie, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften bisher keinerlei tragfähige Konzepte.

Zu den Missständen in der Welt gehören schlussendlich auch – und nicht zuletzt! – unser aller eigenen vielen kleinen Lebenslügen, mit denen wir unsere Bequemlichkeit schützen. Nur ein Beispiel: Selbstredend ist für ein 2-Tonnen-Auto die doppelte Beschleunigungsarbeit zu leisten, verglichen mit einem Auto, das nur eine Tonne wiegt, also fallen doppelter Energieaufwand und doppelter Bremsabrieb an. – Unser hoher Bildungsstandard sollte uns hier Verpflichtung sein.

Soweit also die düstere Lage, die festzuhalten, wie zuvor erwähnt, Zuversicht erst ermöglicht. Andererseits macht dieser beklemmende Befund natürlich Angst und verhindert so selbst erst einmal jede Zuversicht. Wie können wir diese Angst überwinden? Hier hilft ein Blick auf die seltsame Psychologie von uns Menschen. Die nämlich ist so verfasst, dass wir uns schnell an ein hohes Niveau gewöhnen, das aber rasch für selbstverständlich halten und ein Ausbleiben weiterer Verbesserungen dann schnell als Rückschritt deuten. Was die Glückshormone köcheln lässt, ist lediglich der kurze Moment, in dem eine deutliche Steigerung des Niveaus spürbar ist – die erste Ausfahrt mit einem neuen Auto beispielsweise. Der aber ist nur kurz und nicht nachhaltig und mündet auf der dritten oder zehnten Fahrt zur Arbeit schnell wieder in die alte Unzufriedenheit. Umgekehrt führt jede schlechte Nachricht unterschwellig zu Panik, denn Negatives halten wir instinktiv für wichtiger als Positives. Diese psychologischen Effekte führen uns immer wieder in die Irre, lassen uns die Lage schlechter sehen, als sie ist, und schüren so unsere Angst. Unsere Urteile und Einschätzungen gewissenhaft jenseits der Unzulänglichkeiten unseres Hirns zu treffen, hilft uns, unsere Angst zu überwinden und Missstände auszuhalten. Dann sehen wir das Ganze im Zusammenhang und stellen fest: im Schnitt ist die Lage der Gesellschaften auf der ganzen Welt und der meisten Menschen darin historisch gesehen nach wie vor besser denn je – auch wenn wir nicht daran vorbeisehen dürfen, dass Millionen Menschen auf der Welt leiden.

Gewissenhaftigkeit im Urteil ermöglicht uns also einen unverstellten Blick auf unser Dasein. Wir sehen: Wir alle leben in würdigen räumlichen Verhältnissen, haben es warm und trocken, können uns angemessen kleiden und gut und gesund ernähren. Wir profitieren von der enormen, historisch beispiellosen Qualität unserer medizinischen Versorgung, die uns in vielen Fällen Leiden erspart und Lebensqualität beschert. Da ist der immer noch vorhandene, historisch beinahe ebenso beispiellose soziale Friede in unserer freien Gesellschaft mit all den Möglichkeiten demokratisch verbriefter Teilhabe und ihrer fein austarierten Balance der Gewaltenteilung. Da sind die Meinungsfreiheit und die Möglichkeiten, uns vielseitig und umfassend zu informieren. Da ist eine trotz allem über Jahrzehnte in Europa gewachsene Völkerverständigung, die auch sogenannte Erbfeindschaften wie die zwischen Frankreich und Deutschland überwunden hat, und die Grundlage ist für eine in vielen entscheidenden Fragen doch überraschend oft einige Europäische Gemeinschaft – und übrigens sind wir Menschen in Europa uns oft weit einiger als unsere Politiker. Und diese Staatengemeinschaft bringt immerhin das politische Gewicht auf, weltweite Entscheidungen im Sinne rationaler Vernunft und demokratischer Werte mitzubeeinflussen. Und da ist nicht zuletzt eine Jugend, die großenteils weltweit die Problematik des Klimawandels und der Ressourcenknappheit weit stärker verinnerlicht hat und ein viel entspannteres und aufgeklärtes Verhältnis zu materiellem Besitz hat als zum Beispiel ich alter Sack das in den blauäugigen 1970er und 1980er Jahren noch „gelernt“ habe.

Diese Auflistung all der schönen Dinge auf der Habenseite unseres Daseins ist naturgemäß unvollständig. Unserem wachen Auge darf außerdem nicht entgehen, dass einzelne dieser Gegebenheiten und Umstände in unserer Gesellschaft konkreten Bedrohungen ausgesetzt sind. Dennoch wird etwa deutlich, dass der von interessierter Seite immer wieder als Menetekel an die Wand gemalte Verlust materiellen Wohlstandes unsere wahre Lebensqualität, die nur zu einem Sockelbetrag aus materiellen Gütern besteht, nur begrenzt und nicht im Kern trifft. Materielle Einschränkungen sind möglich, ohne die wirkliche Lebensqualität ernsthaft zu beschneiden. Die Tatsache etwa, dass öffentliche Gebäude im kommenden Winter nur auf 19 °C geheizt werden, spiegelt keinen grundsätzlichen Mangel, sondern eher ein zeitgebundenes, lösbares Verteilungsproblem, dem mit der Produktion zweier Mittelklasseautos anstatt dreier SUVs leicht abzuhelfen wäre.

Die vielen handfesten Aktiva der gewissenhaften Bilanz unserer Lebensqualität sollte uns einiges Vertrauen in unsere Möglichkeiten geben, denn sie bietet uns eine solide Basis, tatkräftig für die Lösung der Probleme zu arbeiten. Eine weitere Eigenart der wunderlichen menschlichen Psyche begünstigt das: Wir fühlen uns stets besser, haben mehr Vertrauen in unsere Möglichkeiten und glauben eher an einen Erfolg, wenn wir aktiv tätig sind, als wenn wir ein Geschehen passiv erleiden. Der Gladiator im Circus Maximus ist mit Recht zuversichtlicher als das Kaninchen vor der Schlange; nur aktives Handeln erlaubt Hoffnung, Passivität stirbt in Hoffnungslosigkeit. Wollen wir Zuversicht gewinnen, ist es also ratsam, aktiv mitzuarbeiten, und uns einzumischen.

In einer dem Perpetuum Mobile nicht unähnlichen Wechselwirkung steigert die gewonnene Zuversicht und der daraus folgende Glaube an das Erreichen unserer Ziele unsere Wirkungsmöglichkeiten – wenn diese Ziele sinn- und wertvoll sind! In dieser Hinsicht lässt sich die menschliche Psyche nämlich nicht hintergehen: blinder Aktionismus und Placebo-Aktivitäten speisen keine Zuversicht. Václav Havel hat einmal gesagt, bei Zuversicht gehe es „nicht um die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern um die Gewissheit, dass etwas Sinn ergibt, egal, wie es ausgeht.“ Die Arbeit zur Förderung der Werte unserer freiheitlichen, aufgeklärten und demokratisch verfassten Gesellschaft macht auf jeden Fall Sinn! Sinn stiftet Stärke und begründet Zuversicht.

Auch gilt natürlich: Gemeinschaft macht stark! Es steigert die Erfolgsaussichten deutlich, nicht allein, sondern in Gesellschaft starker Mitstreiter ans Werk zu gehen. Voraussetzung für gemeinschaftliches Handeln ist natürlich Einigkeit. Dafür, dass sich die Mitstreiter einig sind oder werden, bietet unsere offene Gesellschaft mit freier Meinungsäußerung, demokratischen Diskursen und dem Schutz von Minderheiten bessere Voraussetzungen als jede andere Gesellschaftsform auf diesem Planeten.

Halten wir fest: Zuversicht benötigt eine ungeschminkte Bestandsaufnahme der Probleme, eine Gewissenhaftigkeit im Urteil, eine unverstellte klare Sicht auf die wahre Lage, eine aktive Mitarbeit an der Lösung der Probleme in möglichst breiter Gemeinschaft, mit dem Ziel der Förderung von Werten, über die Einigkeit besteht.

Mit all dem sind Freimaurer wohlvertraut. Zum klaren Blick auf die Probleme unserer Zeit und auch zur Einmischung verpflichten wir uns im Ritual des Lehrlingsgrades mit der Mahnung des Meisters, „Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, …“ Die Gewissenhaftigkeit unseres Urteils schulen wir am Winkelmaß. Einen objektiven Blick an den Aufgeregtheiten unserer Zeit vorbei streben wir in unseren Arbeiten an: An Werkabenden versuchen wir uns ebenso daran wie in den Zeichnungen unserer Tempelarbeiten und den Diskussionen, die sich aus den Fragen der Gästeabende ergeben, und im brüderlichen Gespräch entlarven erfahrene Brüder die Kurzlebigkeit manch medialer oder gesellschaftlicher Seifenblase, die uns ins Bockshorn jagen will. Unser Ritual schafft Abstand und gibt den Blick frei auf das große Ganze wie auf ewige Wahrheiten, die breite Übereinstimmung in der Bruderschaft über unsere freimaurerischen Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität vermittelt uns die Gewissheit, Teil einer starken Gemeinschaft, der Weltbruderkette zu sein. Es ist uns Auftrag und erklärtes Ziel, diese Werte zum Wohle der ganzen Menschheit aktiv zu fördern, was wir in dem Bild des Tempelbaus der Humanität veranschaulichen. Die Säule der Weisheit stärkt unseren klaren Blick und unser gewissenhaftes Urteil, die Säule der Stärke, lässt uns unsere Anliegen in der Welt zum Wohle aller Menschen mutig und überzeugend vertreten, und die Säule der Schönheit – halt, dazu gleich mehr! Mit der Arbeit am Rauen Stein schließlich bekämpfen wir ganz allgemein auch unsere eigenen kleinen Lebenslügen.

Insbesondere uns Freimaurern sollte der düsteren Weltlage zum Trotz Zuversicht also möglich sein. Dass scheinbar aussichtslose Lagen uns nicht entmutigen müssen, zeigen viele Beispiele, von Davids eigentlich chancenlosem Kampf gegen Goliath über das England Churchills 1939 bis hin zur Ukraine, als die Russen Ende Februar in den Vororten Kiews standen. Gemeinschaftliches, einiges, aktives Handeln aus klarer Analyse und der Sicherheit eines auf immer wieder reflektierten Werten beruhenden Urteils heraus, ist Freimaurern möglich. Daraus können wir Zuversicht und Hoffnung schöpfen. So können wir unseren Beitrag zu abwägendem Sachverstand, strategischer Weitsicht, „kühlem Kopf“ und „klarem Kurs“ in der Welt leisten, was unverzichtbar ist auf dem Weg in eine gute Zukunft. Mit Blick auf unseren Auftrag zum Tempelbau können wir sagen: Zuversicht ist Maurerpflicht!

All die genannten Umstände, die Zuversicht begründen und fördern, können noch unter einem ganz anderen Blickwinkel gesehen werden: An Nebelkerzen und Aufgeregtheiten vorbei klar zu sehen, wie gut es uns wirklich geht, aktiv zu sein, statt passiv, Teil einer starken Gemeinschaft Gleichgesinnter zu sein, das Teilen von Werten, die die unseren sind, all das sind – beglückende Erfahrungen. Glück zu erfahren, befähigt uns zur Zuversicht! Ganz ohne Ironie: lassen wir es uns auch und nicht zu knapp gut gehen! Das stärkt unsere Zuversicht und unsere Handlungsstärke. Die Schönheit, das Gute, das Wahre, alles, wofür die Säule der Schönheit steht, kurz: Unser Wohlergehen führt uns direkt zur Zuversicht und damit zur Fähigkeit, die Welt zu einem besseren Ort zu machen!

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